Offene Wunden im Gesundheitssystem:
Reformen sind in vielen Bereichen überfällig

Wenn es um die Schließung von Spitälern geht, hat der Opportunismus Hochsaison. Kaum ein Oppositionspolitiker, egal, welcher Couleur, kann der Versuchung widerstehen, sich als Schützer der Kranken und Retter der lokalen Arbeitskräfte zu profilieren.

Ein schönes Beispiel ist die Geburtshilfestation Mittersill, die mangels Auslastung bis zum Jahr 2011 geschlossen werden sollte. Die Entbindungen hätte das zwanzig Autominuten entfernte Spital Zell am See übernehmen sollen. In Mittersill wollte man dafür die Akutgeriatrie und die Mobilisierung von älteren Patienten als Schwerpunkt ausbauen.

Mit den betrofenen Ärzten und Hebammen war das Einvernehmen rasch hergestellt. Auch die Lokalmedien verhielten sich zunächst neutral – bis die Causa vor etwa einem Jahr durch den Abgang eines der beiden Mittersiller Gynäkologen beschleunigt wurde. Die FPÖ nutzte die Gunst der Stunde und sprang sofort auf das Thema auf, gefolgt von der „Kronen Zeitung“. „Enttäuschung, Wut, Verunsicherung – Mittersills Familien sind sauer“, titelte das Blatt am 27. Februar 2008, nachdem eine Redakteurin werdende Mütter in den entlegensten Gebirgstälern aufgesucht hatte.

Auch der Mittersiller Kinderarzt kam zu Wort: „Viele meiner kleinen Patienten sind hier im Krankenhaus geboren. Einige von ihnen hätten ohne die Abteilung nicht überlebt, da bin ich sicher.“ Kurz darauf war das Reformprojekt Mittersill tot. Dabei spricht der Erhalt der Geburtshilfe in Mittersill nicht nur gegen jegliche ökonomische Vernunft, sondern ist auch aus Gesundheitsgründen unverantwortlich. Ursprünglich hatte der Österreichische Strukturplan Gesundheit (ÖSG) die Qualitätsschwelle, ab der eine Geburtshilfeabteilung ausreichende Routine erwirbt, mit 1000 Geburten jährlich festgesetzt. Aufgrund politischer Interventionen war diese Zahl sukzessive auf 365 heruntergehandelt worden. Mittersill hingegen kommt auf lediglich 160 Entbindungen, Tendenz fallend. „Leider
wird bei diesem Thema gern Stimmung für Wahlen gemacht. Das ist eine Realität, die man mitdenken muss“, seufzt der Salzburger Spitalsreferent und Gesundheitsökonom Georg Ziniel.

Der Fall zeigt, woran das Gesundheitssystem hierzulande krankt. Alle Experten bis hin zum Rechnungshof sagen, dass Unsummen verpuffen. Die Schätzungen über Einsparungen sind unterschiedlich, gehen aber immer in die Milliarden Euro – Geld, das sinnvoller dort eingesetzt würde, wo Österreich echten Nachholbedarf hat, nämlich bei der Gesundheitsvorsorge und im P egebereich. Doch das engstirnige Verfolgen von Patikularinteressen verhindert echte Reformen. Die Politik diskutiert seit Jahren, schreckt aber vor Entscheidungen zurück. Auch die aktuelle Regierung vermittelt nicht den Eindruck von ausreichendem Mut, das Thema ernsthaft anzupacken.

Dabei wären Reformen gerade im Spitalsbereich mehr als überfällig.
In einem geheimen Strategiepapier der Sozialpartner zum Thema „Finanzierung aus einer Hand im österreichischen Gesundheitssystem“ wird das Dilemma nüchtern geschildert: Mit 6,1 Akutbetten je 1000 Einwohner hat Österreich beinahe doppelt so viele Spitalsbetten wie im OECD-Schnitt. Damit steigt auch das Risiko, unnötig operiert zu werden. „In Österreich gibt es verglichen mit anderen Ländern um 6000 Blinddarmoperationen zu viel, 15 Todesfälle pro Jahr wären dadurch vermeidbar“, heißt es in dem Papier. Aber nicht nur im Spitalsbereich, auch bei niedergelassenen Ärzten und teuren Großgeräten wie CT-Scannern und MR-Tomografen ist Österreich im Vergleich zur OECD überversorgt.

Kein Wunder, dass Österreich mit 10,1 Prozent vom BIP mittlerweile eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt unterhält – und zwar
ohne dass die Österreicher deshalb gesünder wären als andere. „Länder, die weniger für Gesundheit ausgeben, liegen bei Indikatoren wie Säuglingssterblichkeit oder bei Morbiditätsvergleichen auch nicht schlechter als wir“, sagt Helmut Ivansits, Gesundheitsexperte
der Arbeiterkammer. Schweden beispielsweise oder Kanada oder das vielfach zu Unrecht geschmähte Großbritannien.

