<small><i>Thomas Martinek</i></small>
Geld regiert wieder die Welt

Niemand hat aus der Krise etwas gelernt, dafür leben wir in Frieden. Schlecht?

Der Tenor ist einhellig: Ein Jahr nach dem Ausbruch der Krise hat die Welt noch immer nichts gelernt. Strengere Regulierungen der Banken und Finanzmärkte für hoch riskante Derivatgeschäfte sind freundliche Versprechungen geblieben. Der Wandel von umweltbelastenden Technologien hin zu erneuerbarer Energie hat nicht stattgefunden. Nicht Forschung und Entwicklung von zukunftsweisenden neuen Erfindungen wurden gefördert, sondern Milliarden sind in die alte bis veraltete Wirtschaft geflossen. Geschätzte 7300 Milliarden Euro wurden in diesem einen Jahr der Krise verbrannt. Macht 1000 Euro pro Kopf und Nase jedes Menschen auf dieser Welt. Für nichts und wieder nichts? Ist es wirklich so, dass ein Jahr nach der Pleite von Lehman Brothers und dem nachfolgenden Beinahekollaps der Weltwirtschaft gilt: Außer Spesen nichts gewesen?

Ja natürlich! Sagt eine seltsame Allianz alternativ geprägter auf der einen und liberal bewegter Menschen auf der anderen Seite: Die große Chance, komplett umzudenken, wurde verspielt. Die Möglichkeit, alte Strukturen aufzubrechen, wurde vertan. Der historische Augenblick, die Welt zu retten, ihr eine echte Zukunft zu geben, wurde verpasst.

Gott sei Dank! Sagt der Realist. Denn in die nach einem Jahr Tanz auf dem Vulkan gezogenen Bilanzen sollten vielleicht auch ein paar andere Überlegungen einbezogen werden:

Allein in Österreich steht bald jeder Zehnte ohne Job da. Nur: Hätte die Regierung nicht so agiert, wie sie agiert hat, sähe die Arbeitslosigkeit noch weitaus katastrophaler aus. Es wäre nicht jeder Zehnte, es wäre jeder Fünfte arbeitslos. Eine Situation, die schon einmal vor 70 Jahren einen Flächenbrand entfacht hat, durch den weltweit mehr vernichtet wurde als Geld und Wohlstand. Das Potenzial an sozialen Unruhen, das die Wirtschaftskrise in sich getragen hat, wurde während der Krise kaum wirklich thematisiert. Dabei zeigt schon die in Österreich immer härter ausgetragene Integrationsthematik, die natürlich nichts anderes ist als eine Verteilungsproblematik unter dem vordergründigen Aspekt „Islam oder daham?“, welches Konfliktpotenzial in ihr steckt. Wahlkampftaktisch vereinfacht gesagt: Wien darf nicht Vorarlberg werden.

Die Wirtschaftsforscher sprechen leise, aber doch immer öfter vom Ende der Krise. Was eine seltsame Wahrnehmungsschere aufgehen lässt. Jetzt, wo die Menschen die Krise so gerne aus ihren Köpfen wieder löschen würden, besetzt sie ihre Wohnungen, vernichtet ihre Arbeitsplätze, nistet sich in ihren Bankkonten ein – und wird dort noch lange bleiben. Denn nicht nur die Menschen, auch der Finanzminister steht ohne Geld da. Aber: Wäre nicht nicht vorhandenes Geld zur Unterstützung von Banken, zur demonstrativen Ausstattung ihrer Sicherheit an sie verteilt worden, wäre eine wirkliche Katastrophe gekommen. In Form von Menschenschlangen vor den Bankfilialen, die ihre Ersparnisse abheben wollen; die damit den Bankenkrach wirklich herbeigeführt hätten; die eine Spirale in Gang gebracht hätten, deren Wirbel die Wirtschaft unseres Landes in die Steinzeit katapultiert hätte.

Es wurden großzügige Verschrottungsprämien verschenkt. Eine ökologische Perversität – natürlich. Denn damit wurde nicht eine umwelttechnologisch zukunftsorientierte Branche unterstützt, sondern die Produzenten der althergebrachten Stinker. Nur: Der größte Arbeitgeber in Europa ist noch immer die Automobilindustrie. Das heißt: Die Rettung von Opel in Deutschland bedeutet auch ein wenig die Rettung des sozialen Friedens in Europa.

Das sind nur drei, wenn auch nicht unerhebliche Argumente, warum die Welt sehr wohl gerettet worden ist. Warum die Vision eines radikalen ökonomischen Paradigmenwechsels zwar ein nettes Gedankenspiel sein kann – aber Gott sei Dank nicht mehr geworden ist. Die Weltwirtschaft stand wirklich am Rande eines Abgrunds. Sie wurde nur deshalb vor dem ganz tiefen Fall bewahrt, weil man sie damit davor bewahrt hat, was sie dorthin gebracht hat: mit Geld. Das sagen mittlerweile linke genauso wie rechte Ökonomen. Regierungen und Notenbanken haben ihren Job bislang ganz gut gemacht: Sie haben Geld fließen lassen. Sie haben nicht an die Zukunft, sie haben an die Gegenwart gedacht. Jetzt muss nur noch darauf geachtet werden, dass die Zukunft doch besser beginnen kann.

martinek.thomas@trend.at

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente