Revival: High Fidelity

Ein Vierteljahrhundert nach der Markteinführung der CD ist die schwarze Vinyl-Schallplatte unter Musikliebhabern wieder hoch im Kurs.

"Schallplatten hören ist wie einen guten Rotwein genießen", sagt Österreichs Fußballikone Hans Krankl. Seit seiner Jugend sammelt er begeistert die schwarzen Scheiben aus Vinyl. „Das Erlebnis ist einfach großartig. Musik mit dem Computer aus dem Internet herunterzuladen interessiert mich dagegen überhaupt nicht. Das ist nicht meine Welt“, verrät Krankl. Dass er beim Abspielen der schwarzen Scheiben gelegentlich ein dezentes Knistern und ein leises Rauschen in Kauf nehmen muss, stört ihn wenig. Auch der frühere Ö3- und Universal-Austria-Chef Bogdan Roscic, heute Managing Director der Decca Music Group in London, outet sich als Plattenfan. „Ich bin immer ein Vinyl-Freak gewesen und habe mir sehr, sehr schwergetan, als die CD gekommen ist“, gesteht Roscic, „wenn ich heute in einem Fachgeschäft eine audiophile Pressung sehe, dann werde ich noch immer schwach.“

Die beiden sind mit ihrem Faible nicht allein. Während Schallplatten für die meisten etwas Antiquarisches an sich haben, das sie an die Jugend und durchtanzte Disco-Nächte erinnert, ist es Musikliebhabern, die sich mit der CD nie wirklich anfreunden konnten, zu verdanken, dass sie bis heute überlebt haben. Und trotz oder vielleicht sogar wegen des MP3-Booms erleben klassische Schallplatten jetzt eine überraschende Renaissance.

25 Jahre ist es her, dass die CD als Nachfolger der schwarzen Tonträger präsentiert wurde, und bereits zur Jahrtausendwende schien sich das Rennen endgültig zugunsten der als „unzerstörbar“ und „absolut rauschfrei“ beworbenen CD entschieden zu haben. Schallplatten wurden damals nur noch auf Flohmärkten und in wenigen kleinen Fachgeschäften verkauft. Inzwischen floriert aber auch dank des Internets wieder der Handel mit ihnen, und selbst große Elektroniksupermärkte, die jeden Quadratmeter Verkaufsfläche einer strengen Kosten-Nutzen-Rechnung unterziehen, haben sie wieder ins Sortiment aufgenommen. In der Saturn-Filiale im Wiener Kaufhaus Gerngross wurden zuletzt sogar einige Regallaufmeter in Schallplattenregale umgewidmet. „Wir hätten das nicht getan, wenn die Verkaufszahlen und die Nachfrage nicht gestimmt hätten“, meint Gerhard Sandler, Geschäftsführer der Media-Saturn-Gruppe.

Treue Kunden. Obwohl das Geschäft mit den Vinyl-Scheiben nur etwa ein halbes Prozent des insgesamt 216 Millionen Euro schweren österreichischen Tonträgermarkts ausmacht, sind die Freunde dieser Musikkonserve eine besonders interessante Klientel. Erstens können mit Schallplatten mittlerweile sogar schon höhere Verkaufspreise erzielt werden als mit CDs, und zweitens sind Schallplattenkäufer sehr treue Kunden, die immer wieder ins Geschäft kommen. Neu veröffentlichte Alben gibt es nämlich, sofern überhaupt, immer nur in einer kleinen, limitierten Vinyl-Edition, die rasch vergriffen ist.

Auch Musiker und Künstler outen sich zusehends als Fans der schwarzen Scheiben und legen Wert darauf, dass ihre Alben auch als Schallplatte in den Handel kommen. Die Sopranistin Anna Netrebko und Sven Regener, Sänger der Band Element of Crime, ließen sich beispielsweise vertraglich garantieren, dass ein Teil ihrer Alben auf Vinyl veröffentlicht wird. Und der US-Künstler Frank Kozik, der das kleine Label Man’s Ruin betreibt, kündigt von allen CDs Vinyl-Versionen an, die bestellt werden können, und lässt danach exakt diese Stückzahl herstellen.

Überraschendes Comeback. Inzwischen ist in der Musikindustrie auch nicht mehr vom Tod der Schallplatte, sondern vom Tod der CD die Rede. Konzerne wie Universal und EMI denken laut darüber nach, CDs in Zukunft nur noch als MP3-Download wiederaufzulegen. Andererseits haben sich kleine Labels wie Simply Vinyl (www.simplyvinyl.com) oder Sundazed (www.sundazed.com) darauf spezialisiert, lange verschollene Schätze der Musikgeschichte in prächtigen Vinyl-Versionen neu zu veröffentlichen. Die Auflagen sind zwar immer klein, verkaufen sich aber nahezu von selbst. Und: Schallplatten werden nicht nur an die Generation 50 plus verkauft, sondern gelten inzwischen auch bei der jüngeren Generation wieder als cool.

