<small><i>Thomas Martinek</i></small>
Wir sind BP

Dem britischen Mineral­ölkonzern schlägt blanker Hass entgegen. Zeit zum Nachdenken statt zum Nachtanken.

Es sind die Augen der ölverschmierten Vögel. Trübe blaue Augen inmitten schwarzbraunen Schlicks. Sie blicken uns hilflos an, bevor sie sich anklagend schließen.

Die Explosion der Ölbohrplattform Deepwater Horizon am 20. April im Golf von Mexiko hat die größte Umweltkatastrophe dieses Jahrhunderts, wahrscheinlich sogar seit Menschengedenken ausgelöst. Und
dem Mineralölkonzern BP schlägt seither eine immer größer werdende Welle an Hass entgegen. Von allen Seiten. US-Präsident Barack Obama beschießt BP seitdem mit Wortkanonen, die sogar den Golfkrieg sofort beenden würden. Aber: Wer ist wirklich schuld daran, dass die US-Golfküste im Schlamm erstickt?

BP? Einfachste Antwort: nein. Weder BP noch Exxon oder die OMV haben eigene Bohrinseln. Die Ölplattform Deepwater Horizon gehörte dem Schweizer Unternehmen Transocean, dem weltweit größten Betreiber von Offshore-Ölbohrinseln. Nicht die Mitarbeiter von BP, sondern die von Transocean haben die Katastrophe, technisch gesehen, hervorgerufen. Sollte BP das Desaster als Unternehmen überleben, wird der Konzern höchstwahrscheinlich sogar versuchen, sich an Transocean schadlos zu halten.

Warum konzentriert sich dann der Zorn der Welt so auf BP? Gewagte Antwort: weil wir alle ein wenig BP sind.

Natürlich ist die Reduzierung der Verantwortung auf die rein rechtliche Konstellation zwischen Auftraggeber und Kontraktor zu kurz gegriffen. BP hat die Spielregeln für die Ölförderung auf Deepwater Horizon festgelegt. Aber wenn man die Frage der Verantwortung in einem sehr weiten Fokus betrachtet, muss man über BP sogar hinausgehen. Auch wenn einem das angesichts des sich am Höhepunkt des Desasters auf seiner Segelyacht im sauberen Wasser erholenden BP-Bosses Tony Hayward schwerfällt.

Seit dem Wirtschaftsaufschwung Mitte der fünfziger Jahre gibt es das ungeschriebene Gesetz: Benzin muss billig sein. Schließlich ist ein Amerika, ein Europa und bald auch eine asiatische Welt ohne Individual- und Güter-Massenverkehr auf den Straßen nicht mehr denkbar. Also müssen Öllagerstätten in immer tieferen und dadurch auch immer riskanter zu erreichenden Gebieten erschlossen werden. Die Rekordtiefe liegt bei 10.600 Metern, erreicht von der Deepwater Horizon. Natürlich sollten derart technisch aufwändige Bohrvorhaben mit entsprechenden Sicherheitsstandards durchgeführt werden. Doch der Präsident des Weltverbands der Ziviltechniker, Greg Thomopulos, klagte erst vor Kurzem an: „Die Ölkatastrophe kam deshalb zustande, weil die beteiligten Manager mehr auf Kostensenkung als auf Sicherheit geschaut haben.“

Also ist es wieder einmal der Shareholder-Value-Gedanke, der verantwortlich für die Katastrophe im Golf von Mexiko ist? Zum Teil ja. Nur muss dabei auch erwähnt werden, dass fast jeder Amerikaner und viele Europäer Aktien von BP oder anderen Erdölmultis in ihren Pensionsfonds liegen haben.

Die Erfahrung und die Geschichte zeigen, wann immer eine steigende Nachfrage für den Massenkonsum auf immer kompliziertere und gleichzeitig kos­tengünstigere Produktionsweise befriedigt werden musste, führte das zu Katastrophen. Der Pilot und Anwalt John Nancy wies in seinem Buch „Blind Trust“ 1986 nach, dass in den USA Anfang der achtziger Jahre durch billigere Ticketpreise steigendes Flugaufkommen generiert wurde. Dadurch sanken aber in den ersten Jahren trotzdem die Einnahmen der Airlines. Das hatte wiederum Einsparungen im Sicherheitsbereich zur Folge. Und die führten letztendlich zu einem signifikanten Anstieg von Flugzeugunfällen in den USA.

In Europa kennen wir Katastrophen nach dem gleichen Muster. Stichwort Weinskandal, Fleischskandal. Die Folgen waren Gott sei Dank nicht ansatzweise vergleichbar. Wir alle wollen billigst fliegen und fahren, preiswert essen und trinken. Aber zu glauben, unser Leben kann immer billiger und dabei noch sicherer werden, heißt die Augen vor der Realität zu verschließen.

martinek.thomas@trend.at

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