"Modell Kärnten" als gelähmter Lindwurm:
Haider hinterlässt einen Scherbenhaufen

Flaute im Tourismus, höchste Pro-Kopf-Verschuldung und Streit auf allen Bühnen: Haiders Modell Kärnten ist ein trauriger Scherbenhaufen. Bei den Landtagswahlen am 1. März entscheidet das sonnige Bundesland über seine politische Zukunft.

Gabriel Obernosterer ist ein Erfolgsmensch. Der Mann hat den Paternwirt im Kärntner Bergort Maria Luggau zur Hochblüte gebracht und das Almwellnesshotel noch dazu; sein Tourismuskonzept hat seiner Heimat, dem idyllischen Kärntner Lesachtal, einen guten Ruf als unverbrauchtes Naturparadies eingebracht. Unglücklich ist der 53-Jährige, der für die ÖVP im Nationalrat sitzt, dennoch – mit der Tourismuspolitik Kärntens. „In den letzten zehn Jahren glaubten die Politiker, alles selber machen zu müssen“, klagt Obernosterer, „aber nur weil sie am Geld draufsitzen, können sie noch gar nichts. Die haben im operativen Geschäft nichts verloren.“

Doch Zurückhaltung war nicht gerade die auffälligste Eigenschaft
des verstorbenen Landeshauptmanns Jörg Haider. Unermüdlich
propagierte er das „Modell Kärnten“ als wirtschaftliches Erfolgsrezept.
Tatsächlich aber steht die Region heute am Rande eines ökonomischen Desasters und ist nach vielen Kriterien das Schlusslicht unter den Bundesländern.

So auch gerade im Tourismus, wie Obernosterer kompetent zu analysieren vermag: „Die Kärnten Werbung hat sich durch den Referenten zur politischen Marketing-Plattform umfunktionieren lassen und das Kerngeschäft vernachlässigt.“ Seine Kritikpunkte wiegen schwer: Der „Referent“, also Haider selbst, habe viel zu viel Geld in „internes Marketing“ gesteckt, mit dem einzigen Ziel, bei den Kärntnerinnen und Kärntnern zu noch mehr Ruhm und Ehre zu gelangen.

Stagnierende Nächtigungszahlen
Das Budget der Tourismuswerbung wurde verdoppelt, doch der messbare Erfolg – mehr Gäste und mehr Übernachtungen – blieb aus. Obernosterer: „Im Jahr 2000 hatten wir genauso viel Übernachtungen von russischen Gästen wie Tirol oder Salzburg. Jetzt hat allein Tirol fünfmal so viel, und wir haben verloren.“ Von 2000 bis 2007 gewann Kärnten insgesamt keinen einzigen Gast dazu – sondern verlor, von ohnedies bereits niedrigem Niveau, nochmals 0,3 Prozent Übernachtungen – der schlechteste Wert aller Bundesländer.

Die Bettenauslastung ist katastrophal niedrig, sie liegt mit 26 Prozent weit unter dem Österreich-Schnitt von 35,4 Prozent. Auch zuletzt, im generell guten Tourismusjahr 2008, konnte der Trend nicht gedreht werden, die deutschen Gäste blieben aus.

Kärnten-Touristiker verzichteten nobel auf Kooperation mit der
Österreich Werbung und glaubten, selbst und ausgerechnet in Dubai
auf die Pirsch nach Gästen gehen zu können – was den zahlreich
mitgereisten Funktionären sicher einprägsame Reiseeindrücke
verschaffte, den leer stehenden Hotels in Kärnten aber herzlich
wenig half. Alles in allem, resümiert Obernosterer: „Bei uns wird
in Show, aber nicht in Nachhaltigkeit investiert.“

Gewaltiger Schuldenstand
Das Land, das am 1. März seine politische Führung neu wählt, ist bekannt für politische Auseinandersetzungen, nicht aber für seine gute ökonomische Performance. In erster Linie ist der Schuldenstand exorbitant. Kärnten hat unter Haiders Regentschaft seine Schulden verdoppelt. Die Arbeitslosigkeit ist mit 7,2 Prozent im Jahresschnitt 2008 deutlich höher und steigt im Moment auch rascher an als in allen anderen Ländern, bei der Kaufkraft liegt Kärnten an vorletzter Stelle des Bundesländer-Rankings.

Einziger Topf, aus dem die Politik zurzeit noch Geld verteilen kann, ist der aus dem Verkauf der Hypo-Alpe-Adria-Anteile gespeiste „Zukunftsfonds“. Freilich wird auch da vorwiegend nach populistischen Gesichtspunkten und nicht nach zukunftsträchtiger Projektqualität entschieden.

"Schauts nach vorn!"
Das regierende BZÖ wirbt im Internet wieder mit dem separatistischen
Slogan „Freistaat Kärnten – wir sind wir“. Vielen, die es
seit Längerem ins Exil verschlagen hat, graut jedoch vor solchen
Phrasen. Auch Wolfgang Petritsch zieht es magisch Richtung Süden. Der Spitzendiplomat sieht Kärnten „unter den objektiven Gewinnern des europäischen Einigungsprozesses“ und ortet „unglaubliche geopolitische Vorteile“ des Landes, vor allem in Richtung Ostentwicklung.

Allerdings sieht er auch die durchaus existenten Grenzen in den Köpfen: „Die kulturelle Diskussion muss offener werden, Traditionskultur darf nicht als Waffe gegen die andere Volksgruppe eingesetzt werden, Abschottung ist kein gültiges Rezept mehr.“ Mit emotionaler Nähe zu seiner Heimat richtet er an seine Landsleute einen Appell zum konstruktiven Neuanfang: „Jetzt kommen harte Zeiten auf uns zu. Schauts nach vorn! Es macht keinen Sinn, die Kriege der Vergangenheit weiterzuführen.“

Von Othmar Pruckner

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