Verhaltensökonom Ernst Fehr im Interview

Der Verhaltensökonom Ernst Fehr über Schuldenkrisen, faire Gesellschaften – und was seine Forschungen mit der Entdeckung der DNA zu tun haben.

trend: Ganz kann ich Ihnen die Makroökonomie nicht ersparen, auch wenn Sie immer betonen, dass Sie dafür nicht Spezialist sind. Sind die Euro- und Staatsschuldenkrise lösbar?

Fehr: Das glaube ich schon, und die Diskussion geht jetzt ja auch in die richtige Richtung. Um einen „state run“ nervöser Anleger – in Analogie zum „bank run“ – zu vermeiden, gibt es einen hervorragenden Vorschlag, den Paul Krugman, Paul De Grauwe und viele andere nicht deutsche Nationalökonomen vertreten: Wenn die EZB sagen würde, sie kauft die Staatsanleihen in unbeschränktem Ausmaß auf, dann senkt das die Zinsen – und dann hat kein Anleger mehr einen Anreiz, nervös zu werden. Ergebnis: Die EZB muss dann gar nicht mehr eingreifen, das ist die Ironie der Sache. Der Schweizer Notenbank ist es etwa mit der Drohung, jeden Dollar oder Euro ab einem bestimmten Kurs aufzukaufen, gelungen, den Franken zu stabilisieren. Aber dazu braucht es ein glaubwürdiges Versprechen.

Was spricht dagegen?

Hier treffen zwei Welten aufeinander: Die Deutschen sind durch die Inflation der Zwischenkriegszeit gebrannte Kinder. Und der EZB ist eine solche Vorgangsweise derzeit verboten, da braucht es die deutsche Zustimmung. Ich glaube, dass nur die Drohung einer Katastrophe die Deutschen dazu bringen wird, einer solchen Regeländerung zuzustimmen.

Die Kunst in dem Ganzen besteht darin, den Druck auf Länder wie Italien und Griechenland aufrechtzuerhalten, ihre Schulden zu senken.

Genau, die Griechen brauchen dennoch eine moderne Steuerverwaltung. Das Problem, wenn wir eine einheitliche Währung haben: Es gibt nur noch die Arbeitsmarktpolitik, um kostengünstig zu bleiben. Die Griechen können nur mehr die Löhne senken – und das kann man immer besser über Inflation als über eine Nominallohnsenkung. Wenn der Markt das durch Inflation macht, ist das ein anonymer Mechanismus, der viel eher akzeptiert wird, als wenn ein böser Unternehmer die Löhne senkt. Hier sind Fairnessvorstellungen im Gange, die man verstehen muss.

Sie haben sich mit diesem Begriff und mit seiner Funktion im ökonomischen Verhalten Einzelner ja intensiv auseinandergesetzt. Wie sehen denn die Rahmenbedingungen einer Gesellschaft aus, in der Fairness besonders gut entstehen kann?

Fairness ist meistens etwas sehr Lokales, man strebt am Arbeitsplatz und in der unmittelbaren sozialen Umgebung danach – neuerdings aber auch wieder in der gesamten Gesellschaft. Man muss unterscheiden zwischen Fairness als normatives Prinzip und Fairness als Gegenstand der empirischen Analyse. Ich war bisher der Empiriker der Fairness. Das andere ist eine philosophische Debatte, die man führt, das müssen die Parlamente entscheiden. Prinzipien festzulegen wie „Ersatz von Wettbewerb durch Kooperation“ bringt wenig, zuerst muss man Verhalten verstehen, auf diesem positiven Wissen kann man dann aufbauen und gesellschaftspolitische Ziele in die Tat umsetzen.

Sind Gesellschaften in Marktwirtschaften, in denen viele Menschen Zugang zu Wohlstand haben, fairer?

Es kann sein, dass ein höheres Maß an Markttransaktionen dazu führt, dass man sich eher bewusst wird, wie viel verteilt werden kann. Dann vergleichen die Leute, der Wohlstandskuchen ist sichtbarer. Das könnte Fairnessüberlegungen begünstigen – aber das ist nicht mehr als eine plausible Hypothese. Es könnte auch genau umgekehrt sein, dass Markt erst dort entsteht, wo besonders faire Akteure sind, die etwa ihre Versprechen einhalten. Diese Kausalitätsfrage ist eine der schwierigsten Fragen, die es derzeit zu lösen gilt.

