Lahme Flügel bei Bösendorfer'

Ein halbes Jahr nach dem Verkauf an Yamaha ist der Traditionsbetrieb Bösendorfer weiter auf der Suche nach altem Glanz. Anhaltende Qualitätsprobleme haben das Image nachhaltig ramponiert. Die Belegschaft befürchtet eine Verlegung der Produktion nach Japan.

In der alten Klavierfabrik in der Wiener Graf-Starhemberg-Gasse ist es still geworden. Die Bilder an der Wand erinnern an jene Tage, als hier noch in aufwändiger Handarbeit und nach alter Tradition Klaviere hergestellt wurden, doch statt dem Sägen und dem Hämmern früherer Tage hört man heute bloß noch, wie bisweilen Klaviere gestimmt werden. Nur noch dem ­Papier nach und damit die Firma weiterhin die Bezeichnung „Bösendorfer, Wien“ führen kann, befindet sich hier die Fabrik, in der die in aller Welt bekannten, gern mehr als 100.000 Euro teuren Flügel und Klaviere der Traditionsmarke Bösendorfer gebaut ­werden.

Im eigentlichen Werk in Wiener Neustadt, das gemeinsam mit dem Haus in Wien vor einem halben Jahr für rund 14 Millionen Euro vom japanischen Musikinstrumentenhersteller Yamaha übernommen wurde, ist es mit der Betriebsamkeit aber auch nicht besonders weit her. Rund 150 Mitarbeiter sind hier beschäftigt, und die produzieren derzeit knapp 300 Klaviere pro Jahr, gerade mal eines pro Arbeitstag. „Das gibt es in der ganzen Branche nicht, das ist in höchstem Maße unproduktiv“, weiß Christian Höferl, Chef der Wiener Klaviermanufaktur Brodmann Pianos, der sein Handwerk noch bei Bösendorfer erlernt hat. „Als ich bei Bösendorfer für das US-Geschäft zuständig war, haben wir alleine in Amerika so viele Klaviere verkauft.“

Der neue Bösendorfer-Chef Yoshichika Sakai, der von Yamaha vor fünf Monaten nach Österreich entsandt wurde, hält diese Stückzahlen für überzogen und meint, dass Bösendorfer niemals in der Geschichte 300 Klaviere in die USA verkauft habe. Gleichzeitig gibt er aber zu, dass Bösendorfer für Yamaha weiterhin ein Defizitgeschäft sei. Sakai: „Es stimmt, dass wir weiterhin Verluste machen, aber man kann einen derartigen Traditionsbetrieb nicht von einem Tag auf den anderen völlig umkrempeln.“ Als Yamaha Bösendorfer vom US-Fonds Cerberus, der durch den Kauf der Bawag in den Besitz des Traditionsbetriebs ­gekommen war, übernahm, war das Unternehmen durch jahrelange Misswirtschaft schwer in Not geraten. Die Bawag und die von ihr eingesetzten Manager hatten das Engagement bei Bösendorfer als Kultursponsoring gesehen und ­dabei auf die grundlegenden Aufgaben eines jeden Unternehmens, das Verkaufen und das Geldverdienen, vergessen. Mit fatalen Folgen: Die Stimmung in der Belegschaft war miserabel, die Qualität der gebauten Instrumente schlecht, und die jährlichen Verluste beliefen sich auf rund zwei Millionen Euro.

„Bis 2002 war Bösendorfer noch ein florierendes Unternehmen und international auf der Überholspur“, meint der frühere Bösendorfer-Geschäftsführer Rudolf Arlt, dem „das Herz blutet“, wenn er den Trümmerhaufen sieht, den das Unternehmen sechs Jahre später darstellt. „Heute sind die Verkaufszahlen und das Image im Keller. Der Ruf und die Marke sind nachhaltig beschädigt.“ Mittlerweile haben nämlich auch Pianisten ein Problem mit Bösendorfer. „Mir ist jeder Yamaha-Flügel lieber als ein Bösendorfer“, sagt beispielsweise der Starpianist Rudolf Buchbinder, der das nicht als Abwertung von Yamaha verstanden wissen will. Der Grund sei ganz einfach, dass das Klangbild der Yamaha-Flügel jenem von Steinway viel ähnlicher sei als das eines Bösendorfers. „Und Steinway findet man an jeder großen Konzertbühne der Welt. Die Umstellung zu Bösendorfer ist einfach zu groß.“

Unter der Führung von Rudolf Arlt hatte man bei Bösendorfer noch davon geträumt, das Wiener Unternehmen international als Gegenpol und Alternative zu Steinway zu etablieren. Das Unterfangen ist jedoch gründlich gescheitert: Steinway verkauft derzeit rund hundertmal mehr Klaviere als Bösendorfer und hat auf den Konzertbühnen heute nahezu ein Monopol.
Wer erwartet hatte, dass das Unternehmen mit dem Einstieg von Yamaha rasch an Fahrt gewinnen werde, wurde bisher enttäuscht. „Abgesehen davon, dass eine Delegation aus Japan in der Fabrik war und alles fotografiert hat, ist noch nicht viel passiert“, berichtet ein Bösendorfer-Mitarbeiter und erzählt von einigen wenigen konkreten Maßnahmen, die Yamaha bisher zu setzen versuchte: „Viele Händler hatten oft jahrelang Bösendorfer-Klaviere in Kommission in ihren Schauräumen und diese sogar gegen eine Gebühr für Konzerte und Veranstaltungen verliehen, ohne dass Bösendorfer damit je einen Cent verdient hätte. Yamaha hat all diese Klaviere zurückbeordert.“ Doch auch dieser Versuch, die Geschäftspraktiken zu bereinigen, wurde schnell wieder verworfen. Einerseits, weil er eine kaum zu bewältigende logistische Aufgabe darstellte, andererseits aber auch, weil Sakai wohl erkannte, dass die Marke Bösendorfer sonst fast völlig aus dem Rampenlicht verschwunden wäre.

