Scharfe Aussichten

High-Definition-Fernsehen steht vor dem Start in Europa. Pünktlich zur Funkausstellung in Berlin, der grössten Leistungsschau der Unterhaltungselektronik, kommen neue hochauflösende HDTV-Geräte in den Handel.

Langsam, ohne ein Geräusch zu verursachen, klettert er die Wand hoch, scheinbar mühelos und ohne jegliches Hilfsmittel. Er ist Spiderman, und er kommt angeschlichen, um New York City vor dem Grünen Kobold zu retten, dem psychotischen Superschurken, der mit einer unglaublichen Zerstörungswut die Stadt tyrannisiert.

Fast könnte man meinen, selbst mitten im Geschehen zu sein, so brillant und wirklichkeitsgetreu sind die Bilder. Gestochen scharf und mit einer bisher noch nie erlebten Plastizität erlebt man die Jagd auf den Bösewicht – und doch ist es nur Fernsehen.

Dass die Bilder in einer derart beeindruckenden Qualität zu sehen sind, ist einer neuen Technologie zu verdanken: High Definition Television – kurz HDTV, dem letzten Schrei in der Entwicklung des Fernsehens. Von den USA und Japan kommt die Technologie nun auch nach Europa und bringt ein Fernsehbild mit, das weit besser ist als jenes, das man selbst von DVDs kennt.

Jahrelang angekündigt und vor einem Jahr vielfach noch für ferne Zukunftsmusik gehalten, gehen nun die Gerätehersteller und erste Fernsehstationen in die Offensive, um HDTV in die Wohnzimmer zu bringen. Auf der diesjährigen Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin ist HDTV das zentrale Thema. Praktisch alle namhaften Hersteller der Unterhaltungsindustrie haben entsprechende Produkte angekündigt, von HDTV-Videokameras über Festplattenrekorder, die Filme in höchster Qualität aufzeichnen, bis hin zu Fernsehern. Auch die nächste Generation der Spielekonsolen, Microsofts Xbox 360 und Sonys Playstation 3, werden Bilder in HDTV-Qualität ausgeben können.

Neue Fernsehdimension. Vorreiter am Fernsehmarkt sind die deutschen Privatsender ProSieben und Premiere. Im Frühjahr hat ProSieben nach einigen Pilotversuchen gemeinsam mit dem Satellitenbetreiber Astra „Spiderman“ als ersten Spielfilm im deutschsprachigen Raum in HDTV-Qualität ausgestrahlt und mit „Panic Room“, „Men in Black II“ oder „Der Anschlag“ seither etliche weitere Blockbuster in dem neuen Format gesendet. Der Pay-TV-Sender Premiere beginnt nach einigen Experimenten – wie der Übertragung der Superbowls der letzten Jahre – nun Nägel mit Köpfen zu machen. Ab dem 1. November wird Premiere auf drei Kanälen Fernsehen im HDTV-Format ausstrahlen. Geplant sind regelmäßige Programme aus Sportübertragungen, Filmen und Dokumentationen. Und bei der Fußball-WM 2006, für die sich Premiere die Live-Übertragungsrechte für alle 64 Spiele gesichert hat, werden sämtliche Matches in HDTV zu sehen sein.

Der ORF ist indessen noch nicht ganz so weit. Zwar werden internationale Vorzeigearbeiten wie das Neujahrskonzert oder die Natur-Serie „Universum“ bereits in HDTV gefilmt, aber abgesehen davon gibt sich der öffentlich-rechtliche Sender mit seinen HDTV-Ambitionen noch sehr zurückhaltend. „Unser derzeitiges Ziel ist es, im normalen Fernsehen die bestmögliche Bild- und Tonqualität zu liefern. Ein HDTV-Angebot für eine exklusive Minderheit kann nicht unsere Aufgabe sein“, erklärt Andreas Gall, technischer Direktor des ORF.

