Umbau: Bungalow-Stil

In der Mode sind die bunten siebziger Jahre bereits höchst angesagt – bei Einfamilienhäusern sind sie im Kommen.

Verzweifelt bemüht sich der Makler, die braunen Fliesen im Bad schönzureden, die in zarten Pastelltönen gehaltene Küche anzupreisen, den Natursteinplattenboden der Terrasse zu verklären. „Ein Stück Natur für den Weg in die Natur“, windet er sich und seine Worte. Er ahnt es, die Chancen für einen Abschluss für diese Bude sind mikroskopisch klein. Das junge Ehepaar schlendert durch den Bungalow aus den frühen siebziger Jahren, murmelt beiläufige Mhms, Ahas und Ohs, fragt noch einmal nach dem Preis. „Einen großen Verhandlungsspielraum gäbe es“, fleht der Makler, „einen sehr großen sogar.“ Die beiden blinzeln sich zufrieden zu.

Retro-Stil. Was im Einrichtungsstil und in der Mode bereits seit Längerem en vogue ist, wird jetzt auch beim Einfamilienhaus schön langsam eine angesagte Sache: Bungalows, die lang gestreckten, schuhschachtelförmigen einstigen häuslichen Ikonen des hippen Lebensstils der Aufsteiger in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren. In ihrer Grundstruktur bieten diese Bauten alle Voraussetzungen für viele Anforderungen, die man heute an ein Haus stellt: großzügige, offene Raumaufteilung, hohe Glasflächen, die sich zum Garten hin öffnen lassen. Und vor allem eines: Die alten Kisten sind äußerst günstig zu haben.

Was dann den Umgang mit braunen oder olivgrünen Fliesen in den Sanitärräumen, abgewetztem Linoleum, Verbesserungen der Raumaufteilung und Wärmeisolierung anbelangt, sind eben Umbauexperten gefragt. Mit einigen Eingriffen lassen sich mithilfe eines Architekten Bungalows zu einem modernen Zuhause machen. Der Wiener Planer Heinrich Schuller von ATOS Architekten rät allerdings, sich vor der Neugestaltung die drei „Kardinalsfragen“ zu stellen: In welchem baulichen Zustand ist das Haus? Wie sieht es mit der Funktionalität aus? Und welchen Faktor macht die Ästhetik aus? Schuller: „Mit der Substanz lässt sich üblicherweise etwas anfangen, die Funktionalität ist mitunter gegeben, nur die Ästhetik lässt meist zu wünschen übrig.“ Sind zwei von drei Kriterien halbwegs zufrieden stellend, ist ein Umbau möglich, bei dem auch die Kosten-Nutzen-Rechnung stimmt.

Das Haus Braumann im oberösterreichischen Antiesenhofen erfüllte zumindest zwei dieser Kriterien, doch für die Ästhetik brauchte es erst einen Architekten, der das Potenzial des Bungalows aus den siebziger Jahren erkannte. Planer Christoph Huber von Atelier Wien Architekten tat sich zunächst selbst schwer, die Vorzüge des eingeschoßigen Gebäudes zu erkennen: „Es war ein scheußliches Haus, das nicht gedämmt war. Die Auftraggeber hatten das Haus geerbt und wussten nicht recht, wie man es adaptieren könnte. Das war aber auch für mich als Architekt eine Herausforderung.“ Huber krempelte den Bungalow völlig um, ohne jedoch seine Grundform zu verändern. Der nordseitig gelegene Eingang wurde zentriert und die ehemalige Waschküche zu einem freundlichen Eingangsbereich umgebaut. Die vormals winzige Küche vergrößerte der Architekt und ergänzte sie um einen Essbereich. Die Fassade wurde zum Teil mit hellem Holz verkleidet, das immer wieder von lang gezogenen Fensterbändern durchbrochen wird. Der ehemals düstere Bau lässt mittlerweile viel Licht ins Innere.

Auch äußerlich hat sich das Domizil gemausert. Die Wetterschindeln sind Vergangenheit, und die Mauern wurden nach ausreichender Verkleidung mit Dämmmaterial weiß verputzt. Das Erscheinungsbild wird nun ganz von der Terrasse dominiert. Huber erinnert sich mit Schaudern an die Ausgangslage: „Nachdem bei Häusern dieser Zeit der Keller gut und gern einen dreiviertel Meter aus der Erde ragt, blieb ein schmaler Streifen Terrasse rund ums Haus übrig, der nicht einmal genug Platz für einen Tisch bot.“ Durch eine Auskragung gewannen die Bauherren mehr Platz. Eine Art Arkadengang mit Holzverblendungen ermöglicht Privatsphäre, und über allem schweben große Sonnensegel, die die Terrasse zu einem weiteren Zimmer des Hauses machen.

