Mobilfunk: Alles ist möglich

Für das Jahr 2007 haben sich die Mobilfunker einiges vorgenommen: Das mobile Internet wird noch schneller und ermöglicht neue Dienste via Mobiltelefon. Und auch Handy-TV soll starten. Lesen Sie alles über die Mobilfunk-Trends des heurigen Jahres.

Es sind nur noch wenige Arbeitstage, die Georg Pölzl in seiner Glasburg hoch über den Dächern Wiens als Dirigent des zweitgrößten österreichischen Mobilfunkers bleiben. Ende Februar wird er endgültig nach Deutschland aufbrechen (siehe „Mann des Monats“ auf Seite 32). Und vielleicht ist es der Blick auf den ehemaligen Schlachthof unter ihm, der den T-Mobile-Chef dazu verleitet, sein Image als besonnener, ruhiger Manager kurz zu vergessen und sein neunjähriges Wirken mit einer Kampfansage zu beenden: „Das Festnetz in Österreich ist tot!“

Fehlt nur noch „Lang lebe das Handy“ als Draufgabe, doch das würde die Ernsthaftigkeit seiner Ansage in Zweifel stellen, denn: „Das ist ein Trend, den niemand mehr bremsen kann.“ Tatsächlich werden schon heute 67 Prozent aller Gesprächsminuten mittels Mobiltelefon geführt; das Festnetz verliert zunehmend an Attraktivität. Pölzl: „Ich rufe doch lieber eine Person am Handy als einen Haushalt via Festnetz an.“ Der beinharte Preiskampf bei den Tarifen trage das Übrige dazu bei: „Bis zum Jahresende wollen wir 80 Prozent erreicht haben.“

Das ist eine starke Vorgabe für den neuen Mann an der Spitze, Robert Chvátal, den derzeitigen T-Mobile-Chef in der Slowakei. Dabei zählt der Kampf um jede Gesprächsminute – gegen das Festnetz und die werte Konkurrenz – nicht einmal zu den größten Herausforderungen, die es heuer im österreichischen Mobilfunkmarkt zu meistern gilt. Diese sind im Bereich des mobilen Internets zu finden. Denn die Weiterentwicklung der Technologie ermöglicht einen immer schnelleren Transport von Daten über die Mobilfunknetze, oft sogar schneller als über das Festnetz. Was zur Folge hat, dass sich die Netzbetreiber zu vollwertigen Internet-Providern entwickeln – samt entsprechenden Web-Diensten.

Das Handy wird damit zum ultimativen Kommunikations-Werkzeug für unterwegs – um Fotos auszutauschen, Videos anzusehen, Musik herunterzuladen oder sogar fernzusehen. Lesen Sie im Folgenden, welche Dienste Ihnen die Mobilfunkbetreiber heuer noch anbieten werden.

Breitband-Internet
Der Turbo fürs Handy

Es ist schon schnell. Mit bis zu 3,6 Megabit pro Sekunde Downloadgeschwindigkeit, das ist doppelt so schnell wie ein durchschnittlicher ADSL-Anschluss, kann es das mobile Internet schon heute mit dem Festnetz aufnehmen. Doch die Funktechnologie HSDPA („High Speed Downlink Packet Access“) kann noch mehr: Noch heuer wollen alle Netzbetreiber bis zu 7,2 Mbit/s anbieten. Hutchison („3“) wird schon im Februar mit einer entsprechenden USB-Box für den PC starten, One verspricht für März eine neue HochgeschwindigkeitsDatenkarte – schließlich ist das mobile Internet vor allem für die Nutzung mittels Laptop interessant. Im Februar will One aber auch schon das erste HSDPA-Handy herausbringen, das SGH-i600 von Samsung (Richtpreis: 549 Euro) mit vollständiger Tastatur, 1,3-Megapixel-Kamera und Windows-Mobile-Betriebssystem.

One-Geschäftsführer Jørgen Bang-Jensen ist überzeugt: „Am Ende des Jahres wird es mehr mobile als Festnetz-Breitband-Anschlüsse geben.“ Und auch T-Mobile-Chef Pölzl glaubt, dass „heuer ganze Haushalte auf das viel bequemere mobile Internet umsteigen werden.“

Doch damit nicht genug. Die Mobilkom kündigt für das erste Halbjahr den Start von HSUPA („High Speed Uplink Packet Access“) an, womit nicht nur der Empfang der Daten wie bei HSDPA, sondern auch das Senden beschleunigt werden soll – und zwar auf 1,4 MBit/s, das ist die 22-fache Geschwindigkeit der derzeit dafür verwendeten UMTS-Technologie. Mobilkom-General Boris Nemsic: „Das ist ein Quantensprung für alle, die viele Daten versenden wollen, vor allem im Bereich von Web 2.0“ (siehe Interview rechts).

