USA-Wahl: 'Die Wahl zum Kapital'

Welche Aktien bei einem Sieg von Barack Obama oder John McCain jeweils profitieren würden.

Es war ein wolkiger Frühsommermorgen, als John McCain, ehemaliger Vietnam-Haudegen und aktueller US-Präsidentschaftskandidat, einen seiner zahlreichen Pressetermine absolvierte – an einer Fast-Food-Bude irgendwo im tiefsten Ohio. Umringt von Arbeitern und kleinen Angestellten, jenem breiten US-Mittelstand, der die Wahlen am 4. November entscheiden wird, demonstrierte der Republikaner seine Nähe zum „Mainstream America“.
Szenenwechsel, wenige Wochen später.

Ganz in der Nähe jenes Platzes , von dem aus John F. Kennedy mit seinem Satz „Ich bin ein Berliner“ Geschichte geschrieben hat, steht Barack Obama. Locker füllt er den weitläufigen Raum zwischen dem Berliner Brandenburger Tor und der Siegessäule. 215.000 sollen gekommen sein, um an diesem sonnigen Julitag die Kulisse für die gelungene Selbstinszenierung des demokratischen Präsidentschaftskandidaten abzugeben. Größer könnte der Kontrast nicht sein. Hier der langgediente Soldat und Politiker, der mit einer Rückbesinnung auf alte amerikanische Werte vor allem die konservative amerikanische „middle class“ ansprechen will. Da der junge, strahlende Polit-Star, der vor allem eines auf seine Fahnen geschrieben hat: „Change“ – den Wechsel.

Wechsel – aber wohin? „Wahljahre sind gute Börsenjahre“ lautet eine alte Börsenweisheit. Gemäß langjähriger Statistik (siehe auch unten stehende Grafik) bietet das jeweils letzte Jahr einer Präsidentschaft meistens gute Chancen für Gewinne an der Börse. Meistens. Doch diesmal läuft alles anders. George W. Bush gelang es nicht, seinem Parteifreund McCain mit einer gelungenen Wirtschaftspolitik den Weg ins Weiße Haus zu ebnen. „Es gab Kritik, Finanzminister Henry Paulson habe zu spät auf die Finanzkrise reagiert und sie vielleicht zunächst gar nicht so ernst genommen“, berichtet Monika Rosen, Chefanalystin des Bank Austria Asset Management. „Noch vor einem Jahr hätte sich kaum jemand vorstellen können, dass nicht der Irak-Krieg, sondern die Wirtschaftspolitik zum Wahlkampfthema Nummer eins werden könnte“, so Rosen.

„Change“ kommt in diesem Umfeld gut an. Denn längst haben Immobiliencrash, Bankenpleiten, Ölpreisanstieg und die Angst vor der Armut den Krieg im fernen Irak von den Titelseiten der US-Presse verdrängt. Doch mit Millionen amerikanischer Anleger zittert die ganze Welt. „Die negativen Gewinnrevisionen für europäische Unternehmen sprechen eine deutliche Sprache: Es gibt keine Entkoppelung von den USA. Der globale Abschwung wird Europa in den kommenden Monaten mit doppelter Wucht treffen, da sich hier bereits erste Anzeichen einer Lohn-Preis-Spirale erkennen lassen“, lautet die wenig optimistische Analyse von Oliver Pfeil, USA-Fondsmanager der DWS, der Fondstochter der Deutschen Bank.

Somit liegt das Schicksal wohl aller Anleger weltweit in den Händen des nächsten US-Präsidenten. Rosig sind diese Aussichten keineswegs. McCain ließ schon das eine oder andere Mal durchblicken, Wirtschaftsthemen zählten nicht eben zu seinen Stärken. Und von den wirtschaftspolitischen Konzepten Obamas bleibt immer nur sein stereotypes „Change“ hängen – Inhalte kommen da eher spärlich rüber. Und wenn, dann laufen den Börsianern kalte Schauer über den Rücken. So merkte der Demokrat etwa an, er wolle die „capitals gain tax“ anheben – eine Steuer auf Kapitalgewinne, die in den USA freilich erheblich geringer bemessen ist als in den meisten europäischen Ländern. „Die Börse wäre über eine solche Maßnahme wahrscheinlich not amused“, mutmaßt Analystin Monika Rosen. Zusammen mit der ebenfalls von Obama diskutierten Aufhebung verschiedener Steuerbegünstigungen könnte sich dies in der jetzigen Situation als ernste Belastung für die Wall Street erweisen.

