Neuzeit II

Über die Einsamkeit der Manager und Unternehmer. Von Helmut A. Gansterer

Im vorigen Heft, dem ersten Teil zum Thema, war davon die Rede, dass derzeit viele Unternehmer und Topmanager im persönlichen Gespräch anders wirken als früher, und zwar negativ anders, einsamer, müder, schlapper, temperamentloser, unfröhlicher, gewissermaßen libidinös beschädigt für ihren geschäftlichen Verkehr. Spitzenkräfte der Wirtschaft waren zwar nie Ulknudeln. Aber in den 37 Jahren, die ich als trend-Mitarbeiter in ihrer Nähe verbrachte, habe ich sie nie derart unfroh erlebt. Mit wenigen Ausnahmen, die wegen ihrer kleinen Zahl nicht der Rede wert sind, wirken sie auf geheimnisvolle Weise ausgebrannt. Eine besorgniserregende Melancholie ist spürbar, eine innere Defensivhaltung, die das Anforderungsprofil dieser hohen Kaste geradezu konterkariert.

Durch den jahrzehntelangen, direkten Vergleich bin ich mir in der Beobachtung sicher. Die Massivität und Gleichzeitigkeit der Symptome brachte mich ja erst auf das Thema. Dennoch suchte ich nach objektiven Analysen, Umfragen oder Gutachten zum Thema. Die gibt es aber nicht, weil niemand auf die Idee kommt, die Leiden der top guns zu studieren. Dies aus zwei Gründen. Erstens sieht man es ihnen nicht an. Sie sind psychologisch geschult. Sie wissen, dass die Götter und der Mammon die Lächelnden lieben. Das Zuversichtslächeln, das sie schon in frohen Zeiten vor dem Spiegel übten, können sie gar nicht mehr ablegen. Auch äußerlich-materiell ist nichts Negatives wahrzunehmen. Sie fahren die üblichen, attraktiven Business-Autos und tragen ihren teuren Baldessarini-Anzug (Werbung: „It separates the men from the boys“) besser denn je, da sie tendenziell gesünder leben und schlanker sind als früher. Zweitens hätte niemand Mitleid mit ihnen. Nach Meinung der Volksmehrheit sind sie die Hauptverursacher jener neuen Zeit, an der sie nun selber leiden.

Ich bat im vorigen Heft um Selbstauskunft zum Thema. Mündlich gab es die Auskünfte reichlich (von Betroffenen, die meiner Diskretion vertrauen), schriftlich meldeten sich nur zwei. Einer schrieb, er teile meine Beobachtung, sei selber aber toller drauf denn je. Und einer schrieb tongue-in-cheek, vielleicht sei ja der trend daran schuld. Man kriege zwar viele gute Tipps, erfahre aber monatlich auch so viel über Konkurse, Schurken und Abstürze aller Art, dass Depressionen kein Wunder seien. Ich klammere diesen Punkt aus, da die Berichterstattung des trend auch in Zeiten der Zuversicht so war wie heute, und füge nun die anderen Auskünfte ohne spezielle Ordnung und Gewichtung an.

1. Die Expansion ins Ausland mache weniger Freude als früher. Schon aus praktischen Gründen. Das Reisen sei unlustiger geworden. Man fliege nicht mehr so gern, der Zeitaufwand und die Belästigungen würden subjektiv immer größer, die Suppe werde bald teurer sein als das Fleisch. Die verheißungsvollen neuen Märkte wie China, Indien und Arabien erforderten bis zum Gewinn-unterm-Strich mehr Geduld, als man selbst aufbringe, „und erst recht die depperten Kleinaktionäre, die ihre Papierln auf Kredit kauften, auf schnellen Rebbach aus sind und sich in der Hauptversammlung wichtig machen“ (Zitat). Eine mentalitäre Zusatzbelastung sehe man auch in der neuen Qualität der Religionskriege, Morde und Entführungen, obwohl man einräumt, die tatsächliche Situation sei durch die punktuelle Sensationsberichterstattung der Massenmedien gewiss ins Hysterische verzerrt. Allerdings bekäme man auch deshalb kaum noch gute Leute fürs Auslandsgeschäft, was zum Teil aber auch an einer „neu-biedermeierlichen Tendenz liegt, jeden Tag heim zur Mami zu laufen; die Leute gehen ja nicht nur nicht nach Dubai, sie gehen nicht einmal mehr ins Wirtshaus“ (Zitat).

