So gut ist Österreich: Die Heimat zwischen
Selbstmitleid und Selbstbewusstsein

Zwischen Selbstbewusstsein und Selbstmitleid, niedriger Arbeitslosigkeit und hohem Kulturbudget – den Vergleich mit dem Rest der Welt brauchen wir nicht zu scheuen.

Von Franz C. Bauer, Reginald Benisch, Ingrid Dengg, Oliver Judex, Othmar Pruckner, Peter Sempelmann

Bisweilen können Hymnen ganz schön verräterisch sein. Etwa das martialische „Voran, ihr Kinder des Vaterlandes“ der Franzosen. Oder das majestätische „God save our gracious Queen“ der Briten. Aber auch unser gemächliches „Land der Berge … Land der Hämmer …“ Würde Paula von Preradovic heute anders texten – etwa „Land der Server“? Oder vielleicht gar „Land der Frühpensionisten“?

Schlagzeilen künden von Krise, Arbeitslosigkeit, Schuldenbergen. Die Zeiten sind kälter geworden, aber „hier drinnen“ ist’s immer noch gemütlich im Vergleich mit „dort draußen“: Die in der Bundeshymne besungenen Vorzüge – landschaftliche Schönheit, die „Hämmer“, die für traditionelle Industrie stehen – setzt Österreich in klingende Münze und hervorragende Platzierungen bei den verschiedensten Rankings um. Das „Volk, begnadet für das Schöne“, erreicht in der UN-Reihung nach menschlicher Entwicklung unter 182 Ländern den hervorragenden 14. Platz. Im Tourismus sind wir spitze, im Verhältnis zieht nur Malaysia noch mehr Menschen an als Österreich. 14,8 Milliarden Euro trugen Touristen vergangenes Jahr ins „Land der Berge“, bevölkerten Skipisten, Festspiele, Badeseen. Und Wien schaffte in der vom internationalen Consultingunternehmen Mercer ermittelten Lebensqualitäts-Hitparade erstmals den Rang eins. Ob Infrastruktur, politisches und soziales Umfeld, Sicherheit, Zugänglichkeit von Kommunikationseinrichtungen – in der Mercer-Studie schlägt die Bundeshauptstadt immerhin 224 Mitbewerber, lässt das coole London, das schicke Paris und das pulsierende New York hinter sich.

Mit der Coverstory versucht der trend erstmals in Österreich eine umfassende Standortbestimmung, und zwar keineswegs ausschließlich auf den Bereich Wirtschaft bezogen. So wie Analysten bei der Beurteilung von Unternehmen immer öfter auch die ökologische und soziale Verträglichkeit von Aktivitäten bewerten, so nehmen wir hier ebenfalls zahlreiche Aspekte unter die Lupe – und entdecken dabei auch so manche Ungereimtheit. Wie passt es etwa zusammen, dass Österreich so viele Menschen aus aller Welt anzieht, eine nachgewiesen hohe Lebensqualität bietet – aber dennoch zu den Ländern mit der höchsten Selbstmordrate zählt? Vielleicht „verkauft“ sich das Land seinen eigenen Bewohnern gegenüber nicht gut genug? Schwächen im Eigenmarketing, der Selbstpräsentation orten jedenfalls jene Menschen, die Österreich von innen wie auch von außen gleichermaßen gut kennen: Korrespondenten ausländischer Zeitungen, Österreicher, die lang im Ausland gelebt haben oder dort noch leben. So meint etwa Charles E. Ritterband, Österreich-Korrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung“, Wien präsentiere sich schlecht. Der in Hamburg als Chef eines Pharmaunternehmens tätige Werner Lanthaler bemängelt das schräge Selbstbild, in dem wenig Platz für wissenschaftliche Leistungen bleibt und Mozart als Identitätsstifter dominiert.

Selbst in Bereichen, in denen wir uns traditionell (und völlig zu Recht) als „gut“ bezeichnen, kommt unter der glänzenden Oberfläche da und dort der Rost zum Vorschein. So beruht etwa die tatsächlich überdurchschnittlich gute Position bei der Arbeitslosigkeit schlicht darauf, dass die Beschäftigung in den entwickelten Ländern bereits 1974 nach der ersten globalen Ölkrise einen Knick abbekam, Österreich hier aber erst 1981 folgte. Gut, wir haben den Vorsprung aus der Vergangenheit gehalten, mehr aber auch nicht. Der Preis dafür ist ohnedies hoch: Österreich zählt zu den Ländern mit der niedrigsten Beschäftigungsrate älterer Menschen. Der frühe Eintritt ins Pensionssystem belastet das Sozialbudget.

Aus den „Hämmern“ der Bundeshymne entwickelte sich eine leistungsfähige, effiziente, moderne Industrie – aber in überwiegend traditionellen Sektoren. Bei der Forschungsförderung reicht es gerade für einen Platz knapp oberhalb des EU-Durchschnitts. Vieles wird privat finanziert, doch die Börse als Institution, die Kapital für Innovation bereitstellt, versagt weitgehend.

Österreich auf dem Prüfstand, das gibt ein Bild mit sehr viel Licht und verhältnismäßig wenig Schatten. Doch die Schatten werden länger. Wir werden uns anstrengen müssen, damit wir an der Spitze bleiben, damit das „Land der Hämmer, zukunftsreich“ diese Zukunft nicht verspielt.

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