Machtspielen zwischen Rot und Schwarz:
Die große Koalition auf der Couch

Werner Faymann und Josef Pröll wollen die „Koalition neu“. Doch in ihren Parteien herrscht altes Denken; an ein gedeihliches Miteinander glauben nur wenige. Experten und Consulter zeigen nun Wege, wie „Rot-Schwarz“ doch noch zum Erfolgsmodell werden könnte.

Jetzt ist es also amtlich: Werner Faymann und Josef Pröll sind verständnisvolle Partner, einer glücklichen Beziehung steht kaum etwas im Wege. „Bei beiden ist eine wesentliche Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit gegeben: Sie können sich in den anderen hineindenken“, sagt ein berufsbedingt notorischer Optimist, nämlich Josef Ostermayer, seines Zeichens Kabinettschef – und bester Freund – des präsumtiven Kanzlers. „Beide, Pröll und Faymann, gehen mit klarer Lösungsorientierung und gemeinsamem Grundverständnis in Gespräche hinein, keiner hat das Gefühl, dass der eine den anderen ausspielen möchte.“

Der engste Vertraute Werner Faymanns läutet also ein neues Zeitalter ein, nämlich das der politischen Empathie. Geht es nach ihm, wird Einfühlungsvermögen und verständnisvolles Zuhören der neue, heilsame Stil sein. Nach gegenseitiger Blockade, nach Missgunst, Neid und Hass sollen ab sofort Herzlichkeit, Wärme und Zuneigung regieren, und das fast wörtlich genommen.

Auch Kommunikationsexperte Wolfgang Rosam ist überzeugt, dass die gute Chemie zwischen den beiden neuen Parteichefs die hochexplosive rot-schwarze Melange neutralisieren kann. „Ich weiß mit Sicherheit, dass die beiden Neuen die alten Fehler nicht mehr machen werden“, glaubt Rosam an das große Glück; er stellt das Gelingen der Partnerschaft zwischen dem ehemaligen Radlbrunner Bauernbuben und dem Ex-Liesinger Vorstadt-Hero außer Zweifel.

Doch Faktum ist: Eine funktionierende Beziehung braucht nicht nur Glaube, Liebe und Hoffnung – sondern auch strategischen Weitblick und handwerkliches Geschick. Spätestens seit den Gusenbauer’schen „Umfallern“ weiß man, dass bereits im aktuellen Verhandlungspoker der Keim für ein neuerliches Koalitionsdesaster gelegt werden kann. Damit dem nicht so ist, raten ­Experten den Verhandlern, sich nicht nur auf Inhalte zu konzentrieren, auch nicht nur zu taktieren, sondern vorab eine funktionierende gemeinsame Globalstrategie zu entwickeln.

Werner Girth, Partner bei Czipin Consulting , berät normalerweise Big Player wie die Telekom; er hilft großen Unternehmen dabei, effizienter zu arbeiten. Die Linie, die er SPÖ und ÖVP nun dringend anempfiehlt, heißt „Coopetition“. Zwei Unternehmen, die zueinander in Konkurrenz stehen, schließen auf einige Jahre befristet eine strategische Allianz, um gemeinsam wichtige Ziele zu erreichen – ein Modell, das in der Wirtschaft Anwendung findet, sollte auch in der Politik zu seinem Recht kommen, glaubt der Consulter. Und kritzelt auf seinem Tablet-PC das schematische Bild zum großen Plan. „Die Partner haben zuletzt viel Porzellan zerbrochen. Sie müssen also ein gemeinsames Regierungsziel haben: zusammen Wähler zurückzugewinnen, und zwar fünfzehn bis zwanzig Prozent“, sagt Girth. Erst kurz vor Ende der Partnerschaft dürfe das gemeinsame durch das jeweils eigene Parteiinteresse abgelöst werden. Im Idealfall sollte erst wieder im Wahlkampf gestritten werden – ein frommer Wunsch. Seine Erfahrungen in der „Real­welt“ sind jedenfalls lehrreich: „Vorstände glauben oft, dass eine strategische Allianz, so sie beschlossen ist, bereits Erfolg verspricht. Doch Dealmaking ist nicht alles – die konkrete Zusammenarbeit muss bis zu kleinsten Details heruntergebrochen werden.“ Sprich: Das Regierungsübereinkommen muss mit Leben erfüllt werden, und das nicht nur von den „Chefs“ der „befeindeten“ Parteien.

