Nach dem Boom der Photovoltaik: Ist es auch im mäßig sonnigen Österreich klug?

Der Ansturm auf Sonnenstromförderungen und das wachsende Interesse von Großinvestoren an Solarparks zeugen von einem echten Boom der Photovoltaik. Aber ist die Zukunftstechnologie auch im mäßig sonnigen Österreich wirtschaftlich klug?

Von Bernhard Ecker

Wenn die Sonne scheint, herrscht bei Familie Moor in Ansfelden um die Mittagszeit hektische Betriebsamkeit. Dann wird der Geschirrspüler eingeschaltet, Waschmaschine und Wäschetrockner starten los, und an Wochenenden wird gebügelt, was das Zeug hält. „Wir wollen möglichst viel unseres Stroms selbst verbrauchen“, begründet Hausherr Dieter Moor. Denn der Überschuss aus der eigenen Sonnenstromanlage muss ins öffentliche Netz eingespeist werden – zu wenig attraktiven Konditionen: Der Einspeisetarif beträgt 7 Cent je Kilowattstunde (kWh), bezahlen muss Moor bei seinem Lieferanten für gekauften Strom 18 Cent.

Seit März hat der Branchenprofi – Moor ist Vertriebschef von Ertex Solar, einer auf die Integration von Solarzellen in Glaselemente spezia­lisierten Firma aus Amstetten – eine Anlage am eigenen Dach. Er darf sich zu den Österreichern mit Fortüne zählen, denn er kam in der berühmten 17-Minuten-Förderung 2008 zum Zug, in der nach einer guten Viertelstunde die Fördertöpfe des Klimafonds zur Anschaffung von Photovoltaik-(PV-)Anlagen leer waren.

Die diesjährige Aktion am 4. August, bei der Zuschüsse von bis zu 12.500 Euro je Antragsteller möglich waren, verlief noch dramatischer: Wegen tausender Zugriffe auf die Homepage stürzte der Server des Klimafonds nach nur neun Minuten ab. Über drei Wochen (!) dauerte es, bis feststand, dass 9000 Anträge eingegangen waren und die Gesamtfördersumme von 18 Millionen Euro damit sechsfach überzeichnet war. „Und da sind noch gar nicht jene mitgerechnet, die frustriert aufgegeben haben“, sagt Hans Kronberger.

Der Präsident des Interessenverbands Photovoltaic Austria, früher EU-Abgeordneter der FPÖ, hielt den in sein Büro eingeladenen Journalisten am 4. August genüsslich die eintrudelnden Faxe genervter und frustrierter Förderwerber entgegen. Kronberger hat schon 1997 ein Buch mit dem Titel „Der sanfte Weg – Österreichs Weg zum Umstieg auf die Sonnenenergie“ verfasst und gilt seitdem als echter PV-Pionier. Den Boom hat er kommen sehen, das Förderchaos befürchtet: „Die Österreicher wollen diese Technologie. Jeder will sein eigenes kleines Kraftwerk betreiben. Aber die österreichische Politik hat das schlicht noch nicht verstanden.“

Der Ansturm auf die Sonnenstromanlagen kommt von Menschen, die nicht rechnen wollen – oder müssen: So ist eben auch das Medienunternehmerpaar Eva („Heute“) und Christoph Dichand („Krone“) daran, sich eine PV-Anlage anzuschaffen. Mit dem Strom aus eigener Produktion soll der Elektroflitzer Tesla Roadster betankt werden. „Wir sehen die Zukunft auch im privaten Haushalt in umweltfreundlichen Technologien und wollen das einmal ausprobieren“, lassen die Dichands verlauten.
Trotz widriger Rahmenbedingungen kommt damit in Österreich an, was in den letzten Jahren weltweit geboomt hat: die faszinierende Umwandlung von Sonnenlicht in elektrischen Strom. Europa ist mit rund 80 Prozent der Weltleistung inzwischen absoluter Vorreiter. Die Kapazität neu installierter PV-Anlagen hat sich auf dem alten Kontinent von Jahr zu Jahr verdoppelt. Jeder Ölpreisschub, jeder Gasschock hat die Verbraucher und Energiepolitiker ein Stück umdenken lassen. Mit erfreulichen ökonomischen Folgen: Allein sieben Milliarden des rund 37 Milliarden Euro schweren weltweiten PV-Markts sind laut Europäi­schem PV-Industrieverband EPIA Deutschland zuzurechnen. Dass deutsche Solarzellenhersteller derzeit ins Trudeln geraten, wird als Zwischentief in einem verrückten Markt gewertet.

