Nüchtern, Neu, Niedermeyer: Neo-Besitzer
Weber will der Kette wieder Profil verpassen

Neo-Niedermeyer-Eigentümer Werner Weber, eben 40 geworden, will dem verstaubten Elektrowaren-Bauchladen wieder Profil geben. Die Zeit für den Libro-Sanierer wird knapp: Die Konkurrenz hat enorm an Boden gewonnen.

Von Bernhard Ecker

Der nächste Hubwagen voller Toshiba-LCD-Flachbildfernseher kommt angerollt, abgeräumt ist er in Sekundenschnelle. Wer einen Karton erwischt hat, verteidigt ihn mit Zähnen und Klauen. Schon muss der Filialleiter wieder zurück ins Lager, eine neue Palette holen. Es ist 9 Uhr Früh, ein Tag Mitte November im Wiener Donauzentrum. Die Neueröffnung einer Niedermeyer-Filiale, Sonderangebote inklusive, lässt die Kunden Schlange stehen. Mitten im Getümmel steht ein junger Mann, offener Hemdkragen, kurz geschnittener Mantel, und mustert aufmerksam die Abläufe. Die Regale im neuen Shop sind niedriger als bisher, die Schaufenster weniger vollgeräumt, das Leitsystem klarer. Den Kunden gefällt’s, der junge Mann lächelt: Seine Ideen scheinen aufzugehen.

Werner Weber ist am 12. November 40 Jahre alt geworden, und er ist mehr als nur ein Beobachter. Denn vor drei Monaten hat sich der gebürtige Tiroler aus Imst selbst beschenkt: Er hat 30 Prozent der traditionsreichen Elektrohandelskette Niedermeyer gekauft. Finanziert wurde der Einstieg – der Kaufpreis lag deutlich unter einer Million Euro – zum Großteil aus eigenem Kapital und jenem „von ein paar Freunden“, so Weber, der seitdem auch die Geschäfte der Kette führt.
Trotz seines Alters ist Weber längst kein No-Name in der Handelsbranche mehr: In der Management Trust Holding (MTH) des ehemaligen Vizekanzlers Josef Taus hat er in den letzten Jahren gemeinsam mit Taus’ Schwiegersohn Martin Waldhäusl die Papierhandelsketten Libro und Pagro saniert. Davor war er schon fünf Jahre im Taus-Reich als Controller und in Managementpositionen beim Spezialmaschinenbauer Krause und Mauser tätig gewesen.
Dass er jetzt auf eigene Rechnung aktiv geworden ist, hängt damit zusammen, „dass das bei Taus nicht möglich war“, erzählt er. Es gilt auch als offenes Geheimnis, dass Waldhäusl das Nachfolgerennen in der MTH für sich entschieden haben dürfte. Die Chance, sich unternehmerisch selbst zu verwirklichen, bot sich dann im Frühjahr, als Niedermeyer wieder einmal zum Verkauf stand. Weber schaute sich die Firma zunächst für die MTH an. Taus winkte ab. Weber schlug zu.
Die Ausgangslage ist alles andere als viel versprechend: 94 Filialen hat der Elektrohändler noch, vor fünf Jahren waren es über 120 gewesen. Von 170 Millionen Euro 2007 ist der Umsatz im Jahr darauf auf 146 Millionen Euro geschrumpft. Im laufenden Geschäftsjahr, das am 30. April 2010 endet, werden es nochmals deutlich weniger sein. Webers Vorgänger, der aus dem Team von Erhard Grossnigg kommende Paul Niederkofler, hat zwar für 2008 eine schwarze Null vermeldet, doch das gelang nur durch den Verkauf von lukrativen Mietrechten, wodurch auch einige Top-Standorte verloren gingen – etwa die Niedermeyer-Niederlassung in der Linzer Landstraße. „Rund eine Million Euro“ habe der Verlust betragen, rechnet der neue Eigentümer die Sondereffekte heraus. Mit einem Minus in dieser Größenordnung werde auch das aktuelle Geschäftsjahr enden.

