Liberalisierung: Schweres Brief-Los

Nach den Verlusten im Paketgeschäft droht der Österreichischen Post auch im Briefgeschäft scharfe Konkurrenz. Generaldirektor Wais verteidigt verzweifelt die heimischen Briefkästen.

Das Postamt am Wiener Südbahnhof hat schon bessere Tage erlebt. Wer das schmuddelige Gebäude betritt, könnte meinen, sich auf einer Zeitreise in einen Ostblockstaat vor zwanzig Jahren zu befinden. Die Schlangen vor den Schaltern sind lang, und vor Kurzem sind aus dem tristen Ambiente sogar die Tische verschwunden, an denen die Kunden bislang Kuverts beschriften oder Formulare ausfüllen konnten. „Die wurden eingespart“, erklärt ein Mitarbeiter mürrisch.

Hier zu investieren lohnt sich freilich nicht mehr wirklich, denn bald soll der Südbahnhof abgerissen und durch den neuen Wiener Zentralbahnhof ersetzt werden. Eine Filiale weniger, um die sich Post-Generaldirektor Anton Wais Gedanken machen muss. Seit er 1999 zum obersten Post-Chef bestellt wurde, sind schließlich schon 1000 Postämter geschlossen worden. Gleichzeitig wurden 8000 Mitarbeiter abgebaut; Sparmaßnahmen, die der Post-General als Teil eines notwendigen Verbesserungsprozesses im Hinblick auf die Liberalisierung des Postmarktes sieht.

Ein Kampf gegen Windmühlen? Im November hat die Post nach der Otto-Versandgruppe auch ihren größten Paketkunden, den Quelle-Versand, an die erst seit Juli in Österreich aktive Hermes Logistik Gruppe verloren. Der Kurs der Post-Aktie ist daraufhin auf 21 Euro gefallen, den niedrigsten Stand seit dem Börsengang.

Jetzt ist bei der Post Feuer am Dach. „Wir hatten eine Schrecksekunde“, gibt Wais zu, „und da das Unternehmen wie ein Öltanker durch die Gegend fährt, hat die vier Wochen lang gedauert.“ Ein neues Konzept, das – wie nicht anders zu erwarten war – nicht ohne weitere Personalkürzungen auskommt, soll den Tanker jetzt wieder auf Kurs bringen. Wais: „Bei unserem IPO hatten wir angegeben, in den Jahren 2007 bis 2009 jeweils 450 Vollzeitkräfte abzubauen. Das wird jetzt auch 2010 und 2011 weitergehen.“

Von den im Geschäftsbericht 2006 angeführten 24.456 Mitarbeitern werden in absehbarer Zeit wohl nur 20.000 übrig bleiben. Wais: „Für den Schritt in die wirkliche Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens wäre das notwendig. Dazu müsste aber die Frage des Beamtentums gelöst werden. Wenn es keine Lösung gibt, dann ist einer der Universaldienste der Post auch die Beschäftigung von Menschen, die sie von ihrer Kapazität her nicht brauchen kann.“

Die neue Strategie ist auch dringend notwendig, denn der große Schnitt steht möglicherweise erst bevor. Nach den Paketdiensten wird auch das Geschäft mit der Briefpost EU-weit völlig liberalisiert. Den Anfang macht Deutschland, wo die Marktöffnung Anfang 2008 in Kraft tritt. Nach Interventionen bei der EU-Kommission, die eine Liberalisierung mit Anfang 2009 angestrebt hatte, bleibt der Österreichischen Post jetzt noch etwas mehr Zeit. 2010, spätestens aber Anfang 2011 muss der in Österreich noch geschützte Markt für Briefsendungen unter 50 Gramm auch dem Mitbewerb offenstehen.

Derzeit macht die Post noch fast die Hälfte ihres Geschäfts in dem geschützten Bereich und erzielt dabei geschätzte 20 Prozent Rendite. Da das Briefgeschäft ebenso wie das Paketgeschäft zum Großteil an einigen wenigen Kunden wie der Bundesbeschaffung, den Banken, den Versicherungen und den Telekommunikationsunternehmen hängt, sind deutliche Einbußen nicht auszuschließen. „Es ist im Zuge einer Liberalisierung ganz logisch, dass der Incumbent (das dominierende Unternehmen, Anm.) Marktanteile verliert“, meint Georg Serentschy, Geschäftsführer der Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH RTR, die ab 1. Jänner 2008 auch als Postregulator fungieren wird: „Wettbewerb bringt immer eine Einschränkung der eigenen Möglichkeiten mit sich.“

Gleich ab dem Jänner will sich Serentschy für mehr Wettbewerb im Land starkmachen. Wichtig sei dabei, dass den Kunden preisgünstige und vielfältige Dienste angeboten würden. Die vordringlichste Aufgabe sieht er darin, den Mitbewerbern rasch den Zugang zu den Hausbrieffachanlagen (HBFA) zu ermöglichen.

