trend-Porträt: Viktor Klimas neues Leben

Als Chef von Volkswagen Argentinien war er in sechs Jahren so erfolgreich, dass er sich für größere Aufgaben im deutschen Automobilkonzern qualifizierte. Der trend begab sich auf die Fährte des Expolitikers Viktor Klima, der in wenigen Wochen 60 wird.

Raul, der Fahrer mit den charmanten Zahnlücken, lobt seine deutsche Karosse made in Argentina in den höchsten Tönen. „Als Taxi ist Volkswagen super, sehr verlässlich“, meint er und klopft zur Bekräftigung auf das Lenkrad seines sieben Jahre alten VW Polo, schwarzes Gehäuse, gelbes Dach.

Wir sind auf der achtspurigen Superautobahn Panamericana nach Pacheco unterwegs, 30 Kilometer vom berühmten Obelisken in der Stadtmitte von Buenos Aires entfernt, 12.000 Kilometer von Wien. Rechts zieht ein breitbeiniger Ford Ranger vorbei, gefolgt von einem schmalspurigen VW Gol. Das schmutzig-gelbe Delta des Rio de la Plata bildet den spätsommerlichen Horizont.

An der Kreuzung Panamericana/Avenida Henry Ford verweist ein hoch aufragendes Volkswagen-Logo auf das nördlich der Hauptstadt gelegene Industriezentrum Pacheco. Erst geht es an einer Ford-Fabrik vorbei, dann tut sich hinter einer langen Baumreihe das Verwaltungsgebäude von VW Argentina auf: viel Sichtbeton, viel Glas. Weiß Raul, dass der Chef hier ein Österreicher ist? „Ach so?“, gibt der braun gebrannte Fahrer prompt zurück, nur um erneut ein Loblied auf seinen Polo anzustimmen.

In der Eingangshalle vorbei an polierten Seats, Audis und einem mit Unterschriften der VW-Mitarbeiter bemalten Modell des VW Suran, der ausschließlich in Pacheco gefertigt wird, die geschwungene Treppe hoch in den ersten Stock, rechts den Gang mit den blauen Wandtapeten entlang, am Ende ein kleines Türschild mit schwarzem Plastikrahmen, ohne Vorwarnung: „Viktor Klima“. Keine Funktionsbezeichnung, kein Titel, nichts.

El Presidente. Im Haus muss man niemandem erklären, wer dieser Mann ist. Seit sechs Jahren der Boss, am 4. Juni 60 Jahre alt, Kanzler der Republik Österreich zwischen 1997 und 2000, davor Verstaatlichten-, Verkehrs- und Finanzminister. Wer das zerfurchte, erschöpfte, enttäuschte Gesicht des Wahlverlierers am Abend des 3. Oktober 1999 in Erinnerung hat, der wird am Ende dieser Geschichte staunen: Dieser Viktor Klima ist nun ein unbestreitbar erfolgreicher und beliebter Automobilmanager, der zudem als wichtiger Einflüsterer des Staatspräsidenten Nestor Kirchner gilt. Was ihm als Regierungschef im 8-Millionen-Alpenland an Anerkennung versagt geblieben ist, holt er im 38-Millionen-Andenland nach.

Dass die offiziellen Feiern zu seinem runden Geburtstag in Buenos Aires illustrer werden als jene in Wien, darauf darf gewettet werden. „Mich würde überraschen, wenn die SPÖ zu seinem Sechziger überhaupt eine Feier ausrichten würde – die jetzige Parteiführung hat das Gespür für solche Dinge nicht“, meint Karl Schlögl, unter Klima SPÖ-Innenminister und nun Bürgermeister von Purkersdorf. Bundesgeschäftsführer Josef Kalina druckst, darauf angesprochen, herum und sagt bloß: „Ich hoffe, dass er kommt.“

An eine dauerhafte Rückkehr denkt Klima ohnehin nicht: Seinen Vertrag mit Volkswagen hat er vergangenes Jahr bis 2010 verlängert. Kein Wunder: Wenn er in seinem dunkelblauen Audi A8 aufkreuzt, stets mit zwei Security-Wägen als Flankenschutz, dann ist er schlicht „El Presidente“. In Pacheco sagen sie nur „Doktor Klima“ zum studierten Magister der Wirtschaftsinformatik. Er darf als Fußball-Sponsor glänzen wie als Vorzeigemann der europäischen Industrie, und er ist neuerdings Gegenstand begeisterter Porträts in den auflagenstarken Blättern Argentiniens.

