Kurseinbruch: Das China-Syndrom

Im Land des Drachen haben die Börsen heftig Feuer gespien und weltweit einen Flächenbrand ausgelöst. Mit defensiven Aktien und variablen Anleihen können Anleger aber selbst aus der Glut noch Kohlen holen.

Bei seinen morgendlichen Tai-Chi-Übungen im Yen Ver Seng Park spürte Will Cash Fang, Trader bei der London Shanghai Bank, schon eine starke negative Energie fließen. Er war wie üblich auch an jenem 27. Februar 2007 der Erste im Trading Room im 35. Stock des Bankgebäudes. Und als er seinen Computer einschaltete, wusste er, dass sein morgendliches Gefühl ihn nicht getäuscht hatte. Wie ein Fegefeuer wüteten die roten Ziffern quer durch die Anzeigetafeln auf dem Screen. Immer schneller blinkten die Zahlen neben den Kurswerten der Unternehmen. Immer fassungsloser wurden die Gesichter seiner mittlerweile eingetroffenen Kollegen, die das Geschehen auf dem chinesischen Börsenparkett an jenem schwarzen Dienstag mit Argusaugen verfolgten. Nach Monaten kometenhafter Kurszuwächse war die ganze Euphorie mit einem Schlag im Land des Drachen verflogen. Milliardenbeträge lösten sich auf dem Bildschirm in nichts auf.

Schuld an der Misere war die chinesische Regierung. Denn diese ließ in einer Ankündigung durchsickern, künftig die Märkte strenger regulieren zu wollen. Und so kam es, wie es kommen musste: Die Indizes in Shenzhen und Shanghai erlebten mit einem Minus von fast neun Prozent den größten Absturz seit der letzten Asienkrise von 1997. Bei einem derart brutalen Rückgang bekamen freilich auch Anleger auf der restlichen Welt feuchte Hände – und lösten eine Verkaufswelle rund um den Globus aus.

Natürlich hatten immer mehr Experten schon im Vorfeld vor einer drohenden Überhitzung gewarnt. „Gerade in China war es offensichtlich zu heiß gelaufen. Mich hat es gewundert, dass die Korrektur auf den Märkten nicht schon früher gekommen ist“, zieht Peter Brezinschek, Chefanalyst der RZB ein nüchternes Resümee. Dabei dürfte das nur die erste Verkaufswelle gewesen sein. „Je stärker wir uns zwischendurch wieder erholen, desto wahrscheinlicher wird es umso heftiger noch mal nach unten gehen“, mahnt Brezinschek derzeit zur Vorsicht.

Heiße Zahlen. Die verhaltenen Aussichten sind freilich begründet. „Denn das KGV ist in den vergangenen Monaten schneller als die Unternehmensgewinne gewachsen“, begründet Brezinschek seinen Pessimismus. Die Aktienkurse waren zum Schluss zunehmend von Spekulationen getrieben, ohne Rücksicht auf fundamentale Kennzahlen.

Möglich hatte diese Entwicklung in der jüngsten Vergangenheit vor allem ein Trend gemacht: der japanische Yen. Nicht nur österreichische Häuselbauer verschulden sich gerne in der Niedrigzinswährung, die noch dazu gegenüber dem Euro und dem Dollar stetig gesunken ist. Immer mehr Großanleger wie zum Beispiel Hedgefonds kamen ebenfalls auf diesen Geschmack: „Man hat sich günstig im Yen finanziert und dieses geborgte Geld dann im besser verzinsten Euro- oder Dollarraum angelegt“, beschreibt Meinhard Platzer, Vorstandsvorsitzender der fürstlichen LGT Bank Österreich den Teufelskreis. Denn je mehr die Währung in Nippon sank und die Zinsen zugleich auf einem historischen Tief verharrten, desto mehr deckten sich Investoren mit Krediten in der fernöstlichen Währung ein. So war es auch logisch, dass der rasche Yen-Anstieg während der ersten Verkaufswelle auf den Börsen zusätzlich Öl ins Feuer goss. Denn damit drohte eine rasche Kreditverteuerung, die vor allem bei großen Summen sehr schmerzhaft sein könnte.