Verständlich, denn um die scharfen Bilder sehen zu können, müssen sowohl die Fernsehsender als auch die Konsumenten tief in die Tasche greifen. Um Fernsehen in HDTV-Qualität empfangen zu können, benötigt man einen dafür geeigneten Fernseher sowie zusätzlich einen eigenen Empfänger: eine HDTV-fähige Set-Top-Box, die die Signale mit der entsprechend hohen Auflösung an den Fernseher weitergeben kann. Da die Verbreitung dieser Geräte bis heute relativ gering ist, müssen HDTV-Ausstrahlungen vorerst parallel zum normalen Fernsehsignal erfolgen. Bis das gesamte Fernsehprogramm in HDTV gesendet wird, wird es ebenfalls noch einige Jahre dauern, denn dafür müssten die TV-Anstalten ihre gesamte Produktion umstellen. In der nächsten Zeit wird sich das Angebot daher auf Filme, Dokumentationen und einzelne Sportübertragungen beschränken.

Scharfe Bilder. Die Industrie ist dennoch überzeugt, dass sich HDTV in den nächsten Jahren mehr und mehr durchsetzen wird, und argumentiert damit, dass bei der seit 50 Jahren verwendeten PAL- Technologie keine weiteren Verbesserungen mehr möglich sind, HDTV hingegen einen Quantensprung in der Bildqualität bringt.

Der Qualitätsunterschied zwischen HDTV und dem herkömmlichen Fernsehen im PAL-Format lässt sich auch in Zahlen fassen. Während das Bild bei PAL in 576 Zeilen und 768 Spalten, also in 442.368 Bildpunkte, zerlegt wird, sind bei HDTV bis zu 1080 Zeilen und 1920 Spalten, also 2.073.600 Bildpunkte, möglich. Ein HDTV-Bild kann demnach 4,7-mal so viele Bildinformationen beinhalten wie ein konventionelles Fernsehbild. Ein Unterschied, der eine geradezu sensationelle Verbesserung bringt: Die höhere Auflösung führt zu schärferen Konturen, brillanteren Farben und einer wesentlich höheren Tiefenschärfe. Aufgrund der digitalen Übertragung gibt es auch kein Flimmern oder Bildrauschen mehr. HDTV ist außerdem ein reines 16:9-Bildformat, das dem menschlichen Sehen weit mehr entspricht als die herkömmliche Übertragung im 4:3-Format; und der 5.1-Dolby-Surround-Ton, der bei HDTV ebenfalls standardmäßig übertragen wird, verbessert das Fernseherlebnis zusätzlich.

Die großen Hollywood-Studios haben bereits erklärt, Filme in HDTV anbieten zu wollen. Aufgrund des Formatstreits um die Nachfolge der DVD ist das aber bisher nicht geschehen. Bekanntlich rittern zwei Konsortien mit unterschiedlichen Standards, der HD-DVD und der Blu-ray-Disc, um das Erbe der DVD. Erst eine Einigung auf eines der beiden Formate würde die Entwicklung von HDTV-DVDs vorantreiben.

HD ready. Für die Konsumenten ist aber vor allem einmal die Anschaffung eines passenden TV-Geräts notwendig, um künftig hochauflösendes Fernsehen genießen zu können. Während nämlich bei allen bisherigen Entwicklungen darauf geachtet wurde, dass eine neue Technologie auch zu alten Geräten kompatibel ist, kann ein HDTV-Signal auf herkömmlichen TV-Geräten nicht wiedergegeben werden. Röhrenfernseher, die HDTV-Signale richtig verarbeiten, sind praktisch nicht erhältlich und eigentlich auch kein Thema.

Aber selbst unter den neuen Plasma- und LCD-Flachbildfernsehern gibt es zahlreiche Modelle, mit denen ein HTDV-Empfang nicht möglich ist. Zwar wurde die Bildauflösung der Fernseher in den letzten Jahren durch technische Hilfsmittel wie Pixel Plus nachträglich künstlich verbessert, dabei wird aber nur das PAL-Signal hochgerechnet. Die meisten am Markt befindlichen Geräte haben nicht einmal die notwendigen Anschlüsse für HDTV-Quellen.