Das Profil der Kette mit dem blau-gelben Logo ist in den letzten Jahren verblasst. Die zur deutschen Metro gehörenden Saturn- und Mediamarkt-Großmärkte haben mit viel Werbepower dafür gesorgt, dass für Multimedia-Konsumenten Geiz geil – und der Rest für Blödmänner ist. Am anderen Ende des Spektrums punkten Neulinge wie die Computerhandelskette DiTech mit fokussiertem Angebot und erstklassiger Beratung. Dazwischen bleiben die ehemals marktführenden Filialisten übrig, die in fast jeder Bezirksstadt vertreten sind, denen aber das angestammte Fotogeschäft im Zuge der Digitalisierung weggebrochen ist. Anders als Niedermeyer hat sich Hartlauer schon rechtzeitig ein neues Standbein aufgebaut: Mit Brillen und Hörgeräten macht das Unternehmen aus Steyr nun schon ein Drittel seines 171-Millionen-Euro-Umsatzes. Und weil in diesem Bereich die Margen noch gesund sind, verdient „Löwe“ Robert Hartlauer immerhin rund vier Millionen Euro pro Jahr. Kurzum: „Niedermeyer braucht einen klaren Schnitt“, urteilt Wolfgang Richter, Chef des auf Standortberatung spezialisierten Consulters Regioplan.

Webers erste Maßnahme war vor diesem Hintergrund so schlicht wie spektakulär: Er tourte durchs Land und besuchte die Standorte. Er wolle Niedermeyer nach einer Serie von Eigentümerwechseln (Christian Niedermeyer, UIAG, T-Mobile, Grossnigg-Gruppe) wieder zu einem „inhabergeführten Unternehmen“ machen und „ein Chef zum Angreifen“ sein, wie er selbst sagt. „In den drei Monaten hat er mehr Filialen gesehen als die Geschäftsführer in den drei Jahren davor“, ist Wolfram Themmer beeindruckt. Der Anwalt vertritt jenes Investorenkonsortium nach außen, das die Mehrheitsanteile an Niedermeyer hält.

Dass der begeisterte Skifahrer und Mountainbiker auf seine Mitarbeiter zugeht und ihnen dabei nicht nur Honig ums Maul schmiert, war schon zu Libro-Zeiten sein Asset, sagt sein langjähriger Kompagnon Waldhäusl: „Dinge deutlich anzusprechen ist seine Stärke. Er ist ein ausgezeichneter Restrukturierungsmanager. Wenn ich jemandem die Niedermeyer-Sanierung zutraue, dann dem Werner.“ Und Klartext sprach Weber auch nach der Filialtour über den Zustand seiner Kette: „Niedermeyer hat an Glanz verloren. Auf der Marke liegt eine dicke Staubschicht. Diese Wahrheit ist uns allen zumutbar.“
Bei der Belegschaft kommt diese Vorgangsweise gut an. Herbert Nussbauer, seit 20 Jahren Betriebsratschef, berichtet von einer positiven Grundstimmung, seitdem „der Neue“ seine Pläne kundgetan hat: „In den letzten Jahren waren die Eigentümer anonym. Nun sind wir erstmals wieder zuversichtlich.“

Dazu trägt auch bei, dass bei der Sanierung keine Köpfe rollen sollen. „Niedermeyer kann man nicht kostenseitig sanieren, sondern nur umsatzseitig: Das Unternehmen muss zurück in den Markt“, sagt Weber. Deshalb will er in erster Linie die Produktivität der 750 Mitarbeiter ankurbeln. Sprich: mehr Verkaufsabschlüsse pro Nase. Dazu ist ein neues Schulungskonzept in Arbeit.

Über Kampfpreise werden die Zuwächse nicht zu erzielen sein. Die „Bestsellerzone“ wird als Werbelinie entsorgt, „sie hat auch nie richtig gelebt“, sagt Weber. Stattdessen setzt er auf Einkaufskomfort: Schneller, bequemer, serviceorientierter sind die neuen Schlagwörter. Im Zentrum sollen Kundenwunsch und Beratung stehen, eine Ansage, die DiTech-Chef Damian Izdebski etwas verwundert: „Was war Niedermeyer dann bis jetzt? Waren seine Mitarbeiter nicht – wie es sich für einen Fachhändler gehört – dazu da, um zu beraten?“

Doch mit der Vergangenheit will Weber ohnehin brechen. Für Unübersichtlichkeit und Beliebigkeit soll in Zukunft kein Platz mehr sein: Die Produktpalette wird bereinigt. Staubsauger oder Uhren wird man in Zukunft bei Niedermeyer vergeblich suchen. Computer, Handys, Foto, Unterhaltungselektronik sind das Programm. „Aus jedem Dorf ein Hund, das geht nicht mehr“, will Weber weg vom Bauchladenkonzept der letzten Jahre.

