trend: Molterers Zwischenbilanz

Wilhelm Molterer will bei seiner ersten großen Grundsatzrede am 15. Mai „Antwort auf die großen Fragen“ geben. Das ist gut, denn noch gibt der graue Star der Volkspartei manchen ein Rätsel auf.

So viel Zeit muss sein: Wenn Wilhelm Molterer nach Washington fährt, besucht er nicht nur den Weltbank-Präsidenten, redet nicht nur mit dem Chef des Währungsfonds und mit Finanzministern der halben Welt. Ein besonders wichtiger Termin führt den Vizekanzler regelmäßig auch in die etwas abseits der großen Finanzzentren gelegene Rhode Island Avenue. Dort besitzt Emanuel Silberstein eine hübsche Galerie, und der hohe Besucher kehrt bei seinem Freund gern zum Frühstück ein. Willi Molterer, jetzt ganz Privatperson, bewundert dessen Sammlung von Kleinplastiken aus der Hand des großen Henry Moore, fachsimpelt über die Kraft der Bilder Edward Hoppers, den er besonders verehrt. Kameras dürfen bei diesem Besuch nicht dabei sein, denn: Privat ist privat. „Moderne Kunst ist eine meiner großen Leidenschaften. Ich mag daraus aber keine Inszenierung machen“, sagt er. „Ansonsten ist ja bald bei jedem Museumsbesuch ein Fotograf dabei, und das will ich sicher nicht.“

Im trend-Interview, geführt im noblen Hay Adams Hotel in unmittelbarer Nähe des Weißen Hauses, geht es um Finanzkrise und Entwicklungspolitik; Molterer kündigt, exklusiv im trend, eine Neuordnung der heimischen Glücksspielbesteuerung an und kritisiert nebenbei die Landeshauptleute massiv. Immer wieder, beim Smalltalk wie im Interview, beharrt er aber auch trotzig auf seinem Recht, seine Intimsphäre zu bewahren, und betont, selbst öffentliche Auftritte nicht gern an die große Glocke zu hängen: „Als ich die Ausstellung des bekennenden Kommunisten Alfred Hrdlicka im Dom-Museum eröffnet habe, hätte ich daraus ein kräftiges Brimborium machen können. Aber das wäre doch völlig inadäquat, daraus ein ‚Seitenblicke‘-Event zu inszenieren, es würde auch der Arbeit Hrdlickas diametral entgegenstehen.“ So viel Noblesse ist für einen zentralen Repräsentanten des Landes eher ungewöhnlich. Change-Kommunikator Wolfgang Rosam, der einst Schüssel erfolgreich beriet, sieht die neue Bescheidenheit der ÖVP-Spitze nicht unbedingt positiv. „Molterer ist hochanständig. Er hat keinerlei populistische Ansätze – das ist aber auch sein Problem. Er ist möglicherweise zu seriös, es fehlt ihm das Strahlemann-Image“, diagnostiziert der langjährige Politberater.
Molterer selbst weiß um diese seine Schwäche – die für ihn allerdings gar keine ist. „Ich habe einen anderen Stil als Wolfgang Schüssel“, sagt er. „Es wird mir oft zum Vorwurf gemacht, zu wenig bunt zu sein, aber ich halte es für ein Kompliment, als Sachpolitiker zu gelten.“

Deftige Kritik an seiner defensiven PR-Strategie kommt auch von anderer Seite. „Er macht viele Kommunikationsfehler. Er schickt Schüssel in die ‚Pressestunde‘, sagt ORF-Einladungen ab, hat einen Termin bei ‚Krone‘-Chef Dichand kurzfristig abgeblasen“, kritisiert ein frustrierter PR-Mann den als Vizekanzler, als Finanzminister und als Parteiobmann dreifach belasteten Molterer. Imma Palme vom SPÖ-nahen Ifes-Institut sieht die Dinge naturgemäß noch etwas pointierter. „Man weiß nicht, was er will, es gibt keine großen Zielvorstellungen“, umschreibt die Meinungsforscherin Molterers Konturlosigkeit. Er müsse ja nicht absoluter Medien-Darling sein, wohl aber virtuos auf der Medienorgel spielen können: „Aber Molterer passt eher nur auf die Kirchenorgel.“ Dennoch: Der als langweilig geltende, vorwiegend in seiner Rolle als Sparmeister der Nation Wahrgenommene kommt beim Wahlvolk nicht so schlecht an. Peter A. Ulram vom ÖVP-nahen Fessel-GfK-Institut sieht ihn im direkten Vergleich deutlich vor Kanzler Alfred Gusenbauer. Bei der Frage nach der Durchsetzungsfähigkeit führt „Molto“ gegen „Gusi“ mit 30 Prozentpunkten Vorsprung. Er steht – im Glauben der Befragten – fester zu seiner Meinung als der rote „Umfaller“. Ihm wird deutlich höhere Wirtschaftskompetenz attestiert, ihm wird auch mehr Mut zu unpopulären Entscheidungen zugetraut. Ja sogar via TV kommt er noch immer besser rüber als der Kanzler. Was allerdings, angesichts der Schwäche Gusenbauers, auch noch nicht von absoluter Stärke zeugt.

