Nahrungsmittel sind so teuer wie nie

Grundnahrungsmittel sind bereits heute so teuer wie noch nie. Doch es stehen weitere kräftige Preissteigerungen bevor, die den Beginn einer Welle globaler Lebensmittelkrisen markieren könnten. Wissenschaft und Politik stehen vor zahlreichen ungelösten Fragen.

Von Michael Moravec

Die politischen Krisen in Nordafrika und auf der Arabischen Halbinsel haben eine kaum beachtete Gemeinsamkeit: In allen betroffenen Ländern gab es vor dem Ausbruch der Unruhen zum Teil dramatische Anstiege der Preise für Grundnahrungsmittel. In Ägypten waren es im Schnitt im letzten Quartal 2010 fast 30 Prozent, Weizen als wichtigster Grundstoff für Brot legte im zweiten Halbjahr 2010 sogar um bis zu 75 Prozent zu. Vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten – die dann auch das Rückgrat des Aufstands bildeten – wurden hart getroffen: Bei ihnen werden 80 bis 90 Prozent des Haushaltsbudgets für Grundnahrungsmittel ausgegeben. Höhere Preise bedeuten damit für sie nicht höhere Ausgaben, sondern geringere Einkäufe – und damit vielfach Hunger. In Österreich oder Deutschland werden im Vergleich im Schnitt nur zehn Prozent des Einkommens für Lebensmittel aufgewendet.

Das Ausmaß der Preissteigerungen hat auch die Analysten der UN-Agentur FAO (Food and Agriculture Organization) und der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) völlig überrascht. Noch im November 2010 wurden Studien vorgestellt, die davon ausgingen, dass die Preise im Zeitraum von 2011 bis 2018 keinesfalls das bisherige Rekordniveau von 2007/2008 erreichen würden. Nur drei Monate später, am 3. Februar 2011, lag der FAO-Grundnahrungsmittelindex so hoch wie noch nie.

Mittlerweile befürchten immer mehr Experten, dass die unerwarteten Preissteigerungen Ergebnis einer globalen Umstellung sind. Die Mischung aus steigendem Bedarf durch die schnell wachsende Weltbevölkerung, höherem Wohlstand in China, Indien und Brasilien sowie Finanzspekulationen könnte dazu führen, dass Grundnahrungsmittel nie wieder auf das gewohnt günstige Niveau der vergangenen Jahre fallen werden. Der trend zeigt auf den kommenden Seiten, in welchen Ländern produziert und wo konsumiert wird, wo Potenzial liegt und welchen Herausforderungen sich Forschung und Politik stellen müssen, um 2050 neun Milliarden Menschen zu ernähren.

Die Speisekarte des Planeten Erde
Der globale Appetit ist gewaltig: 2,2 Milliarden Tonnen Getreide werden pro Jahr gegessen und verfüttert, darunter 466 Millionen Tonnen Reis. 830 Millionen Tonnen Mais werden geerntet, etwa ein Viertel davon wird bereits zu Biosprit verarbeitet. Dazu kommen noch 286 Millionen Tonnen Fleisch, 130 Millionen Tonnen Fisch, 169 Millionen Tonnen Zucker, 710 Millionen Tonnen Milch und Molkereiprodukte, 67 Millionen Tonnen Ölsaaten wie Raps und Sojabohnen und grob geschätzt noch 900 Millionen Tonnen Obst und Gemüse. Von einer sinnvollen Verteilung dieser kostbaren Ressourcen ist die Welt allerdings noch weit entfernt: So verbrauchen Chinesen und Inder pro Kopf und Jahr etwas mehr als 60 Kilo Weizen, Nordamerikaner rund 85 Kilo, während auf einen Europäer 112 Kilo kommen. Es gibt aber auch überraschende Ausreißer: Jeder Iraner verzehrt pro Jahr 165 Kilo Weizen, jeder Türke sogar fast 200 Kilo. Ägypten hält bei 185 Kilo, wodurch das Land am Nil mit fast 80 Millionen ­Einwohnern zum weltgrößten Weizenimporteur geworden ist. Entsprechend geringer ist dann allerdings der Fleischverbrauch. Denn dieser ist eng an die Einkommenssituation gekoppelt: China verspeist bereits 80 Millionen Tonnen – fast ein Drittel der Weltproduktion – und damit mehr als zehnmal so viel wie Indien. Europa isst mit 57 Millionen Tonnen Fleisch mehr als Afrika, Zentral- und Südamerika zusammen. Dass Fleisch im Vergleich zu Getreide, Gemüse und Zucker in den vergangenen Jahren kaum teurer wurde, liegt vor allem daran, dass die Produktivität in der Erzeugung durch massiven Einsatz von Medikamenten und „Turbo-Wachstumsbeschleunigern“ rasant angestiegen ist. Die Lebensdauer eines Huhns beträgt auf Hühnerfarmen nur noch vier bis fünf Wochen, und auch die Lebenszeit von Rindern und Schweinen bis zur Schlachtreife hat sich in den vergangenen Jahren um 20 bis 50 Prozent verringert. In den Industrieländern hat dies zu einer realen Verbilligung geführt. Ein Brathuhn ist heute in Österreich – wie auch in den meisten EU-Ländern – infla­tionsbereinigt etwa halb so teuer wie in den sechziger Jahren (siehe Grafik Seite 64). Das Ergebnis dieser Entwicklung: 25 Prozent aller Lebensmittel landen in der EU – großteils durchaus noch verzehrbar – im Müll, während die UNO im Februar dieses Jahres vor der „realen Gefahr von Hungerrevolten“ warnte. Es sei notwendig, den aktuellen Preissteigerungen mit Notmaßnahmen, aber auch strukturellen Veränderungen entgegenzuwirken. Es könnte durchaus nötig werden, den kommenden Hungerkrisen so entgegenzutreten wie den Finanzkrisen: mit einem Rettungsschirm.

