Polizzen ohne Sex

In der Versicherungsbranche wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs verbietet es künftig, bei Tarifen zwischen Frauen und Männern zu unterscheiden. trend analysiert. welche Änderungen durch die neuen Unisex-verträge auf die Konsumenten zukommen und was es für die Branche bedeutet.

Von Michael Moravec

Die wirklich gute Nachricht zum 100. Weltfrauentag kam ausgerechnet von einem männerdominierten Grämium, dem EuGH. Spätestens am dem 21.12.2012 dürfen die Versicherungen in der EU keinen Unterschied mehr zwischen Frauen und Männern machen. Bisher zahlte das angeblich schwache, tatsächlich aber langlebigere Geschlecht in den kapitalintensiven Sparten wie Renten-, Kranken- und Pflegeversicherungen teils um bis zu 70 Prozent höhere Prämien. Männer kamen da viel billiger weg, mussten jedoch - für Unfall- und Ablebenspolizzen ordentliche Zuschläge hinnehmen. Damit ist jetzt Schluss. Nach Ansicht der Euro-Richter sind solche Differenzierungen diskriminierend. Sie verpflichten die Assekuranzen, ab der Wintersonnenwende 2012 verbindliche Unisex-Tarife anzubieten.

Den Versicherungen mag dieses Datum - es entspricht dem Weltuntergangstermin der Maya-Indianer - wie ein böses Omen erscheinen. In den Vorstandsetagen ist man schlicht, ratlos, nach welchen Kriterien künftig Prämien und Leistungen errechnet werden sollen, nachdem der EuGH versicherungsmathematische Grundsätze schlicht ignoriert. Manfred Baumgartl, Vorstand für Lebensversicherungen bei der Allianz, erläutert dies an einem Beispiel: „Bei einer bestimmten Unfallversicherung zahlt derzeit ein Mann 126 Euro, eine Frau hingegen nur 57 Euro Prämie. Die Differenz ergibt sich aus den unterschiedlichen Risikoprofilen, und es ist mir als Versicherung völlig egal, wie viele Frauen und Männer ich habe. Wenn ich nun einen Unisex-Tarif für beide Geschlechter von 80 Euro habe, ist es natürlich in meinem Interesse, möglichst viele Frauen zu versichern und möglichst wenige Männer.“

Auch Konstantin Klien, Generaldirektor der Uniqa-Versicherung, kann den neuen Rahmenbedingungen nichts abgewinnen: „Die Frage ist, was als Nächstes kommt – welchen eindeutigen statistischen Unterschied man meint durch ein weiteres Urteil abschaffen zu können. Strohdächer brennen nun mal schneller als Ziegeldächer, und ältere Menschen haben eine geringere Lebenserwartung als jüngere. Unterschiedliche Risikosituationen sind ein Teil unserer Gesellschaft. Sie per Dekret abzuschaffen ist schon ein wesentlicher Eingriff.“

Ungleiches gleichgemacht
Robert Lasshofer, Generaldirektor der Wiener Städtischen Versicherung, meint, dass durch den höchstgerichtlichen Spruch „Ungleiches gleichgemacht wird“. Unter dem Strich werden zwar Männer mehr zahlen müssen, eine Kostenlawine könnte aber auf alle Kunden zukommen. Die notwendigen Umstellungen von Kalkulationen, der EDV und die Neugestaltung von Produkten werden allein sein Institut eine „niedrigere zweistellige Euro-Millionensumme“ kosten. Hochgerechnet auf die 5000 Versicherungen im EU-Raum, kämen auf die Branche Kosten zu, die Lasshofer mit 50 Milliarden Euro beziffert: „Im Endeffekt würden natürlich die Kunden zur Kasse gebeten.“

Ähnlich negativ äußert sich die österreichische Aktuarvereinigung, in der die Versicherungsmathematiker zusammengeschlossen sind. „Damit wird das über Jahrhunderte entwickelte Geschäftsmodell der Versicherungen – vor allem der Lebensversicherungen – mit einem Schlag über den Haufen geworfen“, klagt Präsident Christoph Krischanitz. „Versicherungen beruhen in erster Linie auf Risikoeinschätzung und Risikoübernahme“, die darauf aufbauende Prämie müsse objektivierbar sein und dürfe nicht zur Basis für Spekulationen werden. „Durch das Verbot der Prämiendifferenzierung nach dem Geschlecht werden mit einem Schlag alle Versicherungsprinzipien ausgehebelt“, meint Krischanitz, „denn vor allem in der Lebensversicherung ist das Geschlecht neben dem Alter das Hauptmerkmal zur Einschätzung des Risikos.“

Allianz-Manager Baumgartl skizziert eine mögliche Lösung: „In Frankreich hat man den Weg gewählt, immer die teureren Tarife zu nehmen und den Kunden dann im Rahmen einer Gewinnbeteiligung davon wieder etwas zurückzugeben.“ Ob dieses Modell auch in Österreich kommt, ist allerdings noch offen. „Wir haben ja noch ein bisschen Zeit.“

Auch der Umstieg vom alten ins neue System bereitet den Versicherungsexperten Kopfzerbrechen. Wenn etwa eine Assekuranz die Unisex-Tarife früher einführt als andere, hat sie mit „negativer Risikoselektion“ zu rechnen: Frauen, die bisher mehr für Rentenversicherungen zahlen mussten, werden verstärkt dort unterschreiben, wo man bereits die neuen Tarife anbietet. Das Ergebnis für die Versicherung: Ihr Polizzenportfolio wird noch riskanter, weil plötzlich ungleich mehr Frauen als Männer unterschreiben.

Unklar ist auch, ob der Spruch des EuGH auch rückwirkend gilt. „Es kommt jetzt sehr darauf an, wie die Gerichtsentscheidung auf nationaler Ebene umgesetzt wird“, meint Allianz-Manager Baumgartl. Sollte der Spruch der Luxemburger Richter auch für bestehende Verträge gelten, wäre dies ein beispielloser Eingriff in Privatverträge, den man rechtlich bekämpfen werde.

Große Änderungen
Für die Konsumenten bedeutet das Urteil, vor allem beim Abschluss neuer Versicherungen den Markt genau zu beobachten. Frauen, die mit dem Abschluss einer Rentenversicherung noch bis Ende nächsten Jahres zuwarten, könnten sich einiges ersparen. Eine geplante Unfallpolizze sollten sie dagegen rasch unterschreiben, wenn sie nicht für das höhere Risiko der Herren blechen wollen. Letzteren ist wiederum zu raten, möglichst bald an ihre Altersvorsorge zu denken, wenn sie nicht für die längere Lebenszeit der Damen mitzahlen wollen. Schnelles Handeln ist aber beiden Geschlechtern anzuraten, denn eines ist fix: In Summe werden die Prämien jedenfalls steigen.

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