Österreichs Unternehmen sind niedrig bewertet: Aktien werden bald noch billiger

Österreichs Unternehmen sind niedrig bewertet. Doch Wirtschaftsforscher warnen: Die Krise dauert an. Aktien werden bald noch billiger.

Mittwoch, 14. Jänner 2009. Nachrichtensender trommeln eine neuerliche Hiobsbotschaft von der Wirtschaftsfront: Der heimische Stahlkonzern voestalpine schickt 4000 Mitarbeiter in die Kurzarbeit. Nach Magna – Frank Stronachs Autozulieferkonzern musste für seine steirische Fertigung schon im vergangenen Jahr Kurzarbeit anmelden – zwingt die Finanzkrise ein weiteres Aushängeschild der österreichischen Industrie zu harten Maßnahmen. Donnerstag, 15. Jänner 2009: Mit einem Plus von knapp vier Prozent führt voestalpine die Liste der Kursgewinner an der Wiener Börse an. Schadenfreude? Zufall? Oder kompletter Irrsinn verlustgeschüttelter Anleger?

„Positiv am laufenden Jahr ist, dass wir die Auswirkungen der Krise besser sehen und deren Folgen abschätzen können“, versucht Birgit Kuras, Chefanalystin der Raiffeisen Centrobank (RCB), dem steten Fluss der Katastrophenmeldungen doch noch die eine oder andere mentale Rettungsinsel abzutrotzen. 2009 – das Jahr der Wahrheit. Geht es nach Markus Marterbauer, Ökonom im Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo), dann wird diese Wahrheit aber mäßig erfreulich ausfallen: „Für das erste Halbjahr schaut es ganz düster aus. Derzeit brechen der Industrie die Exportaufträge weg.“ 2008 bescherte der Wiener Börse ein Minus von 62 Prozent. Droht heuer ein weiteres Blutbad?

Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Bank, mag nicht dar­an glauben: „Die Wiener Börse ist derzeit absurd niedrig bewertet. Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis der ATX-Werte liegt bei fünf.“ Diese Maßzahl gibt an, wie viele Jahre ein Unternehmen braucht, um seinen Börsenkurs zurückzuverdienen. Werte um zwölf gelten im langjährigen Durchschnitt als angemessen, unter zehn wird es billig, fünf bedeutet sozusagen Ausverkauf.

„Aber das interessiert derzeit niemanden“ , räumt Mostböck ein. Immerhin mussten Anleger in den vergangenen Monaten immer wieder die Erfahrung machen, dass sich Prognosen und Unternehmenszahlen als falsch oder manipuliert erwiesen. Bemerkenswert beispielsweise, dass deutsche Analysten für die im Leitindex DAX zusammengefassten Aktien für heuer noch immer ein durchschnittliches Gewinnwachstum von 17 Prozent vorhersagen. Bei den 500 wichtigsten US-Unternehmen des S&P-500-Index sollen die Profite immerhin um knapp sieben Prozent zulegen.

Da sind die Österreicher für die 20 bedeutendsten, im Leitindex ATX repräsentierten Unternehmen schon deutlich pessimistischer. Mit einem Gewinnminus von 17 Prozent rechnet Mostböck, und Kuras geht sogar von einem Rückgang um durchschnittlich 20 Prozent aus. „Zum Teil sind die Gewinnschätzungen aber immer noch zu hoch“, befürchtet die RCB-Analystin. Dennoch: „Selbst wenn der Gewinneinbruch in Österreich doppelt so kräftig ausfällt, wie wir ihn derzeit prognostizieren, sind österreichische Aktien immer noch historisch günstig bewertet.“

