Markt-Wirtschaft

Übernahme. Rewe hat beim Adeg-Einstieg Sanierungsbedarf und Wett­bewerbshüter deutlich unterschätzt. Mit der angepeilten Mehrheit will man nun die Flucht nach vorne antreten. Von Markus Groll

Die Zeit scheint irgendwann stehen geblieben zu sein, als Waschbetonplatten modern waren, Bahnhofsuhren Designgeschichte schrieben und Betriebskantinen Sozialstandards setzten. Die Adeg-Zentrale in St.Pölten verströmt jedenfalls das Flair der siebziger Jahre – und zu dieser Zeit scheint auch der schmucke Traktor neben dem Firmentor abgestellt worden zu sein, der nun alle Besucher ungewollt aufdringlich an die ländliche Basis des in die Jahre gekommenen Lebensmittelhändlers erinnert.

Und allzu rasch wird sich da auch nichts ändern. Zwar hat der neue Adeg-Viertel­eigentümer, Rewe Austria, zu Jahresende 2007 angekündigt, nun auch die Mehrheit übernehmen und damit Adeg zum Sprung in die Gegenwart verhelfen zu wollen. Doch nun stellt sich heraus, dass man sich dabei ein bisschen sehr weit aus dem Fenster gelehnt hat. Erstens sind die Wettbewerbsbehörden mehr als skeptisch, was eine derartige Erweiterung des Marktanteils des dominierenden Lebensmittelhändlers in Österreich betrifft. Zum anderen wird den zuständigen Rewe-Managern Werner Wutscher und Frank Hensel langsam klar, wie groß der Sanierungsbedarf bei Adeg wirklich ist. Die nun angekündigte Mehrheitsübernahme war nicht Ausfluss einer langfristigen Strategie, sondern schier die Flucht nach vorne. Wutscher wünscht sich daher: „Was wir im Moment brauchen, ist die rechtliche Sicherheit für unsere Zusammenarbeit.“
Zur Erinnerung: Vor gut eineinhalb Jahren stieg Rewe Austria (mit den Marken Billa, Merkur, Bipa, Penny) mit einer 24,9-prozentigen Beteiligung bei Adeg ein. Einer der beiden bisherigen Mehrheitseigentümer aus der deutschen EDEKA-Gruppe hatte damals seinen Anteil (37,5 Prozent) wieder an die österreichische Adeg-Eigentümergenossenschaft zurückverkauft (um kolportierte 16 Millionen Euro), die einen Teil davon postwendend an Rewe weiterreichte. Die Wettbewerbsbehörde in Brüssel stufte das zwar nicht als Fusion ein, aber die österreichischen Kollegen setzten die Kooperation zwischen Rewe und Adeg auf die Watchlist.

Vorerst waren die Billa-Leute noch durchaus zufrieden. Man hatte den Fuß in der Tür zu weiteren Marktanteilen, trotz heftiger Proteste des Marktzweiten, Spar. Und das in ländlichen Gebieten (im Westen und Süden Österreichs), in denen man ohnehin nicht so gut vertreten ist, und bei den Magnet-Verbrauchermärkten, die Adeg knapp vor dem Einstieg Rewes (angeblich schon im Hinblick darauf) noch gekauft hatte. Die ersten bei Adeg gelisteten Rewe-Eigenmarken (Clever, Quality line und vor allem die Bio-Premiummarke Ja!Natürlich) kamen bei der neuen Kundschaft auch sehr gut an. Und so nebenbei machte sich Rewe ein zweites Geschäftsfeld auf: den Großhandel mit eigenständigen Kaufleuten. Denn Adeg ist neben dem reinen Filialbetrieb vor allem eine Einkaufsgenossenschaft von über 600 eigenständigen Kaufleuten. Ein System, das Spar seit Jahrzehnten äußerst erfolgreich vorexerziert. Eigenständige Kaufleute reüssieren nämlich durch die hohe Motivation auch an Standorten, wo angestellte Filialleiter schon längst den Besen ins Eck stellen.
Doch dann kamen die Rewe-Manager drauf, was sie sich da wirklich eingehandelt hatten. Tatsächlich hat der scharfe Wettbewerb Adeg ordentlich unter Druck gebracht. Der Konzernbilanzverlust stieg bis 2005 auf 22,8 Millionen Euro (bei 763 Millionen Euro Umsatz), im eben fertig gestellten Jahresabschluss für 2006 dürfte der Abgang nach Angaben aus Eigentümerkreisen ebenfalls bei knapp unter 20 Millionen Euro liegen. Und viel besser kann es auch im Jahr 2007 nicht ausschauen, da viele der bereits eingeleiteten Rationalisierungsmaßnahmen (Filialschließungen, Schließung des Zentrallagers in Bergheim) erst recht zu einer Kostenbe­­las­tung geführt haben. Adeg-Vorstand Andreas Poschner will keine genauen Zahlen bekannt geben, räumt aber ein: „Wir mussten einiges umstrukturieren, Mieten ablösen – das kostet eben sehr viel.“

Jahrelang wurden notwendige Sanierungsschritte versäumt, weil die Kaufleute als Genossenschafter der Adeg gute Einkaufskonditionen bei ihrer Tochterfirma über den Geschäftserfolg des Konzerns stellten. Die nebenher betriebenen Filialen waren stets Stiefkind im Konzern, die bes­ten Standorte wurden klarerweise von den Kaufleuten besetzt. Die durchschnittlichen Quadratmeterumsätze liegen bei Adeg unter 3000 Euro. Zum Vergleich: Billa etwa arbeitet mit knapp 5000 Euro. Nicht ganz unschuldig an der Situation sind aber auch die alten Mehrheitseigentümer, die beiden deutschen EDEKA-Gruppen Südbayern und Chiemgau, die sich nie mit den österreichischen Marktbedingungen anfreunden konnten, eine intern höchst umstrittene Filialexpansion fuhren und mit deutschem Sortiment Kunden mehr vergraulten als begeisterten.

Das Schnäppchen für Rewe (der Kaufpreis dürfte nicht mehr als zehn Millionen Euro betragen haben) erweist sich nun ­zusehends als Ladenhüter. Schon 2006 ­rettet nur ein Gesellschafterzuschuss in Höhe von zwölf Millionen Euro die Adeg-Bilanz. Und der teure Schließungsreigen muss ­weitergehen, verkündet Poschner. Der Adeg-Filialbetrieb wird weitgehend aufgegeben, maximal „20 bis 30 Filialen“ (Poschner) sollen übrig bleiben. Schon die Reduktion von rund 120 auf jetzt noch 70 Filialen kostete im Laufe der vergangenen beiden Jahre weit mehr als 300 Arbeits­plätze. Adeg wird damit zum Großhändler für die Kaufleute.
Ob die beiden Möchtegernpartner damit klarkommen, muss sich erst zeigen. Die ­eigenständigen Kaufleute sind durchaus selbstbewusste Gewerbetreibende, die im Konfliktfall schon mal auf den Tisch hauen können – gerade wenn es um die Ursprungs­idee der Adeg Österreich Genossenschaft (AÖGen) geht. Genossenschaftsobmann Robert Steurer: „Wir wollen mit Rewe zusammenarbeiten, aber wir werden uns in kein Korsett zwängen lassen. Und der Förderauftrag für die Kaufleute in unseren Statuten ist nicht verhandelbar.“
Noch hat man sich allerdings keine allzu großen Gedanken darüber gemacht, wie eine Partnerschaft mit Rewe aussieht, wenn der örtliche Billa mit einer zentral gesteuerten Minus-10-Prozent-Aktion alle Kunden von Adeg am Hauptplatz in den Supermarkt an der Bundesstraße lockt. Die Spar AG hat eine lange Tradition derartiger Konfliktbewältigung, bei Rewe wäre es Neuland. Wiewohl man auf ausreichend Know-how aus Deutschland zurückgreifen könnte – die Muttergesellschaft Rewe-Deutschland ist ebenfalls aus einer Genossenschaft selbstständiger Kaufleute ent­standen.

Dennoch: Das geschäftliche Risiko für Rewe, hier mehr Sanierungskosten zahlen zu müssen, als mangels Eingriffsrechten der 24,9-Prozent-Beteiligung Synergien gewinnen zu können, ist jedenfalls hoch. Zumal nicht einmal dieser Prozentsatz kartellrechtlich ganz aus dem Schneider ist. Der Chef der österreichischen Wettbewerbsbehörde, Theodor Thanner, formuliert es so: „Die Ampel steht auf Gelb.“ Das heißt, Rewe und Adeg müssen regelmäßige Berichte abliefern, wie sich die Kooperation entwickelt. Ob etwa, wie Kritiker vermuten, die beiden sich zu einer allzu großen Einkaufsmacht zusammenschließen und die heimischen Lieferanten ins Eck drängen könnten. ­Immerhin – gerechnet nach dem Beschaffungsmarkt – kommen Adeg und Rewe gemeinsam auf einen Marktanteil von 46,8 Prozent (laut Marktforscher Nielsen), am Handelsmarkt (also bei den Konsumenten) hätten die beiden zusammen 36,8 Prozent – durchschnittlich, regional (etwa in Wien) kommen sie locker auf weit über 50 Prozent. Was auch Handelsexperten zweifeln lässt. Wolfgang Richter, Chef des Consulters Regioplan, konstatiert zwar, dass Fusionen am Lebensmittelmarkt den Konsumenten prinzipiell immer bessere, schönere Geschäfte gebracht haben, dennoch: „Dieser Deal ist eindeutig gegen die Interessen der Konsumenten gerichtet.“
Noch lassen sich die beiden Anteilszahlen fairerweise nicht wirklich addieren. Gerade einmal fünf Prozent des Adeg-Einkaufsvolumens (von rund 400 Millionen Euro) werden über Rewe abgewickelt. Allerdings hat Adeg-Chef Poschner auch schon davon gesprochen, ein Volumen von rund 70 Prozent erreichen zu wollen. Und Wettbewerbschef Thanner sieht eben darin das Problem: „In Wirklichkeit geht es darum, wie schaut die Kooperation in einem Jahr aus?“ Das weiß wohl selbst Rewe-Manager Wutscher noch nicht so ganz genau: „Im Grunde genommen nutzen wir die Möglichkeiten, die uns das Wettbewerbsrecht bietet, und am Ende wird sich zeigen, ob sich die Situation für uns verbessert hat.“

Die Rewe-Ansage, ihren Anteil auf 75 Prozent aufstocken zu wollen, ist daher ­jedenfalls mehr als kühn. Schon beim Versuch, Meinl zu übernehmen (1999), musste Rewe mehr als die Hälfte der Standorte nach wütenden Protesten von Spar wieder abtreten. Weil die Wettbewerbsbehörde damals in einem präjudiziellen Urteil schon eine dominante Marktmacht erkannte, ist eine weitere Steigerung nun kaum vorstellbar. Wiewohl Rewe diesbezüglich eine ganz andere Rechnung vortragen wird: Die selbstständigen Adeg-Kaufleute seien – eben weil selbstständig – gar nicht zum gemeinsamen Umsatz dazuzurechnen. Rewe kaufe eben nicht die Adeg-Kaufleute, sondern eher eine Großhandelsfirma, die diese beliefert.
Ein Indiz: Die Markenrechte für den Namen Adeg bleiben bei der Adeg-Genossenschaft, und, notabene, Rewe-Manager Wutscher kann daher auch großzügig versprechen, die Marke erhalten zu wollen. Das wiederum lässt Spar-Chef Gerhard Drexel nicht gelten: „Das ist eine ganz, ganz unehrliche Argumentation – denn 75 Prozent der Kaufleute sind vertraglich auf Gedeih und Verderb an Adeg gebunden und können gar nicht weg.“
Bleibt schließlich noch der kleine, aber nicht unbedeutende Haken, dass eine 75-Prozent-Beteiligung eine Fusion darstellt und somit (aufgrund der hohen Umsätze der beiden Partner) Dimensionen erreicht, die die Brüsseler Wettbewerbsbehörden zuständig machen. In Brüssel allerdings haben Kritiker wie Spar-Chef Gerhard Drexel eine deutlich bessere Rechtsposition als in Österreich. Er kann Entscheidungen, im Gegensatz zu heimischen Verfahren, in allen Instanzen bekämpfen.

Adeg wünscht sich den Einstieg von Rewe freilich dringend. Zumindest bleibt Adeg-Boss Poschner auffällig wortkarg auf die ­Frage, ob man ohne finanzkräftigen Mehrheitspartner auch überlebensfähig wäre. Das Adeg-Logo wurde jedenfalls geändert, egal, ob Rewe letztlich nun 24,9, 75 oder gar keine Prozente an Adeg bekommen wird: Die Adeg-Lastwagen fahren ab nun grasgrün durch die Gegend. Und Grün ist ja bekanntlich die Farbe der Hoffnung.l

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