Der größte Schwachpunkt des adoptierten Bauernsohnes aus dem oberösterreichischen Sierning ist für ihn selbst besonders schmerzlich. In der Kategorie „Versteht die Sorgen der Menschen“ unterliegt er Gusenbauer deutlich, und zwar mit 40 Prozentpunkten Abstand. „Molterer hat höhere Kompetenzanmutung, hat aber das Problem, zu wenig volksnah zu sein“, lautet der trockene Befund Ulrams. „Es ist richtig, dass ich mich im vergangenen Jahr sehr stark um die Funktion des Finanzministers gekümmert habe, schließlich ist das ja auch ein Schlüsselressort“, entschuldigt sich Molterer. Und erklärt, wie er sich näher an das Volk seiner Partei heranpirschen möchte: „Seit einigen Wochen bin ich jetzt zumindest einen Tag in der Woche in den Bundesländern. Ich rede mit Bürgermeistern, mit Repräsentanten der Zivilgesellschaft, nicht nur mit den klassischen Kernbereichen der Partei. Das lohnt sich absolut.“ Während Kanzler Gusenbauer zu seinen oft hämisch kommentierten Bundesländerterminen selbstverständlich Kameras mitnimmt, pflegt der „graue Star“ auch hier einen zurückhaltenderen Stil: „Ich will keine PR-Kampagne, kein großes Trara draus machen. Ich will nur der sein, der bei den Leuten ist.“

Im Inneren seiner Partei ist Molterer trotz mancher Kritik wohlgelitten. Er gilt als einer, der zuhören kann und der auch diskutieren lässt. Nicht zuletzt die Wirtschaftsvertreter sind voll des Lobes. WKÖ-Präsident Christoph Leitl etwa, der mit Wolfgang Schüssel noch schwerere Gefechte austrug, ist mit der aktuellen ÖVP-Politik hochzufrieden, wohl auch deshalb, weil die Sozialpartner nun wieder deutlich höhere Wertschätzung genießen. „Molterer ist persönlich sehr offen, kommunikativ und tolerant“, lobt Leitl, „und auch inhaltlich ist einiges weitergegangen, Stichwort Erbschafts- und Schenkungssteuer, Stichwort Budget.“ Nicht minder freundlich fällt der Glückwunsch der Industrie zum ersten Parteiobmanns-Geburtstag aus. „Ich schätze ihn sehr. Auf den Punkt gebracht: Er ist kein Blender, sondern ein Könner“, sagt Markus Beyrer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung. Seriös, fleißig, ein Sparmeister – für ein veritables Zwischenergebnis reicht das, für einen glanzvollen Wahlsieg sehen Experten jedoch noch Optimierungsbedarf, nicht zuletzt in seiner näheren Umgebung. „Das ist das schwächste Vizekanzler-Kabinett, das mir im letzten Jahrzehnt untergekommen ist“, ätzt ein Insider.

Meinungsforscher Ulram möchte Molterer noch „Zeit dafür geben, sich auch außerhalb des Finanzministeriums zu profilieren“. Dass er nicht so risikofreudig veranlagt sei wie Schüssel, könne man ihm nicht vorwerfen, allerdings erwartet sich der Politologe mehr inhaltliche Akzente. Und zwar: „Die ÖVP muss in der Steuerpolitik klarmachen, was ihre zentralen Ansätze sind. Die ÖVP ist zurzeit in der Wirtschafts- und Sicherheitspolitik klar positiv, in der Bildungspolitik klar negativ positioniert. Das ist zusammen für eine Wahlkampagne noch nicht ausreichend.“ Sein Ratschlag: „Molterer muss thematisch breiter werden.“ Woran bereits gearbeitet wird. Bei der Grundsatzrede in der Wiener Hofburg am 15. Mai sollen Parteivolk und hohe Funktionärsschicht einen intellektuellen Höhenflug des Parteiobmanns erleben dürfen. Nikola Donig, in der Partei für Strategie und Grundsätzliches zuständig: „Er wird die richtigen Antworten auf die großen Fragen der Zeit geben.“

Vielleicht kann er bis dahin auch schon die einschlägigen Ratschläge von Wolfgang Rosam einüben und umsetzen. Der PR-Experte glaubt, dass der emsige Arbeiter, der gern auch kleinste Kleinigkeiten selbst erledigt und seine Reden am liebsten selber schreibt, ein ungeschliffener Rohdiamant ist: „Einiges an seinem Auftritt ist optimierbar, der Dreitagebart ist auch nicht optimal. Ein bisschen mehr Outing wäre schon sinnvoll. Der Mensch Molterer müsste plastischer in Erscheinung treten. Vielleicht täte ihm eine Frau als Beraterin ganz gut.“ Rosam wird in seinem Fern-Coaching richtiggehend emotional und appelliert gleich direkt an den Vizekanzler: „Lächle mehr! Sei mehr du selbst! Mehr Mut, Willi!“

Von Othmar Pruckner

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