ORF: Duell der Generäle

Im Kampf um die ORF-Spitze wird von etlichen Stiftungsräten Gerhard Zeiler als Wunschnachfolger von Alexander Wrabetz genannt. Die Chance, dass sich der RTL-Chef für den Küniglberg bewerben wird, ist aber dennoch gering.

Von Oliver Judex

Die Rufe werden lauter. Und sie klingen nach Hilferufen. Er soll der Retter in der Not sein, er soll den ORF wieder in lichte Höhen führen, so wie schon damals, als er, Gerhard Zeiler, von 1994 bis 1998 ORF-Generalintendant war. „Ich würde Zeiler sofort wählen, weil er der Beste ist“, ruft etwa das Grazer VP-nahe Stiftungsratsmitglied Franz Krainer. Ein nicht genannt werden wollender Kollege: „Wenn man einen starken, unabhängigen ORF haben will, dann geht das nur mit Gerhard Zeiler.“ Und der bürgerliche Freundeskreisleiter und stellvertretende Stiftungsratsvorsitzende Franz Medwenitsch stellt fest, dass „immer mehr Stiftungsräten bewusst wird, dass jetzt ein Signal zum Durchstarten notwendig ist. Ein Weiterwurschteln wie bisher wäre weder dem Unternehmen noch der Belegschaft zumutbar.“

Selbst die Stiftungsratsvorsitzende Brigitte Kulovits-Rupp, die zum SP-Freundeskreis zählt, hält den derzeitigen CEO der RTL Group „für einen der profiliertesten Programmmacher Europas“, seine Bewerbung würde sie zumindest mit Interesse lesen. Und auch der unabhängige Stiftungsrat Caritas-Präsident Franz Küberl hegt große Sympathien für Zeiler: „Ich halte die Überlegung für eine sehr gescheite, er wäre der Beste, der zu bekommen wäre.“ Nachsatz: „Wenn er zu bekommen ist.“

Denn das weiß Küberl aus eigener Erfahrung vor der letzten Wahl des ORF-Direktoriums, als er mit dem RTL-Chef in Kontakt war und damals Zeilers prinzipielles Interesse für die Führung des ORF ortete: Gerhard Zeiler beginnt erst dann ernsthaft über eine Rückkehr nach Wien nachzudenken, wenn ihm freies Geleit zugesichert wird, also eine von der Politik weitgehend unabhängige Führung des Unternehmens.

Imageschaden. Und genau das – exerzieren die Medienpolitiker der beiden Großparteien dieser Tage vor – ist kaum vorstellbar. Derzeit geht es vor allem einmal darum, ob die Wahlen des neuen ORF-Direktoriums, die regulär ab kommenden August vorgesehen sind, vorverlegt werden, „um weiteren Imageschaden hintanzuhalten“. So lautet die Forderung der Stiftungsratsvorsitzenden in einem Brief an die Klubobleute des Parlaments nach den Ereignissen rund um die von ORF-Chef Alexander Wrabetz vorangetriebene Abberufung von Informationsdirektor Elmar Oberhauser, dem Rücktritt von Kommunikationschef Pius Strobl und dem Tod von Technik-Direktor Peter Moosmann. Seither leitet Wrabetz sowohl Info- als auch Technikdirektion; eine Neubestellung, so sagt er, zahle sich für das letzte Jahr der laufenden Funktionsperiode nicht aus.

Die erste Diskussionsrunde der Klubob-leute zum Thema Vorverlegung blieb aber erwartungsgemäß ergebnislos. ÖVP-Klubchef Karlheinz Kopf verknüpft nämlich eine Vorverlegung mit einer für die SPÖ unannehmbaren Forderung, nämlich dass die Betriebsräte des ORF künftig nicht mehr mitwählen sollen. Das wiederum würde aber eine Wiederwahl von Wrabetz, der sich mit einer Bestellung des roten Zentralbetriebsrats Michael Götzhaber zum Technischen Direktor die vier Stimmen der Betriebsräte erhoffen könnte, weniger wahrscheinlich werden lassen. Und so wird wohl alles wie gehabt bleiben.