2. Die Banken seien eh nie wirklich tapfer und großzügig gewesen und jetzt durch die US-Bankenkrise und etliche Bankinsolvenzen noch kleinlicher geworden. An die Börse zu gehen sei nicht jedem möglich, aber ohnehin die Traufe nach dem Regen. Man käme dann nie wieder zu seiner Kernkompetenzarbeit, sondern „muss dauernd Investor Relations betreiben und hässlichen Menschen von Pensionsfonds und Versicherungen dauernd die Handerln halten“.

3. Die Ethik sei in den 1970-, 80-, 90er Jahren ein gutes Thema gewesen, seit dem Millennium könne man sie vergessen. Zitat: „Wir treten in ein neues Jahrtausend der Mitschneiderei und prinzipieller Bestechungsnotwendigkeit ein. Der Anständigkeitsindex des ‚Economist‘ (der Österreich ein gutes Zeugnis bezüglich geringen aktiven Bestechens einräumt, Anm.) zeigt zwar nach oben, aber die träumen in der Pendeluhr. Die haben keine Ahnung von Russen, Chinesen und Indern. Selbst die Japaner und Skandinavier sind nicht mehr so clean, wie sie waren“ (Zitat).

4. Seitens der Manager wird geklagt, das Passive sei wichtiger geworden als das Aktive. Offensive Pläne seien weniger gefragt als früher, Kostensenkungen dafür umso mehr, selbst dann, wenn sie die langfristige Substanz unterhöhlten. Ein Topmanager einer Auslandstochter: „Früher dachte ich über neue Produkte nach. Ich freute mich über Lob und Prämien für kreative Leistung. Heute fühle ich mich hauptsächlich als angestellter Unglücklichmacher, der Leute feuert und Lieferanten das Weiße aus den Augen nimmt.“

5. Es gebe kein Seelenfutter mehr. Es sei, als hätte man mit dem Jahr 2000 die Heizungen eingestellt und die Klimaanlagen aufgedreht. Eine Business-Community, wo man sich aussprechen und ein bissl ausweinen könne, gebe es allenfalls noch in Zigarren-Clubs und bei Rotary & Co. Früher gab es die automatisch in jeder Hotelbar. Zitat: „Dort sitzen heute nur noch traurige Edelnutten und halblustige, erfrischte Bundesräte.“
> 6. Auch firmenintern sei es schon wärmer gewesen. Man sei als Manager ja kein Eisbein. Früher gab es einen entspannten, gelegentlich fröhlichen Zusammenhalt. Heute sei wieder „Ihr da oben, wir da unten“ modern.

Das alles klingt wie Dantes „Divina Commedia“, der erste bis sechste Kreis der Hölle. De facto ist es nicht ganz so schlimm. Erstens sind die Leidenspunkte hier zusammengeballt. Zweitens wissen wir von unserem Hochtalent zum Mosern und Jammern. Drittens mag es gerade in Österreich noch viele Familien-KMUs geben, in denen alles ganz anders ist. Zu denken gibt die Konzentration einer neuen Verschattung dennoch, zumal meine Gesprächspartner keine dekadenten Muttersöhnchen waren. Was sollte man machen, wenn wahr ist, was hier notiert wurde? Gar nichts kann man machen. Es hülfe auch nichts, wenn unsere Wirtschaftsforschungsinstitutionen oder die Wirtschaftskammer oder die Industriellenvereinigung endlich einen kontinuierlichen, sensiblen Zufriedenheits-Tiefenindex finanzierten, was ich trotzdem empfehle. Der einzige Trost kann nur darin liegen, dass nichts linear fortgeschrieben wird, auch kein Missstand. Alles erreicht nach den Zyklustheorien seine Sättigung und kehrt dann die Richtung um. Anders gesagt: Im Schmerz liegt schon das Heilende. Nur warten muss man halt können, was gewiss leichter geschrieben als getan ist.

PS: Im nächsten Essay geht es wieder um Ideen, Innovation und Avantgarde. Ergänzungen zur Freud-&-Leid-Bilanz heutiger Führungskräfte sind dennoch willkommen: gansterer@netway.at.

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