Österreich steht vor einem Kraftwerksboom: Aber brauchen wir wirklich soviel Strom?

Österreich vor Kraftwerksboom. Energiekonzerne investieren Milliarden. Brauchen wir wirklich so viel Strom? Unsicherheitsfaktor E-Mobility.

Von Markus Groll

Wolfgang Anzengruber platzt vor Tatendrang: „Viele der Projekte sind baureif. Da warten wir nur noch auf die letzte Genehmigung, und dann können die Bagger losfahren.“ In Summe, so schwärmt der Chef der Verbundgesellschaft und Präsident des Verbands der Energieversorger, jetzt Oesterreichs Energie genannt, könnten er und seine Kollegen schon bis 2015 neue Wasserkraftwerke mit einer Jahreskapazität von 4700 GWh (Gigawattstunden) ans Netz bringen. Und dann noch einmal 2800 GWh bis 2020. Erst kürzlich hat sich der mehrheitlich staatliche Verbund-Konzern nach politischem Gerangel eine Kapitalerhöhung über eine Milliarde Euro für die Expansion absegnen lassen. Der Großteil soll in Wasserkraft investiert werden.

Noch ehrgeiziger als bei Wasserkraft sind die Ausbaupläne der Branche bei neuen Gaskraftwerken. Werden alle Vorhaben realisiert, die derzeit auf dem Papier bestehen, dann könnten in zehn Jahren zusätzlich rund 8500 GWh aus Gasturbinen produziert werden. Insgesamt werden durch den erwarteten Kraftwerksboom also Produktionskapazitäten von rund 16.000 GWh in Österreich entstehen, ein Viertel des derzeitigen heimischen Strombedarfs. Auf alternative Energien setzen die Unternehmen dabei offenbar nicht allzu große Hoffnungen: Strom aus Wind- und Sonnenkraft oder aus Biomasse wird bis 2020 nach derzeitigen Daten nur um 250 GWh zulegen.

Alleine für Wasserkraft will die Branche 3,5 Milliarden Euro, insgesamt einen zweistelligen Milliardenbetrag investieren. Der fast grenzenlose Unternehmergeist der Energiebosse verwundert auf den ersten Blick. Denn die nackten Zahlen sprechen derzeit nicht gerade für einen baldigen Strommangel, dem jetzt rasch entgegengewirkt werden muss. Auch wegen der Wirtschaftskrise entwickelte sich der Verbrauch im vergangenen Jahr von rund 60.000 auf knapp 58.000 GWh zurück.

Aber es geht ja nicht um die Gegenwart.
Es ist die Zukunft, die die heimische E-Wirtschaft so unter Hochspannung setzt. Die aufgrund der Kioto- und EU-Klimaschutzvereinbarungen eingeleitete Loslösung von fossilen Energieträgern hat gleichzeitig auch die Suche nach den Alternativen beschleunigt. Und da ist für den Ener­gieexperten des Wirtschaftsforschungsinstituts Stefan Schleicher klar: „Wie auch immer das Szenario in der Zukunft konkret aussieht, Strom wird eine viel stärkere Rolle spielen als bisher.“ Das ist es, was die Manager von Verbund & Co antreibt.

Das Problem dabei: Die Energieversorger müssen sehr langfristig kalkulieren, aber jetzt schon Entscheidungen treffen. Anzengruber zieht historische Vergleiche: „Hätten etwa unsere Väter nicht Speicherkraftwerke wie Kaprun gebaut, würde es uns heute energiewirtschaftlich lange nicht so gut gehen.“

Elektromotor als Antreiber.
Als wichtigster Verursacher des steigenden Elektrizitätsbedarfs gilt die E-Mobility, vorwiegend in Form des Fahrens mit Elektroautos. Bereits bis zum Jahr 2020 sollen bis zu 200.000 „electronic vehicles“ auf Öster­reichs Straßen rollen, erwarten die Energiestrategen, vereinzelt wird gar mit bis zu 400.000 Stromfahrzeugen gerechnet. Außerdem ist die Begeisterung der Manager für neue Kraftwerke auch deswegen so hoch, weil in den nächsten zehn bis 15 Jahren alte Anlagen stillgelegt werden müssen – vor allem thermische Kraftwerke, also jene, die mit den fossilen Rohstoffen Kohle und Erdöl betrieben werden. Anzengruber: „Fünf Kohlekraftwerke hat der Verbund bereits stillgelegt. Und unsere übrigen zwei werden wir nicht mehr erneuern, sondern auslaufen lassen.“

Ein weiterer überzeugender Grund, den die E-Wirtschaft für ihre Ausbaupläne vorbringen kann: Der – vor allem in dafür güns­tig gelegenen Ländern – doch zunehmende Anteil an so genannten alternativen erneuerbaren Energieformen wie Windkraft oder Fotovoltaik braucht einerseits dringend Ausgleichskapazitäten im Stromnetz, die dann zu Verfügung stehen müssen, wenn kein Wind geht oder schlicht Wolken die Sonne verdecken (siehe auch Kasten: „Stromnetze mit Gegenverkehr“, Seite 74). Andererseits macht diese Entwicklung die Speicherung von Strom zu einem wichtigen Thema, weil zum Beispiel Wind oft in der Nacht weht, wenn der Bedarf der Verbraucher nicht so groß ist.

