Prinz Eisenherz regiert die Bank Austria:
Neo-Bank-Boss Willibald Cernko im Porträt

Anfang Oktober bekommt die Bank Austria einen neuen Chef. Willibald Cernko, ein weltläufiger Manager mit steirischen Wurzeln, soll Österreichs größtes Geldinstitut aus den Nachwehen der Finanzkrise führen.

Von Stephan Klasmann

April 2002. Safari mit Freunden und Kunden in der Massai Mara in Kenia. Ein sichtlich erregter Willibald Cernko stampft zum Dinner im Governors’ Camp. Diebe, macht der Manager seinem Ärger Luft, hätten sein Gepäck auf der Suche nach Wertvollem durchwühlt und im Zelt nur Chaos hinterlassen. Doch die vermeintlichen Einbrecher sind rasch entdeckt. Drei neugierige Paviane, so ein herbeieilender Wildhüter, hätten des Bankers Reisetaschen eingehend erforscht. In der Sekunde weicht der Zorn der Heiterkeit und herzlichem Lachen.

Der Affenangriff zeigt eine hervorstechende Eigenschaft des neuen Vorstandsvorsitzenden der Bank Austria. Er ist nicht der elegante, kühle Highstreet- Banker, sondern ein emotionaler, spontaner Alpha-Typ. „Mit dem Willi kannst wirklich eine Hetz haben“, erinnert sich Bernhard Ramsauer, heute Österreich-Chef der Privatbank Sal. Oppenheim, an seinen ehemaligen Chef, „und er ist auch keine angerührte Leberwurst, wenn der Witz einmal auf seine Kosten geht.“ Energiegeladen, humorvoll, hemdsärmelig – das sind häufig genannte Punzierungen, mir denen der neue Bank-Austria- General von seinen Weggefährten und Bekannten belegt wird. Außerdem gilt er als weltläufig und als überzeugter Europäer.

Mit nationalistisch-patriotischen Tönen tut sich Cernko tatsächlich schwer, und das nicht nur im Wirtschaftsleben. Die ehrliche Lust am Internationalen ist kein für Medien bestimmtes Lippenbekenntnis, sondern wird im Hause Cernko exemplarisch vorgelebt. Die vier Kinder aus erster Ehe sind über die ganze Welt verstreut. Der Älteste, Sohn Leonard, Österreichs Koch des Jahres 2006, komponiert seine Menüs derzeit in einem Moskauer Nobelrestaurant, der zweite Sohn studiert in Dublin und jobbt dort bei der Fondsgesellschaft Pioneer. Die ältere Tochter Nastassja studierte bisher in Wien, Bordeaux und Santiago de Chile und beginnt nun ein Masterstudium an der Diplomatenakademie, die jüngere, Geraldine, absolviert im Rahmen ihres Tourismusstudiums gerade ein Gastsemester in Mexiko.

Der erste Bund fürs Leben ging ohne Krach und Rosenkrieg auseinan-der. „Meine Frau hat gesagt, du bist mit der Bank verheiratet“, erinnert sich Cernko mit nachdenklichem Blick und nickt zustimmend. Seine zweite Frau stört das nicht. Jasminka Stancul ist eine bekannte Konzertpianistin. „Spitzenmusiker wie sie haben selbst einen so eigenen Lebensrhythmus, dass das mit meinem Berufsleben gut kompatibel ist“, erklärt der Steirer. Kennen gelernt haben sie sich bei der Eröffnung der BA-Niederlassung in Bosnien. „Das war am 12. September 2002. Eigentlich wollte ich da gar nicht hin, aber alle anderen haben abgesagt, also musste ich fahren“, lächelt er über das ihm gnädige Schicksal. „Bei diesem Event saß eine dunkelhaarige junge Frau am Klavier. Anmutig – hab ich mir gedacht.“ Stunden später traf man sich beim Buffet. Jetzt ist sie seine Gattin.

Ihr zuliebe macht er doch auch gewisse Zugeständnisse im Zeitmanagement, denen schließlich auch seine Golfleidenschaft zum Opfer gefallen ist. „Ich habe immer weniger Zeit dafür gehabt und bin daher um fünf Uhr aufgestanden, um gleich in der Früh auf dem Platz zu sein.“ Diese morgendlichen Aktivitäten fanden freilich keine Gnade vor dem Auge der Hausherrin. Fazit: Heuer wurden die Schläger erst zweimal hervorgeholt.

Das Frühaufstehen ist dem zweiten von fünf Kindern freilich in die Wiege gelegt worden. „Mein Vater war Industriearbeiter und hat immer von vier Uhr Früh bis Mittag gearbeitet.“ Um drei Uhr läutete im Haus in Judenburg der Wecker. „Ein Frühstück am Sonntag um sechs Uhr war schon richtig spät. Diese Prägung hat sich bis heute erhalten. Wenn ich bis sieben Uhr noch nichts gearbeitet habe, habe ich das Gefühl, den Tag zu vergeuden.“ Jene seiner Mitarbeiter, die eher Nachteulen sind, kann das auch durchaus nerven, schließlich kommt nicht jeder so wie Cernko mit vier bis fünf Stunden Schlaf aus.

Die hohe Disziplin beim Aufstehen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der neue Bankgeneral von Freunden und Bekannten einhellig als Genussmensch beschrieben wird. „Er ist weder einem guten Essen noch einer guten Flasche Wein abgeneigt“, erinnert sich der ehemalige BA-Vorstand Ralph Müller, der seit Kurzem die Österreich-Tochter des AW D leitet. Als Vater eines Haubenkochs steht er auch gerne in der Küche, wo er jedoch nach eigener Aussage eher subalterne Dienste leistet. Essen soll ein Erlebnis sein, ebenso guter Wein. „Für mich ist das etwas Kreatives, Lebendiges, aber ich analysiere es nicht so wie manche Kenner, die da was weiß ich was für Aromen herausriechen.“ Ähnlich geht es ihm mit Musik. „Natürlich höre ich dank meiner Frau mittlerweile heraus, ob etwas gut oder schlecht klingt, aber auch da geht es mir um das Gesamterlebnis, um das, was sich gefühlsmäßig überträgt.“ Seine eigene musikalische Karriere beschränkte sich auf etwas Gitarrezupfen. „Weit habe ich es dabei nicht gebracht.“ Cernko blickt leicht verschämt zu Boden. „Und als ich beim Taschengeld ‚short‘ war, habe ich gewusst, ich muss Prioritäten setzen.“ Der Verkauf des Instruments löste einen kurzfristigen Liquiditätsengpass.

Prioritäten setzen – das zählt auch im Beruflichen zu seinen großen Stärken. „Er ist jemand, der seine Ziele mit großer Konsequenz und auch mit Genauigkeit verfolgt“, erinnert sich Ex-Kollege Müller, der in ihm auch die Qualitäten des Alpha-Tiers erkennt: „Er führt gerne und sitzt auch gerne im Driver-Seat.“ Gleichzeitig gilt er als guter Coach, der sein Team motivieren und begeistern kann. Müller: „Er hört sehr genau zu, ist wirklich interessiert und trifft keine oberflächlichen Entscheidungen.“ Sind aber einmal die Würfel gefallen und ein Ziel festgelegt, dann wird es mit letzter Konsequenz verfolgt. Das, so hört man aus Mailand, war auch einer der Gründe dafür, dass – nach dem schon länger vorbereiteten Rückzug von Erich Hampel als BA-Chef – die Wahl von UniCredit- Chef Alessandro Profumo auf Cernko gefallen ist.

„Ein berühmter Ausspruch von ihm ist, ich sage nur zweimal Bitte“, erzählt AUA-Manager Martin Hehemann, der viele Jahre als Marketing- und Kommunikationschef der BA-CA tätig war. „Das stimmt“, schmunzelt Cernko. „Ich habe immer Respekt vor meinen Mitarbeitern, und jeder darf Fehler machen, da bin ich wirklich tolerant. Aber irgendwann müssen die Entscheidungen umgesetzt werden, sonst geht nichts weiter. Und da bin ich sehr hartnäckig.“

Der 52-Jährige selbst hält das für eine seiner großen Stärken: „Ich bin keiner, der mit dem Kopf durch die Wand geht, aber ich bin immer wieder überrascht, wie viel Erfolg man damit haben kann, dass man einfach nicht schon beim ersten Fehlversuch aufgibt.“ Cernko richtet sich in seinem Sessel auf, und es ist, als zwänge ein Energieschub seine Wirbelsäule in die Vertikale: „Ich fühle mich nicht als Manager, sondern als Unternehmer. Ich will etwas unternehmen, verstehen Sie? Ansonsten wäre ich ja ein Unterlasser!“ Hätte es daran je einen Zweifel gegeben, jetzt wäre er endgültig ausgeräumt. „Und natürlich wollen wir auch wachsen. Ein Unternehmer, der nicht wachsen will, verdient diese Bezeichnung nicht.“

In seinem neuen Job wird er genug Gelegenheit haben, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Denn Cernko übernimmt die Bank in einer keineswegs einfachen Situation. „Die Krise ist noch nicht vorbei“, hält er ausdrücklich fest und ergänzt: „Wir müssen aus dem, was geschehen ist, nicht nur Schlüsse ziehen, sondern auch wirklich etwas lernen.“ Aber was? „Wir müssen zum Einmaleins des Bankgeschäfts zurück. Das klingt banal, aber es geht darum, dem Kunden zuzuhören, seine Bedürfnisse zu erkennen und ihm einfache und verständliche Produkte anzubieten.“ Bei diesem Thema wird Cernko wieder richtig emotional. Zeit seines Berufslebens dem Vertrieb verbunden, ist der Kundenkontakt für ihn das Um und Auf des Erfolgs, „auch wenn das manche für die Niederungen des Bankgeschäfts halten“. Der Hobby-Pferdezüchter beginnt zu sprudeln: „Wir müssen das Vertrauen der Kunden zurückgewinnen. Der Berater soll die Lebenssituation seiner Klienten kennen, nur dann fühlen sie sich bei ihm gut aufgehoben.“ An diesen Dingen müsse man arbeiten, und daran lasse er sich auch messen. 50 Prozent seiner Gage in Höhe von rund einer Million Euro hängen an der Nachhaltigkeit der Ergebnisse sowie den Kriterien Kundenzufriedenheit und Image der Bank, erhoben in einer jährlichen Umfrage unter 50.000 Bankkunden.

Mit diesem Salär ist Cernko, was die Kritik an Banker-Boni betrifft, auf der sicheren Seite. „Ich finde es trotzdem „Er ist jemand, der seine Ziele mit großer Konsequenz und Genauigkeit verfolgt. Er führt gerne und sitzt bevorzugt im Driver-Seat.“ Ralph Müller, AWD „Mit dem Willi kannst wirklich eine Hetz haben. Er ist auch keine beleidigte Leberwurst, wenn ein Witz einmal auf seine Kosten geht.“ Bernhard Ramsauer, Sal. Oppenheim schade, dass man sich so auf dieses Thema konzentriert. Wir müssen viel grundlegender umdenken.“ Die neuen Regulative bezüglich höherer Eigenmittelquoten und besserer Risikosteuerung, die am kommenden G20-Gipfel in Pittsburgh beschlossen werden sollen, begrüßt er ausdrücklich. „Die Banken haben zwischen 2002 und 2006 sehr gute profitable Jahre gehabt. Dadurch hat man sich bei Investments immer mehr auf die Chancen konzentriert und immer weniger das Risiko beachtet. Das war eine der psychologischen Ursachen für die Finanzkrise.“ An den Folgen – erheblich höhere Ausfälle bei Darlehen und erschwerte Kreditvergabe – werde die Branche noch lange laborieren. Die Forderung nach besserer Eigenkapitalausstattung sei daher im Sinne der gesamten Wirtschaft.

Kritik daran, dass sich die Tochter der italienischen UniCredit Geld aus dem österreichischen Bankenpaket holen möchte, versteht er nicht: „Die Bank Austria hat ihren Sitz in Wien und managt von hier aus die osteuropäischen Aktivitäten des Konzerns. Natürlich sind wir Teil – und ein wichtiger Teil – einer europäischen Bankengruppe.“ Aber das, betont er fast schon händeringend, sei doch kein Fehler, sondern im Gegenteil ein Vorteil, der dem Unternehmen und auch jedem einzelnen Mitarbeiter eine Vielzahl zusätzlicher Chancen ermögliche. Gerüchte, wonach die Zustimmung zur Staatshilfe von einer Verlängerung des so genannten Bank-der-Regionen-Vertrags abhängig gemacht werden soll, in dem die Führungsrolle der Bank Austria in der UniCredit-Gruppe für Osteuropa festgelegt ist, quittiert er mit Schulterzucken. „Unsere Zuständigkeit ist bis 2016 festgeschrieben. Wenn wir jetzt fünfjähriges Partizipationskapital aufnehmen, dann haben wir das längst zurückgezahlt, bis er ausläuft.“ Bis spätestens Mitte Oktober, schätzt Cernko, werden die Verhandlungen darüber abgeschlossen sein.

Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens hängen aber, das ist Cernkos Credo, ohnehin nicht an einzelnen medienwirksamen Entscheidungen, sondern vor allem daran, dass die Dinge im Kleinen richtig gemacht werden. Also vor allem im Kontakt mit dem einzelnen Kunden, aus dessen Anerkennung oder auch Kritik man viel lernen könne. Fehler machen ist okay, sie wiederholen nicht. „Intelligente Menschen machen den gleichen Fehler nur einmal. Die Dummen machen ihn mehrmals. Von den besonders Klugen sagt man sogar, sie lernten aus den Fehlern, die andere machen. Ich zähle mich zu den Intelligenten.“ Bei der nächsten Safari wird Willibald Cernko sein Gepäck affensicher verwahren.

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