Auch in Österreich haben sich in diesem Sog höchst erfolgreiche Firmen herausgebildet: Der Kärntner Unternehmer Robert Kanduth, führend bei Solarthermie-Kollektoren, produziert mit seinem Unternehmen Kioto Clear Energy nun auch PV-Module, der Industrielle Cornelius Grupp bietet in seiner Dachsparte Prefa Platten mit integrierten Solarzellen an. Fronius aus Oberösterreich ist Nummer zwei am Weltmarkt für Wechselrichter, die den von PV-Anlagen erzeugten Gleichstrom in Wechselstrom umwandeln. Auf Nachführeinrichtungen frei stehender Anlagen ist Solon Hilber aus Tirol spezialisiert, Isovolta aus Wiener Neudorf auf die Einkapselung von Solarzellen.

Aber auch Großkaliber wie Plansee aus Tirol übertragen ihr angestammtes Know-how auf die junge Technologie. Die steirische AT&S, gebeutelt im Leiterplattenbereich, arbeitet derzeit an Solarzellen auf Siliziumbasis. Und die umtriebigen Wiener Finanzinvestoren Ronny Pecik und Georg Stumpf sind im Zuge ihres Oerlikon-Abenteuers – der Schweizer Industriekonzern ist Vorreiter auf dem Gebiet schlüsselfertiger PV-Produktionsanlagen – auf den Geschmack gekommen. Pecik plant eine Großinvestition in Spanien, Stumpfs Firma intico solar will im sächsischen Halle ein fast 600 Millionen Euro teures Werk für Dünnschicht-Module errichten. Umso unverständlicher ist es für die meisten Unternehmer, dass die österreichische Wirtschaftspolitik nicht längst darauf reagiert hat: Es fehlt durch die kümmerliche Förderpolitik eine starke Homebase, beklagt Kioto-Boss
Kanduth: „Eine gute Firma braucht auch einen guten Heimmarkt. Österreich lebt in Sachen PV in der Steinzeit.“

Reizfigur Nummer eins für die PV-Enthusiasten ist der Chef der E-Control, Walter Boltz. Der smarte Stromregulator vertritt seit Längerem die Meinung, Österreich solle lieber auf bewährte und billigere erneuerbare Energieformen setzen, etwa Wasser- und Windkraft. International gesehen solle dort, wo viel Sonne sei, diese auch entsprechend genutzt werden, etwa in der Sahara, Südeuropa, Kalifornien oder Australien. Boltz: „Guter Bordeaux-Wein wird ja auch nicht in Schweden produziert, sondern in Frankreich.“

Strom aus PV-Anlagen ist in Österreich laut E-Control sechsmal teurer als solcher aus Windkraft. Und das, obwohl die Kosten pro Kilowattstunde Solarstrom aus einer mittelgroßen Anlage (15 kWp) in den vergangenen fünf Jahren von 60 auf 30 Cent halbiert wurden. Deshalb plädiert Boltz dafür, „in Forschung und Entwicklung zu investieren und zu hoffen, dass die Technik in ein paar Jahren leistungsstärker und billiger wird“. Durch eine „überzogene Förderung wie in Deutschland“ würden womöglich „alle guten Flächen schon jetzt für eine alte Technik verbraucht“.

Zumindest das Kostenargument ist gültig, das gestehen auch eingefleischte Sonnenstromanbeter ein. „Fast alles spricht für die Technologie, nur die Kosten sprechen noch dagegen“, sagt Hubert Fechner, PV-Technikkoryphäe und Gründer der österreichischen Technologieplattform Photovoltaik, einer Kooperation von Industrie und Forschung. Das große Ziel der Forscher ist deshalb, bis 2015 die so genannte Netzparität herzustellen – sie wird dann erreicht, wenn Energie aus einer PV-Anlage zum gleichen Preis wie der Endverbraucherpreis aus der Steckdose angeboten werden kann. Das ist natürlich stark abhängig von geografischen Faktoren und von der allgemeinen Strompreisentwicklung. Was die Industrie beitragen kann, sind möglichst leistungsfähige Solarzellen zu möglichst niedrigen Produktionskosten.

