Rauschende Mächte: Zwöf Milliarden Euro Wertschöpfung durch alkoholische Getränke

Zwischen Kulturgut und Komasaufen: Mit Alkohol lässt sich in Österreich nicht nur im Fasching gut Geld verdienen: Zwölf Milliarden Euro Wertschöpfung bringen alkoholische Getränke. Aber nun will die EU auch Bier, Wein und Schnaps stärker regulieren – nicht zur Freude heimischer Politiker.

Von Markus Groll

Kitzbühel, Hahnenkammrennen 2011. Trotz eines schrecklichen Unfalls im Abfahrtstraining ist die Stimmung feuchtfröhlich, an den vielen Schneebars sitzt der Euro locker, der Alkohol fließt in Strömen. Aber etwas ist anders: Erstmals haben sich die Veranstalter für ihre Verhältnisse beinahe protestantische Zurückhaltung auferlegt und zumindest die öffentliche Ausschank hochprozentiger Getränke strikt verboten. Eine „Miss Alkomat“ ist im Einsatz. Taschenkontrollen und verschärfte Polizeistreifen sollen dafür sorgen, dass die Leber nicht härter wird als die vereiste Rennstrecke am Hahnenkamm.

Machen die Alko-Wächter nicht einmal mehr vor einem traditionsreichen Ski-Fest halt? Nicht, wenn es nach EU und Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht. Beide wollen sich nach den Themen Ernährung und Tabak nun auch stärker des Alkoholgebrauchs annehmen. Werbebeschränkungen und Warnhinweise haben die Lobbys zwar bislang weitgehend verhindert. Aber schon im März werden die ersten nationalen Kommissionen zur Umsetzung der WHO-Antialkoholstrategie zusammentreten, weiß man im Gesundheitsministerium. Und auch EU-Gesundheitskommissar John Dalli, der schon beim Rauchen Zeichen setzte, macht jetzt beim Alkohol Dampf: „Europas Bürger werden immer älter. Wir müssen ihnen helfen, die gewonnene Lebenszeit gesund und aktiv verbringen zu können. Und das hängt unter anderem davon ab, was sie essen, rauchen – oder trinken.“
WHO und EU werden auf noch mehr Widerstand stoßen als beim Feldzug gegen die Glimmstängel, vor allem in Österreich. Zwar beschlossen hierzulande auch mehrere Landtage im Vorjahr strengere Jugendschutzbestimmungen, wurden die Verkehrsstrafen für Promilledelikte hinaufgesetzt und legte das Verkehrsministerium einen Themenschwerpunkt auf Alkohol am Steuer. Aber das ist Stückwerk und galt der Missbrauchsbekämpfung. Nationale Strategien zur grundsätzlichen Eindämmung des Alkoholkonsums würden in Österreich auf Unverständnis stoßen. Die meisten wollen sich die paar Glaserln nicht vermiesen lassen – und das nicht nur jetzt in den Wintermonaten, wo es von den vorweihnachtlichen Punschhütten direkt Richtung Silvesterpfad und dann weiter in den Fasching samt Ballsaison und zu den Skihütten geht. Sogar der Entstehungsmythos der Zweiten Republik gründet – trotz längst erwiesener Geschichtsfälschung – auf einem Alkoholexzess: Danach hätte die heimische Führung die russischen Staatslenker vor der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 unter den Tisch gesoffen. Und ein gutes halbes Jahrhundert später heißt die lange Zeit führende Band im Online-Voting für die Teilnahme am europäischen Songcontest „Alkbottle“. Suchtexperte Michael Musalek, Leiter des Anton-Proksch-Instituts in Wien, diagnostiziert der Nation ein ­ambivalentes Verhältnis: „Als Einstiegsdroge wird Alkohol hier ­bagatellisiert, Alkoholsucht als Krankheit aber dramatisiert.“

Trinken wird aber nicht nur als Kulturgut betrachtet, sondern hilft auch dem Sozialprodukt. Der volkswirtschaftliche Stellenwert der Wirtschaftszweige rund um C2H6O (die chemische Formel für Alkohol) ist europaweit beachtlich. Und für ein Tourismusland wie Österreich gilt das umso mehr. Laut Studien lassen sich zwischen 4,5 und fünf Prozent der Wertschöpfung auf Tätigkeiten rund um die Herstellung und den Konsum von Alkohol zurückführen. Das sind rund zwölf Milliarden Euro, doppelt so viel, wie die Maschinenbau-Industrie oder die Energieversorger zum BIP beitragen. Da wundert es niemanden, wenn die erinnerungswürdigste Passage der TV-Übertragung zum Start der ersten rot-grünen Koalition in Wien ein Sager von Bürgermeister Michael Häupl ist: „Man reiche den Spritzwein“, verkündete der Volkstribun mit aus- und einladender Geste nach der gemeinsamen Unterschrift unter dem Koalitionspakt.

