Mit Impfstoff in der Oberliga angekommen:
Wiener Biotech-Schmiede Intercell ist top

Der Wiener Impfstoffspezialist Intercell schaffte es als erstes österreichisches Unternehmen, ein Medikament auf den internationalen Markt zu bringen. Diesem erstaunlichen Erfolg sollen bald weitere folgen.

Werner Lanthaler weilt derzeit in den USA. Den Grund für den Aufenthalt will der Finanzchef der Wiener ­Biotech-Schmiede Intercell nicht näher erläutern. Es seien für den Konzern wichtige Termine zu absolvieren. Doch ist die Vermutung nicht gänzlich abwegig, dass die geheimnisvollen Dates in Zusammenhang mit einer schon seit Längerem erwarteten Behördenentscheidung stehen: der Zulassung des ersten Intercell-Produkts auf dem US-Markt durch die Gesundheitsaufsicht FDA.

Für das Unternehmen, aber auch für die heimische Industrie ist das mehr als nur eine kleine Sensation. Die Intercell hätte damit etwa geschafft, was, so deren CEO Gerd Zettlmeissl, „statistisch gesehen nur einem unter tausend Biotech-Start-ups gelingt: ein eigenes Präparat zur Marktreife zu bringen“. Einem österreichischen Unternehmen ist das noch nie geglückt, und selbst europaweit zählt Intercell zu den insgesamt nur fünf Biotech-Unternehmen, die je den Sprung in die Profitabilität geschafft haben.

Auch wenn sich die Markteinführung von Ixiaro, einem Impfstoff gegen Japanische Enzephalitis – eine aggressive Form der Gehirnhautentzündung mit jährlich mehr als 15.000 Toten –, um mehr als ein Jahr verschoben hat: Am finalen Erfolg gibt es keine Zweifel mehr. Zettlmeissl versichert: „Bei der FDA geht es nur mehr um formale Dinge wie Packung oder Beipackzettel.“ Immerhin wurde das in Kooperation mit Vertriebspartner Novartis entwickelte Präparat bereits in Australien und von der viel strengeren EU genehmigt. Die FDA-Zulassung wäre freilich von besonderer Bedeutung, da davon auch lukrative Absatzverträge mit der U.S. Army abhängen.

Schwierige Hürden sind genommen
Doch die wirklich schwierigen Hürden hat das Wiener Unternehmen schon viel früher genommen. Gegründet 1998 als Spin-off der Universität Wien, hielt sich die Firma zunächst mit Fördergeldern über Wasser. Danach gelang es immer wieder, Investoren für die laufenden Projekte zu interessieren. Und genau das unterscheidet Intercell von ihren zahllosen pleitegegangenen Branchenkollegen. Ein erfolgreicher Börsengang ist nämlich erst dann möglich, wenn zumindest ein erstes Produkt relativ nahe vor der Zulassung steht. Da die Entwicklung eines neuen Medikaments zur Marktreife jedoch bis zu 15 Jahre dauern kann und viele Millionen Euro verschlingt, entsteht zwischen dem vom Staat geförderten Stadium eines Forschungs-Start-ups und einem börsenfähigen Unternehmen eine Lücke von mehreren Jahren, für deren Überbrückung alternative Finanzierungsinstrumente gefunden werden müssen. Das ist die Phase, in der die meisten Konkurrenten aus dem Rennen um ein marktreifes Produkt ausscheiden.

Frühe globale Ausrichtung
Deshalb richtete sich das Intercell-Management schon früh global aus. 2005 kam bereits die Hälfte der Fördermittel von internationalen Institutionen wie etwa der Gates-Stiftung, 2006 waren es bereits drei Viertel. Neben den wichtigsten, auf Biotech spezialisierten Venture-Fonds gelang es auch, den Singapur-Staatsfonds Temasek zu einem Investment zu bewegen, der heute noch zu den größten Aktionären zählt. In Österreich wurde Intercell zunächst mit einem von Kapital & Wert aufgelegten Verlustbeteiligungsmodell aktiv, und schließlich schaffte man 2005 den – eigentlich verunglückten – Börsengang. Statt der erhofften sieben bis neun Euro lag der Emissionskurs schließlich nur bei 5,5 Euro. CFO Lanthaler: „Das hat zwar wehgetan, aber absagen konnten wir nicht. Das hätte möglicherweise die Existenz des Unternehmens gefährdet.“

Für Anleger, die damals eingestiegen sind, hat sich der Deal jedenfalls gelohnt: Zu seinen besten Zeiten notierte das Papier bei 33 Euro, und trotz Finanzkrise liegt der aktuelle Kurs mit 26 Euro immer noch 350 Prozent über dem Emissionskurs. Bei einer 2007 exklusiv von Partner Novartis gezeichneten Kapitalerhöhung bezahlte der Schweizer Großkonzern 31,25 Euro je Anteilschein und sicherte sich so – als derzeit größter Aktionär – 17 Prozent an den Wienern. Inklusive der von Partnern wie Novartis oder Merck bezahlten Milestone-Zahlungen, Erträge für Vertriebsrechte, Förderungen und Mittel aus den Börsengängen hat Intercell in Summe über 600 Millionen Euro an Einnahmen verbucht. Dem stehen kumulierte Ausgaben für Forschung, Entwicklung und Verwaltung von nur rund 400 Millionen gegenüber, sodass die Gruppe über einen beruhigenden Cash-­Polster von etwa 200 Millionen Euro verfügt.

Erfolgreiche Firmenstrukturen
Doch Geld allein macht ein Biotech-Unternehmen noch nicht erfolgreich. Voraussetzung dafür ist ein exzellentes Wissenschafterteam und ein strukturierter Forschungsprozess. „Man darf sich das nicht als einen chaotischen Vorgang nach dem Versuch-Irrtum-Prinzip vorstellen“, erklärt CEO Zettlmeissl, „wir suchen ganz gezielt nach bestimmten Wirkstoffen und wissen auch genau, wo wir suchen müssen.“ Dennoch spielt auch der Faktor Glück eine Rolle. Denn auch wenn die Vorarbeiten noch so sorgfältig gemacht wurden: Ob sich in der klinischen Testphase die gewünschten Ergebnisse zeigen, lässt sich nie mit Sicherheit prognostizieren. Daher ist es in dieser Branche besonders wichtig, immer mehrere Projekte in der Pipeline zu haben. Das erhöht – schon rein statistisch gesehen – die Chance, zumindest den einen oder anderen Wirkstoff zur Marktreife zu bringen.

Doch nicht nur die eigene Forschung ist Grundlage für Erfolg. Auch die richtigen Partner oder der Zukauf der richtigen Technologien kann entscheidend sein. Das Intercell-Management hatte bisher eine glückliche Hand dabei, marktfähiges Know-how genau dann einzukaufen, wenn die eigenen Entwicklungen stockten. Zettlmeissl: „Wir wollten von Anfang an rasch marktfähige Produkte haben.“ So stammt etwa die Basis für die Entwicklung der nun in Poleposition befindlichen Enzephalitis-Impfung aus den USA. Erst kürzlich hat Intercell das amerikanische Biotech-Unternehmen IOMAI übernommen, das nicht nur eine Impfung gegen Reisedurchfall in ein medizinisch fortgeschrittenes Stadium gebracht hat, sondern seit Jahren daran forscht, die übliche Injektion durch ein Impfpflaster zu ersetzen. Letzteres wäre für Intercell eine willkommene Erweiterung der Technologiepalette. Zudem verstand man es für selbst entwickelte Forschungstechnologien, wie etwa ein Programm zur Identifizierung von Antigenen, große Pharmariesen wie Novartis als Partner zu gewinnen. Deren Vorauszahlungen auf künftige Verkaufserträge machen auch einen Großteil der bisher lukrierten Umsätze Intercells aus. Novartis-Boss Jörg Reinhart klassifiziert Intercells Technologie demnach auch als „eine der innovativsten in der Impfstoffindustrie“.

In der Oberliga angekommen
Nach der Platzierung des ersten Produkts ist Intercell nun endgültig in die Oberliga der Biotech-Branche aufgestiegen. Entsprechend regnen nun Lob und Auszeichnungen auf die innovativen Wiener herab. Für die österreichische Forschungsförderungsgesellschaft, die sich zu Recht als Geburtshelfer der Intercell sieht, ist deren Chefin, Geschäftsführerin Henrietta Egerth, stolz: „Intercell wurde von uns tatkräftig unterstützt und bekam von uns im Vorjahr den FFG-Award verliehen.“ Sogar das Weltwirtschaftsforum zeichnete die Wiener als „Technology Pioneer 2008“ aus.

Und auch für die Aktionäre könnte sich – trotz der bereits beachtlichen Kursgewinne – ein Halten der Papiere auszahlen. Erste-Analystin Vladimira Urbankova: „Wir glauben, dass Intercell eine der am besten aufgestellten Firmen in der jetzigen Finanzkrise ist.“ Michael Fischer, Fondsmanager des Biotechfonds Oppenheim Medical Biohealth Trends, wartete mit dem Einstieg auf die Zulassung von Ixiaro: „Die Investoren suchen jetzt eher sichere Werte, solche mit Wachstumschancen und genug Geld. Beides erfüllt Intercell.“

Wolfgang Matejka, Chief Investment Officer der Meinl Bank, ist mit seinen Fonds schon seit Längerem prominent bei Intercell vertreten und nach wie vor von den Perspektiven des Unternehmens überzeugt: „Das ist eine echt sexy Company – auf die werden wir als Österreicher noch sehr stolz sein.“ Für das Intercell-Management ist Ixiaro jedenfalls erst der Anfang. Zwar wird schon mit diesem Impfstoff gut verdient werden – das Umsatzpotenzial für Intercell liegt bei etwa 150 bis 200 Millionen Euro per annum. Doch die wirklichen Hoffnungen ruhen auf möglichen Blockbustern wie Impfungen gegen Hospital-Infektionen und Grippe. Wirklich vorhersehbar sind solche Erfolge aber nicht. Zettlmeissl: „Letztlich entscheidet die Biologie.“
Von Markus Groll

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