Für eine baldige Aufhellung an den Weltbörsen – und ohne ­diese wird auch Wien keinen Weg aus dem Kurstal finden – sprechen ihrer Meinung nach einige Indikatoren. So drehte der in Deutschland ermittelte vorlaufende Konjunkturindex sentix für Euroland kürzlich ins Plus, und auch der Konjunkturerwartungsindex des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) gab ein positives Lebenszeichen – beide allerdings auf tiefen Niveaus. Woran Österreich-Anleger in der Vergangenheit gern ihre Hoffnungen aufrichteten, waren die guten Geschäftsbeziehungen zu den näheren und weiteren Nachbarstaaten. „Ostfantasie“ lautete das zugkräftige Verkaufsargument. „Selbst wenn die EU heuer in eine Rezession schlittert, sehen wir für diese Region ein Wachstum um die zwei Prozent“, zeigt sich Erste-Analysechef Mostböck optimistisch. Wirtschaftsforscher Marterbauer ist da anderer Meinung: „Für die Konjunktur in Osteuropa bin ich sehr pessimistisch. Das Wachstum ist auf der Verschuldung der öffentlichen und privaten Haushalte aufgebaut, und das wird auf Dauer nicht finanzierbar sein.“

Heißt im Klartext: Derzeit sollten Anleger noch die Finger von österreichischen Aktien lassen. Nur wer bereit ist, ein beachtliches Risiko weiterer Kursverluste einzugehen, sollte jetzt bereits zugreifen (siehe Kurzanalysen der 20 ATX-Aktien). Wann also einsteigen? „Die Konjunkturerholung hängt von zwei Faktoren ab: der Erholung des internationalen Finanzsystems und der Wirksamkeit der Konjunkturpakete“, doziert Marterbauer. Seiner Meinung nach zeigten die vergangenen Wochen schon eine gewisse Beruhigung der Situation am Zwischenbankmarkt. „Das bedeutet zwar noch keineswegs, dass jetzt schon alle Probleme gelöst sind, aber immerhin wurden Voraussetzungen geschaffen.“ Positiv bewertet der Wirtschaftsforscher auch die Milliarden-Konjunkturpakete der Regierungen. „Hier sieht man jetzt einige Bemühungen, sogar die Deutschen sind nach monatelangem Tiefschlaf draufgekommen, dass sie etwas für die Konjunktur tun könnten.“ Unmittelbare Wirkung zeigen die staatlichen Konjunkturspritzen aber noch nicht. „Da würde ich eine Stabilisierung im zweiten Halbjahr sehen. ­Einen Aufschwung halte ich heuer aber für ausgeschlossen.“

Dem entsprechend prognostiziert Chefanalystin Kuras für das Ende des ersten Quartals einen Stand des ATX von 1550. Gegenüber der Marke vom Jahresanfang wäre das ein Rückgang um deutlich mehr als zehn Prozent. Der Kursabschwung bis Mitte Jänner gab da bereits eine Richtung vor. Zum Jahresende sieht sie allerdings einen Stand von 2200 Punkten – was immerhin einer Jahresperformance von mehr als 20 Prozent entspräche. Februar und März würden auf Basis dieser Schätzung günstige Einstiegskurse bringen.

Zur Vorsicht rät auch Hannes Karre, Österreich-Fondsmanager der Bawag PSK: „Es wird sicher noch einige Monate dauern, bis sich die Auswirkungen der staatlichen Konjunkturpakete zeigen. Aktuell bleibt das Umfeld schwierig.“ Was eine positive Entwicklung des ATX betrifft, gibt sich Karre bedeckt: „Derzeit überwiegen jedenfalls noch die dämpfenden Effekte an den Aktienmärkten.“ Abgesehen davon rät der Fondsmanager aber zur Wahl der richtigen Branchen.

Banken zählten seiner Meinung nach noch zu den riskanten Investments, darunter leide auch der ATX. Immerhin rund ein Viertel des österreichischen Leitindex setzt sich aus Finanzwerten – Banken und Versicherungen – zusammen. Versorgeraktien, beispielsweise Verbund, bieten hingegen langfristig gute Chancen. Generell sollten Anleger derzeit Aktien mit hohen Dividendenrenditen wie Post und Flughafen bevorzugen.

Von Franz C. Bauer

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