Am feuchteren Ende.
Beim Konsum von Alkohol liegen die Österreicher laut OECD im europäischen Spitzenfeld. Die 12,5 Liter Reinalkohol pro Kopf und Jahr (umgerechnet aus dem Konsum von Bier, Wein und Spirituosen) bedeuten den fünften Platz im Ranking von 31 untersuchten europäischen Ländern (siehe Grafik ­Seite 57). Der europäische Schnitt liegt bei 10,8, der weltweite nur bei rund sechs Litern pro Kopf. Am trockenen Ende des Europa-Rankings liegt mit lediglich 5,3 Litern Malta – das Herkunftsland des Gesundheitskommissars Dalli. 2009 flossen 244 Millionen Liter Wein und 888 Millionen Liter Bier – mehr als Mineralwasser – durch die Kehlen der Österreicher, was vielleicht daran liegt, dass der durstlöschende Effekt des Gerstensafts ein Mythos ist, sagt ­Experte Musalek: „Alkohol wirkt eher anregend auf das Durstzentrum im Gehirn. Und anders als beim höherprozentigen Wein kann man bei Bier durchaus mehr davon zu sich nehmen.“

Während sich mancher Österreicher eine rote Nase antrinkt, verdienen sich etliche in der Branche durchaus eine goldene Nase. So zählt etwa Bier zu den beliebtesten Promotionsartikeln im Lebensmittelhandel. Nur wenige Cent Verbilligung pro Kiste reichen, damit Grill- oder TV-Fernbedienungsmeister die Läden stürmen. Rewe-Pressesprecherin Corinna Tinkler formuliert diplomatisch: „Eine regional perfekt ausgewogene Rabattaktion bei Bier ist sehr umsatzeffektiv.“ Rund 50 Prozent des im Handel angebotenen Biers, 547 Millionen Liter im Jahr, gehen daher als Aktionsware über die Scannerkasse.

Die Vorliebe der Österreicher für Bier – sie liegen beim Pro-Kopf-Verbrauch in Europa an zweiter Stelle hinter Tschechien – hat auch eine beachtliche Anzahl an kleinen Brauereien wachsen lassen, die mit Spezialbieren reüssieren können. Damit kommt Österreich auf eine überdurchschnittlich hohe Anzahl von 127 Braustätten. Das erstaunt umso mehr, als der Biermarkt insgesamt von der übermächtigen Brau Union, einer Tochter des Heineken-Konzerns, beherrscht wird: 48 Prozent Marktanteil. Brau-Union-Generaldirektor Markus Liebl erklärt augenzwinkernd: „Bier ist einfach ein Genussmittel seit Jahrtausenden, wenn nicht schon seit Adam und Eva. Oder können Sie sich ein Paradies ohne Bier vorstellen?“

Wein für den Opernball.
Wein wiederum nutzen die Handelsketten gerne als Marketinginstrument, um gehobene Käuferschichten zu den Regalen zu bringen. Sein Stellenwert zeigt sich auch daran, dass die drei größten österreichischen Handelsketten alle ihre eigenen oder eng verbundene Weinkellereien betreiben: Lenz Moser (für Hofer), Schloss Fels (für Spar) und Wegenstein (für Rewe). Der größte Winzerverband mit eigenen Weingärten wiederum ist die Genossenschaft Winzer Krems, die das Kunststück zuwege bringt, seit zehn Jahren jährlich eine gut besuchte Pressekonferenz zu bestreiten, nur um ihr Exklusivrecht zur Belieferung des Wiener Opernballs zu verkünden. Geschäftsführer Franz Ehrenleitner ist dementsprechend stolz: „Das ist sogar für Politiker wie Landeshauptmann Erwin Pröll oder Raiffeisen-Chef Christian Konrad ein Fixtermin.“

Bei den Weinherstellern liegen wirtschaftlicher Erfolg oder Misserfolg eng beieinander. Markenartikler, die ihre eigenen Produkte abfüllen und gar noch exportieren, können auf den mittlerweile ausgezeichneten Ruf Österreichs in der internationalen Weinwelt zählen. Auf der anderen Seite der Einkommenskette steht eine große Anzahl reiner Traubenlieferanten ohne eigenen Markennamen, ohne fixe Abnahmeverträge, die von täglich gebildeten Preisen an den Weinbörsen abhängig sind.