Angekommen. Und die Wohlfühlindikatoren sind auch privat auf Höchststand: Carlos Angio, dem profiliertesten Autojournalisten Argentiniens („MegAutos“), fiel beim fünften VW-Silvesterempfang unter Klimas Ägide in Pacheco letzten Dezember auf, wie erstaunlich sich plötzlich das Spanisch des Österreichers verbessert hat und wie sehr er nach turbulenten Anfangsjahren angekommen zu sein scheint: „Er hat jedem gesagt, wie zufrieden er in Argentinien ist, dass er sich schon wie ein richtiger Argentinier fühlt, und wie glücklich er über seine beiden kleinen, argentinischen Kinder ist.“

Eine höchst verblüffende Karriere für einen ehemaligen Regierungschef – diese Spezies tritt in der Regel als Berater, Leiter von Wahlkampfkomitees oder graue Eminenz in Erscheinung. Und wenn es auch stimmen mag, dass dem Schwechater sein sozialdemokratischer Freund Gerhard Schröder und VW-Chef Ferdinand Piëch im Jahr 2000 die Rutsche zum Wolfsburger Konzern gelegt haben: Ein klassischer Job für einen Elder Statesman war das nicht. Argentinien durchlitt eine schwere Wirtschaftskrise, Volkswagen verlor überdies dramatisch Marktanteile: Gebraucht wurde im Jahr 2000 jemand, der den Karren buchstäblich aus dem Dreck ziehen kann.

„Herr Piëch, ich hatte Sie um eine Herausforderung gebeten, aber muss sie gleich so groß sein?“, fragte Klima Piëch in dieser Zeit einmal.

Und einmal mehr hat der mächtige heutige VW-Aufsichtsratschef Piëch, der sich über das familieneigene Paradeunternehmen Porsche derzeit anschickt, den VW-Konzern ganz zu übernehmen, den richtigen Riecher gehabt.

Das sieht auch die Konkurrenz so. „Klima ist ein echter Unternehmenslenker, alle Leute aus seiner Firma lieben ihn“, seufzt Ford-Kommunikationschef Eduardo Galdeano nur einige hundert Meter von Klimas Büro entfernt. Galdeano schaut in Richtung VW-Komplex. „Viele unserer besten Manager sind rübergewandert“, registriert er, der dem US-Unternehmen seit über 30 Jahren die Treue hält, und deutet auf die Marktzahlen auf seinem ultraflachen Monitor: Ford ist eben hinter General Motors auf Rang drei zurückgefallen, beide halten je rund 15 Prozent. Unangefochten an der Spitze lag 2006 aber die Volkswagen-Gruppe mit über 20 Prozent, und sie hat den Vorsprung im ersten Quartal 2007 noch ausgebaut. Der Vergleich macht sicher: Als Klima 2001 kam, waren es zwölf Prozent, VW lag gerade einmal auf Platz vier.

Doch nicht nur die Verkäufe haben zugelegt: Es gilt neuerdings als hip, einen Vento oder Touareg zu fahren. Im Mitte März erschienenen Image-Ranking des Wirtschaftsmagazins „Apertura“ setzte sich Volkswagen dieses Jahr erstmals an die Spitze der Autobranche.

Neuer General. Weil auch die Produktion in den argentinischen VW-Werken – in Pacheco werden die Modelle Polo, Caddy und Suran hergestellt, im rund 620 Kilometer entfernten Cordoba Getriebe – besser als je zuvor läuft, hat sich der Exkanzler für eine größere Aufgabe empfohlen: Seit 1. Jänner ist er, der Mitte 2006 in die Konzernleitung aufgerückt ist, Generalbevollmächtigter für den gesamten südamerikanischen Raum, ein Einzugsgebiet von insgesamt 540 Millionen Menschen, mit 3,2 Millionen Neufahrzeugen pro Jahr. Er muss für VW die verfahrene Situation in Brasilien, dem bei Weitem größten Markt des Kontinents, klären. Unter seiner Obhut befinden sich sieben VW-Fabriken, in denen 800.000 der mehr als fünf Millionen VWs jährlich produziert werden.