In der Belegschaft macht sich nun wieder Ratlosigkeit breit. Und seit bekannt wurde, dass Yamaha Anfang April die Tochterfirma Bösendorfer Japan Co., Ltd. gegründet hat, rechnen viele damit, dass Yamaha ein zweites Werk in Fernost errichten und trotz der beim Kauf abgegebenen Standortgarantie letztlich sogar die Produktion nach Japan verlagern wird, wenn das Unternehmen den Turnaround nicht binnen fünf Jahren schafft. „Derzeit gibt es keine derartigen Pläne“, versucht Sakai zu beruhigen, „Bösendorfer Japan ist eine reine Vertriebs- und Marketinggesellschaft, mit der wir unsere Position in Asien, vor allem in Japan und in China, verbessern wollen.“ Der Name Bösendorfer sei so stark mit Wien verbunden, dass es trotz möglicherweise erheblicher Kostenvorteile keinen Sinn mache, die Instrumente in Fernost zu bauen.

Sakai räumt zwar ein, dass die Produktion in dem zweistöckigen Wiener Neustädter Fabrikgebäude nach heutigen Gesichtspunkten äußerst unkonventionell sei, sieht aber zumindest vorerst keinen Anlass, daran etwas zu ändern. „Natürlich wäre es einfacher, eine neue Halle zu bauen und die Produktion wie in einer modernen Fabrik neu zu organisieren“, meint er und gibt zu, über die Art, wie Bösendorfer seine Instrumente baut, immer noch erstaunt zu sein: „Wir haben einen sehr großen Anteil an Handarbeit und bauen nur ein Klavier pro Tag. Das ist auch eine Stärke, denn so können wir uns als Premiummarke positionieren, die jedes Ins­trument nach individuellen Wünschen bauen kann. Diese Möglichkeit hat niemand sonst im Markt.“ Pläne, in einer modernen Fabrik in Asien eine zweite, günstigere Bösendorfer-Modellreihe bauen zu lassen, wie das andere große Hersteller tun, gebe es derzeit jedenfalls keine. Sakai: „In den nächsten Jahren sehe ich das nicht.“

Ob das alleinige Festhalten an der Premiumstrategie auf Dauer wirtschaftlich ist und ausreicht, die Marke Bösendorfer am Leben zu halten, ist jedoch fraglich. Der große Konkurrent Steinway hat diese Strategie längst aufgegeben und verkauft seit 1992 sehr erfolgreich Klaviere und Flügel im mittleren Preissegment unter der Marke Boston Piano. Ende der neunziger Jahre überlegte Bösendorfer, dem Beispiel zu folgen, und entwickelte die nach dem Lehrherrn Ignaz Bösendorfers benannte Modellreihe Brodmann. Kurz vor der Markteinführung verwarf man das fertige Konzept jedoch wieder und steckte die Idee in die Schublade. Wieder ausgegraben hat sie der frühere Bösendorfer-Mitarbeiter und heutige Eigentümer der Firma Brodmann Pianos, Christian Höferl, der inzwischen fast viermal so viele Instrumente verkauft wie Bösendorfer.

Um wieder als Premiummarke wahrgenommen zu werden, müsste Bösendorfer außerdem die immer noch vorhandenen Qualitätsprobleme in den Griff bekommen, die auch Sakai offen zugibt. Sowohl der Vertrieb als auch der Verkauf und die Instrumente selbst müssten wieder besser werden.
„Der eigentliche Unterschied zwischen Bösendorfer und Steinway liegt in der Konstruktion“, meint Heinz Letuha, Geschäftsführer des auf Restauration von Klavieren spezialisierten Wiener ­Unternehmens Die Klaviermachermeister, der selbst bei Bösendorfer das Handwerk des Klavierbauers gelernt hat.

„Bösendorfer-Flügel werden aus Fichtenholz gebaut, das mit Hartfaserplatten verklebt und mit einer Schellack-Politur überzogen wird. Steinway verwendet stattdessen fünf Lagen solides Hartholz, was die Klaviere deutlich robuster macht und auch anders klingen lässt.“ Letuha will die Konstruktion jedoch nicht unbedingt als Nachteil sehen und nimmt Bösendorfer für die Verwendung der güns­tigeren Leimholzplatten in Schutz: „Man muss das den Käufern nicht unbedingt erklären. Es sind immer noch ausgezeichnete Ins­trumente. Außerdem werden große Flügel kaum bewegt, und es tanzt auch niemand darauf herum. Es ist daher nicht so bedeutend, wie stabil die Instrumente gebaut werden.“ Ein allerdings nicht nur für geübte Ohren hörbarer Effekt der unterschiedlichen Bauweise ist, dass Steinway-Instrumente in höheren Tonlagen, also im Diskant, wesentlich präsenter sind. Für Pianisten ist es damit viel einfacher, sich in einem Orchester Gehör zu verschaffen. Obwohl das gerade für moderne Pianisten besonders wichtig ist, denkt Bösendorfer-Chef Sakai nicht daran, an der Konstruktion etwas ändern zu lassen. Er lässt es sich nicht nehmen, an zwei Flügeln selbst den Unterschied zu demonstrieren, und zieht schließlich das Resümee: „Unsere Instrumente klingen eben anders und gerade in höheren Tonlagen viel sanfter und natürlicher. Das ist die Wiener Tradition und die Alternative zum vorherrschenden Steinway-Klang.“

Von Peter Sempelmann

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