Siemens: In Kleinfelds Schatten

Radikale Entscheidungen der deutschen Zentrale zwingen Siemens- Österreich-Chefin Brigitte Ederer zu einem Totalumbau ihres Reichs. Der bisherigen Vorzeigegesellschaft des Münchner Technologieriesen droht eine schleichende Entmachtung.

Zwei Utensilien reichen, um bei Siemensianern ein viel sagendes Zucken um die Mundwinkel auszulösen: das Nokia-Handy eines Journalisten und ein Mineralwasserglas. Brigitte Ederer weiß aber auch, was sich gehört. Ein kurzer Blick auf das Handy des Visavis nebst Glas, dann sagt sie auf eine entsprechende Bemerkung nur: „Ich habe nicht vor, Ihr Eigentum zu zerstören.“ Es ist die einzige leise Abgrenzung, die sie gegenüber ihrem Oberboss vornimmt.

Siemens-Chef Klaus Kleinfeld hatte im November 2004 das Mobiltelefon eines italienischen Journalisten in einem Glas Mineralwasser versenkt. Es sollte demonstrieren, wie entschlossen der frisch bestellte Chef ist und wie überzeugt von der Überlegenheit seiner Produkte – das Handy bestand den Tauchtest wie berechnet nicht.

Ederer, seit fast einem Jahr Chefin von Siemens Österreich, würde derlei aber nie hämisch kommentieren. Denn der Rest der Geschichte ist traurig genug: Es ist die Geschichte vom Bankrott eines einst zukunftsträchtigen Siemens-Bereichs – und von krassen Fehlentscheidungen des obersten Managers. Weil die Sanierung nicht glückte, bekam 2005 der koreanische BenQ-Konzern die Handysparte nachgeschmissen. Ende September dieses Jahres ging die deutsche Tochter BenQ Mobile mit 3000 Mitarbeitern pleite.

Großbaustelle Siemens. Ederer widmet sich längst anderen Aufgaben – aber auch die hat sie großteils Kleinfeld zu verdanken. Nicht einmal die Auszeichnung zur „WU- Managerin des Jahres 2006“, die sie am 6. November entgegennehmen wird, wird sie genießen können. Weniger, weil sie in Zusammenhang mit solchen Ehrungen „ein wenig abergläubisch“ ist. Nein, tags darauf beginnen voraussichtlich Protestveranstaltungen des Siemens-Österreich-eigenen Softwarehauses PSE, die bis hin zum Streik reichen können. Anlass: die geplante Ausgliederung von mehr als 200 PSE-Mitarbeitern in eine neue Gesellschaft für Telefonanlagen (Siemens Enterprise Communications = SEC, siehe Tabelle Seite 50), für die ein Käufer gesucht wird. Die Aktionen sollen ein Rückkehrrecht der Ausgegliederten im Falle der Insolvenz erzwingen – viele fürchten ein BenQ-Schicksal.

Neben der Streikgefahr muss sich Ederer aber mit Volldampf der Neuordnung ihres Reichs widmen. Wenn am 4. Dezember der Aufsichtsrat in der Wiener Siemensstraße tagt, wird auch über ein Projekt befunden, das die völlige Neuorganisation eines Großteils der österreichischen Aktivitäten zum Inhalt hat.

Anstatt den verlustreichen IT-Dienstleister Siemens Business Services (SBS) wie ursprünglich angekündigt zu verkaufen, hat Kleinfeld jüngst entschieden, ein eigenes Geschäftsfeld namens Siemens IT Solutions & Services (SIS) einzurichten. Das hat zwar den Vorteil, dass die 1300 österreichischen SBS-Mitarbeiter nicht auch noch ausgegliedert werden. Dafür soll just die PSE, die mit 3000 Mitarbeitern fast

40 Prozent der Siemens AG Österreich („Sagö“) stellt, der neuen Sparte untergeordnet werden – und damit womöglich dem direkten Zugriff der österreichischen Generaldirektorin entzogen.

„Die konkreten Strukturen für SIS werden bis Jahresende festgelegt“, gibt sich Ederer noch hoffnungsfroh, aber wenig kämpferisch. „Ich würde schon dafür plädieren, den Zusammenhang zur Sagö aufrechtzuerhalten.“ Klar ist auch: Die Entscheidung fällt in München.

Befehlsempfänger? Trotz Erfolgen wie der Ansiedelung des weltweiten Siemens-Kompetenzzentrums für Biometrie in Graz gleicht Ederers Arbeit in den letzten Monaten eher einem Abwehrkampf. Nicht wenige sehen ihren Spielraum im Gesamtkonzern drastisch schwinden. „Die Freiheiten, die ihr Vorgänger hatte, hat sie nicht mehr“, urteilt KTM-Chef und Investor Stefan Pierer, der beim Verkauf der VA Tech Hydro durch Siemens Österreich vor einem Jahr leer ausging. Pierer hat im Zuge der Verkaufsgespräche den Eindruck gewonnen, dass „Siemens Österreich heute eine angeschlossene Abteilung von Siemens Deutschland“ ist.

