Riskanter Spielzug des Casinos-Generals

Casinos Austria suchen für ihr neues Online-Pokerspiel Partner im Ausland. Konkurrent bwin sieht das als Chance, das Monopol endgültig zu knacken.

Die Musikerin und TV-Moderatorin Mel Merio lässt die Herzen höherschlagen: Im schwarzen Paillettenkostüm lächelt sie von überdimensionalen Plakatwänden und ganzseitigen Zeitungsinseraten. Sie hält fünf Karten in der Hand, die der Traum eines jeden Zockers sind: Herz-Zehn, Herz-Bube, Herz-Dame, Herz-König und Herz-Ass – ein Royal Flush, das höchste aller möglichen Blätter im Poker.

Die Wahrscheinlichkeit, in einem wirklichen Spiel jemals ein solches Blatt zu haben, liegt bei 0,000154 Prozent. Doch was macht das schon? Es gilt schließlich, den neuen Pokerroom auf win2day, der Online-Spieleplattform der Österreichischen Lotterien und Casinos Austria, zu bewerben. Laut Generaldirektor Karl Stoss die perfekte Plattform für alle, die sich bislang aus Angst vor Sicherheitslücken oder Betrügereien nicht getraut haben, online zu pokern.

Dass praktisch überall, auch im Fernsehen und im Radio, zu den besten Sendezeiten geworben wird, kommt nicht von ungefähr. Pokern, besonders die Variante „Texas Hold’em“, liegt voll im Trend, und im Internet gibt es bereits dutzende, wenn nicht hunderte Anbieter, an deren Tischen schon seit Jahren gezockt und geblufft wird, was das Zeug hält. In die privaten Wohnzimmer hat das Pokerfieber ebenfalls schon Einzug gehalten, und die Casinos Austria zählten im abgelaufenen Jahr in ihren zwölf österreichischen Casinos gut 200.000 Pokergäste – ein Plus von 300 Prozent.

Mit dem Start des Online-Angebots hofft Stoss jetzt auch die Karten im Online-Gaming neu mischen zu können. Der geballte Werbeeinsatz scheint das zu ermöglichen. Nach einer Woche hatten sich 20.000 Benutzer für das Angebot registriert, ein Drittel davon waren Neukunden. An den bereits seit mehreren Jahren geöffneten virtuellen Tischen von bwin, dem derzeit größten Internet-Gaminganbieter, zocken zum Vergleich täglich etwa 40.000 Spieler um bare Münze. Und Stoss hat mit seinem Online-Pokerangebot große Pläne. Das Angebot soll auch in anderen Ländern genutzt werden können. „Wir sind für internationale Kooperationen offen, allerdings kommen nur Unternehmen infrage, deren Teilnahme- und Spielbedingungen ähnlich hohe Standards an den Tag legen wie unsere“, meint der Casinos-General.

Dahinter steht wohl der Gedanke, dass es auf Dauer schwierig sein dürfte, genug Spieler in den Pokerroom zu bekommen, wenn der Zugang auf Österreicher beschränkt bleibt. Kooperationen mit anderen Anbietern könnten mehr Zocker bringen, wären aber ein enorm riskantes Spiel mit hohem Einsatz, über das sich letztlich die privaten Glücksspielanbieter freuen könnten. „Ich wäre über eine solche Änderung heilfroh“, meint bwin-Chef Norbert Teufelberger, „das käme einem Cross-Border-Game gleich und würde das Ende des Glücksspielmonopols bedeuten. Sämtliche Monopoldiskussionen hätten damit ein Ende.“

Rechtsanwalt Thomas Talos, der bwin vertritt, präzisiert Teufelbergers Aussage: „Die Lizenz der Casinos und Lotterien ist auf Österreich beschränkt. Eine Kooperation, etwa mit einem deutschen oder einem französischen Anbieter, könnte nur mit der Dienstleistungsfreiheit in Europa begründet werden.“ Genau auf diese Dienstleistungsfreiheit pochen aber die privaten Anbieter, die in Österreich wie bwin mit einer in Gibraltar erteilten Lizenz oder wie bet-at-home mit einer Lizenz aus Malta operieren. „Warum sollte eine österreichische Lizenz besser sein als eine aus Malta oder Gibraltar?“, fragt Talos.

