<small><i>Oliver Judex</i></small>
Der Feind in meinem Pad

Das iPad ist eine faszinierende Plattform für Zeitungen und Magazine – doch à la longue eine Gefahr für den Qualitätsjournalismus.

Halt! Sind Sie auch richtig hier? Dies ist ein gedruckter Text, bestehend aus 4143 Buchstaben, ohne aufpoppende Videos, ohne interaktive Animationen, und zum Umblättern reicht es nicht, das Papier nur mit einem Finger anzutippen.

Diesen Text gibt es nicht als iPad-Version. Das mag unmodern sein. Gut. Aber dass dies langfristig auch unökonomisch ist, muss erst bewiesen werden. Auch wenn das Verlegergrößen aus aller Welt behaupten: Spätestens jetzt sei es unumgänglich, in die Vollen zu greifen und in die digitale Welt zu investieren. Nur so ließe sich der Untergang der durch die Online-Welt mancherorts ins Wanken geratenen Medienhäuser aufhalten. Den Vogel schießt Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner ab, der den Verlegern empfiehlt, sich „einmal am Tag hinzusetzen, zu beten und Steve Jobs zu danken“. Neben der schnittigen Flunder iPad ist es vor allem das Bezahlmodell, das Apple so attraktiv macht. War es bisher in den Genen des Internets festgeschrieben, dass von den Usern für Content kein Cent abkassiert wird, so hinterlegen die Apple-Jünger widerspruchslos ihre Kreditkartendaten und akzeptieren es, für attraktive Inhalte auch zu zahlen.

Dennoch ist es ein Riesenirrtum, das iPad als Messias für die gesamte Printmedienbranche zu feiern und zu glauben, die bereits vorhandenen journalistischen Leistungen einfach nur ins iPad kippen zu müssen. Zeitungen, die wie das „Wall Street Journal“ auf diese Weise ihre digitale Präsenz unter Beweis stellen wollten, wurden umgehend mit bösen UserKommentaren überschüttet.

iPad-User sind verwöhnt wie anspruchsvolle kleine Kinder. Sie wollen es bunt und multimedial, brauchen kleine Info­häppchen und nette Spielereien wie ein Inhaltsverzeichnis, das man mit seinen Fingern anschubsen kann.
Das ist auch völlig normal. Schließlich wurden sie genau so sozialisiert, die so genannten Digital Natives, die Informationen bald nur noch dann wahrnehmen werden, wenn sie mit modernster Technik aufgepeppt sind. Es sind die Verleger, die sich auf das geänderte Rezeptionsverhalten einstellen müssen, wenn sie auf dieser Spielwiese als vollwertige Spielkameraden ernst genommen werden wollen.

Nun glauben die visionären Verleger in aller Welt also, ihnen bliebe gar nichts anderes übrig, als mitzuspielen und groß zu investieren – vor allem in die Technik ihrer Häuser, die für eine völlig neue Magazin- und Zeitungskategorie journalistische Inhalte mit Kurzvideos, Animationsfilmen, Fotocollagen und interaktiven Gaming-Elementen verknüpfen müssen. Und ist erst einmal ein Prototyp gelungen, für den die stolzen Verleger in avantgardistischer Manier ein Sonderbudget freigegeben haben, wollen die User schon wieder mehr – und das am besten stündlich aktualisiert.
Wer hier an vorderster Front mitspielen will, braucht einen langen Atem. Denn die hohen Kosten für ein derart multimediales Auftreten werden sehr lange Zeit die Einnahmen bei Weitem übersteigen – trotz Apples Kassierkassa. Es ist ein Business-Modell, das nur dann aufgehen kann, wenn andernorts enorm gespart wird. Und genau darin liegt die Gefahr.

Denn was liegt für die Verlage näher, als sich abermals an den krisenbedingt bereits geschröpften ­Redaktionen zu vergreifen und den dann noch verbliebenen Journalisten höflich, aber bestimmt zu erklären, dass die Zukunft nun einmal in netten Kurzvideos zu suchen sei und kostenintensive Aufdeckerstorys endgültig der Vergangenheit angehören.

Das Risiko besteht, dass das Business-Modell iPad – oder wie die neuen tablettartigen Geräte der Zukunft alle heißen mögen – plötzlich Vorrang gegenüber einem Gesellschaftsmodell hat, das Qualitätszeitungen als Kitt der sozialen Strukturen und Kontrolle der an der Macht Sitzenden benötigt.
Die Herausforderung der Verleger wird es sein, ein richtiges Augenmaß zu finden zwischen den attraktiven Möglichkeiten von iPad & Co – und den wahren Assets der Medienhäuser: nämlich unverwechselbare, qualitativ hochwertige Inhalte zu generieren. Denn wenn eine Marke beginnt, an journalis­tischer Relevanz zu verlieren, wird sie selbst mit bester multimedialer Begleitmusik untergehen. Und mit ihr ein wesentlicher
Beitrag zu Meinungsvielfalt und Demokratie.

judex.oliver@trend.at

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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