Richard Lugner - der wohl umstrittenste Unternehmer des Landes

Stehaufmännchen, Blödel der Nation, Baumeister, Pleitier und dann erfolgreicher Shoppingkaiser: Richard Lugner ist der wohl umstrittenste Unternehmer im Lande.

An diesem Mittwoch im August stößt es Richard Lugner oftmals auf. Sperriges befindet sich im Bauch des bald 79-Jährigen. Während er unüberhörbar für Druckausgleich im eigenen Körper sorgt, stellt draußen auf der Terrasse im dritten Stock des eigenen Einkaufszentrums die bildhübsche Sekretärin im Minirock noch rasch die Möbel zurecht. So krass sind die Unterschiede in Lugners Leben immer gewesen: dort das Schöne, da das Grauen. Hier der Harlekin, dort der wache Unternehmergeist. „Wissen Sie, mir liegt die Öffnungszeitendebatte im Magen“, sagt Lugner, während er hastig einen Milchkaffee verschlingt.

Die Widersprüche des ehemaligen Präsidentschaftskandidaten haben durchwegs System. Kein anderer versteht es, sich gleichzeitig derartig zum Narren zu machen und dennoch erfolgreich zu sein. Jetzt hat ihn die Debatte rund um die Ladenöffnungszeiten wieder dorthin befördert, wo er sich am wohlsten fühlt: ins volle Rampenlicht. Sein Ziel: eine heilige Kuh zu schlachten – den Ladenschluss am Sonntag zu kippen.

Umstrittener Baumeister

Seitdem der Plauderwastl der Nation die juristische Koryphäe Heinz Mayer beauftragt hat, eine Beschwerde gegen die Ladenschlusszeiten am Sonntag zu verfertigen und diese beim Verfassungsgerichtshof einzubringen, bläst ihm heftiger Wind entgegen. Gewerkschafter mobilisieren in „seiner“ City, kontrollieren, führen Umfragen durch und rufen Versammlungen ein. Zahlreiche Mitarbeiter sind wegen drohender Sonntagsarbeit verstimmt.

Und viele fragen sich, warum er das wohl tut. Einige meinen: wegen der Selbstdarstellung. Andere wieder: weil er mehr Umsatz braucht. Seine Verträge mit den Händlern sehen eine Mindestmiete vor, die aber bei Erreichen von Umsatzschwellen ansteigt. Steigt also der Umsatz, steigt auch Lugners Ertrag, der etwa bei vier bis sechs Prozent vom Gesamtumsatz liegt. Und genau auf diesen Effekt lugt Lugner. „Durch die Sonntagsöffnung erwarte ich mir deutliche Umsatzsteigerungen. Bereits bei der Fußballeuropameisterschaft 2008 hier in Österreich habe ich am Sonntag öffnen dürfen. Es war ein voller Erfolg. Pro Stunde wurden 54.000 Euro umgesetzt. Normalerweise sind es 30.000 Euro“, so der Kaufhausbesitzer.

Verkehrspolizist Lugner

Schon ohne Sonntagsöffnung sind die Umsätze in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen: 2010 kletterten sie mit 111 Läden auf 28.613 Quadratmetern um neun Prozent auf 128 Millionen Euro. Heuer erwartet Lugner, dass die Kassen um zehn Prozent häufiger klingeln. 1991, im ersten vollen Geschäftsjahr, erzielte das Kaufhaus noch 44 Millionen Euro Umsatz.

Damit die Lugner City monetär weiter floriert, stellt sich deren prominenter Besitzer gerne als Clown ins Schaufenster. Und er studiert die Konkurrenz. „Ich schau mir nicht an, was in den Geschäften ist, sondern wer im Geschäft ist und wo die meisten Kunden sind. Die versuche ich in die Lugner City zu holen.“ So hat er sich etwa den Media Markt geangelt, auch wenn er für den Elektronikhändler einiges draufzahlen musste und muss, damit der in seinem Center sesshaft wurde.

