Sprünge in der gläsernen Decke:
Die mächtigsten Frauen des Landes

Österreich ist das einzige EU-Land, in dem die Zahl weiblicher Vorstände und Aufsichtsräte seit 2006 gesunken ist. Dennoch wird sich auch hierzulande Frauen-Power nicht aufhalten lassen. Nun zieht erstmals eine Frau in den Aufsichtsrat des Verbund-Konzerns ein.

Von Karl Riffert

Das Angebot kam auf der Piste, beim Skiurlaub in Zürs. Ob sie denn nicht Aufsichtsrätin bei der Verbund-­Gesellschaft werden möchte, wurde Christa Wagner ­gefragt. Eigentlich sollte das nichts Besonderes sein, aber für ­österreichische Verhältnisse war es ein erstaunliches Offert. Der Verbund ist immerhin Österreichs größter Stromkonzern mit ­einer Marktkapitalisierung von neun Milliarden Euro. Und vor allem gilt gerade der Verbund-Aufsichtsrat seit Jahrzehnten als hermetisch geschlossener Herrenclub.
Christa Wagner sagte zu. An unternehmerischer Erfahrung mangelt es ihr nicht. Die 50-jährige Chefin des oberösterreichischen Fenster- und Türenherstellers Josko und Mutter von drei Kindern ist auch in ihrem eigenen Haus erfolgreich. Den Umsatz des von ihrem Vater als Zweimannfirma gegründeten Unternehmens hat Wagner seit der Übernahme der Geschäftsführung im Jahr 2000 verdoppelt. Josko beschäftigt 670 Mitarbeiter und ist hinter Internorm auf Platz zwei der Branche vorgerückt. Schon mit 22 gründete die Tochter einen eigenen Betrieb für Kunststofffenster ­namens Ecotherm, der mittlerweile in die Gruppe integriert wurde.
Erfolg zu haben und gleichzeitig drei Kinder großzuziehen ist für Wagner keine Hexerei: „Ich habe einfach gelernt, viel zu delegieren. Das bedeutet, auch Mitarbeitern Vertrauen zu schenken. Viele Männer glauben, alles selber machen zu müssen, weil sie Angst haben, Macht zu verlieren. Aber man muss keine siebzig Stunden pro Woche arbeiten. Da macht man sich nur kaputt.“
Dass sie jetzt noch in den Verbund-Konzern einzieht, hängt wohl auch mit einem mutigen Investment des Familienunternehmens zusammen. Wagner: „Wir haben vor zwei Jahren in ein ­eigenes Kleinkraftwerk viel Geld gesteckt. Das Projekt wird sich erst in zwanzig Jahren amortisieren. Viele Manager würden das nicht machen, aber wir denken langfristig.“

Langsames Umdenken. Der Einzug der tüchtigen Oberösterreicherin, die gerne Röcke und hohe Absätze trägt, in die oberste Verbund-Etage ist ein Indiz für ein Umdenken in Österreich. Sehr langsam, aber doch mehr und mehr werden Mitglieder des gar nicht so schwachen Geschlechts mit Führungsrollen betraut.
Laut Statistiken verschwinden Frauen auf dem Weg nach ganz oben noch immer wie Schiffe im Bermuda-Dreieck. 55 Prozent aller Universitätsabsolventen in Europa sind weiblich. Und sie haben auch noch bessere Noten als ihre männlichen Kollegen. Auf den mittleren Ebenen von Unternehmen findet man inzwischen zahlreiche weibliche Führungskräfte. Aber sucht man nach dem weiblichen Element dort, wo die wirkliche Macht in Unternehmen liegt, wo die großen strategischen Entscheidungen getroffen werden, in Aufsichtsräten und Vorständen also, sind Frauen selten wie farbenfrohe Orchideen.
In den Führungsetagen europäischer Unternehmen kommt auf neun Männer eine Frau, in Aufsichtsräten sind es sogar noch weniger. In der Hälfte aller heimischen Firmen findet sich weder im Vorstand noch im Aufsichtsrat eine einzige Frau. Nimmt man die zweihundert größten Unternehmen des Landes unter die Lupe, stößt man unter den 1498 Aufsichtsräten auf einen mikroskopisch kleinen Anteil von nur 8,7 Prozent Frauen.
Gibt es also die viel zitierte gläserne Decke? „Nein“, meint Viktoria Kickinger, die selbst vier Aufsichtsratspositionen innehat, unter anderem beim Automobilzulieferer Polytec und beim ­IT-Dienstleister S&T. „In Wirklichkeit ist es ein Labyrinth, in das man Frauen hineinschickt. Es sagt keiner: Bewirb dich nicht für den Vorstand! Lass das mit dem Aufsichtsrat! Man wird im ­Gegenteil mit einer Karotte ins Labyrinth geschickt und endet meist im Nirwana.“
„Frauen werden eher als störend empfunden“, urteilt Sabine ­Fischer, die seit 2004 bei ihrer Networking-Veranstaltungsreihe
„Women talk Business“ über 4000 Managerinnen zusammengebracht hat. „Während viele Männer, die mitunter fünfzehn und mehr Aufsichtsratsposten bekleiden, sich oft erst im Aufzug auf dem Weg zum Sitzungssaal die Tagesordnung ansehen, bereiten sich Frauen in der Regel akribisch vor – und setzen ihre männlichen Kollegen damit unter Druck.“ Ähnlich sieht das auch ­Kickinger nach jahrelanger Erfahrung in staatsnahen Unternehmen: „Es gibt Aufsichtsräte, die immer zu spät kommen, zwischendurch telefonieren und konsequenterweise auch früher gehen. Das würde keine Frau, die ich kenne, tun.“