Allein, der einst so medienoffensive Mann kann und darf all das nicht hinausposaunen: Weil Pacheco in absehbarer Zeit die Herstellung eines weiteren VW-Modells, vermutlich eines Pick-ups, übernehmen könnte – nach letzten Informationen kommt auch ein Brasilien-Standort dafür ins Gespräch –, hat Klima kurzerhand eine Interviewsperre verhängt. „Er ist schon wieder auf dem Sprung nach Wolfsburg“, igelt sich sein Sprecher Ronnie Frost, den wir später noch kennen lernen werden, ein.

Dazu kommt eine spezielle Berührungsangst gegenüber österreichischen Journalisten, denen er vieles nachträgt, besonders aber die Paparazzo-Fotos von ihm und seiner 23 Jahre jüngeren damaligen Buchhaltungsangestellten Claudia, die 2002 den Auftakt zu einer medialen Seifenoper mit finaler Scheidung von Zweitehefrau Sonja zwei Jahre später bildeten. Wie auch die unautorisierte Wiedergabe jenes mitten in der argentinischen Wirtschaftskrise getätigten Sagers in der „Presse“ („Hier lebt man wie Gott in Frankreich, wenn man ein internationales Einkommen hat“), der den Genossen daheim so gar nicht gefiel.

Der trend ließ sich jedoch selbst von der kurzfristigen Absage eines Interviews in Pacheco nicht beirren und begab sich auf die Spuren des Exkanzlers in Argentinien, befragte Konkurrenten, Politikexperten und Freunde – und stellte mit Verblüffung fest, dass Klima seinen Erfolg mindestens so sehr seiner politischen wie seiner Managerkompetenz verdankt. Aber der Reihe nach.

Zunächst: Er bleibt in Argentinien und wird nicht, wie argentinische Medien spekulierten, nach Brasilien übersiedeln. Er wird den Großteil seiner Tage weiterhin vom Reichen-Vorort La Horqueta aus beginnen, wo er mit jener Claudia, einer Tochter deutscher Einwanderer, und seinen beiden kleinen Kindern wohnt. Buenos Aires, die europäisch geprägte Metropole mit 13 Millionen Einwohnern, bleibt seine Homebase.

Natürlich hat er, und zwar exakt einen Monat nach seinem Amtsantritt als Südamerika-General, seinen Antrittsbesuch beim brasilianischen Staatspräsidenten Luiz Inacio Lula da Silva, kurz Lula, absolviert. Natürlich inspiziert er die brasilianischen Standorte. Natürlich hat er São Paulo als Brennpunkt Nummer eins für den Wolfsburger Konzern in Südamerika im Auge.

Retter in der Not. Warum aber begibt er sich nicht mitten in diesen Brennpunkt hinein? „Er ist eben ein richtiger Argentinier geworden“, urteilt Cristobal von der Feucht, ein Anwalt mit prachtvollem Büro in der Avenida Cordoba. Feucht kennt die Wirtschafts-Community zwischen Deutschland, Österreich und Argentinien vorzüglich, er vertritt die Casinos Austria und den zweitgrößten Weinexporteur Argentiniens, einen Österreicher namens Gernot Langes-Swarovski. Klima habe, führt der Anwalt aus, ganz einfach „die richtige Dosis Latein“ intus, die eine offensive Freundlichkeit ebenso beinhalte wie ein Gespür dafür, was Land und Leute von ihm erhoffen. Dass der Chef sich die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaften gemeinsam mit seinen Arbeitern angeschaut hat, ist mit kollektivem Enthusiasmus und Dankbarkeit quittiert worden.

Und der gelernte Inszenierungsmensch Klima weiß, wie er solche Gefühle zusätzlich schüren kann: „Ein Adoptiv-Argentinier“ sei er geworden, raspelte der VW-Boss bei jenem VW-Silvesterempfang im Dezember Süßholz.

Das Fundament für sein Ansehen legte er aber durch die Entscheidung, dass er blieb, nachdem er gekommen war. Die Wirtschaftskrise hatte sich Ende 2001 bedrohlich zugespitzt, der Staat war bankrott. Die Banken froren die Konten ein, aus Verzweiflung und Protest zogen hunderttausende Argentinier, auf Kochtöpfen und Pfannen trommelnd, zur Plaza de Mayo, zum Kongresspalast und auf die Prachtstraße 9 de Julio – die Bilder gingen um die Welt. Völlig ungewiss war der Ausgang dieser Unruhen, Anarchie und Revolution lagen in der Luft. Viele ausländische Konzerne zogen ihre Fabriken ab.