Eines Ihrer Experimente zeigt, dass Kinder bei Süßigkeiten eher zum Teilen bereit sind, als wenn es ums nackte Geld geht. Also zurück in die Tauschwirtschaft, und die Gesellschaft wird fairer?

Die Beseitigung des Gelds, von der manche träumen, würde zur ökonomischen Katastrophe führen. Und Regionalwährungen können nur einen Bruchteil der gesamten Transaktionen abdecken. Es gibt keine Alternative zum Geldsystem. Tatsache ist ja auch, dass Fairness in unseren Experimenten mit dem Alter tendenziell zunimmt. Der Neid nimmt in bestimmtem Sinn in der Adoleszenz ab.

Ist nicht der fair handelnde Mensch perfekt rational, wenn es sich für ihn lohnt, fair zu sein? Dann bekommt er Ehre, Anerkennung, Fairness- Preise etc.

Das würde ich unbeabsichtigte Konsequenzen des Handelns nennen. Rationalität und Irrationalität sind dagegen auf einer anderen Ebene angesiedelt, nämlich auf jener, wie man seine Ziele verfolgt. Dabei kann ich mich geschickt oder dumm anstellen.

Schweizer Medien haben Sie neulich damit zitiert, Sie betrachteten die Ökonomie als Königsdisziplin der Sozialwissenschaften. Das wird mir von den Journalisten in den Mund gelegt, das hat mich auch geärgert. Ich sage nur: Wir haben Methoden anzubieten, die von einzigartiger Qualität sind. Zum Beispiel statistisch-ökonometrische Verfahren zur Ermittlung von Kausalität. Jeder Soziologiestudent sollte diese Methoden beherrschen und einen Spieltheoriekurs machen. Aber auch wir können etwas von den anderen lernen. Psychologen etwa haben bei Experimenten eine viel längere Erfahrung.

Ihre neurowissenschaftlichen Methoden sind dennoch umstritten. Just Ihr Nachnachfolger als Vorsitzender des Roten Börsenkrachs, Wolfgang Pesendorfer, der heute in Princeton lehrt, meint in einem viel zitierten Aufsatz, dass es nicht Aufgabe der Ökonomie sei, den Menschen in Fleisch und Blut zu entdecken und eine Art Kombination von Moralphilosophie und therapeutischem Sozialaktivismus zu betreiben …

Ja, ich habe dem Wolfgang sofort darauf geantwortet: Diesen Kampf wirst du verlieren! Die Neuroökonomie ist zurzeit nicht wahnsinnig relevant für die ökonomische Forschung – wir betreiben Grundlagenforschung. Vor 50 Jahren war die chemische Entdeckung der DNA den Biologen aber auch noch egal. Die Zeit für die Neurowissenschaft ist zwar reif, aber es wird noch ein bisschen dauern.

Was unterscheidet Ihren Beratungsansatz von anderen?

Wir bringen Verhaltensökonomie, Erkenntnisse über Status-quo-Effekte, über Verlusteffekte etc. in die Beratung mit ein. Diese Effekte muss man kennen, wenn man eine Organisation verändern will. Letztendlich geht es in einer Beratung ja immer um Verhaltensänderung. Und: Bei uns fließt brandheiße, neue Forschung ein – das gibt es sonst nirgendwo. Vielfach wird ja noch mit einem alten Schrottauto gefahren, obwohl es eigentlich schon den Cadillac gibt.

Freut es Sie, dass Sie wiederholt als Nobelpreiskandidat genannt wurden?

Da kann man nichts dagegen machen. Natürlich ist es eine Ehre, die Nachrichtenagentur Thomson Reuters hat ja vor zwei Jahren diese Prognose abgegeben. Wenn es in den nächsten drei Jahren nicht passiert, wird es aber auch wieder verschwinden. Wichtig ist, dass man die Freude an der Forschung erhält.

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