Secondhand Heads

Vorgekautes Wissen, abgestandene Ideen, dröge Gemeinplätze: Uns Heutigen fehlt die Kraft des Originals.

„Auch an den Hochschulen wird man wieder das Entdecken entdecken.“
Adam Bronstein<\i>

In den Randbezirken von San Francisco kannte ich Bruno. Er begriff sich als „very used car genius“. Er vermietete greise Lincoln Continentals, die als Hängebauchschweine auf den Kuppen der Stadt Funken schlugen, oder auspufflose Chevrolet Corvettes, die die Erdbebengefahr verdoppelten. Das war ganz witzig, hielt sich aber als Geschäftsidee nicht lang.

Bruno ist eine brauchbare Metapher für die heutige Gesellschaft. Auch wir sind dem Secondhand-Gedanken verfallen, allerdings leider im Geistigen, weshalb es viel weniger witzig und noch gefährlicher ist, als es bei Bruno der Fall war.

In gewisser Weise sind wir heute das Gegenteil der legendären „Generation X“, die der Schriftsteller Douglas Coupland beschrieb. Damals war von Outlaws und Aussteigern und Neudenkern die Rede, von unangepassten Beatniks und Hippies. Dies war, wie die Älteren von uns aus persönlicher Erfahrung wissen, auf die Dauer auch nicht das Wahre. Statt aber später ein vernünftiges Mittelmaß von sinnvoller Anpassung und lustvoller Abweichung zu suchen, schlitterten wir unmerklich ins andere Extrem.

Eine Grundkraft scheint uns zu zwingen, die Extreme zu suchen. Wir oszillieren gern zwischen Panik und Koma. Das Mittlere beziehungsweise dialektisch Verbundene scheint uns weniger zu liegen. Müsste man nach „Generation X“ eine interessante Etikette für uns Heutige finden, fände man die Bezeichnung „Generation Secondhand“.

Unser Grundnahrungsmittel ist gebrauchtes, abgenütztes Wissen, wobei der Vorwurf an die Kopfarbeiter und die so genannten „Intellektuellen“ gerichtet ist, Letztere verstanden als Geisteskinder mit unbegrenzter Gestaltungsfreiheit.

Erstes Beispiel: die Gemeinplätze, die unsere Sprache vom Spielfeld zur Gstätten machen (für unsere deutschen LeserInnen: Gstätten ist ein verwahrlostes Stück Land, wichtiges Gestaltungsmerkmal der Wiener Randbezirke). In den intellektuell fruchtbaren Zeiten wie dem Fin de Siècle (um 1900) oder der Zwischenkriegszeit (1918 bis zu den Nazis) galten Gemeinplätze im Milieu der Denker und Künstler als Umweltverschmutzung. Sie ernteten sofortige Verachtung, was sich als Partikelfilter bewährte.

Das ist lange her. Heute kennen sich selbst Kabarettisten in einer Sache so gut aus „wie in meiner Westentasche“, obwohl keiner mehr Westen trägt. Man lobt etwas als präzise wie „eine Schweizer Armbanduhr“, obgleich die teuren, mechanischen Wunderwerke die Letzten sind, die nicht auf die Sekunde genau gehen.

Auch der Weltliteratur wird nur das Älteste und Banalste an Gemeinplätzen entzogen. Als Götz-Zitat gilt ausnahmslos „… er möge mich am Arsch lecken“, nicht auch das elegante „Wo viel Licht, da viel Schatten“. Aus Hamlet ist nur „Sein oder Nichtsein“ bekannt. Aus Torbergs „Tante Jolesch“ hört man zur Männerschönheit immer den Affen-Vergleich, nicht wenigstens den selteneren Pferdevergleich: „Ein Mann muss nur so schön sein, dass die Pferde nicht scheuen.“

Man bedient sich aus den Arsenalen des Abgegriffenen. Da wollen die Politiker nicht zurückstehen. Die Nase immer hart am Wähler, blähen sie in deren Winden die Segel: „Es ist mir Ehre und Verpflichtung …“
Sind die Manager und Unternehmer besser? Mitunter ja. Manche finden eine eigene, starke Sprache und eigene, starke Bilder zur Illustrierung der Ziele. Meist aber gehen sie in die Doppelfalle alter Gemeinplätze und neuer Modewörter. Kaum einer, der aus Prof. Fredmund Maliks „Die gefährlichsten Managementwörter“ (F.A.Z.-Verlag, 198 Seiten, 18 Euro) keinen Gewinn zöge. Ich empfehle und verschenke dieses Buch seit zwei Jahren. Es feit vor gedankenlosem Wiederkäuen von Begriffen wie „Globalisierung“, „Nachhaltigkeit“, „Leadership“, „Charisma“ und „Stakeholder Value“. Zu meiner persönlichen Einstufung (sieben von fünf möglichen Schreibfedern) trägt auch sein Vorzug bei, dünn zu sein. Ein Wochenende reicht von einem Deckel zum andern.

Sind wenigstens die Wissenschafter vom Abgestandenen befreit? Zum großen Teil nein, ganz im Gegenteil. Neun Zehntel aller Diplomarbeiten, Dissertationen und Habilitationsschriften sind Zitatenfriedhöfe, mit besonderer Berücksichtigung der Werke der Doktorväter und Juroren. Früher wurden diese wenigstens noch gelesen. Seit dem Internet ist auch dies Illusion. Es gibt nun die Arbeitsmethode „copy & paste“, also „kopieren & einsetzen“. Man zitiert Zitierende, bestenfalls, sofern man die Quellen nicht überhaupt verschweigt. Kühle Spielernaturen kopieren gleich 1:1, großzügig ergänzt durch zwei neue Wörter: ihren Vornamen und Nachnamen.

Um fair zu bleiben: Dieses Problem hat sich herumgesprochen. Es ist fast gelöst. Allein schon die Androhung wasserdichter Wissenschafts-Datenbanken und guter Suchmaschinen (die neue Arbeiten abrastern) wird den Missbrauch radikal eindämmen. Erfreulicher Nebeneffekt: Manche Universitäten überlegen schon, dem „Neudenken“ künftig mehr Gewicht beizumessen als dem braven Wiederkäuen des abgenutzten, gebrauchten Kanons. Dessen Kenntnis bleibt den Studenten freilich nicht erspart. Um zu wissen, wo das Neue anfängt, muss man wissen, wo das Alte aufhört.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente