Übernahme: Harter Kampf um jede Faser

Lenzing könnte bereits Anfang kommenden Jahres zum Verkauf ausgeschrieben werden. Um den oberösterreichischen Faserproduzenten reißen sich indische und europäische Investoren, genauso wie die Österreicher Stefan Pierer, Michael Tojner oder Hannes Androsch.

Offiziell gab es bislang nur ausweichende Antworten: Nein, man sei gar nicht zuständig. Nein, es gebe jetzt keine Verkaufsverhandlungen – mit zarter Betonung auf dem Wörtchen „jetzt“. Dabei basteln hinter den Kulissen die potenziellen Interessenten am oberösterreichischen Faserhersteller Lenzing längst an diversen Konsortien, heuern Investmentbanken an und knüpfen informelle Kontakte.

Das Thema ist heiß. Im kommenden Jahr, vielleicht sogar schon im Jänner, könnte die Entscheidung fallen, den Verkaufsprozess zu starten und die potenziellen Bieter zur Angebotslegung einzuladen, verlautet aus informellen Quellen.

Dabei geht es jedoch nicht nur um den Verkauf von Lenzing, sondern auch um die Zukunft des Baukonzerns Porr und des Gummiherstellers Semperit – alles Beteiligungen jener B&C Privatstiftung, in die im Jahr 2001 die Industriebeteiligungen der BA-CA eingebracht wurden (siehe Organigramm). Offizieller Zweck dieser Privatstiftung ist laut Stiftungsurkunde „die sorgfältige Verwaltung des Vermögens der Privatstiftung, die Sicherung des wirtschaftlichen Fortbestandes und des Wachstums jener Unternehmen, an denen die Privatstiftung unmittelbar und mittelbar Beteiligungen hält oder erwirbt, sowie die Förderung des österreichischen Unternehmertums“.

Zoff im Stiftungsvorstand. Bis vor Kurzem galt die Stiftung in der Investmentbranche als „tote Hand“, die nur kauft, aber nie etwas verkauft. Doch mit der Übernahme der BA-CA durch die italienische Unicredit änderten sich die Voraussetzungen. Offiziell steht der Bank und ihrem Mutterkonzern zwar nur das in der Stiftungsurkunde vereinbarte Fruchtgenussrecht von 95 Prozent der Erträge zu. Doch wer wirklich in der Stiftung das Sagen hat, zeigte sich spätestens im Oktober dieses Jahres, als der für die Italiener eher unberechenbare Gerhard Randa als Vorsitzender des Stiftungsvorstands durch BA-CA-Chef Erich Hampel abgelöst wurde. Damit kann Hampel praktischerweise gleich mit sich selbst verhandeln, wenn es um den Interessenausgleich zwischen der Bank als Genussrechtsinhaberin und der ihrem Zweck verpflichteten Stiftung geht.

Allerdings sitzt Hampel, der zu diesem Thema keine Aussage machen will, nicht allein im Stiftungsvorstand. Ganz im Gegenteil: Er hat die undankbare Aufgabe, die divergierenden Interessen der Beteiligten zu einem brauchbaren Kompromiss zusammenzufassen. Da ist einmal Unicredit-Chef Alessandro Profumo, der schlicht und einfach abcashen will.1) Karl Schmutzer, Geschäftsführer der B&C Holding, wiederum möchte sein kleines Imperium vor dem Zerfall schützen und deponierte zunächst via „Börsenkurier“, dann auch via „WirtschaftsBlatt“ die Idee, die Eigentumsanteile an den großen Industrieunternehmen stufenweise bis auf einen Kernaktionärsanteil von 25 Prozent plus einer Aktie über die Wiener Börse zu verkaufen. Damit könne einerseits dem Stiftungszweck, andererseits dem verständlichen Bedürfnis der BA-CA entsprochen werden, mit den Genussrechten Geld zu machen. Werner Floquet, Sprecher des dreiköpfigen Stiftungsvorstands, unterstützt diese Idee und geht sogar so weit zu sagen: „Wir haben das Thema Verkauf der Industriebeteiligungen noch nicht diskutiert, aber ich persönlich bin gegen einen Verkauf von Lenzing an ausländische Bieter, weil das dem Stiftungszweck widerspricht.“