Auch unmittelbar vor der City wird der Society-König zuweilen aktiv. Peter Schaller, Geschäftsführer der mitbewerbenden Gasometer City: „Ich war bei einem Paul-McCartney-Konzert in der Stadthalle und wollte mich in die Lugner-City-Garage stellen. Es war ein irrer Stau. Auf einmal tauchte Lugner auf und regelte spontan den Verkehr.“
Selbst auf Reisen streift der Einkaufs-Templer seine Profession nicht ab. Er besucht, wie zuletzt in London, Einkaufszentren oder Läden, deren Namen er zwar nicht aussprechen kann (etwa „Aburkina“ statt Abercrombie & Fitch), aber deren Ideen er für die Lugner City zu rezipieren versucht.

„Nicht immer sind diese Einfälle auch sinnvoll“, wie sein längstdienender Untermieter, Juwelier Gregor Trachtenberg, sagt. „Aber er wälzt ständig neue Pläne, und das ist auch gut für unser Geschäft.“ So wie damals, als man nur einmal im Monat am Samstagnachmittag öffnen durfte. Sämtliche Konkurrenten öffneten am ersten Samstag im Monat. Lugner entschied sich für den zweiten Samstag – als Einziger. „Die Leute haben uns überrannt, es war ein voller Erfolg“, so Trachtenberg. Doch nicht jeder in der Lugner City kommt mit dem Klamauk-Entrepreneur zurecht. Am langen Besprechungstisch sitzend, grübelt Lugner gerade über der Frage, ob er gut mit den Händlern auskomme. „Ja, alles bestens“, brummt er ein wenig unsicher. Und was sagen die Händler?

„Ich kann Ihnen nichts zu Lugner sagen, ich möchte keine weiteren Probleme haben“, sagt der Betreiber einer Tierhandlung. Ob er nicht eine positive Anekdote erzählen wolle? „Etwas Positives fällt mir nicht ein. Auch später nicht. Danke, dass Sie da waren“, so der Betriebsinhaber.

Nicht weit von ihm entfernt müssen zwei Verkäuferinnen eines Lederwarengeschäfts auflachen, als sie mit der Anfrage konfrontiert werden: „Kein Kommentar.“ Erst nach wiederholter Bitte um eine Wortspende kommen sie in Gesprächslaune. Sie zeichnen das Bild eines herrischen Hausmeisters: wenn etwa die Verkaufsständer zu weit in den Gang ragen, drohe eine dezibelgeladene Abmahnung. Und wenn der Rollbalken morgens auch nur wenige Sekunden zu spät nach oben wandert, flattern saftige Strafen herein. Ein hinzugekommener Ladenbesitzer nimmt sich ein Herz und sagt: „Wir sind Unternehmer. Aber hier sind wir unselbstständige Selbstständige – wie Angestellte des Herrn Lugner.“

Greißler statt Mörtel

„Mörtel“ und „Baumeister“, wie er noch immer genannt wird, war dagegen immer sein eigener Herr. Der Ingenieur ist mittlerweile freilich zum reinen Greißler geworden; selbst wenn die Firmenschilder an seinem Unternehmenssitz anderes suggerieren. Ebenso rasch wie seine Bau-Bude aus dem Nichts entstanden ist, verschwand sie wieder. 1997 hat der einstige Baulöwe seinen Söhnen aus erster Ehe, Andreas, 45, und Alexander, 48, die Maurerkelle übergeben.

Der Nachwuchs setzte die Firma dann in zwei Schritten, 2003 und 2007, peu à peu in den Sand. „Meine Buben wollten das anders als ich machen. Vor allem mit weniger Zeitaufwand. Das geht halt nicht, und so musste ich den Laden dichtmachen“, ortet Lugner sich der Vererbung widersetzenden Geschäftssinn. Das Unternehmen beschäftigte in seiner Blüte 600 Mitarbeiter; übrig ist eine kleine Gesellschaft, die Lugner heute noch betreibt, doch auch diese will er bald auflösen.