Die Grenzen des Wachstums
Die Welt wird 2030 um 40 Prozent mehr Grundnahrungsmittel benötigen als heute und 2050 um 70 Prozent. Das geht aus jüngsten OECD-Studien hervor. Diese zusätzlichen Mengen könnten den steigenden Konsum in Schwellenländern wie Indien, China oder Brasilien decken wie auch den Mehrverbrauch durch die wachsende Weltbevölkerung, die von derzeit 6,9 Milliarden Menschen auf 9,1 Milliarden 2050 klettern wird. Dem stehen 1,4 Milliarden Hektar an Anbaugebieten gegenüber, die zurzeit bewirtschaftet werden, und weitere 1,6 Milliarden Hektar, die noch ungenutzt sind. Dass sich demnach die Weltproduktion locker verdoppeln ließe, ist allerdings eine Milchmädchenrechnung: Vor allem in Europa sowie Nord- und Südamerika werden die meisten infrage kommenden Areale bereits genutzt – Flächen, die den Vorteil haben, in einer günstigen Klimazone zu liegen und den Großteil des notwendigen Wassers durch Regen zu bekommen. Die ungenutzten Potenziale liegen hingegen in Gegenden der Erde, die bereits akut an Wassermangel leiden: Afrika, Indien, Mittel­amerika. Eine Tonne Weizen benötigt in den USA 849 Kubikmeter Wasser, in Indien sind es durch die größere Hitze und die Trockenheit 1937 Kubikmeter. 40 Prozent des Wasserverbrauchs in den OECD-Ländern entfallen auf die Landwirtschaft, 99 Prozent davon auf Bewässerungsanlagen. China, Indien und die meisten afrikanischen Staaten müssen bereits jetzt mehr als 70 Prozent ihrer landwirtschaftlichen Anbaugebiete künstlich bewässern. Für weitere Pflanzungen fehlt schlicht das kostbare Nass. Im weltweiten Schnitt „kostet“ eine Scheibe Brot 40 Liter Wasser. Das so produzierte Getreide wird aber auch für die Viehfütterung verwendet. Für eine Tonne Rindfleisch werden daher etwa fünf bis sieben Tonnen Getreide und in Summe 15.500 Kubikmeter Wasser benötigt. Je höher Lebensmittel in der Produktionskette angesiedelt sind, desto mehr Nahrungsmittelgrundstoffe werden dafür „vernichtet“. In einem einzigen Big Mac stecken beispielsweise 2400 Liter Wasser. Die Experten der FAO gehen davon aus, dass es kaum noch ein Wachstum bei landwirtschaftlichen Nutzflächen geben kann, die künstlich bewässert werden müssen: womit ein Großteil der freien 1,6 Milliarden Hektar nicht mehr infrage kommt und was auch das langsame Wachstum der weltweiten Anbauflächen erklärt. 1960 gab es 1,28 Milliarden Hektar, heute sind es 1,42 Milliarden – ein jährliches Wachstum von gerade einmal 0,2 Prozent.

