Sind Sie ein Verbrecher?
<i>Von Christian Rainer</i>

Sie lassen sich zum Opernball einladen? Das hätte ich nicht von Ihnen gedacht. Lesen Sie hier, warum!

Am 11.11. um 11 Uhr 11 begann für den Mann von der Straße der Fasching und für den Mann von Parkett die Ballsaison. Da stellten sich schon immer heikle Fragen. Sind Frackhemd, Weste und Schleife gewaschen, gestärkt und gebügelt? (Wo ist das verdammte Zeug überhaupt?) Passt der Frack noch? (Oder so: Ist die Brust übers Jahr geschwellt?) Haben die Perlmuttknöpfe das Jahr im Zahnputzbecher der Gemahlin überlebt? (Und wo ist eigentlich die Gemahlin?)

In diesem Jahr kommen einige neue Fragen dazu: Werde ich am Tag nach dem Opernball eingesperrt? Müssen alle meine Gäste ins Gefängnis oder nur die Herren? Welcher südamerikanische Staat hat kein Auslieferungsabkommen mit Österreich?

Alles ist verdächtig
Wein, Weib, Gefängnis. Übers Jahr sind in unserer geliebten Republik (und schon zuvor bei unseren teilweise geliebten deutschen Nachbarn) ein paar Gesetze in Kraft getreten, welche eine derartige Fortentwicklung eines Tanzereignisses gleich im Anschluss ans „Brüderlein fein“ möglich machen. Es geht um Korruption und um deren Bekämpfung. Grob gesagt, ist nun alles verdächtig. Einladungen so ziemlich jeder Art sind verboten, deren Annahme noch viel mehr. Das betrifft Personen, zwischen denen durch eine Einladung Geschäfte zustande kommen könnten, die sich in der Folge nicht nach den Regeln der freien Wirtschaft richten würden, sondern nach jenen der Freunderlwirtschaft. (Die renommierte Wiener Anwaltskanzlei Lauter & Redlich überprüft gerade, ob es in Zukunft gestattet ist, den eigenen Lebensabschnittspartner mitzunehmen, da dies die eheliche Gütergemeinschaft ins Zwielicht stellen könnte.) Besonders bei deutschen Gästen kommt noch hinzu, dass die steuerliche Komponente einer derartigen Einladung nicht letztgültig geklärt ist (oder eigentlich schon, sodass es inzwischen zum guten Ton gehört, ihnen den Preiszettel für jedes Gläschen Sprudel nachzuschicken).

Verschärfte Regeln nur nicht im Parlament
Verschärfte Regeln gelten jetzt im Besonderen, sobald der Staat ins Spiel kommt. Auf die Einladung von Beamten, Mitarbeitern staatsnaher Betriebe und ähnlichem Gesocks steht angeblich die Todesstrafe, für die Betroffenen soll die Strafdrohung noch schlimmer sein. Ausgenommen haben sich bei ihrem Gesetzesbeschluss im Parlament lediglich die Abgeordneten, zweifellos mit Recht, denn bei ihnen kann Bestechlichkeit aufgrund jahrzehntelanger Erfahrung ausgeschlossen werden. Immerhin wurde – nicht für Beamte – eine Wertgrenze eingezogen, bei deren Beachtung sich durchaus eine Burenhaut an Hopfengetränk beim Würstelstand vor der Oper ­finanzieren lässt.

Geldgeber sind unglücklich
Nun bin ich in Fragen von korrektem Verhalten versus Unterschleif eher ein regeltreuer Charakter. Der Fern­seher ist auch am Zweitwohnsitz angemeldet, und der italienische Sportwagen wird bei 50 Hektolitern pro Stunde abgeregelt. Dennoch bringe ich einiges Verständnis für die Präsidentin der Salzburger Festspiele auf, die über die neue Gesetzeslage nicht unlaut zetert. Zumal ihre Geldgeber unglücklich sind: Denn die wissen nicht, ob sie aus den durch Sponsortätigkeit erstandenen Karten Konfetti machen sollen oder doch etwas Ernsthafteres, zum Beispiel Lametta.
Die neuen Regeln sind denn doch eher Unsinn. Und zwar nicht, weil sie „keine Rücksicht auf die Realität nehmen“, wie mir ein Papierindustrieller bei einem kleinen Rundruf klagt. Denn in dieser „Realität“ sind Bestechung und Beeinflussung durch Geschenke natürlich an der Tagesordnung. Und das soll nicht so sein. Auch nicht, weil die „Wertgrenzen zu niedrig sind“, wie ein Finanzier der Fußball-Europameisterschaft sagt. Für unredliches Verhalten gibt es keine Bagatellgrenze.

Vielmehr können die Verbote eben nicht zwischen sauber und dreckig unterscheiden. Da werden Einladungen im Freundeskreis in einen Topf geworfen mit der Anbahnung von Waffenkäufen. Aus familiärem Umgang wird automatisch eine Mafia-Familie.
Die Gesetze gehören weg. Stattdessen braucht es eine Veröffentlichungspflicht für alle einschlägigen Zuwendungen, vom Doppler „Goldene Reblaus“ an den Finanzbeamten bis zu den Geschenken an den Heiligen Vater anlässlich seines jüngsten Staatsbesuchs. Dann kann sich jeder Bürger ein ­eigenes Bild machen – und bei schillernden Bildern auch ein Staatsanwalt.

Von Christian Rainer

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