Der Verfassungsgerichtshof hatte einen EU-Beschluss aufge­hoben, der die Hauseigentümer zum Austausch der Briefkästen, die nur mit dem Zentralschlüssel der Post geöffnet werden können, verpflichtet hätte. Am meisten freuen konnte sich darüber die Post. Mit dem Spruch des Verfassungsgerichts bleibt Redmail, dem vorerst einzigen Wettbewerber im Bereich der Briefpost, der direkte Zugang zu den Kunden bis auf Weiteres verwehrt. „Wir haben wegen der HBFA-Problematik noch wenig Fuß auf den Boden gebracht“, gesteht Redmail-Geschäftsführer Martin Pöschl ein. Er argumentiert, dass bisher der politische Wille im Land gefehlt habe, eine Lösung für das Problem zu finden. Mit dem Regulator hat er nun einen Mitstreiter in der Sache zur Seite. „Wir haben derzeit erst ein kleines Wettbewerbspflänzchen, für das der Zugang zu den HBFAs überlebenswichtig ist. Hier muss möglichst rasch eine Lösung gefunden werden“, erklärt Serentschy.

Post-General Wais spielt den Ball zurück. „Uns gehören die Briefkästen nicht“, erklärt er, „das muss sich Redmail schon mit den Hauseigentümern ausmachen.“ Der Forderung Pöschls, die Zentralschlüssel der Post auch den Redmail-Zustellern zur Verfügung zu stellen, will er jedoch nicht entgegenkommen: „Wenn noch jemand anders einen Schlüssel zu den Postfächern hat, können wir einer Visa Card oder einer American Express nicht mehr versichern, dass die Zustellung funktioniert.“

Trotz allem wird Redmail nicht mehr lange der alleinige Herausforderer der Post bleiben. Auch die Zeitungszusteller der Mediaprint wären in der Lage, die Tagespost zuzustellen. Redmail-Chef Pöschl könnte sich durchaus für eine Kooperation mit der Media­print erwärmen: „Eine Kooperation wäre eine außergewöhnlich attraktive Option. Es ergäben sich deutliche Vorteile in der Qualität und im Preis.“ In Deutschland gebe es mit der PIN Group AG schließlich auch eine Kooperation der Verlagsgruppen Axel Springer, Holtzbrinck, WAZ und mehrerer kleinerer Verlagshäuser.

Seit 2004 hat PIN in Deutschland ein bundesweites Netz aufgebaut. Mit täglich rund 3,2 Millionen beförderten Sendungen und einem für 2007 angepeilten Umsatz von 350 Millionen Euro ist das Unternehmen der größte private Briefdienstleister Deutschlands.

In den letzten Tagen wurde der Höhenflug von PIN jedoch jäh gebremst. Anfang Dezember hat die Deutsche Bundesregierung nämlich beschlossen, zur Aufhebung des Briefmonopols per 1.1.2008 einen gesetzlichen Mindestlohn für Postzustelldienste zwischen 8 und 9,80 Euro einzuführen. Die Axel Springer AG, die Mehrheitsgesellschafter von PIN ist, prüft seither alle Optionen bis hin zur Liquidierung des Unternehmens.

Günther Thiel, Geschäftsführer der PIN-Group, hat in einer ers­ten Reaktion Massenkündigungen angekündigt und beim Bundeskartellamt ein Eilverfahren gegen den zwischen dem Arbeitgeberverband Postdienste und der Gewerkschaft ver.di vereinbarten Tarifvertrag zum Post-Mindestlohn beantragt. „Dieser Tarifvertrag dient allein dem Ziel, die Monopolstellung der Deutschen Post zu zementieren, indem der Wettbewerb mit einem Blockadelohn bewusst ausgeschaltet wird“, meint Thiel, „wir können uns in der kapitalintensiven Aufbauphase einen Blockadelohn von 9,80 Euro nicht leisten. Zumal wir, anders als die Deutsche Post, nicht von der Mehrwertsteuer befreit sind, was einen zusätzlichen Nachteil von über 19 Prozent bedeutet.“

Post-Generaldirektor Wais würde einen solchen Mindestlohn natürlich auch in Österreich begrüßen. „Man wird an dem Lohnthema nicht vorbeikönnen. Mit einem Branchenkollektivvertrag, für den die Postgewerkschaft vehement trommelt, wäre ein Mindestlohn auch in Österreich möglich“, meint er. Die Sozialpartner sollten diese Frage lösen.