Web 2.0
Gemeinschaft für unterwegs

Der Überbegriff Web 2.0 steht grob umschrieben für Dienste, bei denen die User selbst Texte, Fotos oder Videos ins Netz stellen und anderen zugänglich machen – für alle Netzbetreiber eine enorme Chance, neue Umsätze alleine durch den dadurch entstehenden Datenverkehr zu generieren. „Interaktion ist unser Geschäft“, proklamiert Mobilkom-Marketingvorstand Hannes Ametsreiter, „darum wollen wir dabei eine zentrale Rolle spielen.“

Dazu sollen einerseits noch heuer eigene Plattformen für selbst gestrickte Inhalte geschaffen werden, andererseits erfolgreiche Portale wie Flickr (für Fotos) oder YouTube (für Videos) adaptiert werden: „Web 2.0 lebt von der Spontaneität, darum ist das Handy das beste Instrument dafür. Im Idealfall wird Österreich ein Land mit acht Millionen Regisseuren.“

Während T-Mobile sich diesbezüglich ganz auf die Rolle des Netzanbieters ohne eigene Dienste zurückziehen und One seine Pläne nicht verraten will, steht Hutchison gleich mit einem ganzen Paket von Internet-Diensten – genannt X-Series – an der Startlinie. Ab Ende März soll es möglich sein, mit bestimmten „3“-Handys bekannte Angebote wie die Internettelefonie Skype oder das Auktionshaus eBay zu nützen. Mit „ORB“ kann außerdem auf jeden digitalen Inhalt, der zu Hause auf dem PC gespeichert ist, via Handy zugegriffen werden. Und die Slingbox ermöglicht es, das Fernsehbild auf das Mobiltelefon zu schicken (siehe Test oben). Verrechnet wird dafür eine monatliche Pauschalgebühr, die voraussichtlich zwischen zehn und 15 Euro betragen wird.

„Wir wollen die Internet-Killerapplikationen aufs Handy bringen und den Trendsettern zeigen, was State of the Art ist“, erklärt Hutchison-Geschäftsführer Berthold Thoma, der sich darüber im Klaren ist, dass all diese Anwendungen noch lange nicht massenmarkttauglich sind.

Handy-TV
Assinger zum Mitnehmen

Das gilt vermutlich auch für das Handy-Fernsehen via DVB-H („Digital Video Broadcast – Handheld“). Der seit Monaten laufende Pilotversuch hat nach wie vor mit technischen Problemen zu kämpfen, ungeklärt ist auch, welche Sender on air gehen und wie die Business-Modelle dafür aussehen können. T-Mobile-Chef Pölzl sieht jedenfalls „keine Marktrelevanz“ für 2007; und „3“-Chef Thoma gibt zu: „Wir wissen alle nicht, wie wir es machen sollen.“ Keiner der Betreiber sieht sich als TV-Produzent, sondern maximal als Schnittstelle zwischen TV-Station und Konsument, um etwa die Abrechnung der über das Handy gesehenen Sendungen vorzunehmen.

Mobilkom-Vorstand Ametsreiter will allerdings einen Start noch heuer nicht gänzlich ausschließen und glaubt langfristig an ein enormes Potenzial: „Bis zum Jahr 2010 werden wir mit unseren Handys der größte Fernsehgeräte-Verkäufer sein.“

Bis dahin werden die Mobilfunker weiterhin auf TV-Sendungen und ausgewählte Videoclips via Streaming (also über UMTS und HSDPA) setzen. „3“ startete Ende Jänner zusammen mit Universal Music und Puls TV sogar den ersten, speziell für das Handy entwickelten TV-Kanal – allerdings auch noch ohne DVB-H.

Musik-Portale
Madonna immer dabei

Mit dem Medium Musik tun sich die Netzbetreiber leichter, doch auch hier sieht T-Mobile-Chef Pölzl das eigene Contentangebot nicht als Kerngeschäft: „Viele werden wahrscheinlich lieber iTunes über unsere Breitband-Verbindung nutzen.“ Hutchison und One setzen hingegen auch 2007 voll auf ihr Musikangebot.