Wenn die Casinos und Lotterien mit ihrem Pokerroom also tatsächlich außerhalb Österreichs Geschäfte machen, dann sähen Talos und Teufelberger die Zeit gekommen, um das Glücksspielmonopol beim Europäischen Gerichtshof zu Fall zu bringen. Teufelberger: „Die Folge müsste dann ein reglementierter, liberalisierter Wettbewerb mit klaren Zugangsbestimmungen, ähnlich wie in der Telekommunikation, sein.“ Die Ausweitung des Online-Pokers auf das Ausland könnte also ein juristisch riskanter Spielzug sein. Einer, den die Konkurrenz beinhart ausnützen würde.
Mit dem Markteintritt von Casinos und Lotterien in das Online-Poker-Geschäft ist auch der Umgangston unter den Kontrahenten wieder deutlich rauer geworden. Für Jochen Dickinger, Chef der börsenotierten Online-Gaming- und Wettplattform bet-at-home.com, steht die Werbeoffensive klar im Widerspruch zu dem Argument, staatlich konzessionierte Glücksspielanbieter könnten einen besseren Spielerschutz gewährleisten. „Dadurch kommen doch viele erst zum Pokern. Und warum soll der Spielerschutz der Casinos besser sein als bei uns?“, fragt er. Auch bei den Casinos Austria könne man viel Geld verlieren. Dickinger: „Es ist ein heuchlerisches Doppelspiel.“
Nun ist der Einsatz im win2day-Pokerroom zwar mit 800 Euro pro Woche limitiert, aber die Benutzer werden auch animiert, einmal in ein echtes Casino zu kommen und dort mit höheren Einsätzen zu zocken. Casinos Generaldirektor Stoss will den Vorwurf, dass die Kampagne zum Glücksspiel verleite, natürlich trotzdem nicht gelten lassen. Er betrachtet das eigene Angebot sogar als zusätzlichen Beitrag zum Spielerschutz: „Wir sehen es als Verpflichtung, dem allgemeinen Poker-Trend folgend, ein Online-Angebot zu starten und auch zu bewerben. Die Kanalisierung in Richtung legaler und seriöser Angebote entspricht auch zu hundert Prozent den Vorstellungen der Europäi­schen Kommission.“ Es sei absolut im Sinne der Vorgaben, spielbegeisterte Menschen an legale Angebote heranzuführen, damit diese nicht auf halblegale oder illegale Anbieter ausweichen.

Diese Aussage ist für bwin-Chef Teufelberger nichts als ein Bluff, auf den er postwendend mit einer weiteren Klagsdrohung reagiert: „Das suggeriert, unser Angebot sei nicht legal. Es gibt mittlerweile von zehn österreichischen Gerichten Entscheidungen, die das Gegenteil bestätigen. Wir werden gegen derartige Diffamierungen gerichtlich vorgehen.“ Währenddessen wurde bwin selbst rechtzeitig zum Start des win2day-Pokerrooms ebenfalls wieder mit dem Gericht kon­frontiert. Der frühere Justizminister Dieter Böhmdorfer hat im Auftrag der Wiener Omnia Communications Centers eine Anzeige wegen Steuerhinterziehung gegen die Bwin Interactive Entertainment AG eingebracht. Für Teufelberger nichts Neues. „Das ist bereits das vierte Mal, dass es Herr Böhmdorfer versucht“, meint er und vermutet eine gesteuerte Kampagne, um bwin zu diskre­ditieren.

Die Gegner der Glücksspielmonopolisten mutmaßen, dass es zwischen der Omnia und den Casinos Austria eine selbstredend von beiden Seiten dementierte Verbindung gibt. Bekannt ist jedoch nur, dass hinter der Omnia der mit dem früheren Casinos-Austria-Aufsichtsratspräsidenten Gustav Adolf Neumann befreundete Geschäftsmann Gert Schmidt steht. Für den bwin-Chef sind das jedoch nur noch die letzten verzweifelten Versuche, das Glücksspielmonopol noch eine Weile aufrechtzuhalten: „Die Lizenzen der Lotterien und Casinos Austria laufen noch bis 2012. Wir glauben aber auf keinen Fall, dass das Monopol noch so lange halten kann.“

Von Peter Sempelmann

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