Alleine derartige Scharmützel zeigen, dass keine der Großparteien ernsthaft am Überlegen ist, ihren politischen Machteinfluss zu reduzieren. So hat sich die SPÖ schon Stein und Bein auf eine Wiederwahl ihres Alexander Wrabetz eingeschworen. Von SPÖ-Klubobmann Josef Cap, dem Leiter des SPÖ-Freundeskreises im Stiftungsrat, Niko Pelinka, und Medienstaatssekretär Josef Ostermayer kommen denn auch auf trend-Anfrage nahezu wortidente Aussagen, wonach es keinen Grund gebe, Wrabetz nicht mehr zu unterstützen. Von Zeiler will indessen niemand was wissen. „Der Name Zeiler steht überhaupt nicht zur Diskussion“, wehrt Cap ab, und Pelinka: „Viele Namen werden nur ins Spiel gebracht, um dem amtierenden Generaldirektor zu schaden.“

Und genau davor hat die SPÖ offenbar am meisten Angst, nämlich, dass durch die möglicherweise nur taktische Nennung von Zeiler der amtierende General bei dem einen oder anderen roten Stiftungsrat nicht mehr als Optimalbesetzung für die nächste, fünfjährige Funktionsperiode gesehen werden könnte. Intern wird daher von einer reinen Retourkutsche der ÖVP für den Abschuss Wilhelm Molterers als EU-Kommissar durch die SPÖ gesprochen. Neuerdings wird auch das Gerücht ventiliert, Zeiler hätte mit Raiffeisen gedealt, bei Unterstützung seiner Bestellung den ORF als Gegenleis­tung zu filetieren und Teile davon ins Raiffeisenreich überzuführen.

Ideal als General.
Tatsache ist jedoch, dass Gerhard Zeiler nicht nur von etlichen Stiftungsratsmitgliedern, sondern auch innerhalb des ORF immer wieder als Optimalvariante genannt wird. „Zeit im Bild“-Redakteurssprecher Dieter Bornemann: „Viele bei uns im Haus trauen am ehesten einem Manager mit internationaler Erfahrung vom Format eines Gerhard Zeiler zu, dass er dem ORF einen neuen Schwung verleiht. Aber das Wichtigste ist, dass das Team an der Spitze gut zusammenarbeitet.“

Redakteursratsvorsitzender Fritz Wendl ergänzt: „Selbstverständlich ist jeder Mensch der Meinung, dass der erfolgreichste Medienmanager Europas als Generaldirektor ideal wäre, nur wird Zeiler keinen Grund sehen, das zu machen.“ Dabei ginge es nicht nur um die Frage der Gage, die beim ORF nur einen Bruchteil des RTL-Chefpostens ausmacht, sondern vor allem darum, „dass ihm die Zustände im damaligen ORF-Kuratorium auf die Nerven gegangen sind. Und der jetzige Stiftungsrat ist um nichts kompetenter aufgestellt.“

Unter diesem Gesichtspunkt sind möglicherweise auch die Vorstöße einiger bürgerlicher Stiftungsräte zu sehen, die – wie im Übrigen auch der Redakteursrat – den Stiftungsrat als klassischen Aufsichtsrat eines Großunternehmens aufstellen wollen. Krai-ner: „Der ORF sollte wie eine AG geführt werden, mit einem Dreiervorstand und einem unabhängigen Aufsichtsrat.“ Länder, Parteien und Interessenverbände sollen dabei in einem untergeordneten, publikumsratsähnlichen Gremium vertreten sein.

Eine Variante, die sich aber selbst die ÖVP nicht auf die Fahnen schreiben will, obwohl sie wahrscheinlich eine der Grundvoraussetzungen wäre, Zeiler, der übrigens keinerlei Kommentar dazu abgeben will, möglicherweise doch nach Wien zu bringen. Denn, so hört man aus seinem Umfeld, er wäre schon geneigt, sich zu bewerben, aber eben nur dann, wenn er unbeeinflusst von außen seinen Kurs fahren könnte – und vor allem sicher sein kann, dass er auch gewählt werden würde. Doch beides ist nach der derzeitigen parteipolitischen Interessenlage unwahrscheinlich. Stiftungsrat Medwenitsch nüchtern: „Wir haben in unserem Land insgesamt ein Problem mit ausgewiesenen Profis.“

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