Platzer weiters: „Sollte sich die japanische Währung nochmals verteuern, könnte das erneut einen Schock auf den Märkten auslösen.“ Denn viele Anleger würden dann in Panik ihre Aktien wieder auf den Markt werfen, um mit dem Erlös die Yen-Kredite wieder abzudecken. Allerdings macht dem Privatbankier noch ein weiterer Punkt Sorgen: Einer der wichtigsten Motoren der Weltkonjunktur ist der US-Konsument. Amerikaner finanzieren ihre Shoppingtrips gerne mit Hypothekarkrediten. Doch diese haben sich in jüngster Zeit verteuert, vor allem bei Kunden mit schlechter Bonität. „Sollte es beim privaten Konsum folglich zu einem starken Rückgang kommen, könnte das Ängste um die allgemeine US-Wirtschaftslage auslösen. Und das könnte die Aktien erneut nach unten ziehen“, warnt der LGT-Österreich-Chef.

Starke Anzeichen. Tatsächlich mehren sich derzeit einige Anzeichen, dass der Motor jenseits des Atlantiks nicht mehr ganz so rund läuft, fügt Monika Rosen, Chefanalystin der Asset Management der BA-CA, hinzu. Einige Kennzahlen, wie das Wachstum im vierten Quartal 2006, die Auftragseingänge für langlebige Wirtschaftsgüter oder auch der Verkauf neuer Eigenheime, waren zuletzt sehr enttäuschend. „Selbst der ehemalige US-Notenbankchef, Alan Greenspan, warnte vorsichtig vor einer möglichen Rezession in seinem Land“, hebt die internationale Aktienexpertin hervor.

„Viele Anleger haben dadurch das erste Mal wieder gemerkt, dass die Börse doch keine Einbahnstraße ist. Die anhaltend gute Performance der vergangenen Jahre hat viele Investoren immer sorgloser werden lassen“, ist Peter Schillinger, Leiter des Aktienmanagements der Schoellerbank, überzeugt. Das habe sich auch in der Volatilität auf den Märkten widergespiegelt. „Bislang hat sie auf einem historischen Tiefstand verharrt. Meiner Meinung nach dürften die Schwankungen nun wieder deutlich zunehmen“, prophezeit der Anlageexperte.

Die Experten raten vorsichtigen Anlegern deshalb zu defensiven Aktien, etwa aus der Pharma-, Versorger- oder Konsumbranche. Diese haben sich zwar nicht so rasant nach oben entwickelt. Doch dafür beuteln jene Aktien Konjunktursorgen und damit auch die Aktienturbulenzen meist recht gut ab, da man bei diesen Werten von stabilen, stetigen Einnahmen ausgeht.

Zeitlos sicher. Laut Wolfgang Matejka, Chefanlagestratege der Meinl Bank, sind vor allem Pharmatitel die relativ sicherste defensive Aktienkategorie. Tatsächlich entwickelten sich Unternehmen aus der Gesundheitsbranche eher schlecht während des allgemeinen Aufschwungs zwischen 1997 und 2000. Als es dann zu krachen begann, legte diese Branche sogar zu. Erst als aus der Korrektur ein riesiger Crash wurde, konnten sich auch die defensiven Aktien nicht mehr dem allgemeinen Sog nach unten entziehen.

Zu Matejkas Favoriten zählen dabei klassische „Langweiler“, wie der Aktienprofi Unternehmen mit stabilen Einnahmen beschreibt, von denen man aber keine großen Kurssprünge erwarten darf. Dazu zählen die französische Sanofi-Aventis oder die dänische Novo Nordisk. Aus dem Versorgerbereich hebt Matejka beispielsweise die deutsche RWE oder die französische Suez hervor. Bei der Asset Management kann man auch defensiven Werten wie dem US-Tabakgiganten Altria etwas abgewinnen. „Aus dem Pharmabereich würden wir die Schweizer Novartis empfehlen, die derzeit günstig bewertet ist“, fügt Rosen von der BA-CA-Tochter noch hinzu. In der Tabelle „Schutzschild“ finden Sie einen Überblick zu den einzelnen Werten.

Wie lange die Märkte tatsächlich noch in einer turbulenten Phase verharren könnten, kann freilich niemand wirklich voraussehen. Brezinschek von der RZB ist dennoch überzeugt: „Im zweiten Halbjahr könnten sich die Börsen wieder in Richtung neue Höchststände bewegen.“ Wer in der Zwischenzeit ganz auf ein Aktienengagement verzichten will, dem empfiehlt der erfahrene Börsenprofi, sein Geld zwischenzeitlich in variabel verzinste Anleihen zu legen, bis sich die Sturmflut gelegt hat.

von RAJA KORINEK

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