Klima aber verharrte. Auch er musste Jobs abbauen, von 3500 auf 2500 in eineinhalb Jahren. Aber er investierte in Marketing, signalisierte, dass er für den Standort, der auch VW-intern erheblich in Zweifel gezogen wurde, kämpfte. Und er gewann. „Er hat auf das Land gesetzt, als es in der tiefsten Krise steckte und kaum jemand was von Argentinien wissen wollte“, sagt der Korrespondent einer großen europäischen Tageszeitung, der nicht genannt werden will. „So eine positive Einstellung zum Land haben nicht viele ausländische Manager hier.“ Heute sind bei Volkswagen Argentina wieder 3600 Menschen beschäftigt, in Pacheco hat sich der Beschäftigtenstand in den letzten drei Jahren verdoppelt. Dass nun das Erfolgsmodell Suran in Argentinien produziert wird, „war das Ergebnis der intelligenten Verhandlungen von Klima mit dem Headquarter in Wolfsburg“, meint „MegAutos“- Herausgeber Angio anerkennend.

Angenehme Art. Es ist eine der vielen Ironien in der Image-Karriere des Viktor Klima: In Österreich wird er als jener Kanzler in Erinnerung bleiben, der 1999 mediengerecht in gelben Gummistiefeln und mit Plastikkübel durch die Hochwasserfluten watete, was ihm allseits als Alibi-Aktion ausgelegt wurde und viel Spott eintrug. In Argentinien wird er als echter Retter in der – dramatisch größeren – Not gesehen. Und während in Wien mit Fortdauer seiner Politikerlaufbahn über den Strahlemann mit dem Zahnpasta-Lächeln gewitzelt wurde, kommt seine offene Art in Lateinamerika gut an.

Pablo Mendelevich beispielsweise hat „El Presidente“ als ausgesprochen selbstbewusst und agradable kennen gelernt, was mit „angenehm“ oder „anmutig“ zu übersetzen ist. Mendelevich ist Kolumnist der größten argentinischen Qualitätszeitung „La Nacion“. Im Brotberuf lehrt er Journalismus an der Universidad de Palermo, im populären Radio Uno spricht er jeden Morgen um sieben Uhr zu den politischen Themen des Tages. Auf seinem Bürotisch liegt ein Rucksack, an die Wand ist ein Bild seines Sohnes mit Steven Spielberg auf Kuba gepinnt.

Es war Anfang 2006, als Kollegen dem Porträtisten vom ungeheuren Einfluss des VW-Argentinien-Chefs auf das Präsidentenpaar Kirchner erzählten. Mendelevich fand zwar keine direkte Bestätigung für die These, war aber doch fasziniert von der Tatsache, dass der Exkanzler von Österreich, „ein Generationskollege von politischen Führern wie Clinton, Blair und Schröder“ (so der Vorspann des am 26. Februar 2006 erschienenen Porträts), nun seine Fußabdrücke in Südamerika hinterlässt.

In der argentinischen Öffentlichkeit schlug es als kleine Sensation ein, was in dem Text geschildert wurde. „Ich habe viele Anrufe von Leuten erhalten, die sagten: ‚Wow, und der lebt mitten unter uns?‘“, erzählt Mendelevich lächelnd.

Von Klima selbst war der Autor ebenso beeindruckt wie erstaunt. Ein mächtiger Automanager, der mit seinen Kindern Constantin (Klima nennt ihn „Tino“) und Catharina („Tina“) in der Freizeit Radausflüge unternimmt und Einkäufe höchstpersönlich im Supermarkt erledigt, entsprach so gar nicht seinen Erwartungen. Dass der Österreicher in lockerem Plauderton über seine drei Frauen, passend zu den jeweiligen beruflichen Lebensabschnitten, plauderte, irritierte den – typisch Argentinien – von heiligem Familiensinn durchdrungenen Mendelevich.

Auf wen stützt sich aber der Exkanzler bei seinem Popularitäts-Siegeszug, oder ist er eher eine One-Man-Show? Hat er auch im Land der Pampa, jener baumlosen und agrarisch höchst ertragreichen Grassteppe hinter Buenos Aires, seine Spin-Doktoren? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir kurz nach Pacheco zurückkehren, zu den zwei wohl engsten Getreuen des Exkanzlers.