Anders als Boltz erwartet Fechner allerdings nicht, dass es zu einem großen Technologiesprung kommen wird, sondern zu einer kontinuierlichen Verbesserung: „Die Superzelle, die aus dem Nichts auftaucht und dann auch noch billig ist, das wird es nicht geben. Dass die Photovoltaik aber kommt, daran zweifelt niemand.“ Diese recht allgemeine Entscheidungshilfe für potenzielle PV-Investoren lässt erkennen, dass auch den Experten unklar ist, welche Technik am Markt gewinnen wird.

Unentschieden ist beispielsweise, in welchem Umfang sich die so genannte Dünnschichttechnik durchsetzen wird. Dabei wird amorphes Silizium oder Cadmiumtellurid in einer Stärke von wenigen Mikrometern auf die Platten aufgebracht, was die Herstellung enorm verbilligt. Der Nachteil ist die geringe Ausbeute: Die besten Dünnschichtzellen kommen derzeit auf zwölf Prozent Wirkungsgrad, während auf kristallinem Silizium basierende Produkte auf bis zu 18 Prozent kommen.

Bei diesen ist die Halbleiterschicht allerdings rund 100-mal so dick aufgetragen, die Platten sind deshalb derzeit rund 30 Prozent teurer. Weil die Modulpreise – infolge der Finanzkrise und eines Förderstopps der bisherigen PV-Lokomotive Spanien sind viele Großprojekte verschoben worden – stark sinken und viele chinesische Anbieter mit Dumpingangeboten auf den Weltmarkt strömen, ist die Preisentwicklung zuletzt völlig unübersichtlich geworden. Wer also die bestmöglichen Module mit schnellstmöglicher Amortisation aufs Dach montieren will, muss taktieren – oder schlicht zuwarten. Denn in tausenden Labors und Ideenschmieden weltweit wird am idealen PV-Paneel der Zukunft geforscht. Welche Geschäftsmodelle sich aber durchsetzen, ist ebenso unklar, wie der Enthusiasmus der Entwickler grenzenlos ist.

Dass in dieser Gründerzeiteuphorie auch die öffentlichen Energieversorger das Thema nicht mehr ganz ignorieren, ist ein Lichtblick für die Befürworter der Technologie. Die oberösterreichische Energie AG hat mit der größten PV-Anlage Österreichs in Eberstalzell (Spitzenleistung: 1 MW) einen mutigen Schritt gemacht (siehe Oberösterreich-Story auf Seite 38). Die EVN hat – symbolträchtig – in Zwentendorf ein Solarkraftwerk für 40 Haushalte errichtet (180 kW). Der Verbund betreibt über seine Tochter ARP (Austrian Renewable Power) zwei Solarparks in Spanien (insgesamt 3 MW), schichtet derzeit aber Investitionsmittel in Richtung Windkraftanlagen in Bulgarien um. Der Sonnenstromanteil in Österreichs Produktion bleibt dessen ungeachtet marginal: 2008 betrug er 0,04 Prozent, während er in Vorzeigeregionen wie Bayern bereits zwei Prozent ausmacht.

PV-Verbandspräsident Kronberger träumt von acht Prozent bis 2020. Er fordert überhaupt eine gänzlich neue Sichtweise auf die Technologie: Fünf Milliarden Jahre unbegrenzter Rohstoff zum Nulltarif, so seine Kernbotschaft, lassen PV zur „Königsdisziplin der erneuerbaren Energien werden“. Wenn Russland erneut die Gaskeule schwingen und der Ölpreis wieder in die Höhe schnalzen sollte, sei mit ausreichend Energie aus der Sonne die Abhängigkeit nicht mehr ganz so groß, so Kronberger. Höhere Förderungen sind für ihn deshalb keine Marktintervention, sondern eine volkswirtschaftliche Investition: „Jede Kilowattstunde Sonnenstrom, die schon jetzt produziert wird, wird sich früher rechnen, als wir glauben.“

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