Mit der Seele taumeln

Wenn das Nichtstun in Arbeit ausartet, dann ist Ferienzeit angesagt.

Sieht nach echtem Stress aus, dieser Entspannungsmoment. Neulich auf einem Boot in der Karibik: Bruce Willis, 52, wirft die Angelleine aus, während seine Exgattin und Mutter der gemeinsamen Töchter sich an den angetrauten Publikumsliebling kuschelt. Demi-Ashton-Bruce wissen um den PR-Wert dieser inszenierten Idylle. Dass es so ober-chilling ist, mitansehen zu müssen, wie der Akute der Ehemaligen eine Gaumenzäpfchenmassage verpasst, kann Bruce uns aber unter Wasser erzählen. Patchwork-Stress, Burn-out-Erstversorgung, mehr Beziehungsnähe, als zu vertragen ist: Urlaub ist generell zunehmend reine Nervensache.

„Der Berufsmensch, in Form und Zwang gepresst, ist eine betrübliche Erscheinung unseres Kulturlebens“, heißt es auf den lebensberatenden Seiten einer Berliner Zeitung im Jahr 1923, „aber selten nur pflegt die Wirkung der kurzen Urlaubszeit eine wahrhaft vollkommene zu sein.“
Denn der „rauschende Vergnügungstaumel unserer Bäder und Kurorte“ reibe die Nerven auf, anstatt sie „zu erfrischen“.

Also weniger Saint Tropez und Porto Cervo, sondern mehr Schlichtheit in Greifnähe, Leute!

„Alpen statt Aspen“ ist selbst Mausi Lugner bereit, sich der Last der Glamourreduktion auszusetzen und ihren Beitrag gegen die Klimaerwärmung zu leisten.

Die Sommerfrische, Schlichtheit in Greifnähe für den Sommer und jenes aristokratische wie großbürgerliche Prinzip des Sich-gehen-Lassens, verlangt nach Stilsicherheit.

Die Schriftstellerwitwe Marietta Torberg, die jahrzehntelang den Sommer über in Altaussee fröstelte, umschrieb diese Art von Rauszeit wie folgt: „Es ist eh wie zu Hause, nur ein bisserle unbequemer.“

Möglicherweise grübelte Roman Abramowitsch deswegen so lange über den Ankauf einer Attersee-Residenz. Und war auch abgeschreckt davon, dass der Penisersatz des gemeinen Oligarchen, also die Mittel-meer-Yacht, in Salzkammergutgewässern etwas unapropos wirken könnte.

Das einfache Leben birgt außerdem für die, die sich aus dem einfachen Leben emporrackern mussten, wenig Verheißungsvolles. Abramowitsch kommt aus dem Plattenbau. Ernst August von Hannover kam mit dem goldenen Löffel im Mund. Und soll, so dringt es aus dem Grünauer Dorfwirtshaus, durchaus friedlich und leise ebendort einen unhysterischen Schweinsbraten vertilgen, wenn er von den Latifundien aus dem oberösterreichischen Almtal ins bebaute Gebiet sticht. Was die Abwesenheit von Publikum aus Egozentrikern oft machen kann – nämlich erträgliche Menschen. Igitt, wie langweilig. Das Urlaubsverhalten der Österreicher wird sich in absehbarer Zeit von einigen Dingen verabschieden, wie der Freizeitforscher Peter Zellmann unlängst verkündete. Der vierzehntägige Badeurlaub am Mittelmeer kann sich schon einmal warm anziehen. Denn wenn im Salzkammergut im 22. Jahrhundert dank der Klima-Wirrnisse die Orangen blühen werden, will man sich den Süden Europas gar nicht vorstellen müssen. Also das Comeback des Comebacks für die klassische Sommerfrische. Arbeit und Freizeit sollen künftig immer mehr ineinanderfließen, was die Perioden für das L-Word (L-O-S-L-A-S-S-E-N) kürzer, aber auch häufiger werden lässt. Und das Reisen, ohnehin längst oft auch lästiger Alltag, verliert seinen Vergnügungsfaktor. Ganz im Sinne von Charles Baudelaire: „… trotz mancher Widrigkeiten und schlimmer Überraschungen haben wir uns oft gelangweilt, so wie hier …“*)

Die Ziellosigkeit in der Fortbewegung hat aber auch eine nicht zu unterschätzende Qualität.

Ich durfte sie einmal durch Ari Rath, den langjährigen Chefredakteur der „Jersualem Post“, erahnen, den ich in Altaussee über eine Freundin kennen lernte. Der Mann war der jugendlichste 80-plus-Typ, den man sich vorstellen kann, und hatte eben, es war nach Mitternacht, eine Autofahrt, die in Darmstadt ihren Anfang genommen hatte, hinter sich gebracht. An und für sich wäre ihm der Schnittlauch auf der Suppe genug Natur, aber zwei bis einen Tag würde er es schon hier aushalten. „Und dann?“, fragte ich ihn. „Wo geht die Reise dann hin?“ „Kinderle“, antwortete er, „in meinem Alter fährt man nur mehr ins Blaue.“

*) Aus Alain de Botton: „Die Kunst des Reisens“, S. Fischer.

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