„Dass die Börse generell eher die Konservativen liebt, ist eine Binsenweisheit“, meint Günter Artner, Aktienanalyst der Erste Bank. Doch auch hier gibt es Ausnahmen. So zündete Wall Street etwa unter dem Demokraten Clinton die fulminanteste Börsen­hausse aller Zeiten.
Abgesehen davon hat sich an den klassischen Präferenzen der beiden Lager aber wenig geändert. Unter einem demokratischen Präsidenten gewinnen in erster Linie jene Sektoren, die von öffentlichen Aufträgen profitieren. „Eine klassische ,demokratische‘ ­Aktie ist beispielsweise Caterpillar“, weiß Rosen. Auch Eisenbahnaktien begünstigt sein Umfeld.

Zwei weitere typisch „demokratische“ Aktien sind derzeit freilich als Sonderfälle zu behandeln: Die staatlich geförderten Hypothekenanstalten Federal National Mortgage Association („Fannie Mae“) und die Federal Home Loan Mortgage Corporation („Freddie Mac“) gerieten durch die Immobilienkrise in nachhaltige Schräglage. Schwieriger wird die Zuordnung von weiteren Aktien und Sektoren. Zwar galten die Ölmultis jahrzehntelang als „republikanische“ Aktien, und Obama bezeichnete seinen Widersacher ­McCain in einem Wahlwerbespot vor einigen Wochen wörtlich als „Handlanger der Erdölindustrie“, doch „seit der Erdölhausse gelten da andere Regeln. Da hat sich eine Eigengesetzlichkeit entwickelt, die mit politischen Lagern wenig zu tun hat“, so Rosen. Weniger die Politik, sondern eher die Lage auf den Spotmärkten bestimmt die Kurse der Erdölaktien.

Ähnliches gilt für den Rüstungsbereich , lange Zeit eine Domäne der Republikaner. Boeing, Northrop Grumman, Lockheed Martin und Raytheon zählen zu den Hauptprofiteuren wachsender Verteidigungsbudgets, für die üblicherweise republikanische Präsidenten stehen. Doch nach anfänglich anders lautenden Statements hat auch Obama inzwischen sein Bekenntnis zu einer schlagkräftigen Verteidigung und der Bekämpfung des Terrors abgelegt. Fazit: Selbst ein demokratischer Wahlsieg würde nichts an der Attraktivität des Defense-Sektors für Anleger ändern.

Für den Pharmasektor haben die überkommenen Markteinschätzungen kaum noch Bedeutung. Bisher galt: Republikaner fördern eher das freie Spiel der Kräfte und verzichten auf Regulierungen, was sich für den Sektor positiv auswirkte. Demokraten hingegen versuchen, die Preise für Arzneimittel über Regelmechanismen einzudämmen – schlecht für die Gewinne der Pharmamultis. Die hohen Kosten für das US-Gesundheitssystem haben freilich dazu geführt, dass mittlerweile auch die Republikaner über eine Preisbremse nachdenken. „Das hat zu einem regelrechten Ausverkauf in diesem Sektor geführt. Die Bewertung der Aktien ist so niedrig wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. Fragt sich, ob da nicht schon viel eingepreist ist“, sieht Rosen hier eine Chance für risikofreudige, langfristig orientierte Anleger. Wer derzeit etwa Pfizer-Aktien kauft, bezahlt dafür nur noch halb so viel wie 2004.

Einerseits ein nicht mehr ganz junger Kandidat , der offen sein Desinteresse an der Wirtschaft bekennt, andererseits ein Selbstdarsteller, dessen unausgegorene Pläne sich auf ein Schlagwort beschränken – die Börse auf dem Kurs zu Scylla und Charybdis? Nicht unbedingt. „Die Wahl könnte einen Motivationsschub geben. Anders als in Europa ist die Politik in den USA stark personenbezogen. Inspiration und Charisma des Präsidenten sind bedeutende Stimmungsfaktoren und können auch die Märkte beeinflussen“, meint DWS-Fondsmanager Oliver Pfeil. „Eine Börsenrally ist dieses Jahr aber nur zu erwarten, wenn der Wechsel im Weißen Haus mit einer Stabilisierung am Immobilienmarkt einhergeht und sich die konjunkturelle Lage nicht weiter verschlechtert.“

Einen in Europa wenig beachteten Aspekt unterstreicht Analystin Rosen: „Es wird darauf ankommen, welchen Finanzminister der nächste Präsident in sein Team nimmt. Kommt er von der Wall Street, dann dürfte das bei den Börsianern sehr gut auf­genommen werden.“ Der aktuelle „Secretary of the Treasury“ ­Henry Paulson sammelte ebenso bei Goldman Sachs Börsenerfahrung wie Robert E. Rubin, in dessen Amtszeit unter Clinton die Börse boomte. Und immerhin zählen ja auch zahlreiche Wall-Street-Investmentfirmen zu den großen Spendern für die Wahlkampagne Barack Obamas.

Von Franz C. Bauer

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