Privatkonten: Überzogene Reaktion

Mit der Einführung der Basel-II-Richtlinien gelten für Kontoüberziehungen ab dem kommenden Jahr strengere Regeln.

Die Stimme des Bankberaters hatte etwas alarmierend Eindringliches im Unterton. Der Freiberufler Herbert H. müsse sich demnächst von einer lieb gewonnenen Gewohnheit verabschieden, erklärte er dem langjährigen Kunden. Und zwar vom heillosen Überziehen seines Girokontos. H. war verblüfft. Warum sollte er bald nicht mehr dürfen, was jahrelang kein Problem für die Bank gewesen war?

Seit er vor vier Jahren mit einer Ein-Mann-Internetfirma den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt hatte, flossen die Eingänge auf das Konto höchst unregelmäßig. Nicht selten wurde dabei auch der mit der Bank vereinbarte Überziehungsrahmen gesprengt. Bisher war das keine Katastrophe: Mit der kontoführenden Filiale bestand die Vereinbarung, dass es genügte, wenn das Konto einmal jährlich auf null gestellt werde – für Herbert H. kein Problem, da immer wieder größere Aufträge abgerechnet wurden.

Doch der Betreuer machte dem EDV-Spezialisten klar: Ab 1. Jänner 2007 gelten neue Bestimmungen. Die bisherige Praxis sei dann nicht mehr rechtskonform. Als Argument nannte der Schalterbeamte Regeln, denen sich die Banken demnächst unterwerfen müssen und die mit einem Abkommen namens Basel II zu tun haben. Nicht nur das: Herbert H. erfuhr bei dieser Gelegenheit gleich auch noch, dass Kontoüberziehungen teurer geworden sind, weil die Zinsen im Euroraum steigen.

Strenge Regeln. Tatsächlich werden die Zeiten für alle jene, die mit dem Minus auf dem Konto zu leben gelernt haben, mühsamer. Zwar regelt das mit 1. Jänner in Kraft tretende Basel-II-Abkommen hauptsächlich die Beziehungen der Banken mit ihren Geschäftskunden, doch auch für Privatkunden gibt es einige Änderungen – vor allem, was Kredite und Kontoüberziehung betrifft. Auf die Frage, ob Banken nach der Einführung von Basel II bei der Kreditvergabe künftig restriktiver vorgehen, antwortet Thomas Hübschmann, Produktmanager Finanzierungen bei der Bank Austria Creditanstalt, mit einem klaren Ja.

Ziel des bereits 2004 veröffentlichten Abkommens des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht ist es, die Eigenmittelvorschriften für die betroffenen Banken zu verschärfen, dadurch die Geschäftsrisiken zu verringern und das internationale Finanzsystem insgesamt zu stärken. Hinter diesen eher abstrakten Formulierungen verbergen sich höchst konkrete Maßnahmen, die jeden Kunden betreffen.

Risiken für Banken entstehen nämlich hauptsächlich im so genannten Aktivgeschäft – also jenen Bankgeschäften, die für die Institute Geld bringen. Verleiht die Bank Geld – zum Beispiel in Form eines Kredites oder auch einer geduldeten Kontoüberziehung –, dann kassiert sie dafür Zinsen. (Im Gegensatz dazu muss sie Sparbuchinhabern Zinsen zahlen, hier handelt es sich also um ein typisches Passivgeschäft.)

Charakteristisch für jedes Aktivgeschäft ist aber auch ein damit verbundenes Risiko, das der Bank durch die Zinsen abgegolten wird – ein theoretisch vielfach beschriebener Zusammenhang, den jeder Kreditnehmer aus eigener praktischer Erfahrung kennt. Wird ein Kredit hypothekarisch besichert (stehen also Grundbesitz oder eine Eigentumswohnung als Sicherheit zur Verfügung), dann sind dafür relativ niedrige Zinsen zu bezahlen. Konsumkredite ohne Besicherung sind dagegen für die Bank riskanter und daher entsprechend teurer.

Jede Bank muss auf dieses Risiko vorbereitet sein – immerhin kann es ja passieren, dass ein Kreditnehmer nicht mehr in der Lage ist, seine Schulden zurückzuzahlen. Daher muss jeder Kredit je nach Risiko mit entsprechenden Eigenmitteln der Bank unterlegt sein, die dann für keine anderen Geschäfte mehr zur Verfügung stehen. Exakt diese Eigenmittelausstattung regelt Basel II.

Sonderkondition. Eine Sonderstellung nehmen die bei Österreicherinnen und Österreichern so beliebten Kontoüberziehungen ein. Praktisch funktionieren diese wie ein Kredit: Sie lassen eine Zahlungsverpflichtung gegenüber der Bank entstehen und müssen mit Zinsen zurückgezahlt werden. „Formal ist eine Kontoüberziehung aber kein Kredit, es handelt sich vielmehr um eine Einkaufsreserve, die von der Bank für ihre Kunden bereitgehalten wird“, erklärt BA-CA-Produktmanager Hübschmann. „In anderen Ländern gibt es so etwas in dieser Form nicht.“

Das hat freilich einen handfesten Grund: nämlich die Vertragsgebühr. In Österreich kassiert der Finanzminister bei jedem Kreditvertrag 0,8 Prozent der Kreditsumme als Kreditsteuer – was die hierzulande an sich günstigen Kredite erheblich verteuert. Diese zusätzliche Gebühr wird für Kontoüberziehungen nicht berechnet, da es sich formal ja eben nicht um einen Kredit, sondern um eine „Reserve“ handelt.

Der Nachteil dieser typisch österreichischen Lösung: Bankkunden werden über ihren Überziehungsrahmen nur sehr vorsichtig unterrichtet. „Eine Korrespondenz darüber ist nicht möglich, denn das könnte ja als Kreditvertrag gewertet werden“, so Hübschmann. So ist dieser Rahmen regelmäßig Thema bei dem Erstgespräch anlässlich der Kontoeröffnung. Zahlreiche Banken kommunizieren die Einkaufsreserve überdies zumindest vierteljährlich auf dem Kontoauszug.

Über die Höhe des Rahmens bestehen dennoch weit verbreitete Irrtümer. „Zwei bis drei Monatsbezüge kann man zwar als Richtwert nehmen, aber den Überziehungsrahmen sollte jeder selbst vereinbaren“, verrät Bernhard Bregesbauer, Vertriebsleiter der Volksbank Wien. „Entgegen einer landläufigen Meinung werden aber nicht bei jedem Konto automatisch drei Monatsbezüge an Überziehungsrahmen eingeräumt“, warnt Hannes Meltsch vom Produktmanagement Finanzierungen der Erste Bank vor voreiligen Schlüssen und dem zu großzügigen Umgang mit der Bankomatkarte. „Das Einkommen ist sicher eine wesentliche Größe bei den Überlegungen, aber der tatsächliche Einkaufsrahmen ist immer Gegenstand individueller Gespräche zwischen der Bank und einem Kunden.“

Dennoch gab es bisher Kontoinhaber, die zwar nie mit ihrem Betreuer über einen Einkaufsrahmen gesprochen haben, die aber – bisweilen ohne es zu wissen – über einen solchen verfügten. Herbert Ninz, Privatkunden-Vertriebsleiter der Vorarlberger Landes- und Hypothekenbank, sieht mit Basel II das Ende dieser „stillen Vereinbarungen“ gekommen: „Zumindest bei uns wird jeder Kunde über seinen Überziehungsrahmen informiert. Eine automatische Erteilung kann es nicht mehr geben.“

Bonitätsprüfung. Die wesentlichste Änderung, die Basel II für alle Bankkunden bringt, wird den meisten freilich verborgen bleiben: Künftig muss sich jeder Kontoinhaber, der einen Überziehungsrahmen in Anspruch nehmen will, eine standardisierte Bonitätsprüfung gefallen lassen. Im kommerziellen Bereich sind diese so genannten Ratings bereits seit Langem üblich, und vor allem bei börsenotierten Unternehmen oder solchen, die eine Anleihe begeben wollen, übernehmen große internationale Ratingagenturen wie Standard & Poor’s oder Moody’s diese Bonitätsbeurteilung. Nach dieser richten sich dann die Kredit- oder Anleihekonditionen. Solche Ratings sind meist mit Analystenbesuchen und ausführlichen Bilanzanalysen verbunden – eine Methode, die sich für Privatkunden natürlich nicht eignet.

Basel II sieht hier eine standardisierte Bewertungsmethode für Privatkunden vor. Diese berücksichtigt Einkommen, Vermögenslage und andere objektiv erfassbare Daten. Für die Überwachung und Umsetzung der Richtlinien ist die Bankenaufsicht zuständig. Allerdings können die Banken bei der Aufsichtsbehörde auch die Zulassung individueller Prüfmethoden beantragen. So gut wie jedes größere Geldinstitut hat das bereits getan oder wird dies demnächst tun.

