<small><i>Thomas Martinek</i></small>
Unterm Pleiteadler

US-Ökonom Paul Krugman hat vollkommen Recht. Der Offenbarungseid der Republik steht ­unmittelbar bevor.

Der oft erhobene Vorwurf, die angloamerikanische Finanzmafia betrachte Österreich aus unwissender Distanz, geht ins Leere. Der renommierte US-Wirtschaftswissenschafter und Nobelpreisträger Paul Krugman, die Ratingagenturen Moody’s und Fitch, sie alle haben Recht: Österreich steht vor der Pleite.

Kleine Unschärfen in der Argumentation sind nebensächlich. Think big! Nicht so kleinhäuslerisch wie bei uns, wo Kredite mit Nebensächlichkeiten wie Grund und Boden besichert werden. „Too big to fail“, lautet das Motto in Amerika, oder: „You can fail, but never go to jail.“ Bei uns ist das halt anders. Da sitzt Helmut Elsner, der schöne Marcel, für vergleichsweise nix zwei Jahre in U-Haft. Julius, der nicht ganz so fesche, dafür aber fünfte Meinl, muss bis zur Klärung von ein paar kleinen finanziellen Hoppalas 100 Millionen Euro ablegen. Wie kleinlich! In God’s own country schenkt man den armen Leuten, die Lehman, J. P. Morgan und damit halt die gesamte Finanzwirtschaft der Welt in den Sand gesetzt haben, noch Milliarden an Bonuszahlungen. Soll die Fifth’s Avenue auch noch Konkurs anmelden? No way! Dann lieber den American way. Wenn jemand eine Pleite baut, darf er darauf auch noch stolz sein. Er hat ja was riskiert, ist nicht faul im Hinterzimmer (vulgo Austria) herumgesessen. Auch wenn er bewiesen hat: „No, we can’t.“ Gib ihm eine zweite, dritte, vierte Chance – und ein paar Milliarden. Das mit General Motors wird schon wieder, 30 Milliarden Dollar Miese, 324.000 Mitarbeiter vor dem Rausschmiss. Pah, in Österreich sind ja auch schon so viel Menschen arbeitslos.

Jetzt aber ernsthaft: Das Bewundernswerte an der Diagnose Krugmans ist, dass er erkannt hat, dass der ehemalige Ostblock unser Land in den Ruin treibt. Dass es die Verhältnisse sind, die einmal dort – in Tschechien, der Slowakei oder Polen – geherrscht haben, die jetzt aber nur mehr in Österreich anzutreffen sind, kann der gute Mann ja nicht wissen. Ist auch irrelevant. Der ehemalige Ostblock ist hier und jetzt. Das hat der Autor der „New York Times“ gründlich recherchiert: „Hi, Mr. Riegler, stimmt es, dass Sie nicht wollen, dass Schüler in Ihrem Land zwei Stunden pro Woche mehr Ausbildung bekommen?“ „I tell you what, you Mr. Krugscheißer! We have eh only zwei month holiday in se sammer. And we go home at two! Do you understand me!“ „Absolut, Mr. Riegler, arbeiten bis zwei Uhr morgens ist wirklich etwas hart.“

„Hello, Mr. Haberzettl, ich habe gehört, dass die ÖBB pleite ist?“ „Do foahrt die Eisenbahn drüber, Oida. And know you why? Why dieser Spekulationswahn wie bei Lehman auch bei unserer Bahn entgleist ist.“ „Das tut mir aufrichtig leid. Ich habe mir schon immer gedacht, dass man damit nie die Kosten für ihre teuren Pensionisten und ihre noch teureren Tunnelprojekte finanzieren kann.“

„Guten Tag, Herr Neugebauer. Ihr Land steckt in einer wirklich schwierigen Situation. Kündigungen, Kurzarbeit bei den großen, bedeutenden Industriebetrieben. Es wird wohl auch Einsparungen bei den Beamten geben?“ Stille. „Uahahahaha, pfhhh, mah is der …“

„Meine Verehrung, Mister Faymann. Österreich steht vor wirklich großen wirtschaftlichen Herausforderungen. Darf ich Sie nach der Strategie fragen, wie Sie diese bewältigen werden?“ „Na herzlich gerne, aber zuerst würd ich sie bitten, dass wir einen gemeinsamen Fototermin arrangieren, für den Onkel Hans und seine ,Crown Times‘.“

Alles, was US-Ökonom Paul Krugman über Österreich bei einem Auftritt vor Journalisten wirklich sagte, war: „Island und Irland geht es ziemlich schlecht. Österreich könnte sich dieser Liga als drittes Land anschließen.“

Krugmans Analyse, dass Österreich, aufgrund des starken Einflusses Osteuropas auf seine Wirtschaft, vor der Pleite steht, kann diskutiert werden. Wenn auch aus ganz anderen Gründen: Die Länder Osteuropas sind von der Krise schwer getroffen, das trifft in der Folge natürlich auch unser Land. Aber: Die Menschen in der Slowakei, in Tschechien oder Polen sind noch immer bereit, für ihre Wünsche, ihre Träume, ihre Ziele so hart wie möglich zu arbeiten. Sind wir das auch?

martinek.thomas@trend.at

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