Dass sich Schallplatten im Jahr 2007 wieder steigender Beliebtheit erfreuen, muss eigentlich als Niederlage für die Musikindustrie gewertet werden, die schon bei Einführung der CD das Ende der Vinyl-Schallplatte postuliert hatte. „Je früher die Compact Disc die konventionelle schwarze Schallplatte ablöst, desto besser“, meinte Hans Gout, CD-Chef von PolyGram, damals.

Seit aber die CD selbst Konkurrenz durch legal und illegal erworbene MP3-Files bekommen hat und der Musikindustrie durch illegale Online-Downloads Milliarden an Einnahmen entgehen, hat die Branche das ehemals verpönte Format wieder schätzen gelernt. „Es ist natürlich schön, wenn es Kunden gibt, die ein Produkt kaufen, bei dem es klar ist, dass es nicht darum geht, es zu kopieren oder zu stehlen“, erklärt Hannes Eder, Chef von Universal Music und Präsident der Vereinigung der Tonträgerindustrie (IFPI).

Und bei vielen scheint gerade der Punkt, dass man eine Schallplatte eben nicht wie eine CD am Heim-PC beliebig kopieren und vervielfältigen oder aus dem Internet auf den MP3-Player laden kann, ein zusätzlicher Anreiz zu sein, sie zu kaufen. Wer eine Schallplatte erwirbt, weiß, dass er entsprechend sorgsam damit umgehen muss. Der Buchautor Sky Nonhoff schreibt in seiner „Kleinen Philosophie der Passionen: Schallplatten“: „Mich schaudert es beim bloßen Gedanken an all jene Banausen, die überall ihre barbarischen Fettfinger hinterlassen müssen und Cover und Schutzhüllen seit jeher als lästiges Verpackungsmaterial begreifen.“

Analoger Genuss. Möglicherweise auch mit ein Grund für das Revival der Schallplatten ist, dass die Compact Disc qualitativ gesehen ein Kompromissprodukt ist: Es galt, auf einer zwölf Zentimeter großen CD 74 Minuten Musik unterzubringen, und folglich musste sich die für die Audioqualität entscheidende Bit-Rate diesen Bedingungen unterordnen.

Die Spielzeit der CD von 74 Minuten geht im Übrigen auf den Wunsch des damaligen Sony-Vizepräsidenten Norio Ohga zurück. Der forderte, heißt es, dass Ludwig van Beethovens Neunte Sinfonie in voller Länge auf einer CD Platz haben müsse. Die damals längste auffindbare Version war eine von Wilhelm Furtwängler dirigierte Aufnahme aus dem Jahr 1951, die exakt 74 Minuten dauerte. Alle anderen technischen Parameter hatten sich danach zu richten.

„Analog klingt besser“, erklärt Heinz Lichtenegger, Chef des Wiener Plattenspielerherstellers Pro-Ject Audio (siehe Kasten „Heavy Rotation“), „daran hat sich seit dem Beginn des CD-Zeitalters nichts geändert, als Plattenspieler noch extrem billig waren und trotzdem tausendmal besser klangen als jeder CD-Player.“ Lichtenegger ist auch sofort bereit, den Beweis anzutreten. Er zieht Pink Floyds „Dark Side of the Moon“, seine erklärte Lieblingsplatte, aus dem Plattenschrank, nimmt die Scheibe behutsam aus dem Cover, legt sie auf den Plattenteller und setzt vorsichtig die Nadel darauf. „Hören Sie das?“, fragt er, sobald die ersten Töne erklingen, „diese Brillanz, diese Dynamik – aufnahmetechnisch und musikalisch ist die Platte der absolute Gipfel. Es gibt nichts Besseres. Keine CD, geschweige denn ein MP3-File.“

Und in noch einem Punkt ist sich Lichtenegger sicher: „Analog Musik zu hören ist und war immer schon der billigste Weg zum High-End-Musikgenuss.“ Plattenspieler seien im Prinzip sehr einfache Geräte, an denen es nicht viel neu zu erfinden gebe. Die ständigen, von der Elektronik getriebenen Rekordjagden seien eigentlich überflüssig. Lichtenegger: „Es gibt weder das richtige Bild noch den hundert Prozent richtigen Ton, wie er mit der CD oder Super Audio CD versprochen wird. Eine Trompete klingt im Konzerthaus auch anders als im Jazzkeller und in der ersten Reihe Mitte wieder ganz anders als links hinten.“

Von Peter Sempelmann

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