<small><i>Thomas Martinek</i></small>
Nie mehr Schule

Claudia Schmieds Schul­reform ging aus wie das Hornberger Schießen. Das nährt den Verdacht, dass sich in Österreichs Klassen­zimmern nie etwas ändern wird.

Anfang März war sie noch eine Heldin. Claudia Schmied. Von der „Krone“, ihrem Kanzler und beider Volk gefeiert. Zwei Stunden pro Woche mehr Arbeit für die Lehrer. Als Solidarbeitrag der Beamten in Zeiten der Krise. Das klingt gut. Macht nix, dass es nur ein rasch erfundenes Notargument für die zu schnell bekannt gewordene, aber ganz anders gedachte Maßnahme war. In Wahrheit sollten durch die zwei Stunden Mehrarbeit Einsparungen erzielt werden, um die in den kommenden Jahren extrem ansteigenden Kos­ten für Gehälter von Lehrern in vorgerückten Dienstklassen zu kompensieren. Aber Solidarität in Zeiten der Krise wirkt immer gut – und alle applaudierten. Alle? Nicht alle. Einige wetzten schon die Messer. Und jetzt liegt sie da. Nein, nicht die Bildungsministerin. Aber die Schulreform. Die ist tot. Mausetot.

Wir blicken noch einmal zurück: zwei Stunden pro Woche mehr Arbeit. Ein Nein der Gewerkschaft. Vielleicht eine Stunde mehr? Wieder nein. Dann aber Streichung der fünf schulautonomen Tage. Niemals – nur unter Protest der Lehrer, Eltern und Schüler. Dann halt nur drei, und die Schüler haben frei, aber die Lehrer müssen in die Schule kommen? Das ist doch Schwachsinn. Also weiter fünf schulautonome Tage. Das Ergebnis – ein Hornberger Schießen: Viel Lärm und alles bleibt, wie es ist.

Claudia Schmied ist also mit all ihren Vorstellungen durchgefallen, dafür ist sie jetzt um ein paar Erfahrungen reicher. Die einstige, an rasches Handeln, schnelle, auch unbequeme Entscheidungen gewohnte Bankerin wird jetzt wohl denken: Österreichs Schulsystem ist ein unveränderbarer Betonkomplex. Gehalten vom unverrückbaren Gedankengut und Selbsterhaltungstrieb der Gewerkschaft. Seine Regeln sind ein­zementiert in meterdicke Mauern. Hochgezogen, um die Freizeit- und Ferienansprüche der Lehrer zu verteidigen.

Lehrer sehen das naturgemäß ganz anders. Der Bildungsministerin wird vorgeworfen, sie habe die geplanten Maßnahmen nicht richtig kommuniziert, sei einfach über die Betroffenen „drübergefahren“. Stimmt. Nur war das ursprünglich auch anders geplant – siehe oben. Das Argument, Schmied hätte die Betroffenen besser einbinden sollen, hat trotzdem einen leicht pharisäerhaften Beigeschmack. So als ob man über diesen Fehler im Nachhinein ganz froh gewesen ist, um damit Eingriffe in die Arbeits- und Freizeit geschickt abwehren zu können.

Wenn aber das heimische Schulsystem verändert werden soll – kleinere Klassen, eigene Arbeitsplätze für alle Lehrer, modernere Gebäude, zeitgemäße EDV-Ausstattung und, und, und –, dann kostet das Geld. Schmieds Versuch, ihr Budget durch die geplante Mehrarbeit zu entlasten, um dafür genug Mittel zur Verfügung zu haben, hätte schon Sinn gemacht. Denn dass in Zeiten der Krise die Steuereinnahmen nicht so üppig sprudeln, ist doch sicherlich auch den Lehrern klar. Schließlich wurden ihnen ja noch Zulagen gestrichen. Doch das reicht halt nicht. Wenn dem Bildungsminis­terium jetzt beispielsweise die Mieten für die Schulgebäude gestundet werden, fehlen 240 Millionen Euro. Und der Streit zwischen Finanzminister Pröll und Schmied um die Zahlungen der Zinsen für den Kredit, der die 240 Millionen abdeckt, zeigt, wie eng der Gürtel sitzt. Die Lehrer müssen sich deshalb zumindest die Frage gefallen lassen, ob sie sich nicht doch lieber für die alten Gebäude, die engen Lehrerzimmer und keine PCs entschieden haben, dafür aber halt weiter eine für ihr Einkommen akzeptable Ferien- und Arbeitszeit genießen können.

Was von dem ganzen Kampf zwischen Schmied, Lehrern und Gewerkschaft bleibt, ist die Verunsicherung der Eltern, ob und wie die Reform der öffentlichen Schulen jetzt tatsächlich weitergeht. Immer mehr zweifeln daran und wählen für ihre Kinder Privatschulen. Dass dort auch nicht immer alles zum Besten steht, zeigt die Titelgeschichte auf Seite 86. Die Unterrichtsministerin muss also die letzte Klasse wiederholen. Hoffentlich schafft sie es im nächsten Anlauf.

martinek.thomas@trend.at

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