Seinen Boss als wichtigen Einflüsterer der höchsten politischen Kreise zu vermarkten ist nämlich der Job seines Sprechers Ronnie Frost. Dessen Büro ist nur durch das Sekretariat von jenem Klimas getrennt, es wird von Fußball-Wandbildern ausgefüllt; sogar einen Spieler der legendären Mannschaft River Plate hat Frost schon an den VW-Hausklub VfL Wolfsburg vermitteln geholfen.

Frost, kurzärmeliges Hemd, gedrungene Statur, arbeitet seit 27 Jahren für VW in Buenos Aires, sein Vater ist Engländer, seine Mutter Deutsche, er selbst ist in Buenos Aires geboren. „Erst wenn man über Investitionen Sicherheit hat, kann man darüber reden“, meint er kryptisch in dem typischen Akzent der hiesigen Deutschen zweiter Generation. Damit bezieht er sich einmal mehr auf die bevorstehende Großentscheidung in Wolfsburg. Fragen beantwortet er prinzipiell nur in Abklärung mit Klima. Kein Zweifel: Frost ist loyal und schirmt seinen Chef so ab, wie gute Sprecher das tun.

Genosse des Bosses. Ein noch treuerer Diener seines Herrn ist der Leiter der Abteilung für Soziale Verantwortung von VW Argentina. Sein Name ist Herbert Prock, er ist 52 Jahre alt, er war auch schon in Österreich Klimas Kompagnon. Prock hat die SPÖ Tirol von 1994 bis 2002 angeführt, er wurde Anfang 2000 schon als Bundesgeschäftsführer gehandelt. Doch dann kam der Haider-Schüssel-Deal, der Klima-Getreue gab nach zwei Jahren den Landesparteivorsitz ab und kündigte an, nach Argentinien emigrieren zu wollen.

Doch kaum einer weiß hierzulande, dass er tatsächlich bei seinem ehemaligen Parteichef (und Trauzeugen bei der Hochzeit Nummer zwei) Unterschlupf gefunden hat. Dort sponsert er im Namen des Unternehmens jetzt Straßenfußball-Meisterschaften und organisiert Unterstützung für Jugendliche aus ärmlichen Verhältnissen in der Umgebung der VW-Werke in Pacheco und Cordoba. Interviewanfragen an ihn sind ohne Sanktus des Präsidenten übrigens zwecklos.

Gegenüber gänzlich unverdächtigen Besuchern aus Österreich gibt sich das Duo Klima/Prock allerdings zwanglos. Als der Klagenfurter Postchor auf einer Südamerikatournee im Oktober 2005 auch in Buenos Aires Halt machte, gab es ein sangesfreudiges Hallo in der VW-Zentrale.

Besucher aus seinem früheren politischen Leben sind hingegen selten geworden. Klima, der im Wahlkampf 1999 sukzessive zur hölzernen Marionette seiner Berater geworden zu sein schien, hält nur noch zu ausgesuchten Menschen seiner Vergangenheit Kontakt. Dazu gehören ironischerweise seine damaligen Spin-Doktoren Josef Kalina, heute Bundesgeschäftsführer der SPÖ, und Andreas Rudas, nunmehr Osteuropa-Manager der WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung). Beide haben ihn in Argentinien besucht, sie halten regelmäßigen telefonischen Kontakt. „Er ist ein absoluter Automotive Guy geworden“, ein Vollgas-Automann also, ist der ehemalige SPÖ-Bundesgeschäftsführer Rudas verblüfft.

Der Kontakt zu seinem Ex-Regierungskollegen Karl Schlögl hat sich nach dessen Angaben hingegen „in den letzten Jahren totgelaufen“.

Mit seinem Leben als Politiker hat Klima ohnehin definitiv abgeschlossen, öffentlicher Kommentare zur Regierung in Wien enthält er sich. Aber in seinem jetzigen Job ist er näher an die Politik gerückt, als er sich das vermutlich vorgestellt hatte.