Neben dem neuen Ladendesign wird die Betriebsgröße eine entscheidende Rolle spielen. Handelsprofi Richter bemängelt „ein sehr inhomogenes Filialnetz“. Tatsächlich gibt es Niedermeyer-Shops mit weniger als 100 Quadratmetern ebenso wie die 800-Quadratmeter-Fläche an der Mariahilfer Straße. Das macht es unmöglich, den Kunden zu erklären, in welchem Niedermeyer man was findet. Weber ist das Problem bewusst, er sieht die neue Donauzentrum-Filiale als Prototyp. Die durchschnittliche Größe von unter 200 Quadratmetern soll sich mittelfristig „in Richtung 300 Quadratmeter bewegen“.
Bis das alles auch für die Kunden erlebbar wird, sollen „ein bis drei Jahre“ vergehen. In diesem Zeitraum soll der Schrumpf- auch wieder in einen Wachstumskurs drehen. Bei Libro hat es schon nach einem Jahr funktioniert. An die 120 Niedermeyer-Filialen könnten es dann wieder werden.

Keine Frage: Der Mann, dessen Mantra „Retail is detail“ ist, ist der Gegenentwurf zu Handelspredigern wie dem seinerzeitigen Libro-Boss André Rettberg oder Society-Löwen wie dem Niedermeyer-Erben Christian Niedermeyer. Traditionelle Netzwerke wie Rotary- oder Managementclubs sind ihm fremd – er setzt auf Kontakte, die sich im Lauf des Berufslebens ergeben und bewährt ­haben.
Vor seinem Taus-Leben werkte der studierte Betriebswirt etwa zwei Jahre als Controller in den Tiroler Jenbacher-Werken. Neben ihm saß damals ein ebenso junger, nüchterner Zahlenmensch wie er, Klaus Peller. Der ist heute Top-Manager beim Papierkonzern Mondi – und sitzt im Aufsichtsrat von Niedermeyer. Peller: „Werner ist sehr strategisch ausgerichtet, schnörkellos und zielorientiert. Ich habe mich deshalb auch am Niedermeyer-Kauf beteiligt.“

Ebenso eng ist der Kontakt zu Harald Pöttinger, Chef der Vorarl­berger Hypo Equity, der einige Jahre Co-Vorstand in der MTH war. Die Hypo Equity hat sich auch mit drei Millionen Euro ­Mezzanin-Kapital an der Niedermeyer-Transaktion beteiligt und hält ein Prozent der Anteile. Pöttinger: „Wir verstehen uns sehr gut, er hat einen scharfen analytischen Verstand und einen sehr effizienten Arbeitsstil.“
Aus Webers Vergangenheit heraus ist zu erwarten, dass es nicht bei Niedermeyer allein bleiben wird. „Wenn ein Ding von selbst läuft, wird ihm schnell langweilig“, hat auch Pöttinger beobachtet. Der nächste Schritt ist schon in Sicht: Bei Forstinger wird er womöglich „einen kleinen Anteil“ (Weber) übernehmen, im Aufsichtsrat der Autozubehörkette sitzt er schon. Weitere Firmen unter dem Dach seiner Beteiligungsfirma Sapientia sind durchaus vorstellbar.

Doch in den nächsten Jahren sollen alle Kräfte auf Niedermeyer gerichtet sein. Daran lässt der Neo-Unternehmer keinen Zweifel, und hinter dem analytischen Effizienzmenschen taucht wieder kurz der begeisterte Unternehmer auf, wenn er über sein schönstes Kompliment auf der Tour durch die Filialen erzählt: Wie denn der neue Chef so sei, wurde eine Filialleiterin im Anschluss von ihren Mitarbeitern gefragt. „Es gibt jetzt wieder jemanden, der sich dafür interessiert, was wir tun“, kam die freudige Antwort.

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