Ganz anders sieht das der dritte Stiftungsvorstand, Wolfgang Hofer: „Es gilt die Zielsetzungen von BA-CA und B&C zu maximieren. Und das ermöglicht ein sehr breites Spektrum. Durch den Stiftungszweck ist meiner Meinung nach gar nichts ausgeschlossen, auch nicht der Verkauf von Lenzing an einen in- oder ausländischen strategischen Partner.“

Die Birla-Connection. Hofer wird nachgesagt, dass er Kontakte zu jenen Investmentbanken pflegt, die den indischen Birla-Konzern in der Causa Lenzing in Österreich vertreten – nämlich zur Erste Bank und JP Morgan. Davon will der Rechtsanwalt allerdings nichts wissen. „Überhaupt nicht“, empört sich Hofer, „ich bin weder derjenige, der vom Stiftungsvorstand zu Verhandlungen ermächtigt ist, es gibt ja keine Verhandlungen. Und ich bin auch nicht derjenige, der einer Veräußerung an Birla zustimmen würde. Aber ausschließen kann man aus derzeitiger Sicht gar nichts.“

Birla und die Erste hingegen halten sich zu diesem Thema bedeckt. „Das sind Marktgerüchte, die wir nicht kommentieren können, wollen und dürfen“, sagt Erste-Bank-Pressechef Michael Mauritz. Und ein Sprecher der AV Birla Group meinte kürzlich gegenüber der indischen Tageszeitung „The Economic Times“: „We do not comment on speculation.“ Dabei soll sich Birla laut „Economic Times“ vom 20. November „in freundlichen Gesprächen“ über einen Kauf von Lenzing befinden. Als potenzieller Kaufpreis werden in diesem Artikel zwei Milliarden US-Dollar (rund 1,5 Milliarden Euro) genannt. Das wäre deutlich mehr, als die börsenotierte Lenzing AG derzeit am Kapitalmarkt wert ist – obwohl der Kurs seit Beginn der Übernahmegerüchte im September bereits von 164 auf 240 Euro geklettert ist und nun auf hohem Niveau schwankt.

Illustre Interessenten. Kein Wunder, dass Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer und sein Vize Erich Haider bereits massiv gegen den Ausverkauf Lenzings wettern, obwohl etwaige Verkaufsabsichten bislang dementiert wurden. Denn die Bieterschlange, die sich derzeit bei Lenzing anstellt, ist lang:

• Strategisches Interesse zeigt neben Birla der indonesische Industrielle Sukanto Tanoto, der bereits in den neunziger Jahren versucht hat, sich Lenzing einzuverleiben.

• Auch der heimische Industrielle Hannes Androsch liebäugelt – trotz seiner Niederlage im Wettbieten um Lenzing im Jahr 2001 (damals verlor Androsch gegen CVC, bis der Verkauf durch die EU-Kommission abgeblasen wurde) – mit einem zweiten Versuch: „Ich bin an allem interessiert“, meint er knapp, „letztlich wird es vom Preis abhängen.“

• Andere agieren eher im Verborgenen. So bemüht sich Cross-Holding-Chef Stefan Pierer bereits seit Monaten um Kontakte zur BA-CA. Mit im Boot hat Pierer Insidern zufolge die oberösterreichische Oberbank AG, die bereits jetzt als Kleinaktionärin 2,5 Prozent an Lenzing hält.

• Auch Michael Tojner, Eigentümer der Venture Group Beteiligungs GmbH, hat in Finanzkreisen sein Interesse bekundet. Doch Tojner bräuchte, ebenso wie Androsch, für einen solchen Deal noch starke Partner.

• Deutlich potenter, zumindest in finanzieller Hinsicht, ist ein anderer Interessent – nämlich der deutsche Privat-Equity-Fonds Nordwind, der dem Vernehmen nach gemeinsam mit dem US-Fondsriesen Carlyle bieten will. Gemanagt wird Nordwind vom früheren Carlyle-Deutschland-Geschäftsführer Hans Albrecht und seinem Partner Anton Schneider, einem Vorarlberger, der in Deutschland unter anderem bei Bremer Vulkan und mit der Restrukturierung von Deutz Karriere gemacht hat.

• Schließlich sagt man auch dem europäischen Investmenthaus CVC großes Interesse an Lenzing nach, obwohl sich CVC zurzeit eher im Hintergrund hält.