One-Chef Bang-Jensen hält die modernen Handys mehr denn je für die perfekte Ergänzung zu MP3-Playern: „Das Handy ist ein Audiogerät, das ich immer mithabe. Für uns ist Musik eines der Hauptthemen im heurigen Jahr.“ Ab Ende Februar wird jeder Song (auf der „Ladezone“ stehen 175.000 Songs bereit) parallel auf Handy und PC geladen werden können. Außerdem sollen die Ladezone ausgebaut und die besten Musik-Handys in Kombination mit speziellen Tarifen angeboten werden. Bang-Jensen: „Der Trend geht in Richtung alles inkludierender Paketpreise.“

Tarife
Ende der Preisschlacht?

Damit wird der Preiskampf zwar weitergehen, doch die Netzbetreiber sind sich einig, dass heuer keine großen Schlachten geschlagen werden. Am ehesten werde es bei den Datentarifen eine weitere Annäherung an die Festnetz-ADSL-Tarife geben.

Anders verhält es sich beim Roaming, den Gebühren, die im Ausland zu zahlen sind. „Ich rechne mit einer Senkung der Roaming-Tarife von mindestens 30 Prozent noch vor dem Sommer“, sagt T-Mobile-Chef Pölzl. Vor allem das Daten-Roaming wird mit steigender Geschwindigkeit zu einem immer größeren Problem. Wenn ein Kunde über HSDPA nur eine Minute lang eine größere Datei herunterlädt (bis zu 27 MB), kostet ihn das je nach Tarif bis zu 200 Euro. Bang-Jensen: „Hier wird ein Markt durch zu hohe Gebühren zerstört, bevor er noch richtig abheben kann. Da muss sich heuer was bewegen.“ Wobei dafür langwierige Verhandlungen mit den verschiedenen Betreibern jedes Landes notwendig sind. Was sich Hutchison im eigenen Konzern sparen kann: Seit Dezember zahlt ein 3-Kunde in allen 3-Netzen – wovon es weltweit allerdings nur acht gibt – die gleichen Datentarife wie im Inland. Demnächst soll diese Regelung auch auf die Sprachtelefonie ausgeweitet werden.

Handys
PC für die Hosentasche

Für die größte Aufregung im heurigen Jahr wird aber das iPhone sorgen (siehe Foto Seite 176). Apples jüngster Coup, ein Mobiltelefon, geschaffen für den Download und das Abspielen von Musik via Internet-Musikportal iTunes, mit revolutionärer Benutzeroberfläche, Touchscreen, Videoplayer und vielem mehr, soll Ende des Jahres nach Europa kommen und dann hoffentlich auch UMTS-fähig sein (ab 499 US-Dollar). Für Apple-CEO Steve Jobs „ein wegweisendes Produkt, das jedem Mobiltelefon um fünf Jahre voraus ist“, für Nokia-Produktmanager Thomas Janosik ein Produkt „mit Features, die wir seit Jahren in unseren Geräten inkludiert haben“. Tatsächlich ist das iPhone ein Quantensprung, was Design und Bedienführung betrifft, die entsprechenden Modelle von Sony Ericsson (Modell W950i mit vier Gigabyte Speicher) oder Nokia (N73 mit Stereo-Lautsprechern) können aber technologisch durchaus mithalten.

Der zweite Aufreger: Im April wird Nokia sein neues Flaggschiff herausbringen, das HSDPA-Modell N95 mit 5-Megapixel-Kamera, TV-Funktionen, GPS-Navigation und vielem mehr (Richtpreis: 980 Euro, Foto links). Mehr als fünf Megapixel wird 2007 kaum zu erwarten sein, denn, so Janosik, „eigentlich geht es weniger um die Zahl der Auflösung als um die Möglichkeiten der Bildeinstellung, die Optimierung der Optik und die Option, die Bilder gleich ausdrucken oder verschicken zu können“. Zum Beispiel dank der Kooperation von Nokia mit dem Fotoportal Flickr, wodurch das direkte Hochladen der Fotos auf Flickr möglich ist.

Auch seitens der Handy-Hersteller wachsen heuer also Internet und Handy immer mehr zusammen. „Kein Wunder“, meint Janosik, „moderne Mobiltelefone sind ja inzwischen nichts anderes als tragbare Multimedia-Computer.“

Von Oliver Judex

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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