Denn als Wirtschaftsboss in Südamerika kann nur erfolgreich sein, wer auch über politische Fähigkeiten verfügt. Und so schließt sich der Kreis: Klima, der schon vor seiner Berufung zum Verstaatlichtenminister 1992 als Personalmanager und zuletzt Finanzchef in der OMV werkte, beherrscht die Mechanismen in staatlich geprägten Industrien aus dem Handgelenk. Selbst wenn er in Argentinien wohl die eine oder andere Überraschung erlebte.

Nehmen wir nur den 4. April 2006, es war ein Tag mit Nieselregen in Pacheco. Hunderte Festgäste fanden sich neben den Arbeitern in der Fabrikshalle von Volkswagen ein, um den Suran, das erste ausschließlich in Argentinien gefertigte VW-Modell, aus der Taufe zu heben. Der Name ist ein Kürzel („sur al norte“, von Süden nach Norden), das Auto eine verlängerte Version des Kleinwagens Fox – und der ganze Stolz der Automobilnation.

Stelldichein. Die Feierlichkeit geriet zu einem Schaulaufen argentinischer Prominenz. Neben der halben Regierung flog per Helikopter auch Präsident Nestor Kirchner ein, der den VW-Vorsitzenden in seiner Rede immer wieder als „mein lieber Freund Viktor“ ansprach. Im Publikum saß auch der 83-jährige Roberto T. Alemann, 1981/82 Wirtschaftsminister unter der Militärdiktatur und heute Herausgeber des „Argentinischen Tageblatts“. Er notierte penibel, dass den größten Beifall der Arbeiter nicht Kirchner, sondern der Chef der Metallergewerkschaft Smata, Jose Rodriguez, erhielt – der hatte eine 32-prozentige Lohnerhöhung für die Auto-Arbeiter gefordert.

Kirchner halbierte prompt diesen Anspruch, und nach diesen öffentlich ausgetragenen Lohnverhandlungen durfte Klima über die 100-Millionen-Euro-Investition referieren.

Wenige Wochen später legten die Metallarbeiter durch Streiks die wichtigsten Autofabriken des Landes lahm, man einigte sich auf 18 Prozent Lohnerhöhung.

Die Szene zeigt, in welch heißem Umfeld Klima agieren muss: Unberechenbare Gewerkschafter, die einen wahren Staat im Staat bilden, auf der einen Seite. Rodriguez, schon damals Smata-Chef, soll in den ersten Jahren der Militärdiktatur ab 1976 in die Verschleppung und Ermordung unliebsamer linker Betriebsräte in einem Daimler-Werk involviert gewesen sein; als Vizepräsident des Internationalen Metallergewerkschaftsbunds IMB, dem auch die österreichischen Metaller angehören, wurde er nach Ruchbarwerden dieses Verdachts 2002 suspendiert.

Auf der anderen Seite ein Staatschef, dem mäßigender Einfluss auf die Gewerkschaften zugeschrieben wird und der direkt in Belange eingreift, die in Österreich Aufgabe der Sozialpartner sind.

Strategische Freundschaft. Klimas öffentlich zelebrierte Freundschaft zum Staatschef hat deshalb überaus pragmatische Gründe. „Argentinien ist de facto ein Feudalsystem, darum musst du es dir mit dem Herrscher gut richten“, fasst ein ausländischer Manager in Buenos Aires die Lage zusammen. Gerhart Osman, Boss der Argentinien-Niederlassung des Autozulieferers Mann+Hummel, den wir in einem Straßencafé vor dem Obelisken treffen, meint gar, dass „die Abhängigkeit der Unternehmen von der Politik in den letzten Jahren größer geworden ist“. Wer etwa zu Produktionsspitzen eine dritte Schicht fahren wolle, brauche dazu eine Genehmigung des Arbeitsministeriums.

Vor diesem Hintergrund kann Klima seine kombinierten Manager-Politiker-Fähigkeiten voll ausspielen. Autojournalist Angio meint sogar, dass der VW-Präsident es primär auf die politische Schiene abgesehen hat: „Als Manager hat er ein sehr geringes Profil. Bei Firmenveranstaltungen, etwa Modellpräsentationen, ist er nie zu sehen.“ Nur wenn das First Couple anwesend ist, demonstriert Klima die Wertschätzung zum Land immer wieder aufs Neue: Die Präsentation der Allradversion des VW-Geländewagens Touareg in Argentinien fand in der politischen Heimat des Präsidentenpaars, El Calafate, in der südlichen Provinz Santa Cruz, statt.