Da kommen die geplanten Pumpspeicherkraftwerke ins Spiel, die Wasser in einen Speicher nach oben pumpen, wenn genug Strom zur Verfügung steht, und das Wasser runterlassen, wenn ein Mangel herrscht. Solche Anlagen können innerhalb von Sekunden ans Netz gehen oder vom Netz genommen werden. Sie sind ein Back-up, das für die Stabilität im Stromnetz sorgen kann, erklärt auch Leo Windtner, der Generaldirektor der Energie AG Oberösterreich: „Österreich hat eben diesen unschätzbaren topografischen Vorteil der Berge, des Gefälles, diese kinetische Energie müssen wir ausnützen.“

Zudem gibt es hierzulande keinen Wassermangel.
Diese günstigen Bedingungen sorgen dafür, dass Österreich schon jetzt über rund 20 Prozent der europäischen Speicherkapazität verfügt und diesen Bereich massiv ausbauen will, weil er lukrative, grenzüberschreitende Geschäfte verspricht. Was zum Beispiel auch in Deutschland so gesehen wird. Der große Nachbar hat den Fokus in seiner eben vorgestellten Energiestrategie bei den Alternativ­energien vor allem auf den Ausbau der Windkraft gelegt und ist gerade dabei, bilaterale Kooperationsabkommen mit Ländern zu schließen, die mit einem hohen Anteil an Wasserkraftwerken aufwarten können: etwa mit Österreich oder Norwegen. Auf diese Weise wollen die Deutschen die Versorgung mit Ausgleichsenergie sicherstellen (siehe Interview mit der deutschen Energieexpertin Claudia Kemfert, Seite 76). Kein Wunder, wenn heimische ­Energieversorger darin ein hohes Gewinnpotenzial erwarten.

Werden wir wirklich so viel Strom brauchen?
Alle diese Berechnungen finden auch in einer neuen Vorschaurechnung der staatlichen Austrian Energy Agency (AEA) zum Stromverbrauch ihren Niederschlag. Die Meinung der Experten: Während der Anteil des Stroms am Gesamtenergiemix Österreichs derzeit rund 19 Prozent ausmacht, soll er bis zum Jahr 2050 auf rund 31 Prozent steigen. Allerdings ist der Widerstand gegen neue Kraftwerke in der Bevölkerung vielfach groß. Und daher wird – nicht nur von Hardcore-Umweltaktivisten – immer wieder die Frage gestellt, ob die Industrie nicht weit übers Ziel hinausschießt. Bei der Umsetzung in die Praxis könnte die Kraftwerks-Euphorie noch so manchen Kurzschluss erleben. Denn selbst wenn man den Anteil der Pumpspeicherkraftwerke herausrechnet, die unterm Strich ja keinen zusätzlichen Strom erzeugen, sondern diesen nur speichern, dann müssen die Betreiber immer noch erklären, warum Österreich derartig hohe Produktionskapazitäten braucht. Selbst die ambitioniertesten Vorschauen der AEA gehen von einer maximalen Stromverbrauchssteigerung von rund 11.500 GWh bis 2050 aus. Was in den Schubladen der Konzerne liegt, würde aber bereits 30 Jahre zuvor um fast die Hälfte mehr liefern. Und dazu kommt, dass die Rechnung fast ausschließlich auf einem sehr visionären Anteil von 2,5 Millionen Elektroautos auf heimischen Straßen basiert. Ohne E-Mobility dagegen wird kaum ein Mehrverbrauch prognostiziert. Die Privathaushalte werden 2050 eher weniger Strom konsumieren, detto der Dienstleistungsbereich. Die Industrie wird laut AEA diesen Rückgang gerade einmal kompensieren.

Wie schwer unter diesen Umständen energiepolitische Entscheidungen sind, zeigen schon die offenen Fragen rund um das Elektroauto (siehe trend-Test auf Seite 78). Die Lebensdauer der ­notwendigen Hochleistungsbatterien ist noch viel zu kurz, die Reichweite sowieso. Die Infrastruktur für Ladestationen ist unterentwickelt. Die Anschaffungskosten sind vergleichsweise hoch, und auch die Betriebskosten eines Elektroautos sind nicht unbedingt günstiger, wenn man sie auf die Beförderungskapazität (also Personen) umrechnet.