Mit einem Mindestlohn würde vielleicht auch die Deutsche Post ihren Einstieg in Österreich, den sie derzeit vorbereitet, überdenken. „Wir sind heute schon mit DHL in Österreich aktiv und werden auch im Briefbereich tätig werden“, erklärt Dirk Klasen, Sprecher der Deutschen Post. Die Deutsche Post habe den Anteil des Auslandsgeschäfts an ihrem Konzernumsatz seit Beginn der neunziger Jahre von zwei Prozent auf rund 50 Prozent erhöht und trete in allen Ländern mit dem Ziel an, ein Vollanbieter zu werden. „Das ist auch in Österreich so.“

Mit ihren ersten Aktivitäten im Briefbereich will die Deutsche Post nicht allzu lange zuwarten. Sobald das für 2008 angekündigte Postmarktgesetz, das den Zugang zu dem liberalisierten Markt regelt, vorliegt, wollen die Deutschen den Rahmen der Möglichkeiten ausloten und in Österreich loslegen. Klasen: „In Deutschland gab es ja auch schon vor der endgültigen Liberalisierung rund 750 aktive Wettbewerber, die verschiedene Leistungen am Briefmarkt erbracht haben. Sie haben damit schon jetzt etwa zehn Prozent Marktanteil und machen etwa eine Milliarde Euro Umsatz. In Österreich wird das nicht viel anders sein.“

Daneben geht natürlich auch der beinharte Wettbewerb am Paketmarkt weiter. Oliver Klingbeil, Geschäftsführer der Hermes Logistik Gruppe, will nach den überraschenden Anfangserfolgen schon 2008 einen Marktanteil von 40 Prozent erlangen. „Wir haben in Deutschland 40 Prozent Marktanteil, und diesen Wert streben wir auch in Österreich an“, gibt er vor. Klaus Schädle, Geschäftsführer des Paketdienstleisters GLS, setzt ebenfalls auf volle Offensive. Bis Ende 2008 will er die Zahl der GLS-Paketshops in Österreich von 450 auf 1000 verdoppeln und der Post mit günstigen Tarifen Konkurrenz machen. „Die Post wird es schwer haben“, meint Schädle, „ich bin froh, dass ich selbst keine Post-Aktien habe.“

„Der Preiskampf, den wir nie wollten, findet jetzt statt“, gibt Post-General Wais zu. Auch die jüngsten Aufträge von La Redoute, H&M, Nespresso und dem Schäfer Shop seien für die Post nur über den Preis zu gewinnen gewesen. Wais: „Die Rolle der Post am Markt hat sich geändert. Wir werden daher auch unsere bisherige, sehr konservative Unternehmenspolitik aufgeben.“ Bisher sei die Post in der Verteidigerrolle gewesen. Jetzt soll sie aber selbst die Position des Angreifers einnehmen.

Die erste Welle konzentriert sich auf den Paketbereich. Durch den Zukauf weiterer Firmen in neuen Ländern soll der Anteil des Auslandsgeschäfts, der heute bereits bei 73 Prozent liegt, weiter steigen. Als Zielmärkte für den nächsten Expansionsschritt gibt Wais Serbien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Bulgarien, ­Rumänien und die Ukraine an.

Daneben will Wais die Paketpost völlig umgestalten. Statt zwischen B2B- (Business to Business) und B2C-Paketen (Business to Consumer) zu unterscheiden, soll eine garantierte Zustellung binnen 24 Stunden oder binnen 48 Stunden angeboten werden. Daneben wird es eine zweite Zustellung zu einem vorher vereinbarten Termin geben, und Pakete werden den Kunden auch nachgeliefert, wohin sie wollen. „Wenn Sie einen Deal mit dem Chinesen am Eck haben, bei dem Sie jeden Abend vorbeigehen, dann bringen wir das Paket eben dorthin“, sagt Wais.

Das Unternehmen Post sieht der General dadurch trotz der Verluste der letzten Zeit wieder voll auf Kurs. Obwohl alleine durch die neue Konkurrenz von Hermes bei Otto-Versand und Quelle-Versand jeweils 20 Millionen aus dem EBIT verloren gegangen sind, soll es keinen Rückgang beim für 2008 geplanten Ergebnis geben. Dennoch macht sich Wais nichts vor. Ohne weitere gröbere Umstrukturierungen wird es in einem völlig liberalisierten Markt auf Dauer nicht gelingen, dem Wettbewerb standzuhalten. Und bei der Briefpost gilt es zudem, das leidige Image der Schneckenpost endgültig abzulegen. Wais: „Unser Kostengerüst ist zu hoch, und wenn ich unsere Strukturen mit dem Wettbewerb vergleiche, dann sind sie bisher falsch gewesen.“.

Von Peter Sempelmann

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