Kostenfrage. „Laien sehen den Charme dieser Häuser oft nicht“, weiß der Linzer Architekt Siegfried Meinhart, „aber meist sind die Grundqualitäten da: Licht, Raum und Durchblick. Gerade Häuser aus den sechziger Jahren lassen sich aufgrund ihrer einfachen Form gut umbauen. Zwanzig Jahre später gab es schon zu viele verschiedene Haustypen, die teils so kompliziert geplant wurden, dass man sie in einigen Jahren abreißen wird, weil man nichts mehr daran verändern kann.“ Je simpler die Struktur eines Hauses ist, desto leichter lässt sie sich auch verändern. Von unschöner Fassadengestaltung sollte man sich nicht täuschen lassen, der Wert eines Hauses hängt vielmehr von der Konstruktionsstruktur ab.

Elisabeth Huber von Dr. Max Huber Immobilien versucht, den schlechten Ruf der Sechziger-Jahre-Bauten zu korrigieren: „Während man ab 1970 gern zu vermeintlich modernen Materialien griff, viel Beton verwendete und den Häusern Walmdächer aufpfropfte, ist die Bausubstanz aus den sechziger Jahren meist ganz gut. Das Konzept des offenen Wohnens war gerade im Entstehen, was uns heute wieder sehr gelegen kommt, und Ziegel waren immer noch das bevorzugte Baumaterial.“ Diese waren allerdings meist nur um die 25 Zentimeter dick – schlechte Wärmedämmung ist die Folge, und Heizkosten von 4000 Euro pro Jahr sind keine Seltenheit. In den Wirtschaftswunderjahren verschwendete kaum jemand einen Gedanken an steigende Ölpreise. Isolierung erschien als rausgeschmissenes Geld, wenn Energie doch ohnehin beinahe gratis war.

Um das Haushaltsbudget aber auf lange Sicht zu schonen, kommt man kaum um größere Investitionen herum: Thermoverglasung, Wärmedämmung und Innenisolierung sind fast immer erforderlich. Die Heizkosten können so auf 500 bis 1000 Euro jährlich gesenkt werden. Nach einer solchen Sanierung, bei der auch die veralteten Leitungen ausgetauscht werden, hat ein solches Haus wieder Neuwert, so Elisabeth Huber. Allerdings dürfen die Kosten dafür nicht unterschätzt werden. Sie müssen je nach individueller Bauaufgabe kalkuliert werden. Sind keine gröberen Umbauten und Erweiterungen erforderlich, geht es bei 700 bis 1000 Euro pro Quadratmeter los, gröbere bauliche Maßnahmen wie Aufstockungen schlagen schon mit Quadratmeterpreisen von mindestens 1500 Euro zu Buche. Da bleiben aber oftmals nur noch die Grundmauern stehen. „Allerdings“, rät Margret Funk vom gleichnamigen Wiener Immobilienbüro, „gibt es exzellente Förderungen beim Umbau von Häusern, die mehr als dreißig Jahre auf dem Buckel haben.“

Mehr Licht. Die thermische Sanierung war auch beim Haus Hagen in Linz, einem Bau aus den sechziger Jahren, dringend notwendig. Die ursprüngliche Form blieb bestehen, was auch die Baukosten niedrig hielt. Nur das dunkle, weit überstehende Dach ist nun hell und deutlich zurückgestutzt, um die ursprünglich düsteren Räume zu freundlichen Zimmern zu machen. Sogar das bunte Sechziger-Jahre-Mosaik aus Bleiglas an der Fassade konnte erhalten werden, es ist nun lediglich durch eine Zusatzverglasung geschützt, die gleichzeitig den dahinterliegenden Raum dämmt.

Die wesentlichen Veränderungen spielten sich im Inneren des Gebäudes ab. Der Steinboden im Erdgeschoß durfte bleiben, während die Steinstufen, die nach oben zu den Schlafräumen führten, durch helles Holz ersetzt wurden. Meinhart: „Der Weg zum Schlafzimmer soll Behaglichkeit und Wärme ausstrahlen. Ursprünglich war der Vorraum im Obergeschoß eng und dunkel. Das verleidet das Schlafengehen.“ Heute schwebt man beim Gang in die Privaträume einer Lichtdecke zu, und die ehemalige Diele ist in sich geschlossen und lichtdurchflutet. Um dieses meditativ anmutende Konzept nicht zu stören, sind die Türen wie Tapetentüren in die Wand integriert.

