<small><i>Thomas Martinek</i></small>
Vom Morgen der Bosse

Kommen für die wichtigsten ­Führungsaufgaben des Landes auch wirklich die besten Manager zum Zug? Eine naive, aber berechtigte Frage.

Drei Besetzungen von Spitzenjobs aus der jüngsten und jüngeren Vergangenheit, die nachdenklich machen: Der nieder­österreichische ÖVP-Wirtschaftslandesrat Ernest Gabmann wurde Vorstand des Flughafens Wien und beinahe sein Chef. Die ehemalige SP-Staatssekretärin und Wiener Finanzstadträtin Brigitte Ederer wird Personalvorstand von Siemens Deutschland. Der einstige VSStÖ-Funktio­när und spätere Pressesprecher von Staatssekretär Peter Kostelka, Chris­tian Kern, ist ab Juni neuer Generaldirektor der ­Österreichischen Bundesbahnen.
Drei Großkonzerne – drei Besetzungen durch Führungskräfte mit klar deklariertem politischem Werdegang. Jungen Studenten, die sich gerade mit ihrer Karriereplanung beschäftigen, müsste das zu denken geben. Sollen sie den dreimonatigen Intensivlehrgang „Steuerung funktionaler Synapsenbildung bei multilateralen Entscheidungsprozessen“ an der London School of Economics belegen – oder doch lieber mit Dauerapplaus aus der ersten Reihe im Saal des Studentenheims den Fraktionsvorsitzenden auf sich aufmerksam machen? Dass die Antwort darauf natürlich „beides“ heißt, ist sonnenklar: ­einerlei, ob das Geld der Eltern und die eigene Kraft dafür reicht. Das wird von den Lebensläufen der elf jungen High ­Potentials in der Titelstory „Die Bosse von morgen“ auch eindrucksvoll unter Beweis gestellt, nur von den eingangs erwähnten Polit-Besetzungen bei den Top-Positionen nicht.

Die Stationen in den Lebensläufen von Ederer, Kern und Gabmann nehmen sich im Vergleich zu jenen der elf Top-Shots der Titelgeschichte vergleichsweise bescheiden aus. Haben also selbst junge Menschen in unserem Land, die sich überdurchschnittlich bilden und konsequent vernetzen, gegen Polit-Besetzungen in Österreichs wichtigsten Betrieben keine Chance? Um ehrlich zu sein: kaum. Österreich ist kein Pflaster für Karrieren rein internationalen Zuschnitts. Politische Besetzungen gehören hier zur unternehmerischen ­Realverfassung. Jedes größere Unternehmen dieses Landes steht auf irgendeine Art und Weise unter mehr oder weniger starkem Einfluss der öffentlichen Hand. Seitdem der Staat als Retter in der Krise aufgetreten ist, sogar eher noch mehr.
So weit, so ... na ja: Aber werden Österreichs Karrierehoffnungen ausbildungsmäßig und netzwerktechnisch darauf vorbereitet? Zweiteres ja. Jeder, der die Augen nicht vor den Seiten der Wirtschaftszeitungen verschließt, weiß, wie das Land funktioniert. Ersteres: mittlerweile nicht mehr. Die Zeiten, als Absolventen der Wirtschaftsuniversität, der Montanuniversität, der juridischen Fakultät vom Fleck weg auch ins Ausland engagiert wurden, sind vorbei. Das hat nicht nur mit der Wirtschaftslage zu tun. Es ist auch einiges faul im gesamten Bildungsbereich des Landes. Allein wenn die neue Wissenschaftsministerin Beatrix Karl erklärt, dass der universitäre Dialog aufrecht ist, obwohl sich Uni-Professoren und Studenten schon längst vom Gespräch mit ihr verabschiedet haben, hakt etwas gewaltig.

Bleibt die Beantwortung der Frage, wie gut die aktuellen Polit-Personalbesetzungen wirklich sind: Im Fall von Ernest Gabmann und dem öffentlich nachvollziehbaren Vertrauensverlust hat sie der politische ­Eigentümer des Flughafens selbst gegeben. Bei Brigitte Ederer, die es von der Staatssekretärin über Alois Mocks Empathieopfer am Tag des EU-Beitritts zum Siemens- Vorstand mit weltweiter Verantwortung gebracht hat, haben Aufsichtsräte eines weltweiten, börsennotierten Konzerns entschieden. Christian Kern muss die Antwort noch geben. Er ist mit Sicherheit jemand, der auch ohne protzige Einträge im Lebenslauf das Zeug zu einem weltläufigen Manager eines internationalen Unternehmens hat. Es ist ein schweres Dilemma für ihn, dass er auf der einen Seite wirkliche soziale Werte hat, aber mit den ÖBB zugleich die härteste wirtschaftliche Sanierungsaufgabe des Landes übernommen hat, die eigentlich tausende Menschen ihren Arbeitsplatz kosten müsste. Jetzt steht Christian Kern vor der großen Aufgabe, zu zeigen, dass nicht jeder Manager, der ein Parteibuch hat, erste Klasse fährt und zweite Klasse ist.

martinek.thomas@trend.at

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