Quotenregelung. In Österreich wird bereits da und dort eine Quotenregelung diskutiert, die wie in Norwegen oder in Zukunft auch in Spanien einen weiblichen Mindestanteil von vierzig Prozent in Verwaltungsräten vorschreibt. Doch auch viele erfolgreiche Frauen lehnen das ab. Elisabeth Bleyleben-Koren etwa, Noch-Vorstand der Erste Bank und Inhaberin von acht Aufsichtsratsmandaten: „Viele Managerinnen möchten keine Quotenfrauen sein. Wir kommen aus einer Geschichte, wo es eben eine völlig andere Rollenverteilung gab, und erleben jetzt einen evolutionären Prozess. Je mehr Frauen es in die Führungsebenen schaffen, umso größer wird auch der Topf weiblicher Aufsichtsräte.“ Und: „Man sollte die Anzahl der Mandate begrenzen. Wenn man seinen Job ernst nimmt, kann man nicht in fünfzehn Aufsichtsräten sitzen. Dann werden automatisch mehr Plätze für Frauen frei.“
Bawag-Vorstand Regina Prehofer plädiert hingegen für gesetzlichen Zwang: „Ich war früher gegen eine Quote, habe aber meine Meinung geändert, weil die Strukturen zu festgefahren sind. Es gibt inzwischen längst genügend qualifizierte Frauen.“
Auch „Heute“-Herausgeberin Eva Dichand spricht sich für eine Quotenregelung und flankierende Maßnahmen aus: „Ein Mann kann zum Beispiel drei Sekretärinnen und zwei Chauffeure von der Steuer absetzen, eine Managerin aber höchstens 2000 Euro jährlich für ein Kindermädchen, und auch das erst seit Kurzem. Die Kinderbetreuungsfrage halte ich für eine ganz entscheidende.“ Das sieht auch Josko-Chefin Christa Wagner so: „Zu wenige ­Managerinnen sind bereit, sich ein Back-up zu schaffen. Wenn man Kinder und Karriere vereinbaren will, muss man einfach ­bereit sein, einen Teil seines Einkommens für ein Kindermädchen zu investieren. Man muss im Kopf frei sein und darf wegen der Kinder nicht permanent ein schlechtes Gewissen haben.“

Old-Boys-Clubs. Dass weibliche Sichtweisen in vielen Firmen noch immer untergewichtet sind, liegt nicht zuletzt an den festgefahrenen Zirkeln, in denen die Auswahl getroffen wird. „Männer kommt es meist gar nicht in den Sinn, Frauen für solche Positionen in Betracht zu ziehen“, meint der Wiener Unternehmensberater Alois Czipin. „Bei Bestellungen werden die eigenen ­Bekannten gewählt oder Vertraute des Eigentümers.“ Gerade diese Usancen sehen Kritiker wie etwa Heinz Leitmüller von der Wiener Arbeiterkammer als problematisch an: „Es existiert ein sehr enges, ­informelles Old-Boys-Network bei der Vergabe von wichtigen Positionen, wo Außenstehende nur geringe Chancen haben. Die ­Folge ist, dass sich innerhalb des Old-Boys-Clubs Vorstand und Kontrollgremium gegenseitig nicht wehtun.“
Studien legen jedoch nahe, dass weibliche Aufsichtsräte und Vorstände zu besserer Performance führen können. McKinsey verglich US-Großunternehmen aus den verschiedensten Branchen. Das verblüffende Ergebnis: Unternehmen mit hohem Frauenanteil erzielten im Schnitt um zehn Prozent höhere Umsätze, ein 48 Prozent höheres Betriebsergebnis und eine dementsprechend bessere Börsenperformance. „Es macht eben sofort einen Unterschied, ob zwei Frauen in einem Gremium sitzen“, wundert sich Elisabeth Bleyleben-Koren gar nicht, „und zwar einen sehr positiven.“

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