„Bei uns und den meisten anderen Banken läuft diese Basel-II-konforme Bonitätsbewertung jetzt schon, sie kann im Extremfall dazu führen, dass wir an Kunden herantreten und über eine Rückführung der Einkaufsreserve reden“, kündigt Thomas Hübschmann potenziell unangenehme Gespräche an. Das Problem dabei: Fast jede Bank hat ihr eigenes Bewertungssystem entwickelt. Manche Institute kennen nur fünf Bonitätsstufen, andere haben eine bis zu 30-stufige Skala eingeführt. Bankkunden können mit Informationen über diese Bonitätsbewertung also zunächst nur wenig anfangen.

Doch ob sie diese Informationen überhaupt erhalten, ist ohnedies fraglich. Sehr unterschiedlich wird nämlich die Kommunikation der Bewertung gehandhabt. „Wir haben an sich nicht vor, den Kunden die Einstufung mitzuteilen“, meint Hannes Meltsch von der Erste Bank. „Die Kunden haben nichts davon, wenn man ihnen eine Zahl an den Kopf wirft, mit der sie eigentlich nichts anfangen können“, gibt sich auch BA-CA-Produktmanager Hübschmann zugeknöpft. „Wir informieren nicht, aber wenn sich das Limit durch eine Änderung der Bonitätseinschätzung ändert, werden die Kunden davon selbstverständlich informiert“, reiht sich Bawag-P.S.K.-Sprecher Thomas Heimhofer ebenfalls in die Riege der Schweigsamen. Diplomatisch zieht sich Ludwig Kremser, Leiter Produktmanagement Finanzierung der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien, aus der Affäre: „Uns hat noch niemand nach seinem Rating gefragt.“

Was möglicherweise ja daran liegen könnte, dass die meisten Bankkunden gar nicht wissen, dass es dieses Rating gibt.

Sehr wohl kommuniziert wird hingegen eine weitere Änderung, die sich mit der Umsetzung der Basel-II-Richtlinien einstellen wird. „Wenn ein Bankkunde mehr als 90 Tage mit seinen Zahlungen im Verzug ist, gilt er als ausgefallen“, erläutert Karl-Helmut Halak-Fogl, für das Risikomanagement der Erste Bank zuständig. Für alle, die es bisher mit ihrem Rahmen nicht so genau nahmen, bedeutet das Alarmstufe Rot. Wer seinen Rahmen überzogen hat, wurde dafür mit „Strafzinsen“ belegt, für die das Bankwesengesetz ein Maximalausmaß von fünf Prozent festsetzt. Dabei war es jeder Bank überlassen, die Dauer und das Ausmaß der zusätzlichen Kontoüberziehung festzulegen. Bei Aussicht auf größere Kontoeingänge konnten das schon ein paar Monate sein.

„Dem setzt die Solvabilitätsverordnung eine Grenze“, erklärt Halak-Fogl. Demnach gilt ein Kunde, der mehr als 90 Kalendertage mit seinen Zahlungen säumig ist, als „Ausfall“, im Fachjargon „default“. In diesem Fall darf das Geldinstitut alle Kredite einschließlich des Kontorahmens fällig stellen – was im Einzelfall zur finanziellen Katastrophe führen kann. Spielräume sieht Basel II hier keine mehr vor.

Doch auch für diesen Fall gibt es Lösungen. Wer rechtzeitig feststellt, dass eine Rückkehr unter das Limit nicht möglich ist, sollte mit der Bank eine Umschuldung aushandeln. Die Umwandlung einer Kontoüberziehung in einen mittelfristigen Kredit kann Ärger und Zinsen sparen. „Keine Bank ist daran interessiert, dass ein Kunde ausfällt, denn das verursacht hohe Kosten“, so Halak-Fogl. Maßnahmen, um dies zu verhindern, sind bereits in Vorbereitung: „Es wird einen genaueren Mahnprozess geben. Nur durch rechtzeitige Information lässt sich verhindern, dass ein Kunde ausfällt.“ In Diskussion stehen bei den Banken derzeit sogar Call-Center-Lösungen, mit denen das telefonische Mahnwesen ausgebaut werden soll. Womit sich jetzt zumindest eines abzeichnet: Basel II wird das Leben für Bankkunden nicht einfacher machen.

VON FRANZ C. BAUER

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