Schicksalsjahr 2011
Russland kam 2010 heftig unter Druck. Aus einem der größten Exporteure von Weizen wurde binnen weniger Wochen ein Importeur. Statt wie üblich rund 20 Millionen Tonnen zu exportieren, musste netto sogar eine Million Tonnen ins Land geholt werden. Verantwortlich dafür war eine Hitzewelle im Sommer mit den höchsten dort jemals gemessenen Temperaturen weit jenseits der 40 Grad, die zu Waldbränden führten, die schließlich auf die riesigen Getreidefelder übergriffen. Auch sonst stand es im vergangenen Jahr nicht gut um die Weizenernte. Die ebenfalls ­geschichtsträchtigen Überschwemmungen in Australien – sonst ebenfalls ein verlässlicher Getreideexporteur – sowie Kältewellen in den USA, dem wichtigsten Kornspeicher der Welt, sorgten für eine karge Ernte mit weitreichenden Folgen: Der Weizenpreis legte je nach Land und Lieferverträgen um bis zu 80 Prozent zu. 44 Millionen Menschen wurden nach Berechnungen der Weltbank deswegen ­zusätzlich in tiefe Armut gestürzt. Insgesamt hungert damit etwa eine Milliarde Menschen. Nach der Definition der FAO hungert ein Mensch, wenn er sich nicht einmal mehr 2000 Kilokalorien pro Tag leisten kann. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman bezeichnet die Nahrungsmittelkrisen bereits als die Nachfolger der Finanzkrisen. Freilich mit dem Nachteil, dass Hitzewellen und Überschwemmungen noch erheblich schwieriger vorherzusagen seien als Spekulationsblasen. Brasilien erkauft sein gewaltiges Wachstum im Agrar- und Biospritbereich möglicherweise teuer. Um ertragreiche Flächen zu bekommen, wird dort gerodet, wo es ausreichend Niederschlag gibt, etwa im Regenwald rund um den Amazonas. Doch niemand weiß, ob dadurch nicht ein Teufelskreis in Gang gesetzt wird: Klimakatastrophen bringen weniger Ertrag auf den „normalen“ Feldern, deswegen wird der Regenwald gerodet, was zu weiteren Klimaveränderungen und mehr Treibhausgasen führen kann – und zu weiteren Rodungen. Die FAO hat deswegen das heurige Jahr bereits zum „Schicksalsjahr“ ernannt: Gäbe es zwischen Juni und Oktober auf der nördlichen Welthalbkugel wieder normale Erträge, könnten sich die Preise auch wieder etwas nach unten bewegen. Käme es heuer aber wieder zu Klimakatastrophen – wie sie sich in China bereits abzeichnen –, würden die Preise durch die Decke gehen. Spätestens dann müssten die reichen Staaten einen finanziellen Rettungsschirm nicht nur über Länder mit bankrotten Banken und virtuellen Haushaltsbudgets spannen, sondern ebenso über die hungernden Menschen, um – auch im eigenen Interesse – Hungerrevolten zu begegnen, sagte EU-Kommissionschef José Manuel Barroso. Und nach Ansicht der Weltbank ist die Zeit der billigen Lebensmittel in jedem Fall bereits vorbei. Das Institut empfiehlt hohe Investitionen in Afrika vor allem in Form moderner Agrartechnologie.

Vom Bauern zum Landschaftspfleger

Österreichs Landwirtschaft ist im Vergleich zu Holland, Frankreich, Deutschland oder Spanien sehr kleinteilig. Der durchschnittliche Umsatz pro Betrieb beträgt 78.141 Euro, der Gewinn vor Steuern liegt bei 19.000 Euro (Quelle: Grüner Bericht 2010). Aufgrund der geringen Betriebsgrößen lohnte es für viele Landwirte bisher kaum noch, Produkte auf den Markt zu bringen. Sie betreuen Wiesen und Felder immer öfter als „Landschaftsgärtner“ und holen sich die dafür vorgesehenen Prämien in Brüssel ab. Dieser Trend dürfte allerdings zu Ende gehen, wenn die Lebensmittelpreise weiter wie prognostiziert steigen und die Förderungen für entwickelte EU-Länder wie Österreich geringer werden. Insgesamt hatte die landwirtschaftliche Produktion in Österreich 2009 einen Wert von 6,14 Milliarden Euro. Auf Milch entfällt mit 14 Prozent der größte Anteil, gefolgt von Rindern und Kälbern mit 13,5 Prozent. Futterpflanzen tragen zwölf Prozent bei, und 11,8 Prozent werden mit Schweinezucht erwirtschaftet. Geflügel kommt hingegen nur auf magere 2,5 Prozent. Zu groß ist die internationale Konkurrenz mit industrieller Aufzucht. Selbstversorger ist Österreich damit nur in wenigen Bereichen. Bei Milch
(152 Prozent), Rindfleisch (145 Prozent), Wein (118 Prozent) und Schweinefleisch (105 Prozent) kann sich Österreich selbst ernähren und versorgen. Bei Getreide und Käse gibt es in schlechteren Jahren bereits einen kleinen Importbedarf. Bei Eiern und Geflügel wird bereits ein Viertel des Jahresverbrauchs importiert, bei Obst und Gemüse ein Drittel, und bei pflanzlichen Ölen kann die Alpen­republik gar nur ein Viertel des Eigenbedarfs selbst erzeugen. Dabei ist der Pro-Kopf-Verbrauch gerade bei Gemüse und Obst mit jeweils rund 100 Kilo pro Jahr mengenmäßig am größten. Obst in Österreich kommt hauptsächlich aus Spanien. Der Klimawandel könnte es aber bald notwendig machen, sich neue Lieferanten zu suchen – der Iberischen Halbinsel droht schlicht die Verwüstung.

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