Strahlende Zukunft der Atomkraft: Energiebedarf beschert ein Revival

Nach langen Diskussionen um den endgültigen Ausstieg aus der Atomenergie beschert der weltweit steigende Energiebedarf der Kernkraft jetzt ein unerwartetes Comeback. Begründet wird das mit neuen Technologien – aber die Risken sind trotzdem noch da.

Von Michael Moravec und Peter Sempelmann

Angela Merkel wird in die deutsche Geschichte eingehen. In einigen Jahrzehnten wird man sich an sie als jene Kanzlerin erinnern, die den angepeilten Ausstieg Deutschlands aus der Atomkraft auf die lange Bank geschoben hat. Noch im Februar hatte der deutsche Umweltminister Norbert Röttgen den Fahrplan dafür bestimmt. Spätestens im Jahr 2030 sollten die erneuerbaren Energien so leistungsfähig sein, dass alle zwölf heute noch in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke mit ihren siebzehn aktiven Reaktoren endgültig abgeschaltet werden könnten.

Ein halbes Jahr später ist davon keine Rede mehr. Merkel, ehemals selbst Umweltministerin, meint jetzt, es wäre lächerlich, wenn Deutschland, das Land mit den sichersten Atomkraftwerken der Welt, diese einstelle und stattdessen – um ein gutes Gewissen haben zu können – Atomstrom aus dem Ausland importiere. Die deutschen Kernkraftwerke sollen daher um durchschnittlich zwölf Jahre länger als ursprünglich geplant am Netz bleiben. Auch die Erforschung des geplanten Atommüll-Endlagers in Gorleben soll wieder aufgenommen werden.

Die Proteste der Atomkraftgegner ließen nicht lange auf sich warten. Mitte September demonstrierten in Berlin knapp hunderttausend gegen Merkels Atompolitik, Anfang Oktober gingen in München 50.000 Kernkraftgegner auf die Straße und ließen dabei das alte „Atomkraft? Nein danke“ aus den achtziger Jahren im Wind flattern.

Dabei befindet sich Merkel mit ihren Plänen aber in guter Gesellschaft. Trotz der einhelligen Bekundung, in Zukunft vermehrt alternative Energien nutzen zu wollen, erlebt die Atomkraft ein Vierteljahrhundert nach der Katastrophe von Tschernobyl weltweit ein Comeback. Mitte Juni hat das schwedische Parlament den im Jahr 1980 für 2010 festgelegten Atomausstieg kurzerhand aufgehoben. Gleichzeitig wurde das Verbot für den Neubau von Atommeilern, das dreißig Jahre lang gegolten hatte, fallen gelassen. Jetzt sollen die zehn mittlerweile altersschwachen Reaktoren, mit denen Schweden immer noch die Hälfte des eigenen Stroms produziert, gegen neue ausgetauscht werden.

Auch in Spanien kam im Juni der Ausstieg vom Ausstieg. Die Laufzeit für das Kernkraftwerk in Almaraz, das zu Jahresende vom Netz genommen werden hätte sollen, wurde um zehn Jahre verlängert. In England hatte Wirtschaftsminister John Hutton schon Anfang 2008 das Revival der Atomenergie eingeleitet. „Atomkraft ist sauber, sicher und bezahlbar. Sie wird uns helfen, die doppelte Herausforderung von Klimawandel und Sicherung der Energieversorgung zu bestehen“, meinte er und forderte eine neue Offenheit gegenüber der Technologie anstelle der alten Vorurteile, die das Denken so lange verwirrt hätten. 2009 folgte schließlich der Beschluss zum Bau von insgesamt acht neuen Atomkraftwerken – den ersten seit zwanzig Jahren.

Die Liste ließe sich lange weiterführen. In Finnland, Frankreich und in Italien werden ebenfalls neue Anlagen gebaut. Die tschechische Regierung hält ungeachtet der Proteste weiter am Ausbau ihrer Kernkraftwerke in Temelin und in Dukovany fest. Die Niederlande sind vom Anti-AKW-Kurs abgeschwenkt, ebenso die USA, Russland, China und Indien. Ja selbst die vom Super-GAU in Tschernobyl schwer getroffene Ukraine will 22 neue Reaktoren in Betrieb nehmen. Laut World Nuclear Association sind derzeit weltweit insgesamt 58 Atomkraftwerke in Bau und fast 500 Reaktoren in Planung.

Das weltweite Comeback der Kernkraft findet also längst statt, und in den Uranminen werden Sonderschichten eingelegt. In Australien, dem Land mit den weltweit größten Vorkommen, ist ein Uranrausch ausgebrochen. Westaustralien hat das Verbot des Uranabbaus aufgehoben und richtet eine neue Mine ein, aus der jährlich 8000 Tonnen des für die Kernkraftwerke benötigten Metalls kommen sollen. Die größte Uranmine, Olympic Dam in Südaustralien, will ihre Förderkapazität von 4000 Tonnen auf 19.000 Tonnen jährlich steigern.

Dass im fernen, mit kostenloser Wasserkraft gesegneten Österreich einige Umweltaktivisten etwas dagegen haben könnten, berührt weder die Aussies noch die meisten anderen Regierungspolitiker in den großen Staaten.

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