Die Betriebsräte der PSE meinen sogar, dass Ederer mehr Spielraum hätte, aber ihn nicht nützt. „Sie hätte nur sagen müssen, dass sie die 200 Mitarbeiter, die nun ausgegliedert werden sollen, etwa für die Medizintechnik braucht“, ist sich Erhard Steindl, Chef der sozialdemokratischen Fraktion, sicher, dass man mehr Arbeitsplätze bei der Sagö halten könnte.

Ein Internet-Diskutant namens „EX-VATECHler“ (Siemens hat 2005 die VA Tech gekauft, Anm.) urteilte im Online-Forum der Tageszeitung „Der Standard“ am 12. Oktober: „Frau Ederer hat den Job, die Entscheidungen, die in Deutschland getroffen werden, in der österreichischen Öffentlichkeit zu vertreten. Dass sie sich als österreichische Industriekapitänin darstellt, ist ein guter PR-Gag.“

Ederer selbst kann an der aktuellen Situation nichts Außergewöhnliches entdecken: „Dieses Unternehmen war immer geprägt von Veränderungen“, erinnert sie etwa an die Abspaltung der Halbleitersparte Infineon, „und auch als Hochleitner die Kabelwerke verkaufen musste, gab es große Unruhe.“

Zeitenwechsel. Und doch gelang es Albert Hochleitner, der bis 13. Dezember 2005 an der Spitze von Siemens Österreich stand, stets den Eindruck zu vermitteln, die Österreich-Tochter genieße eine Art Sonderstellung im weit verzweigten Elektrokonzern. Mit einem Umsatz von über vier Milliarden Euro erwirtschaftete er zuletzt (Geschäftsjahr 2004/05) ein Ergebnis von 360 Millionen Euro. Der langjährige Konzernboss Heinrich von Pierer sprach gerne von seiner ertragreichen österreichischen „Perle“. Wer Hochleitner und Pierer – wie zuletzt 2004 am Opernball – sah, gewann den Eindruck, hier träfen sich Vorstandskollegen und nicht der Konzernherr und sein Gebietsleiter.

Seitdem Kleinfeld in Deutschland regiert, wird dieses Verhältnis neu definiert. Der 48-jährige vormalige Siemens-Strategiechef sitzt, anders als sein Vorgänger, nicht mehr selbst im Aufsichtsrat der regionalen „Perle“ – er war auch seit Amtsantritt noch nie bei den Österreichern zu Besuch. Der bedingungslose Shareholder-Value-Verfechter verwendet dagegen viel Zeit dafür, den unübersichtlichen Technologieriesen für die Börsen-Community verständlich aufzubereiten. Analysten und Aktionäre lieben eine klare Zuordnung der Unternehmensteile zu Vorstandsbereichen. Und eben darum ist die PSE im Fadenkreuz.

Die drei Buchstaben stehen für Programm- und Systemengineering – eines der größten Softwarehäuser Europas mit 7000 Mitarbeitern weltweit. Diese Einheit, direkt dem österreichischen Generaldirektor unterstellt, liefert allen anderen Siemens-Sparten zu. Entwicklungen für die Telefonie, Software für Mautsysteme, Biometrielösungen fürs Auto – die PSEler sind gefragt und waren stets der Stolz von Hochleitner, der selbst über 20 Jahre in der Softwareschmiede mit Sitz in der Wiener Gudrunstraße arbeitete. Weil sie dem direkten Zugriff eines deutschen Vorstands entzogen war, war sie das Schlüsselwerkzeug zur Absicherung der österreichischen Sonderstellung. „Die PSE ist eine urösterreichische Schöpfung, die stark auf Hochleitner zurückgeht“, urteilt ein heimischer Software-Experte. Kurz: Die PSE ist ein Staat im Staate Siemens – von Österreich aus gelenkt.

Tauziehen. „Es hat seitens des Stammhauses immer wieder Begehrlichkeiten nach Zerteilung der PSE in die einzelnen Bereiche gegeben“, erzählt Hochleitner, der sich erfolgreich dagegen stemmen konnte. „Das wäre gegen die Natur der PSE gewesen, in der wir stets eine elastische Methode des Lastenausgleichs zwischen den einzelnen Bereichen gefunden haben.“ Mit anderen Worten: Ging es einem Bereich schlecht, wurden die Programmierer in Abteilungen mit vollen Auftragsbüchern geschickt.