Undurchsichtige Entscheidungsstrukturen
Die Frage liegt nahe: Was läuft falsch? Eines der Hauptprobleme sind die undurchsichtigen Entscheidungsstrukturen. Denn für den niedergelassenen Bereich sind die Krankenkassen zuständig, für den Spitalsbereich Länder und Gemeinden. Gesundheitsexpertin Maria Hofmarcher vom Forschungsinstitut IHS: „Dadurch kommt es zu einer unausgewogenen Verteilung der Ressourcen, die sehr spitalszentriert ist, weil der ambulante Sektor sehr restriktiv ist."

Ein Beispiel: Die Oberösterreichische Gebietskrankenkasse, deren Obmann bis vor Kurzem der jetzige Gesundheitsminister Alois Stöger war, ist eine der wenigen Kassen, die noch positiv bilanzieren. Das ist allerdings nicht nur auf das betriebswirtschaftliche Geschick Stögers zurückzuführen. Denn auf der anderen Seite legen sich die Oberösterreicher – auf Kosten der öffentlichen Hand – auch häufiger ins Spital. Hofmarcher nüchtern: „Für das System ist das insgesamt vermutlich teurer.“

Würden die Finanzströme sinnvoll eingesetzt, käme man laut Hofmarcher auf eine „Manövriermasse von 1,5 Milliarden Euro, die umgeschichtet und in anderen Bereichen sinnvoller eingesetzt werden könnte“. Etwa für die Errichtung von Pflegeheimen oder den Aufbau ärztlicher Versorgungszentren, die helfen, Patienten aus dem teuren Spitalsbereich auszulagern. Auch der Gesundheitsökonom und Deloitte-Partner Ernest Pichlbauer kommt auf ein Umschichtungspotenzial von 1,4 Milliarden Euro. Rechnungshofpräsident Josef Moser spricht sogar – allerdings auf Basis einer Zahl aus dem Jahr 2002 – von „Umschichtungen
bis zu 2,9 Milliarden Euro“.

Doch der Wurm im System sitzt tiefer. Denn während Österreich immer noch Betten und Arztpraxen zählt, sind andere Länder längst dazu übergegangen, nationale Gesundheitsziele zu definieren, ihre Ressourcen gezielt einzusetzen und die Ergebnisse sowohl quantitativ als auch qualitativ zu evaluieren. „International beginnt das Gesundheitsmanagement bei der Prävention und endet bei der Schmerzlinderung für Todkranke“, sagt Pichlbauer. Österreich gibt für Prävention nur 1,9 Prozent der öffentlichen Gesundheitsausgaben aus (OECD-Schnitt: 2,6 Prozent). Deutschland und die Niederlande investieren vier Prozent.

Neue Regierung will vieles ändern
Das soll im Kabinett Faymann/Pröll anders werden – zumindest auf dem Papier. Der gesamte erste Abschnitt im Kapitel Gesundheit des Regierungsprogramms beschäftigt sich mit Prävention und der Formulierung von Gesundheitszielen. Diese sind allerdings nur sehr vage formuliert. Und die Arbeiterkammer kritisiert in ihrer Stellungnahme, dass es weder einen „rechtlichen Rahmen“ noch „grundlegende Vorgaben für die Organisation und Dotation der zukünftigen Präventivarchitektur“ gebe.

Die Regierung ist bereit, den schwer verschuldeten Krankenkassen
frisches Geld zuzuschießen, und knüpft das „an eine erbrachte oder fix vereinbarte, nachvollziehbare Dämpfung der Ausgabendynamik“. Die Kassen sollen also sparsamer werden.

Rezepte, wie die Kosten im Gesundheitssystem reduziert werden könnten, gäbe es genügend. „Eine Vision der Zukunft ist, dass die Leute für ambulante Leistungen nicht mehr ins Krankenhaus gehen, auch nicht in Einzelordinationen, sondern in medizinische Versorgungszentren, die rund um die Uhr offen haben“, meint der Geschäftsführer der Vinzenz-Krankenhausgruppe, Michael Heinisch. Hier sollte man flexibel und bedarfsorientiert agieren und bloß nicht ideologisch sein.“ Das Problem dabei: Sobald Ärzte eine Kapitalgesellschaft gründen, wandert die Firma aus dem Einflussbereich der Ärzte- in jenen der Wirtschaftskammer. Deshalb ist die Ärztekammer dagegen.

Für die Sicherheit der Patienten wichtig wäre die Umsetzung des Arzneimittelsicherheitsgurts, der sich zurzeit in Salzburg im Testlauf befindet und heuer noch auf ganz Österreich ausgedehnt werden soll. Durch elektronische Speicherung sämtlicher Verschreibungen sollen hier Doppelverschreibungen und Arzneimittelunverträglichkeiten verhindert werden, was laut Schätzungen der Apothekerkammer so nebenbei bis zu 228 Millionen Euro sparen würde. Ärztepräsident Dorner bestreitet das freilich postwendend: „Das ist nur ein unausgereiftes, nicht praktikables und von Apothekern erfundenes PR-Mittel.“

Das ist das Problem: Solange Politiker und Standesvertreter nicht über ihren Schatten springen, werden innovative Ideen und Projekte auf der Strecke bleiben.

Von Ingrid Dengg

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente