Mehr Mut der Politiker zu Investitionen:
Noch-Verbund-Chef Pistauer im Interview

Verbund-Chef Michael Pistauer würde Investitionen zur Konjunkturbelebung vorziehen. Er wundert sich, dass er von der Politik deswegen noch nicht kontaktiert wurde. Und er verspricht, dass Strom ab Mitte 2009 billiger wird.

trend: Das Ende Ihrer aktiven Managerkarriere gestaltet sich turbulenter als geplant …
Pistauer: Das kann man wohl sagen. Ich wollte mich ab Herbst eigentlich im Tagesgeschäft weitgehend zurücknehmen. Stattdessen ist die Finanzmarktkrise über uns hereingebrochen. Die hält mich rund um die Uhr auf Trab.

trend: Wobei der Verbund ja nicht so stark betroffen ist.
Pistauer: Schon auch. Der Verbund ist ja teilweise wie eine Bank. Wir haben eine Milliarde Euro Cash Flow, 600 Millionen sind permanent veranlagt.

trend: Das heißt, Sie haben in den letzten Monaten eine Menge Geld verloren?
Pistauer: Nein. Bis heute sind wir sehr gut ausgestiegen. Wir hatten ein Engagement bei Lehman Brothers, da mussten wir 24 Millionen Euro wertberichtigen. Aber sonst sieht es gut aus, weil wir schon im Frühjahr 2008 frühzeitig von Wertpapieren hauptsächlich in Cash umgeschichtet haben. Außerdem besitzen wir hohe Volumen in Dollar, und der ist stark gestiegen. Das hat viel kompensiert.

trend: Neben dem Horten von Geld produziert der Verbund auch Strom. Wie schlimm wird sich der Wirtschaftsabschwung – durch den Rückgang des Stromverbrauchs – auf Ihr Kerngeschäft auswirken?
Pistauer: Wir stehen vor einer massiven globalen Rezession. Oder, besser gesagt, sind schon mitten drinnen. Für den Verbund ist aber weniger der Verbrauch das Thema als die Entwicklung des Marktpreises, der stark vom Ölpreis abhängig ist. Dieser wird nach meiner Einschätzung in den nächsten zwei Jahren niedrig bleiben, weil sich die Welt einen hohen Ölpreis jetzt gar nicht leisten kann.

trend: Also müssten auch die Strompreise sinken. Wann darf der österreichische Konsument damit rechnen?
Pistauer: Mitte 2009 müsste der gesunkene Ölpreis auf die Strompreise durchschlagen. Der Verbund ist da nicht so gefordert, weil wir die Preise im Unterschied zu den meisten Mitbewerbern nicht erhöht haben. Aber ich bin überzeugt, die Branche muss reagieren.

trend: Ihr Wort in Gottes Ohr …
Pistauer: Schauen Sie, es geht da auch um gesellschaftliche Akzeptanz. Wir sind ein Infrastrukturbereich und erzeugen ein Produkt, das jeder haben muss. Daher müssen die Spielräume beim Preis auch rasch an die Kunden weitergegeben werden.

trend: Heuer wird der Verbund die 665 Millionen Nettogewinn von 2007 nochmals deutlich übertreffen. Mit den sinkenden Strompreisen wird es danach aber wohl bergab gehen, was die Profite des Konzerns betrifft?
Pistauer: Für 2009 sind 66 Prozent unseres Stroms über Verträge schon verkauft. Da sehe ich keinen Rückgang. Danach ist es schon möglich, dass der Gewinn auch einmal niedriger ausfällt.

trend: Der Verbund hat ein ambitioniertes Investitionsprogramm. Wird daran trotz Krise festgehalten, oder streichen Sie wie andere Konzerne auch?
Pistauer: Unser Programm fürs nächste Jahr bleibt unangetastet: eine Milliarde Euro Investitionen, davon 600 Millionen in Österreich – das ist so viel wie das gesamte Konjunkturprogramm der Regierung.

trend: Von den Banken bekommen Sie noch Geld?
Pistauer: Wir haben heuer mit 32 Banken einen Kredit über 750 Millionen organisiert, den wir jederzeit abrufen können – zu fantastischen Konditionen: 20 Basispunkte über Euribor. Mittelfristig hängt unsere Investitionsstrategie aber tatsächlich weniger von der Entwicklung des Strommarkts als vom Zugang zu Finanzierungen ab.

trend: Im Rahmen der Krisenbekämpfung hat die Regierung öfters den forcierten Ausbau der Wasserkraft genannt. Gibt es da konkrete Vereinbarungen?
Pistauer: Wir wundern uns, dass die Regierung nicht an uns herangetreten ist. Wir selbst sind aktiv geworden, und ich bin etwa mit einem Vorschlag an den künftigen Finanzminister Josef Pröll herangetreten. Ich lasse intern alle Investitionsprojekte in Österreich auf eine frühere Realisierbarkeit prüfen: vor allem Wasserkraftwerke und ein Gasprojekt. Wir wären bereit, unseren Beitrag zur Konjunkturbelebung zu leisten. Aber Voraussetzung sind neue Rahmen für die Dauer von Genehmigungsverfahren. Jetzt ist die Politik gefordert.

trend: Sie könnten sich aber den Vorwurf einhandeln, die Situation auszunutzen, um ökologische Grundsätze über Bord zu werfen?
Pistauer: Wir wollen Betroffenen von Kraftwerken ja nicht das Gehör verweigern. Aber die Verfahren müssen schneller gehen. Es kann nicht sein, dass die Genehmigung für den Ausbau eines bestehenden Standorts wie Mellach 36 Monate dauert. Mehr Mut der Politik wäre angebracht: eine konzertierte Aktion von Bund und Ländern. Leider spießt es sich dann oft in den Regionen.

trend: Herr Pistauer, derzeit wird heftig über eine stärkere Rolle des Staats diskutiert. Die Ansicht, dass der Staat stärker in Unternehmen hineinregieren soll, gewinnt an Zuspruch – siehe die Beispiele Post und Telekom.
Pistauer: Ich teile diese Ansicht nicht. Mein Grundsatz war immer: so wenig Staat wie möglich. Ich war auch immer strikt gegen Preisregulierungen bei Strom. Natürlich macht die schwerste Krise, die die Welt je gesehen hat, momentan den Einstieg des Staats da und dort notwendig, aber das können nur temporäre Lösungen sein.

trend: Gilt das auch für Infrastrukturunternehmen wie den Verbund, wo der Bund noch 51 Prozent hält?
Pistauer: Der Staat soll präsent sein, schon deswegen, weil wir sonst der klassische Übernahmekandidat wären. Eine andere Frage ist, ob es die Mehrheit sein muss. Der Börsengang war wichtig, man muss sich ja nicht nur nach den Befindlichkeiten an der Wall Street richten.

trend: Wird der Bund weitere Anteile abgeben, wie schon überlegt wurde?
Pistauer: Aus den Regierungsverhandlungen habe ich nichts gehört. Das ist jetzt sicher kein vorrangiges Problem.

trend: Als Sie vor zwei Jahren Generaldirektor wurden, waren Schritte zu einer österreichischen Stromlösung eines Ihrer Ziele. Da wurde nichts draus.
Pistauer: Wir sind nicht zu einem Finale gekommen, haben aber einiges erreicht. Mittlerweile ist unbestritten, dass eine Lösung nur über Kapitalverschränkung und nicht über Verträge funktionieren kann. Die Vorbehalte gegen den Verbund sind nun ausgeräumt. Beispiel Estag: Würden alle politischen Kräfte in der Steiermark an einem Strang ziehen, bin ich überzeugt, dass der Verbund einen Weg mit der französischen EdF (Estag-Miteigentümer, Anm.) finden würde. Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit ist heute viel größer, die Krise unterstützt solche Überlegungen.

trend: Aber die Meinungen, wer bei einer Österreich-Lösung das Sagen haben sollte, gehen nach wie vor auseinander.
Pistauer: Das ist richtig. Nur ist es halt nicht anders denkbar, als dass der Verbund der Nukleus einer solchen Lösung sein müsste. Vielleicht kommt ja Bewegung. Die Landesversorger geraten stärker unter Druck, weil der Regulator dafür gesorgt hat, dass das Netz statt früher 40 Prozent nur noch acht Prozent zum Ergebnis beiträgt.

trend: Was haben Sie in Ihren zwei Jahren als Verbund-Chef erreicht?
Pistauer: Das Wichtigste ist, dass der Ausbau der Wasserkraft jetzt wieder eine große Rolle spielt. Wir arbeiten derzeit an 28 verschiedenen Projekten: von der Voruntersuchung bis zur Realisierung. Daneben möchte ich die Fortschritte bei der Türkei-Expansion nennen.

trend: Auf welche Leistung sind Sie persönlich stolz?
Pistauer: Der Verbund wurde im Jänner 2008 nach Marktkapitalisierung das größte Unternehmen Österreichs. Seither wurde der Abstand größer und größer (vor der OMV, Anm.). Früher waren wir immer unter „ferner liefen“. Der Verbund ist zwar seit 1989 teilprivatisiert, aber das wurde lange Zeit nicht gelebt. Ich habe mich aber dann in meiner 15-jährigen Zeit als Finanzvorstand und zuletzt CEO intensiv um den Kapitalmarkt bemüht. Und das hat schließlich Früchte getragen. Was mich auch freut, ist, dass ich den Sympathiewert des Unternehmens steigern konnte. Ich habe hart gearbeitet, damit wir von der Gesellschaft akzeptiert werden. Viele haben gesagt: Mit Sympathie macht man kein Geschäft. Aber ich bin fest überzeugt, es hat sich ausgezahlt.

trend: Wird Ihr Nachfolger ab 1. Jänner, Wolfgang Anzengruber, wegen der Krise ein Sparprogramm fahren müssen?
Pistauer: Der Verbund braucht keine Strukturreform mehr, auch wenn das Thema Cost Cutting natürlich nie abgeschlossen ist. Aber zusätzliche Auswirkungen hat die Krise schon: Wir haben mehrere Budgetposten definiert, die einer gesonderten Freigabe durch den Vorstand bedürfen. Zum Beispiel wird es im Sponsoring zu Einsparungen kommen.

trend: Der Vertrag mit Austria Wien läuft noch bis Mitte 2009. Ist dann Schluss?
Pistauer: Damit soll sich mein Nachfolger beschäftigen.

trend: Was bleibt für Herrn Anzengruber sonst zu tun?
Pistauer: Er muss den Konzern für den Paradigmenwechsel fit machen, vor dem wir stehen. Das ganze Versorgungssystem wird sich gravierend ändern. Wir haben in Zukunft keine Chance, den Strombedarf – unter Erreichung der Klimaziele – auf klassischem Weg zu decken. In 20 Jahren müssten wir dafür in Österreich alle paar Jahre die Kapazität der gesamten Donaukraftwerkskette neu dazubauen.

Was sind die Alternativen?
Pistauer: Am wichtigsten ist die Effizienzsteigerung, sowohl bei den Kraftwerken als auch beim Einsatz von Strom. Es muss überall dort investiert werden, wo Strom gespart werden kann. Da tut die Politik noch viel zu wenig. Außerdem müssen wir erneuerbare Energie und kleine Kraftwerke forcieren – und wir müssen ein hochintelligentes Übertragungsnetz haben.

trend: Das klingt alles recht nett, wird aber nicht ausreichen.
Pistauer: Da haben Sie leider Recht. Wir werden international zweifellos weiterhin Atomkraft brauchen, als Zwischenlösung für die nächsten 20 bis 30 Jahre. Nicht in Österreich wohlgemerkt, da gibt es ein Gesetz. Erst langfristig wird es dann bei einigen Alternativtechnologien die notwendigen Sprünge geben, etwa bei den solarthermischen Kraftwerken.

trend: Wird es bei Ihnen noch berufliche Sprünge geben?
Pistauer: Vorerst mache ich einmal absolut nichts. Nur mit Freunden Ski ­fahren und bergsteigen gehen. Dann werde ich weiterschauen, welche strategisch interessanten Angebote vorhanden sind.

trend: Sie sind 65 Jahre alt, wären aber doch noch gerne zwei Jahre geblieben?
Pistauer: Es gab eine Zeit im Herbst 2007, da wollte ich das. Einige Leute sind für mich gerannt, andere dagegen. In diesem politischen Umfeld wurde mir schnell klar, dass es besser ist, zum richtigen Zeitpunkt abzutreten. Auch wenn es schwierig ist, die Nachfolge früh genug zu regeln und trotzdem ein starker CEO zu bleiben. Das ist mir aber voll gelungen.

Interview: Andreas Lampl

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