Obendrauf. Nicht immer ist es möglich, das Haus in seiner ursprünglichen Form zu erhalten, etwa wenn eine Vergrößerung aufgrund von Familienzuwachs unausweichlich wird. Fehlt auf dem Grundstück der Platz für einen Anbau, kommt man – wenn es die Bausubstanz erlaubt – nicht um eine Aufstockung herum. Diesen Weg wählte auch der Wiener Architekt Robert Kraus für die Erweiterung eines Bungalows aus den sechziger Jahren in den Weingärten im Wiener Stadtteil Dornbach. Da die Bausubstanz nicht so tragfähig war, wie ursprünglich vermutet, entschied sich Kraus gegen einen massiven Aufbau und ließ nach dem Abtragen des alten Dachs eine „schwebende Kiste“ in Leichtbauweise über dem alten Bungalow montieren, die lediglich mithilfe eines Stahlgerüsts an drei Punkten mit dem Haus verbunden ist. So wird das Mauerwerk nur geringfügig stärker belastet, die Bewohner des ehemaligen Bungalows haben aber 60 Quadratmeter Wohnfläche gewonnen.

Während dem Haus von außen seine Vergangenheit als Bungalow nicht mehr anzusehen ist, wurden im Inneren einige Sixties-Stilelemente übernommen: etwa eine Steinwand, die sich an der Außenseite des Hauses befand und nun in den Wohnbereich hineinragt. Auch bei diesem Haus musste die Dämmung komplett erneuert werden. Robert Kraus: „Bungalows wurden oft als Zweithaus für den Sommer genützt, das sieht man auch daran, dass 75 Quadratmeter kleine Häuser über wahnwitzig große Terrassen von 45 Quadratmetern verfügen. Im Sommer spielte die mangelnde Isolierung aber keine Rolle.“

Ein ähnliches Platzproblem hatte die Wiener Architektin Irmgard Frank vom gleichnamigen Büro. Da ein Einfamilienhäuschen von 1950 mit nur 75 Quadratmeter Wohnfläche den Platzbedürfnissen seiner Bewohner nicht mehr länger entsprach und ein Anbau im 500 Quadratmeter großen Garten nicht möglich war, entschied sich Frank ebenfalls für ein Obergeschoß in Holzleichtbaukonstruktion, das den Bewohnern nun 30 Quadratmeter mehr Raum zum Leben bietet. Besonderes Highlight: Rund um den ersten Stock ziehen sich schmale Fensterbänder, die in unterschiedlicher Höhe angebracht sind. Frank: „Beim Blick in den Garten ergeben sich unterschiedliche Perspektiven.“

Überraschung. Trotz aller Schwierigkeiten sind Gebäude aus der Zeit der Wirtschaftswunderjahre leichter umzubauen als Häuser aus dem 19. Jahrhundert, bei denen man nicht selten Baumaterialien wie Ziegel und Naturstein mischte. An welcher Stelle sich welches Material befindet, ist von außen aber nicht feststellbar, sodass einem bei Mauerdurchbruch mitunter ganze Steinbrocken in die Arme fallen. Vor Überraschungen ist man allerdings auch bei neueren Bauten nicht gefeit.

Für Unvorhergesehenes sollten finanzielle Reserven einkalkuliert werden. Denn während beim Neubau das Baubudget klar festgelegt ist, kann es immer passieren, dass man bei Bauten der fünfziger bis siebziger Jahre plötzlich auf damals vermeintlich „moderne“ Dämmmaterialien stößt, die sich als gesundheitsgefährdend entpuppen. Die Kosten für die Schadstoffentsorgung können ganz schön ins Geld gehen.

Mit weniger Problemen hatte Michael Neumann von „synn architekten“ beim Umbau des Hauses mo.na in Wien-Mauer zu kämpfen. Es waren keine Eingriffe in die Struktur des Gebäudes aus den frühen fünfziger Jahren notwendig. Die Bauherrin, die das Haus gemeinsam mit einer anderen Familie bewohnte, wünschte sich mehr Licht und Platz und einen eigenen Hauseingang für ihre Mieter, die bis dahin durch ihr Vorzimmer getrampelt waren. Neumann setzte ihre Wünsche mit einem Anbau in Holzriegelbauweise, der mit Kupfer verkleidet wurde, um. Eine Fensteröffnung wurde zu einem Durchgang in den Anbau erweitert. Zur Straße hin lässt nur ein schmales Fensterband Licht hinein. Dafür wurde ein Teil des Dachs zur Gänze verglast. Zum Garten hin ist das Haus nun jedoch dank einer weiteren Verglasung völlig offen. Der Überbau des oberen Stockwerks bietet auf der Terrasse trotzdem einen Rückzugsort vor den Blicken der Nachbarn.

Wermutstropfen bei all diesen Umbauten ist allerdings der Preis: Allein das Haus mo.na kostete seine Besitzerin mehr als 200.000 Euro. Um diesen Preis wäre schon fast ein Neubau möglich. Doch die Bauherrin war manchmal aus einem ganz anderen Grund mit den Nerven am Ende. Neumann: „Viel Staub und ständiger Lärm sind nicht jedermanns Sache. Wenn möglich, sollten die Bewohner aber nicht auf der Baustelle wohnen bleiben.“

Von Ulrike Moser

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