Auch die Experten sind sich uneins. Wifo-Forscher Schleicher meint: „Die Entwicklung der E-Mobility wird rasanter voranschreiten, als wir uns das vorstellen – das ist mit dem Handy-Markt in den achtziger Jahren vergleichbar.“ Claudia Kemfert, Beraterin des EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso, mahnt zur Vorsicht: „Die E-Mobility wird grundsätzlich eher überschätzt. Dazu bräuchte man keine Großkraftwerke zu bauen.“

Bedarf an intelligenten Stromleitungen.
Kritiker eines zu forschen Kraftwerks-Booms weisen außerdem darauf hin, dass weniger die Höhe der Kapazitätsreserven für die Stromversorgung ausschlaggebend ist als die optimale Verteilung der ­Energie – weil große lokale Ungleichgewichte bei den Produktionsanlagen bestehen. Volkswirtschaftlich sinnvoller wäre es daher, die Infrastruktur der Stromnetze besser auszubauen. Was sich aus Sicht der Unternehmer allerdings nicht so einfach darstellt. Strommasten sind in der Öffentlichkeit noch unbeliebter als Staumauern – auch wenn die Zustimmung zu beiden im letzten Jahr deutlich gestiegen ist, wie Barbara Schmid, Geschäftsführerin von Oesterreichs Energie, betont. Ihr noch wichtigerer Einwand: Die Preise im Netzbereich unterliegen der staatlichen Kontrolle und bieten daher abseits von Langfristrechnungen deutlich geringere Gewinnchancen als die Stromproduktion.

Naturgemäß bezweifeln auch andere Energie-Lobbyisten die Prognosen der E-Wirtschaft. Sollten in den nächsten Jahren etwa die Anstrengungen zur Herstellung synthetischer Treibstoffe aus Holz Erfolg zeitigen, dann könnte der Hype rund um das Elektroauto auch wieder abflauen und der Verbrennungsmotor würde eine zweite Chance erhalten. Biomasse-Lobbyist Ernst Scheiber provoziert: „Wie sieht es wirklich aus mit der viel diskutierten Umweltfreundlichkeit der E-Mobility? Fahren wir mit Strom aus Tschernobyl oder aus Biomasse?“ Und er verweist auf den Energieplan der deutschen Regierung. Dieser sieht nicht nur eine Verlängerung der Laufzeit der Atomkraftwerke vor, sondern setzt auch den erreichbaren Anteil der biogenen Treibstoffe mit 80 Prozent unerwartet hoch an. E-Mobility ist hingegen kaum ein Thema.

Schließlich kollidiert der – an sich wünschenswerte – Ausbau der Wasserkraft auch regelmäßig mit dem Naturschutz. Die meis­ten sinnvoll ausbaubaren Fließstrecken in Österreich sind bereits genutzt. Die Wasserrahmenrichtlinie der EU verlangt durchaus drastische Einschränkungen. Gerhard Heilingbrunner, Präsident des Umweltdachverbands: „Der ökologische Vorteil von Strom gilt nur, wenn er auch umweltfreundlich produziert wird – und da sind etwa Kraftwerksbauten in Naturschutzgebieten absolut tabu.“

Leistbarer Strom.
Das Argument der Industrie: billiger Strom für alle. Eine Ansicht, die in der E-Wirtschaft zwar durchaus geteilt, aber nicht als Argument gegen neue Projekte akzeptiert wird. Verbund-General Anzengruber: „Natürlich ist jedes Kraftwerk ein Eingriff in die Natur. Aber wir haben auch aus der Geschichte gelernt: Wenn heute ein Wasserkraftwerk errichtet wird, dann ist die Situation aus Naturschutzsicht hinterher oftmals besser als vorher.“ Und so wird bei aller Liebe zu intakten Aulandschaften auch an dem grundsätzlichen Ziel nicht gerüttelt, die wirtschaftlich noch zu nützenden Wasserkraftreserven Österreichs im Ausmaß von rund 7500 GWh in den nächsten zehn Jahren tatsächlich auszubauen.

Die Strommanager haben dafür – und für neue gasbetriebene Anlagen – nachvollziehbare Argumente. Leo Windtner von der Energie OÖ nennt die Ziele, „alte Kraftwerke zu ersetzen und die Abhängigkeit vom Ausland zu minimieren“. Letzteres steht im Zusammenhang damit, dass sich der Strompreis bis 2050 vervierfachen könnte. Die Antwort von Verbund-Boss Anzengruber an alle Zweifler: „Wichtig ist aus unserer Sicht, die Versorgung Österreichs mit leistbarer Energie sicherzustellen. Das ist die Absicherung des Lebensstandards, den wir gewohnt sind. Und zwar für alle.“ Und der Verbund-Boss rechnet vor: Die Arbeitsleistung einer Kilowattstunde entspreche etwa dem energetischen Tagespensum eines Tagelöhners, wie ihn sich früher nur eine privilegierte Oberschicht leisten konnte. Die gleiche Kilowattstunde Leistung aus Elektrizität koste gerade einmal zehn Cent: „Preiswerter Strom hat also eine wichtige sozialpolitische Funktion. Und die sollten wir nicht aufs Spiel setzen.“

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