So tragen die Ministerbüros einen wesentlichen Teil zu Erfolg oder Misserfolg des Koalitionsübereinkommens bei, weiß der ehemalige aktive ÖVP-Politiker Heinrich Neisser. „Die Politik unterschätzt die nötigen Voraussetzungen, den Riesenapparat eines ­Ministeriums zu führen. Viele Minister haben überhaupt keine Ahnung, wie man mit Menschen und mit der Bürokratie umgeht“, lautet die Diagnose des Ex-Nationalratspräsidenten. Er fordert folglich konsequente Erziehungsarbeit in den Ministerbüros: „Die jungen Mitarbeiter spielen sich riesig auf, sie haben oft richtig schlechtes Benehmen und dazu wenig Erfahrung. Wenn sie zuerst fünf Jahre in der Wirtschaft gearbeitet hätten, wäre das nicht so.“

Seine Empfehlung lautet: radikale Neuordnung der ministeriellen Kompetenzen, größere Sorgfalt bei der Auswahl der Mitarbeiter – und der Minister selbst. „Die Leute werden auf ihre wichtige Rolle oft gar nicht vorbereitet. Früher war das anders. Heute herrscht eine katastrophale Nachwuchssituation.“ – Letzteres Pro­blem ist kaum kurzfristig zu lösen, doch Abhilfe tut not. „Die Parteien müssten ihre Parteiakademien neu beleben. Das Schwergewicht muss auf Beratung und Nachwuchspflege gelegt werden.“ Und auf funktionierende interne Kommunikation: In der „Koa­lition alt“ hat das Minister„team“ „vor allem gestritten – ein für beide Parteien fataler Fehler. In der Wirtschaft werden für solch heikle Fälle Teambuilding-Seminare gebucht; eine gängige Übungsmethode für erfolgreiches Teamwork ist ein gemeinsamer Koch-Tag. Die Trainerinnen Karin Krischanitz und Regina Plail haben für den trend jedenfalls bereits ein entsprechendes Regierungs-Kochprogramm entwickelt.

Thomas Hofer , ein Vertreter der jungen Expertengeneration, setzt hingegen mehr auf harte Arbeitstherapie. Der ehemalige Journalist berät über sein Unternehmen H&P public affairs Führungskräfte im Umgang mit der Politik; er kennt die Mechanismen der Machtausübung genau. Eine neue Koalition, so glaubt er, muss über das Regierungsprogramm ganz konkret zu erreichende Ziele vorschreiben, die im Laufe der Legislaturperiode, für jeden Bürger nachvollziehbar, Punkt für Punkt abgearbeitet werden. „Die alte Regierung ist schon deshalb gescheitert, weil es keine verbindlichen Ziele gegeben hat“, ist sich Hofer sicher, „es braucht aber eine Skala. Die Leistung muss messbar gemacht werden.“ Zumindest SPÖ-Chef Faymann sieht das etwas anders. Wie unlängst verlautet, will er geplante Maßnahmen „nicht zerreden“ und glaubt, dass im Koalitionspakt auch „viel Wichtiges fehlen wird“.

Thomas Hofer berät weder Faymann noch andere Politiker – und hält öffentlich dagegen: „Jeder Monat, jede Woche sollte durchorganisiert sein.“ Freilich kennt er auch die harte Praxis. „Das Werkl ist sicher schwer zu steuern, schlechte Umfragen und kritische Medienberichte sorgen immer für Nervosität und stehen tendenziell jeder Langfriststrategie entgegen.“
Wichtiger als die Frage, ob Faymann und Pröll gut miteinander können, ist sicher, ob und wie sie ihre eigenen Funktionäre und die viel zitierte Basis motivieren können. Derzeit jedenfalls können die zweiten und dritten Reihen mit der von ihren Chefs verordneten neuen Herzlichkeit noch wenig anfangen. Beispielhaft kritisiert eine Stimme aus der SPÖ die Naivität der eigenen Spitze. „Faymann hat ein sehr enges Beratungsumfeld. Und glaubt blauäugig, dass alles besser wird, nur weil er mit Pröll und Dichand gut auskommt.“

Tatsächlich wird, so ist zu hören, die strategische Führung der Koalition auf beiden Seiten sehr eng gehalten werden. Regierungskoordinatoren wird es nicht mehr geben, die tägliche Abstimmungsarbeit werden die – stark aufgewerteten – Kabinettschefs Josef Ostermayer und sein schwarzes Visavis Stephan Pernkopf übernehmen. Die beiden werden per neues, schlankes Regierungsmanagement wohl auch versuchen, die mediale Darstellung in den Griff zu bekommen – ein hochsensibles Feld. Stefan Wagner gibt in seinem Unternehmen intomedia Führungskräften Ezzes für erfolgreiche Präsentation vor Kameras und Aufnahmegeräten – und weiß um die hohe Kunst der gelungenen Selbstdarstellung. „Alles, was Politiker sagen, ist Schall und Rauch. Was hängen bleibt, ist die Emotion. Entscheidend ist, ob und wie sie Vertrauen erlangen können.“ Sachorientierten Politikern wie den beiden wird das, so glaubt Wagner, nur gelingen, indem sie „Vertrautheit“ schaffen. Und zwar über leicht fassliche Inhalte, über „Sager“, über „Wuchteln“, manchmal auch über die Produktion von leicht verständ­lichen Einsichten. „Das Gefühl: ich bin gescheiter geworden, löst bei Menschen Glücksgefühle aus.“

Besonders wirksam ist laut Wagner ein gewisses Maß an Offenheit. Sein Rat: Politiker sollten ab und zu auch eine schlechte Eigenschaft zeigen – und diese sogar kultivieren. „Niemand ist auf Dauer glaubwürdig, der von sich nicht auch eine andere, eine schwache Seite zeigt.“ Diese Maxime wird wohl Jörg Haider unsterblich machen. Doch um bei den Lebenden zu bleiben: Die öffentlichen Zornesausbrüche des steirischen Landeshauptmanns Franz Voves schadeten kaum, sondern festigten im Gegenteil dessen Leadership-Image. Besonders heikel ist die Frage der medialen Darstellung stets für den Zweiten, den „Vize“. Bei entsprechender Inszenierung, glaubt Wagner, wäre auch dieses Problem gut lösbar. „Ein erfolgreiches Duo kommt immer gut, es gibt ohnedies zu wenig davon.“ Noch dazu, wo die beiden Regierungsspitzen komplementäre, ­einander gut ergänzende „Figuren“ abgeben. Pröll ist für Wagner ein „gstandenes Mannsbild“, der mit „Laptop-und-Lederhosen-Charme“ natürliche Autorität ausstrahlt; Faymann erscheint ihm „diplomatisch, zartfühlend, anteilnehmend“, ebenfalls Charakterzüge, die „gut kommen“.

Events abseits des Politalltags sind für ihn ein geeignetes Vehikel, positive Bilder zu erzeugen. Seine Bitte an diesbezüglich besonders kritische Qualitätsmedien: „Man muss Inszenierungen zulassen, wenn man will, dass eine menschliche Politik gemacht wird.“ Josef Ostermayer, ebenso wie sein Chef für bestmöglichen Draht zu diversen Boulevardmedien bekannt, will zum gegenwärtigen Zeitpunkt über die Inszenierung der gemeinsamen Koalitionspolitik freilich noch gar nicht nachdenken; schließlich stehe man erst mitten in schwierigen, alle Sinne fordernden Regierungsverhandlungen. In Anspielung auf eine gemeinsame Radtour, die Mitglieder des Kabinetts Schüssel/Riess-Passer einst absolvierten, hält er die Entwicklung von originellen schwarz-roten Freizeitprogrammen allerdings für eher nachrangig: „Wir werden sicher oft gemeinsame Arbeitsklausuren machen. Radln werden wir aber wahrscheinlich voneinander getrennt.“

Von Othmar Pruckner

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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