Schon früh hat der Österreicher in beratenden Wirtschaftsgremien Aufnahme gefunden: Kirchners Vorgänger Eduardo Duhalde hörte ebenso auf ihn, wie es seine potenziellen Nachfolger vermutlich tun werden: Tritt der eher farblose und gesundheitlich angeschlagene Peronist Kirchner bei den Präsidentenwahlen im Oktober dieses Jahres nicht mehr an, so wird das Klimas Zugang zur Macht kaum verengen. First Lady Cristina Kirchner, jüngst in einem Magazin „Hillary aus der Pampa“ tituliert, ist dann womöglich Nachfolgerin. Auch zum Herausforderer Roberto Lavagna, dem ehemaligen Wirtschaftsminister, soll Klima einen ausgezeichneten Draht haben.

Bestens vernetzt. In der Wirtschafts-Community ist er ohnehin eine Fixgröße. Vor zweieinhalb Jahren hat der Volkswagen-Boss die Union de Empresarios Europeos en Argentina, den Verband europäischer Unternehmer in Argentinien, ins Leben gerufen, die für engere Beziehungen zwischen der EU und den Ländern des Mercosur werben wollen. Als eine Art Generalsekretär führte er dabei übrigens nach den Erinnerungen eines Teilnehmers Herbert Prock, den Tiroler, ein.

Zweimal jährlich durchschreitet Klima auch eine Glastür im 22. Stock eines Bürogebäudes am Porto Madero und waltet seines Amtes als Vizepräsident der Asociacion Empresaria Argentina (AEA), einer Vereinigung der nach Eigendefinition „wichtigsten Unternehmen“ des Landes.

Seine Repräsentationsfunktionen zelebriert Klima, hier ist er wieder ganz Politiker. Verirrt sich ein europäischer Sozialdemokrat nach Argentinien, ist er zur Stelle. Im Rahmen der Südamerika-Tournee des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier im Mai 2006 etwa war ein Besuch in Pacheco Pflicht, mit dem Italiener Massimo D’Alema gab Klima eine Pressekonferenz.

Allein von österreichischer Seite fehlen offizielle Visiten noch. Dabei hatte Bundespräsident Heinz Fischer (hat „von Zeit zu Zeit“ Kontakt mit Klima) im Vorjahr Brasilien und Mexiko besucht. Kanzler Alfred Gusenbauer, Klima-Nachfolger als Parteichef, lässt die mehrmalige Frage, ob etwa auch Argentinien auf seiner außenpolitischen Agenda steht – unbeantwortet.

Klima würde seinen Nachfolger als Parteichef durch ein Argentinien führen, das in seinem Zentrum vibriert: In den Straßencafés und den Einkaufsstraßen wird konsumiert, als ginge es darum, die Entbehrungen der Krisenjahre auszulöschen. Ein durchaus rationales Verhalten: Eine Betrachtung der argentinischen Wirtschaftszyklen lässt den Schluss zu, dass es in zwei, drei oder vier Jahren wieder zum Crash kommen könnte. Im 10-Jahres-Abstand hat das Land wirtschaftliche Schocks zu verdauen gehabt, und niemand hier ist der Überzeugung, dass das derzeit so robuste Wirtschaftswachstum von acht bis zehn Prozent pro Jahr auch nachhaltig ist. Wie so oft ist es vorrangig auf die Exporterfolge in der Landwirtschaft gestützt. Carlos Menem, Staatspräsident der Neunziger, hat den unerwarteten Erfolg seines Nachfolgers Kirchner jüngst so auf den Punkt gebracht: „Kirchner hat Glück und Soja.“

Viktor Klima, Exkanzler der Republik Österreich, ist aber inzwischen so sehr Argentinier geworden, dass ihn weder die unsicheren Aussichten noch die ausbleibende Wertschätzung aus dem Heimatland aus der Ruhe bringen werden. Hält die Konjunktur noch drei Jahre, bleibt er auf Kurs und schafft auch noch die Sanierung in Brasilien, so werden seine Jahre als Kanzler auch in seiner persönlichen Lebensbetrachtung verblasst sein: Der Abschnitt als „Presidente“ in Südamerika wird dann der längste und erfolgreichste seiner Laufbahn gewesen sein.


von Bernhard Ecker

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