Heuer kämpft die Branche allerdings eher mit zu wenig Material. Die Erntemenge ist 2010 von ohnehin schon niedrigen 2,3 Millionen Hektolitern auf 1,6 Millionen eingebrochen. Damit könnte der mühsam erworbene Marktanteil des einheimischen Weins in Österreich von 65 Prozent wieder schrumpfen. Josef Pleil, Präsident des Österreichischen Weinbauverbands: „Das ist eine äußerst bittere Sache – und im Prinzip können wir nichts dagegen tun.“ Ist die nächste Ernte ähnlich mager, könnte es in der Weinwirtschaft auch zu gröberen Marktbereinigungen kommen.

Keiner der Player, der mit alkoholischen Getränken sein Geld verdient, hat naturgemäß Interesse an großartigen politischen Regulierungsmaßnahmen. Spar-Chef Gerhard Drexel moniert etwa: „Die EU soll endlich aufhören mit den ständigen Bevormundungen der mündigen Konsumenten.“ Die Selbstregulierung reiche vollkommen: So habe Spar – wie im Übrigen auch Rewe – ein Warnsystem an den Scannerkassen installiert, das die Kassiererinnen bei Alkoholika automatisch an die obligate Alterskontrolle erinnert.

Auch die öffentliche Hand selbst ist da durchaus gespalten. Und nicht nur deswegen, weil etwa gemeinnützige Aufgaben wie das Löschen von Bränden oder das Bergen nach Unfällen zu einem gar nicht geringen Teil durch die Veranstaltung von kollektiven Besäufnissen bei landauf, landab jährlich rund 4600 Feuerwehrfesten finanziert werden. Alleine an Bier- und Weinsteuern flossen 2009 exakt 323 Millionen Euro an den Fiskus. Die Schattenseiten werden gerne ausgeblendet: Den Schaden durch Missbrauch, Unfälle, Folgekosten usw. beziffert die EU-Kommission für Österreich mit 3,6 Milliarden Euro – ganz abgesehen von den sozialen Problemen.

Angesichts der zwölf Milliarden Euro Wertschöpfungsbeitrag von Getränkeherstellern, Gastronomie & Co – etwas zynisch betrachtet eine sehr positive Bilanz – wollen Politiker eben nicht päpstlicher sein als der Papst. Man brüstet sich zwar seit Jahren mit einer rückläufigen Zahl an Alkoholunfällen im Straßenverkehr. Allerdings, so klagt etwa das Kuratorium für Verkehrssicherheit, sei die Dunkelziffer durchaus hoch: Denn in fast allen EU-Ländern ist bei Verkehrsunfällen mit Toten und Bewusstlosen automatisch ein Alkoholtest vorgeschrieben. Nur in Deutschland, Tschechien und Österreich nicht. Zufällig liegen genau diese drei Länder auch im Ranking der wenigsten Alkoholtoten bei Verkehrsunfällen voran.

Lobbying bei der EU.
Die Politik überlässt das Lobbying gegen allzu weit gehende Pläne der Brüsseler Beamten zur Einschränkung des Alkoholkonsums lieber den diversen Branchenverbänden. So etwa veranstaltete der europäische Brauereiverband vor Weihnachten ein Galadiner für EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy. Die dabei übermittelte Botschaft: Bier habe europaweit die höchsten Produktions- und Steuer­kosten je Liter Reinalkohol – untermauert durch eine Studie des Beraters PricewaterhouseCoopers.

Auch die Standesvertretung der Winzer macht sich Gedanken über die richtige Strategie in der Zukunft. Schon die seit zwei Jahren geltende EU-Vorschrift, auf allen Etiketten den gesundheitsrelevanten Zusatz „enthält Schwefel“ aufdrucken zu müssen, hatte den rotweißroten Weinlobbyisten schlaflose Nächte beschert – und ein paar Ausnahmegenehmigungen ausverhandeln lassen. Gegen noch weiter gehende Warnhinweise machen die Standesvertreter mobil. Josef Pleil, Präsident des Österreichischen Weinbauverbands: „Die EU hat schon viele Blödheiten gemacht – und die werden wir ihr wieder austreiben. So wie das letzte Mal: Da haben wir zwei Gutscheine für die Österreichische Weinakademie nach Brüssel geschickt, damit die Beamten die Verhältnisse in Österreich richtig kennen lernen.“

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