Damit die Konsumenten beim Kauf eines neuen Geräts erkennen können, ob dieses auch für das neue, hochauflösende Fernsehen vorbereitet ist, hat die EICTA, die Europäische Wirtschaftsvereinigung der Unternehmen der Unterhaltungselektronik, Anfang des Jahres ein eigenes Label namens „HD ready“ eingeführt, das nur Geräte tragen dürfen, die vier technische Mindestanforderungen erfüllen, die für den HDTV-Empfang notwendig sind. (siehe Kasten „Gütesiegel“).

Michael Weis, Marketingmanager für den Bereich Sound & Vision bei Philips, warnt: „Es gibt zahlreiche Bezeichnungen wie HD-tauglich, HD-kompatibel oder HD-fähig, aber nur das offizielle ,HD ready‘-Logo garantiert, dass ein Fernseher auch dem technischen Standard entspricht.“ Geräte, die dieses Logo nicht tragen, können die Bilder unter Umständen nicht darstellen. Sein Schluss daraus: Gekauft werden sollten nur Fernseher mit dem „HD ready“-Gütesiegel, denn sonst bestehe die Gefahr von Bildaussetzern – bei Nutzung als HDTV-Gerät –, oder der Bildschirm bleibt überhaupt ganz schwarz.

Wer sich also heute einen Flachbildschirm kauft, sollte sein Geld gleich in ein unwesentlich teureres Gerät investieren, das „HD ready“ ist, um nicht schon demnächst damit alt auszusehen. Wer hingegen bereits stolzer Besitzer eines LCD- oder Plasmaschirmes ist, der jedoch nicht HD-tauglich ist, muss selbst entscheiden, ob sich ein Umstieg schon heute lohnt, um auch die ersten Pilotprogramme in bester Qualität bestaunen zu können.

Anstoß. Ungeachtet der für die Konsumenten immer noch etwas verwirrenden Situation rund um das „HD ready“-Label sind sich Marktbeobachter sicher, dass der Durchbruch des HD-Fernsehens unmittelbar bevorsteht. Das Marktforschungsinstitut Euroconsult macht der Industrie mit seinen Prognosen den Mund wässrig: Über 30 Millionen HDTV-Fernseher sollen laut einer im Juni vorgestellten Studie in Westeuropa in den kommenden fünf Jahren verkauft werden; die Fußball-WM 2006 in Deutschland soll dabei den Anstoß für die Verbreitung der Geräte geben.

„Fußballweltmeisterschaften waren immer schon deutliche Impulse für den Kauf neuer Fernseher“, meint Philips-Mann Weis. So sei etwa während der WM 1954 die Zahl der Fernseher in Europa auf über eine Million gestiegen. Zwanzig Jahre später habe sich mit der WM in Deutschland das Farbfernsehen etabliert. Für 2006 erwarte die Branche nun Selbiges für die HDTV-Flachbildfernseher.

Derzeit liegt der Marktanteil dieser Geräte erst bei rund 15 Prozent, aber einige Hersteller sind bereits dazu übergegangen, Fernseher ohne „HD ready“-Logo aus dem Programm zu nehmen. Andreas Stolar, Marketingleiter von Loewe Austria: „Den Konsumenten ist kaum bewusst, dass die Geräte, die das Logo nicht tragen, keine gute Investition für die Zukunft sind. Wer heute beim Kauf nicht aufpasst, wird HDTV nicht erleben können.“

ORF-Technikdirektor Gall ist sich indessen sicher, dass ein HDTV-Boom nicht vom Fernsehen allein ausgehen wird: „Neben dem Fernsehen werden sicher auch andere Medien, etwa hochauflösende Spielkonsolen, DVDs oder Camcorder, den Markt antreiben“, erklärt er. Richtig spannend sei aber, ab wann die HD-tauglichen Set-Top-Boxen eine preislich attraktive Alternative zu normalen Satellitenreceivern darstellen. Gall: „Dabei ist völlig offen, welche Mehrkosten die Konsumenten in Europa für solche Geräte akzeptieren werden.“

Von Peter Sempelmann

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