<small><i>Thomas Martinek</i></small>
Passivierungspflicht

Konstruktiver Kuschelkurs mit Unternehmern oder 100.000 Arbeitslose mehr? Der ÖGB wählt Letzteres.

Der Begriff „Passivieren“ von Mitarbeitern ist mit Sicherheit eine der unappetitlicheren Wortschöpfungen. Und er ist eine der schlimmsten kommunikationstechnischen Fehlleis­tungen – mit guten Aussichten, zum Unwort des Jahres 2008 zu werden. Nicht nur, weil er einen technokratischen, zynischen und menschenverachtenden Unterton hat – sondern weil er einem genau das Gegenteil darstellenden Programm die Chance auf Akzeptanz nimmt. Kein Mensch will sich „passivieren“ lassen. Aber betrachten wir einmal den Inhalt dieser Wortkreatur: Wer passiviert wird, erhält achtzig bis neunzig Prozent seines Letztgehalts und darf damit sein künftiges Leben frei gestalten, ganz wie es ihm oder ihr beliebt. Will das jemand? Also doch.

Mitarbeitern der Telekom Austria wird dieses Angebot gemacht. Weil immer weniger Menschen über einen Festnetzanschluss telefonieren; weil es aufgrund der weiteren technologischen Entwicklung im Festnetzbereich nicht mehr für alle der 9300 dort beschäftigten Mitarbeiter Arbeit gibt (siehe auch Story Seite 52). Und so wird das Management 1250 Mitarbeitern den Vorschlag machen, mit achtzig bis neunzig Prozent ihres Gehalts weiter ohne Arbeit bei der Telekom zu leben. Das Unangenehme daran ist nur – der Betriebsrat der Telekom Austria will das verhindern. Er spricht von Mobbing, protestiert dagegen und gegen die Unternehmensführung lautstark. Und das Unverständliche daran ist: Während weltweit alle zusammenrücken, gemeinsame Anstrengungen unternehmen, unabhängig von politischen, weltanschaulichen Ausrichtungen, um dieser drohenden Jahrhundertkrise für alle sozial verträglich begegnen zu können, bleibt die Gewerkschaft stur.

Mitarbeitern anderer Unternehmen mag wiederum gerade das zynisch und unmenschlich erscheinen. Sie wissen, dass sie im kommenden Jahr mit anderem zu rechnen haben. Mit einem Totalverlust ihres Arbeitsplatzes. Sie erhalten ein paar Monatsgehälter als Abfertigung, und das war es dann – kein Golden Handshake, keine achtzig, neunzig Prozent Letztgehalt bei freier Zeiteinteilung. Sie werden zwar nicht passiviert, dafür aber aktiv hinausgeworfen. Angesichts der drohenden Arbeitslosigkeit im kommenden Jahr hat der Inhalt des Begriffs „passivieren“ für diese Leute etwas geradezu Menschliches, Beschützendes an sich.

Veit Sorger, Präsident der Industriellenvereinigung, hat ein ähnliches Modell entworfen, wie die mit Sicherheit kommenden Auftragsausfälle bei heimischen Unternehmen ohne große Kündigungswellen überbrückt werden können: In der zu erwartenden auftragsschwachen Zeit sollten Facharbeiter mit 75 Prozent ihres Nettogehalts weiter auf der Payroll des Unternehmens verbleiben. Zwar ohne Arbeit, aber auch ohne Kündigung. Die Reaktion der Gewerkschaftsspitze auf diesen Vorschlag ist die gleiche wie auf das Modell der Telekom Austria. „Unverschämt“, sagt dazu Gewerkschafter Wolfgang Katzian. Der neue ÖGB-Boss Erich Foglar spricht von einer „Frotzelei“. Gleichzeitig erwartet AK-Chef Herbert Tumpel 100.000 zusätzliche Arbeitslose im kommenden Jahr.

Warum stellen sich die Betriebsräte der Telekom und die Spitzen der Gewerkschaft partout gegen derartige Modelle? Es muss ihnen doch einleuchten, dass es in Zeiten eines dramatischen Wachstumsabschwungs dringend notwendig ist, die Massenkaufkraft zu erhalten? Und das geht mit Menschen, die zwar keine Arbeit haben, aber weiter drei Viertel ihres Nettogehalts beziehen, doch viel eher, als mit 100.000 zusätzlichen Beziehern von Arbeitslosengeld?

Der Schluss liegt nahe, dass Foglar und Genossen das zwar sehr wohl wissen, dass sie aber einfach die Krise für sich und die „Bewegung“ nutzen wollen. Proteste und gewerkschaftliche Machtdemonstrationen bringen mehr mediale Aufmerksamkeit und Profilierungschancen als ein konsensualer Kuschelkurs mit Unternehmern. Schließlich ist die Gewerkschaft – nach dem kühlen Rauswurf durch Alfred Gusenbauer aus der Regierung – gerade wieder erstarkt. Und da kommt ihr eine Wirtschaftskrise gerade recht. Jetzt kann sie Stärke demonstrieren – auf den Rücken der drohenden 100.000 zusätzlichen Arbeitslosen.

martinek.thomas@trend.at

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