Noch in den achtziger und neunziger Jahren gab es kaum eine Großbaustelle in der Wiener Innenstadt, an der nicht das weinrote Lugner-Transparent hing. Strittig war und ist immer noch, was von diesen goldenen Zeiten überdauert hat – sprich die Höhe des baumeisterlichen Vermögens. Fragen dazu überhört er. Lästiges Nachhaken beantwortet er mit: „Das ist Betriebsgeheimnis.“ Nur bei einer Frage lässt sich Richie Lugner kurz in die Karten schauen: Wie lange wollen Sie das alles noch machen? „Wissen Sie, ich könnte das alles verkaufen und erhielte eine Milliarde Schilling. Die Hälfte davon müsste ich für die Schulden bezahlen, bliebe mir also eine halbe Milliarde übrig. Aber was mache ich damit, dann wäre mir ja fad.“

Beides dürfte realistisch sein. Einen Verkaufserlös für die Lugner City von 70 Millionen Euro halten Branchenexperten für die Mindestsumme. Die zehnmal größere, nicht gerade taufrische SCS kostete den Immobilienriesen Unibail Rodamco vor drei Jahren kolportierte 600 bis 700 Millionen Euro. Und was Lugners Miese betrifft: Laut Grundbuchauszug der Gablenzgasse 5–13, Adresse der Lugner City, sind hypothekarische Einträge der Volksbanken AG in Höhe von 30,7 Millionen Euro vorgemerkt. Wie viel davon getilgt wurde, ist aus dem Grundbuch nicht herauszulesen. Eigentümer der Liegenschaft ist die Lugner-Söhne-Privatstiftung. Will der umtriebige Unternehmer die Lugner City aber verkaufen, muss er das Objekt als Erstes der Bankentochter Immoconsult anbieten.

Auch die Betreibergesellschaft steht in der Kreide. Die letztverfügbare Bilanz der Lugner Einkaufszentrum Bauträger-, Betriebs- und Werbe Gesellschaft aus dem Geschäftsjahr 2009 weist ein negatives Eigenkapital von 231.635,60 Euro aus und einen Bilanzverlust von 267.972,02 Euro. Nicht ohne Humor ist folgende Erläuterung im Jahresabschluss: „Die stillen Reserven der Marke Lugner sind ausreichend hoch, um das negative Eigenkapital zu decken.“

Dem oft verhöhnten Unternehmer ist damit gelungen, wovon sonst nur Showstars träumen dürfen: Er ist höchstselbst als Aktivposten der Bilanz anerkannt. SCS-Chef Markus Pichler: „Die Selbstdarstellung des Herrn Lugner ist Teil seines Erfolgs. Das muss man neidlos anerkennen.“ Doch was, wenn es dieses Asset nicht mehr gibt? Hans Schmid, Kaufhaus-Steffl-Boss: „Die Lugner City ist bereits so bekannt und würde auch ohne Lugner funktionieren.“

Während die Marketing-Maschine noch weiter auf Hochtouren fährt, strömen wieder und wieder die Massen in die Kauf-Hochburg in Rudolfsheim-Fünfhaus – dem nach Kaufkraft schwächsten Bezirk Wiens. Hier eine CD („Ibin da Lugner, olé, olé“), da ein Opernball-Eklat oder auch nur der gewöhnliche Wahnsinn, der via ATV quotenwirksam in rund 200.000 Haushalte ausgestrahlt wird.

Wer Lugner in seiner City beobachtet, sieht einen Mann, der, fast planlos, schnellen Schritts durch die Malls läuft. Wieder und wieder. Er setzt sich alleine, mal im Beisein seiner jungen Freundin, mal mit seiner Tochter in die Restaurants. Sein Ziel: Präsenz. „Man geht hier nicht nur shoppen, man will auch den Lugner sehen“, so eine deutsche Touristin. Sie eilt gerade zu Jesse Metcalfe, dem TV-Star von „Desperate Housewives“, der in fünf Minuten eine Autogrammstunde gibt. Die Verkäuferin des Spielwarengeschäfts Heinz freut das auch. Nicht nur weil der US-Schönling da ist, sondern weil die Lugner City wieder voll ist und die Kassen klingeln.

Von David Hell

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