<small><i>Thomas Martinek</i></small>
Urlaubsmeldung

Im Urlaub zeigt sich die neue Zweiklassengesellschaft. Die, die auch am Strand ständig am BlackBerry hängen, gegen jene, die das Mobiltelefon sorglos ausschalten können.

Die Titelgeschichte des „Spiegel“ „Ich bin dann mal off – über die Kunst des Müßiggangs im digitalen Zeitalter“ hatte etwas berührend Entrücktes an sich. Auf elf Seiten wurde da mit mystischen Fotos und Zitaten großer Philosophen empfohlen, „in einer übereilten Zeit, in der alles viel zu viel wird, vor allem das Blinken und Bimmeln der Handys und Smartphones, das Leben im Stand-by- Modus“ zu führen.

Klingeling, biiiiieeep, tütütüt – Hallo! Aufwachen! Abheben! Das Telefon – nicht selber!

Dass sich viele Menschen wünschen, endlich einmal einen Urlaub in Ruhe und Zurückgezogenheit verbringen zu können, ist nicht gerade eine erst jetzt gewonnene, bahnbrechende Erkenntnis. Die zu stellende Frage lautet vielmehr: Wer kann es sich heute noch leisten, im Urlaub das Mobiltelefon abzuschalten? In Zeiten einer veritablen Wirtschaftskrise haben Zigtausende Leute Sorge um den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Und deshalb akzeptieren sie auch im Urlaub, nicht nur ständig erreichbar sein zu müssen: „Hallo, Mayer, ich weiß, Sie sind in den Ferien, aber wir sitzen da gerade in einem wichtigen Meeting und fragen uns, ob Sie die XY-Unterlagen vor Ihrer Abreise noch aufgearbeitet haben?“ Sondern sie legen es vielleicht auch gezielt darauf an: „Hallo, Chef, ich liege da gerade am Strand und mache mir Gedanken, wie wir das mit der Fusion hinkriegen können.“ Es geht um die Frage: Job haben – oder nicht sein. Ich telefoniere – auch im Urlaub –, also bin ich.

Das ist nicht lustig, aber leider Realität. Es gibt nur wenige Menschen, die sich dem Gesetz der ständigen Erreichbarkeit in unserer modernen Arbeitswelt entziehen können. Es sind entweder solche, die mit dem grenzenlosen Selbstvertrauen auf ihre unersetzlichen Fähigkeiten beim Betreten des Flughafens den Off-Schalter drücken und ihn erst vierzehn Tag später nach der Landung wieder betätigen. Oder es sind jene, die keine Angst vor einem Jobverlust haben müssen. Also Menschen, die in einem geschützten Sektor tätig sind, der kraft seiner rechtlichen Absicherung vor Kosteneinsparungen gefeit ist. Betriebsräte zum Beispiel. Kaum ein Boss wird es wagen, seinen Betriebsrat beim Sangria-Kübeln auf Mallorca zu nerven: „Äh, Müller, verzeihen Sie die Störung, aber diese Rechnung über 3000 Euro, können Sie mir die erklären?“ Nationalbankmitarbeiter werden ihr Handy wahrscheinlich in den Ferien überhaupt zu Hause lassen. Oder kann man sich folgenden Anruf vorstellen? „Guten Tag, N owotny hier, Ihr Gouverneur, sollten Sie mich aufgrund Ihrer vielen Urlaube nicht kennen. Also das mit den 6000 Euro Pension bitt’ ich Sie doch noch einmal zu überdenken.“

ÖBB-Bedienstete haben meist mehrere Mobiltelefone, die auf einem Familienfreiticket laufen. Aber sie lassen im Urlaub, in den sie natürlich fliegen, trotzdem alle zu Hause. Schließlich beinhaltet der Eisenbahner-Kollektivvertrag eine Informationsabschlagsprämie von 50 Euro täglich. Ausgenommen davon ist die Information durch von ÖBB-Inseraten finanzierte Tageszeitungen – aber nur in Österreich. Nur Lehrern darf man keinen Vorwurf machen. Dass Lehrer im Urlaub nicht mit ihrer vorgesetzten Dienststelle telefonieren können – obwohl sie stets beteuern, auch nach dem Schulschluss zu arbeiten –, ergibt sich alleine aus dem Umstand, dass Frau oder Herr Direktor ja auch zwei Monate lang nicht erreichbar sind.

Das Mobiltelefon hat unser Leben fest im Griff. Dass dies Unbehagen hervorruft, ist klar. Ständig nicht nur erreichbar sein zu können, sondern auch sein zu müssen ist ein beinahe unmöglich wirkender Gegensatz zum Wunsch, sich im Urlaub zu erholen. Trotzdem wird es ständig läuten. Kinder wollen ein Handy, weil es ihnen auch am Strand das liebste Spielzeug ist. Erwachsene müssen es haben. Weil es ihren Status anzeigt – und das nicht mehr in einer Zwei-, sondern in einer Dreiklassengesellschaft: Ich telefoniere auch im Urlaub, weil ich mich um meinen Job kümmere. Ich brauche nicht zu telefonieren, weil ich ihn nicht verlieren kann. Oder: Ich telefoniere nicht, weil ich ihn schon verloren habe.

martinek.thomas@trend.at

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