Mutterland der Demokratie

Ist das mächtigste Land der Erde durch die Bush-Wiederwahl unberechenbar geworden?

Morrisville ist eine kleine Siedlung mit rund 3000 Einwohnern, eine Autostunde von Harrisburg entfernt, der Hauptstadt Pennsylvanias. Nette Häuser mit Vorgärten, Bewohner, die einander grüßen, Ortskirche und Stammlokale. Und es ergab sich, dass ich 1989 zwei Wochen in Morrisville bei einer Familie verbrachte.

Meinen Gastgeber Dan Kempeter, den Halbbruder eines Freundes, habe ich in New York kennen gelernt, zu der Zeit, als es dort die höchste Kriminalitätsrate der USA gab. Sein Haus in Morrisville war gemütlich, mit einem schönen Gästezimmer. Dans Frau Francis und die zwei Kinder entzückend. Es gab am Abend meist Steak, als Getränk Kaffee, natürlich mehrere Besuche von den neugierigen Nachbarn und selbstverständlich den Kirchgang am Sonntag. Als wir einen Familienausflug machten, sperrte Francis die Haustüre nicht zu, und als ich überrascht nachfragte, meinte sie nur: „Bei uns kennt jeder jeden.“ Die bald folgende Präsidentenwahl – es ging um die Nachfolge von Ronald Reagan – war unter Dans Gästen kaum ein Thema, dafür debattierten sie, ob sie den Sheriff wieder wählen sollten.

Dan fuhr täglich nach Harrisburg, wo er Geschäftsführer eines Supermarktes war. 24 Stunden am Tag geöffnet, 364 Tage im Jahr. Die Verkäuferinnen verdienten, egal, ob Tag- oder Nachtschicht, knapp acht Dollar die Stunde. Sie waren täglich kündbar, vom Arbeitgeber nicht krankenversichert und hatten keinen Anspruch auf Urlaub. Als ich während des Abendessens von unserem Ladenschlussgesetz sprach, schauten mich Dan und Francis entgeistert an. „Ihr Europäer seid verrückt“, meinten sie. „Der König ist doch der Kunde“, betonte er. „Man kann Verbrauchern nicht vorschreiben, wann sie einkaufen dürfen und wann nicht. Und was hat der Staat mit dem Ladenschluss zu tun? Geschäftsinhaber zu zwingen, zuzusperren, wenn sie nicht wollen, ist schlicht eine Enteignung.“

Das sind meine Erinnerungen an Morrisville. Ich habe sie ausführlich beschrieben, weil ich glaube, dass die Lebenseinstellung und Denkweise von Dan und Francis in vielen Bereichen repräsentativ sind für jene US-Bürger, die nicht in den liberalen Ballungsräumen der Ost- und Westküste leben, sondern im Herzland des Mittelwestens und in der Tiefe der Südstaaten. Sie legen die Hand aufs Herz, wenn die US-Hymne gespielt wird. Sie interessieren sich für Basketball und wissen wenig von der Welt dort draußen. Sie glauben daran, dass „der Bessere siegt“, auch wenn sie keine Geschäftsführer sind, sondern zur „Working poor“-Masse gehören. Aus diesem Grund wurde das Zweiparteiensystem von Republikanern und Demokraten, die sich voneinander nur unwesentlich unterscheiden, in den USA zu einer Dauereinrichtung, und aus diesem Grund hätte eine sozialistische Partei nie eine Chance.

Die Religion spielt für 60 Prozent der US-Bürger in ihrem Leben eine wichtige Rolle. Deshalb sind diese 60 Prozent gegen die Homo-Ehe und Abtreibungsfreiheit. Und deshalb gingen sie, in viel höherer Anzahl als im Jahr 2000, heuer zur Wahl, um ihre Stimme dem „Gottesanbeter“ Bush zu geben.

Er ist, bedingt durch die Militärmacht und den Reichtum Amerikas, der mächtigste Mann der Welt. Er hat die Mehrheit in Kongress und Senat und kann, wenn einer von ihnen stirbt, auch neue, konservative Höchstrichter ernennen. Doch die Verfassung der Vereinigten Staaten, entstanden im Jahre 1787, die als eine Art nationales Heiligtum gilt, sorgt noch heute dafür, dass die Staatsmacht zwischen ganz oben und ganz unten verteilt wird. Weil damals die Verkehrs- und Kommunikationsverbindungen ganz anders waren als heute, wurde das Stimmrecht der Bürger auch auf lokaler Ebene etabliert. Der Präsident war damals sehr weit, Sheriff, Richter oder Staatsanwalt des Ortes sehr nahe. Aus diesem Grund werden diese bis heute nicht von oben ernannt, sondern von den Bürgern direkt gewählt. Es gibt auch unzählige Regionalgesetze, über die in den Landesparlamenten abgestimmt wird, die nur mit Zweidrittelmehrheit abgeschafft werden können und aus diesem Grund ein zähes Eigenleben haben. Dies hat manchmal kuriose Folgen: In dem konservativen Südstaat Louisiana ist auf den Mund küssen an einem öffentlichen Ort auch zwischen Ehepartnern strafbar, in Kalifornien hingegen entstand die größte Pornoindustrie der Welt.

Amerika ist halt anders. Doch ich glaube nicht, dass die kommenden vier Jahre die USA substanziell ändern werden. Die älteste Demokratie der Welt hat vier Präsidentenmorde, den Nixon-Rücktritt, die Weltwirtschaftskrise und acht fragwürdige Wahlentscheidungen überlebt. Hollywood wird weiterhin Filme produzieren, die den Präsidenten manchmal als Halbidioten und manchmal als Intriganten am Rande des Verbrechens darstellen. Und Michael Moore wird das Staatsoberhaupt weiterhin so brutal angreifen, wie es in Europa kaum vorstellbar wäre. Nach der ersten Schrecksekunde werden sich auch die liberalen US-Bürger mit ihrem Land versöhnen. Es gibt allerdings auch Ausnahmen: Pornoverleger Larry Flint aus Los Angeles erwägt, ins Exil zu gehen.

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