Schmutzer kontra Hofer. Bei so viel Andrang wird es Schmutzer nicht leicht haben, seine Idee eines

Secondary Offerings an der Wiener Börse durchzusetzen. „Die Variante Free Float über die Börse wäre ein Kompromiss, mit dem vermutlich die meisten einverstanden wären“, meint ein Beteiligter, „aber sie bringt nicht die Gewinnmaximierung, die die Unicredit verlangt.“

„Außerdem wären das bei einem Börsengang natürlich nicht österreichische Anleger, die zum Zug kommen“, ergänzt Stiftungsvorstand Hofer, „denn an der Wiener Börse stellen die Ausländer den Löwenanteil.“

Dafür würde das Headoffice in Österreich bleiben, kontert Schmutzer: „Beispiele wie Telekom, Böhler-Uddeholm oder Andritz zeigen, dass das sehr gut funktioniert.“ Der Verkauf an einen Strategen wie Birla hingegen würde laut Schmutzer dazu führen, dass Entscheidungsfindung und Know-how sofort in Niedriglohnländer verlagert würden. Schließlich beruft er sich auch noch auf den Stiftungszweck: „Denn der bezieht sich auf die Sicherung und den Fortbestand unserer Beteiligungsunternehmen und nicht irgendwelcher Unternehmen.“

Was mit Porr geplant ist. Beim Thema Lenzing dürfte also noch eine Menge Zoff bevorstehen. Anders sieht die Situation bei der Porr AG aus. Dort befindet sich die B&C Holding in einem Konsortium mit dem Tiroler Großinstallateur und Anlagenbauer Klaus Ortner und der Wiener Städtischen Versicherung. Die Partner haben ein Aufgriffsrecht, falls einer aus dem Trio verkaufen möchte. Dem Vernehmen nach wird bei der eher kapitalschwachen Porr AG für 2007 eine Umwandlung der bisherigen Vorzugs- in Stammaktien und anschließend eine Kapitalerhöhung anvisiert. Über einen allfälligen Aufgriff von B&C-Anteilen halten sich die Konsorten bedeckt. „Vielleicht greifen wir auf“, meint Günter Geyer, Chef der Wiener Städtischen, „das kommt auf die Bedingungen an.“ Und Ortner ergänzt: „Ich möchte eine ordentliche österreichische Lösung. Mein Interesse ist es, Porr zu stärken, weil das eine strategische Sache für mich ist und kein Finanzinvestment.“ Mehr Free Float, so Ortner, könnte der vergleichsweise illiquiden Aktie jedenfalls guttun.

Um an das Stiftungsvermögen heranzukommen, muss Hampel allerdings ein weiteres Problem lösen – nämlich ein rechtliches. Denn die beiden B&C-Stiftungen1) werden seit Jahren von Kleinaktionärsvertreter Wilhelm Rasinger vor Gericht als so genannte „Selbstzweckstiftungen“ bekämpft. „Bis jetzt sind diese Angriffe mit diversen Gutachten immer wieder knapp abgewehrt worden“, meint Wolfgang Matejka, Chief Investment Officer der Meinl Bank. „Aber bei der kommenden BA-CA-Hauptversammlung könnte dieses Thema unangenehme Popularität hervorrufen. Das könnte die Unicredit verhindern, indem sie die BA-CA von der Börse nimmt und die Kleinaktionäre abfindet.“

Das Stiftungsproblem. Rasinger, der seinen Prozess vorerst weiterführen will, würde das durchaus ins Konzept passen: „Ich hätte kein Problem damit, wenn man die BA-CA zu einem ordentlichen Preis von der Börse nimmt und bei der Preisbemessung berücksichtigt, was an stillen Reserven in den beiden Stiftungen liegt.“ Gewissermaßen, ergänzt Rasinger, befänden sich die Interessen der Kleinaktionäre nun sogar im Gleichklang mit jenen der BA-CA: „Denn wir haben ja immer kritisiert, dass hier Vermögen aus der Bank hinaustransferiert und dem Zugriff der Aktionäre entzogen wurde.“ Allerdings zeigt Hampel bislang keine Anstalten zu einem derartigen Delisting.

Potenzielles Ungemach droht auch aus Oberösterreich, wo Politiker und Gewerkschafter ebenfalls überlegen, das Stiftungsrecht als Hebel für die Durchsetzung ihrer Interessen einzusetzen. AK-Präsident Johann Kalliauer kündigt bereits an: „Falls der Stiftungszweck nicht eingehalten wird, werden wir prüfen, ob das Handelsgericht nicht von sich aus tätig werden kann, wenn es über diesen Tatbestand informiert wird.“
von Ingrid Dengg

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