Nun brechen allmählich die Dämme. Mit der Entscheidung Kleinfelds, sich von der verlustreichen Siemens-Kommunikationssparte – von der die Mobiltelefone nur einen Teilbereich darstellen – zu trennen, verliert die PSE einen ihrer größten Kunden. Der nächste Schritt ist die Ausgliederung des Netzwerkgeschäfts (Communication Carrier = Com C) in ein Joint Venture mit Nokia per 1. Jänner 2007. Die neue Gesellschaft Nokia Siemens Networks (NSN) hat 50.000 Mitarbeiter und ein Umsatzvolumen von rund 15 Milliarden Euro. Laut Ederer soll die Entwicklungsarbeit für die NSN mit einem dreijährigen Leistungsvertrag gesichert werden – entschieden ist das noch nicht.

Weil für das Geschäft mit Telefonanlagen für Unternehmen (Com E) noch kein Käufer gefunden wurde, ist dort nicht einmal eine solche temporäre Absicherung möglich – deshalb wurden Mitte Oktober 240 PSEler darüber informiert, dass sie einfach in die SEC mitwandern sollen. Es wäre das erste Mal, dass eine Abteilung der PSE abgespalten wird. „Das betrifft ja nur einen winzigen Teil. Hier muss man die Kirche im Dorf lassen“, relativiert Hochleitner.

Machtverlust. Erodiert die Machtbasis der Österreicher? In die grobe Neukonzeptionierung der neuen IT-Sparte SIS waren Ederer und Aufsichtsrat Hochleitner immerhin mit eingebunden, Ederer als Mitglied eines Lenkungsausschusses, der in München tagte. Während es ihnen gelang, die in Österreich positive SBS zu retten – und damit weitere 1300 Mitarbeiter vor der Ausgliederung –, ist ungewiss, wer in der PSE das Sagen hat. „Das muss man abwarten“, antwortet Hochleitner auf die Frage, ob damit die Fremdbestimmung größer wird. „Ich hoffe das nicht. Faktum ist, dass die PSE nicht gefährdet ist und weiterhin für viele Bereiche arbeitet – in Zukunft eben aus der SIS heraus.“

Ederer stellt sich hingegen schon auf den Wegfall bisheriger Kernbereiche ein. Ihre Zukunftsstrategie: „Wir müssen andere Aktivitäten setzen, etwa weitere weltweite Kompetenzzentren in Österreich ansiedeln wie jenes für Biometrie in Graz oder jenes für Maut in Wien.

In der Belegschaft trauert man dem „Hierarchen“ Hochleitner nicht unbedingt nach. Aber PSE-Betriebsratschef Ataollah Samadani ahnt, dass die „Demokratin“ Ederer nicht viel bewirken kann. „Hochleitner hat die Einheit der PSE geschafft, weil er selbst aus ihr kommt“, sagt der gebürtige Iraner. Es ist eher der Frust über das erkennbare Ende der Sonderrolle, der die Mitarbeiter plagt – und die Sorge, dass es großen Bereichen von Siemens Österreich demnächst so gehen könnte wie der Voest Alpine Industrieanlagenbau, die formell zu Österreich gehört, industriell aber von Siemens in Erlangen geführt wird.

Hochleitner stellt die aktuellen Umbauarbeiten als Konsequenz folgenschwerer Strategieentscheidungen der Zentrale dar. Seine Analyse samt Kritik am Stammhaus: „Nicht der Spielraum ist kleiner, sondern die Zahl der nicht einfach zu verdauenden Entscheidungen aus München ist größer geworden.“

Paradox: Gerade jetzt sehen einige Siemensianer Chancen, die Gewichte noch einmal zugunsten der Sagö zu verschieben. Denn Kleinfeld, bei seinem Amtsantritt vor zwei Jahren als Idealbesetzung gefeiert, ist in Deutschland wegen der BenQ-Pleite heftig unter Beschuss geraten. Die Tatsache, dass er und seine Vorstandskollegen sich zeitgleich ein 30-prozentiges Gehaltsplus genehmigten, hat zu einem Aufschrei geführt – fürs Erste setzte Kleinfeld die Gagenerhöhung aus. Der Umstand, dass die SBS nun doch nicht verkauft werden soll, wird von manchen als Einlenken gedeutet. „Die momentane Schwäche von Kleinfeld“, so ein österreichischer Siemens-Aufsichtsrat, „könnte auch eine Chance für Siemens Österreich sein.“

Brigitte Ederer denkt inzwischen schon weiter. Sie hat vor Kurzem ein Zeichen gesetzt, das an alte Zeiten erinnert: „Ich habe Klaus Kleinfeld zum nächsten Opernball eingeladen. Und im Moment schaut es so aus, als ob er kommen würde.“

VON BERNHARD ECKER

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