KTM kommt durch BMW unter Druck: Der Endurobereich leidet unter BMW-Einstieg

Zu heikler Zeit startet KTM-Konkurrent BMW einen Angriff auf das Herzstück der Innviertler Motorradschmiede: den Enduro-Bereich. KTM-Boss Stefan Pierer will mit Elektrofahrzeugen die erwarteten Absatzrückgänge kompensieren.

Wäre Stefan Pierer noch der, der er früher gewesen ist, würde er jetzt bei KTM „viel mehr Leute abbauen und bei der Entwicklung kürzen“. Früher, da war der gebürtige Steirer auf schnelle und harte Firmensanierungen spezialisiert. Doch nachdem er 1991 beim Innviertler Motorradhersteller eingestiegen war, blieb er, anstatt die Pleitefirma nach wenigen Jahren profitabel zu verschachern. In 18 Jahren hat er sich so den Ruf eines langfristig orientierten Unternehmers erworben. Und gerade jetzt verbringt er wieder mindestens zwei Tage pro Woche am KTM-Sitz in Mattig­hofen. Denn das Unternehmen hat nach vielen erfolgreichen Jahren nun die schwierigste Phase seit Pierers Einstieg zu bewältigen.

Das liegt zum einen daran, dass spaßorientierte Freizeit-Fahrzeuge als verzichtbares Gut erscheinen, wenn die wirtschaftlichen Aussichten trüb sind. Besonders in den USA, wo die Innviertler fast ein Viertel ihres Umsatzes machen, brechen die Absatzzahlen weg. „Im Dezember gingen dort die Neuanmeldungen um 40 Prozent zurück“, stöhnt Pierer. Weil auch der Hauptmarkt Europa zu schwächeln beginnt, rechnet er für das laufende Geschäftsjahr nun mit einem Schrumpfen des Weltmarkts um zwanzig Prozent – seine Kapazitäten hat er diesem Szenario angepasst. Denn auch das neue Geschäftsfeld Auto kommt in diesem Konsumklima nicht in die Gänge: Der Sportflitzer X-Bow hätte ursprünglich 1000 Stück im ersten Geschäftsjahr verkaufen sollen. „Wir haben das Ziel jetzt auf 600 zurückgenommen“, gesteht der KTM-Boss.

Zum anderen startet just in dieser misslichen Lage auch noch Erzkonkurrent BMW einen Angriff auf das Herzstück von KTM: den Enduro-Bereich, der noch immer für 60 Prozent des Absatzes steht. Die Deutschen, die 2008 101.000 Motorräder verkauften, waren bisher nur mit Straßenmaschinen präsent. Doch angesichts der Verkaufserfolge von Pierers Truppe, die KTM zu einer jungen, sportiven, actionbetonten Marke (Absatz 2007/08: 92.000 Stück) aufgeladen haben, zieht es auch die Münchner in den Dreck. Schon 2007 haben sie die Nummer zwei am Geländemotorrad-Markt, Husqvarna, gekauft. In der am 21. März beginnenden Enduro-Weltmeisterschaft geht BMW nun auch noch mit einem eigenen Team und mit einem eigenen Motorrad an den Start.

Applaus dafür gibt es aus der Fachwelt: Die seit Herbst auch im Handel erhältliche BMW G 450 X sei, urteilt Cheftester Gert Thöle vom „Motorradmagazin“ in Stuttgart, „für ein Erstlingswerk gut – zumindest so gut wie die Maschinen der übrigen KTM-Konkurrenz“. Und: „Die Stimmung ist günstig. Der Markt sucht nach Alternativen zu KTM, die ja fast 50 Prozent Marktanteil haben.“

Um beim Hauptverkaufstreiber Rennsport keine halben Sachen zu machen, hat BMW-Motorrad-Chef Hendrik von Kuenheim, Sohn des legendären ehemaligen BMW-Chefs, beim Fahrereinkauf richtig geklotzt: Mit dem Briten David Knight und dem Finnen Juha Salminen hat er um viel Geld zwei Mehrfach-Weltmeister eingekauft. Ein Signal: Bisher fuhren diese Siegfahrer für KTM. BMW-Motorrad-Rennsportchef Berti Hauser bestätigt dem trend, was die Transfers der letzten Monate haben vermuten lassen: „Ja, wir wollen 2009 einen Enduro-Weltmeistertitel holen.“

Nach dieser Kampfansage beruhigen selbst die eindrucksvollen Erfolge bei der jüngsten Ausgabe der Dakar-Rallye in Südamerika nicht, bei der KTM-Fahrer Marc Coma gewann und auch die Plätze zwei, vier und fünf an die „Orangen“ gingen. Die spektakuläre Veranstaltung sei eher „beim Nichtmotorrad-Publikum werbewirksam“, erklärt Pierer, die Enduro-WM habe hingegen bei den potenziellen Käufern mehr Relevanz. Sein Bewegungsspielraum sei derzeit eng: Wenn ein finanzstarker Konkurrent wie BMW zulange, „dann kann ich ihn nicht aufhalten.“ Er tröstet sich damit, dass die Bayern wohl einige Zeit brauchen werden, um den Oberösterreichern wirklich in den Lenker zu greifen: „Auch bei uns hat es fünf, sechs Jahre gedauert, bis wir im Straßenbereich akzeptiert waren.“

Zu den wirtschaftlichen Zielen des Vorstoßes hält man sich in München bedeckt. „Ein veritables Stück“ wolle man sich aus dem Segment der sportorientierten Offroad-Motorräder herausschneiden, sagt BMW-Motorrad-Sprecherin Liane Drews lediglich. Die Österreicher halten fürs Erste nicht dagegen, sondern schrauben vielmehr ihre Rennsportausgaben nun drastisch zurück: Die Ersparnis bei den Fahrerkosten in der Enduro-WM beziffert Pierer mit 750.000 Euro. Weil sich Gas und Gatsch nicht mehr automatisch auf Gewinn reimen, wird auch in anderen Bereichen rigoros gespart. Gleich vier bis fünf Millionen bringt der Rückzug aus der in den letzten Jahren stark forcierten 250-ccm-Straßenserie. Ein Teil dieser Einsparungen soll in die Stärkung des Händlernetzes gesteckt werden.

Schmerzlich sind die Einschnitte am Stammsitz: 100 der 1960 Mitarbeiter mussten gehen. Die Weihnachtsfeier im Dezember wurde abgesagt, das Weihnachtspackerl ist nur halb so groß ausgefallen wie in den Boomjahren. 2009 will Pierer dann allerdings ohne Kündigungen auskommen: Bis April sollen Zeitausgleichskonten und Urlaubstage abgebaut werden. Spätestens dann, hofft er, ist eine politisch ausverhandelte „Kurzarbeit neu“-Regelung beschlossen. Sie soll nach deutschem Muster die bisherigen Bestimmungen der Mindestarbeits- und Mindestausfallzeiten außer Kraft setzen. Gelingt das, visiert der jüngst auch beim heimischen Autogipfel umtriebige Unternehmer „im Frühsommer einen längeren Betriebsurlaub“ bei KTM an.

Denn Lichtblicke gibt es in keinem der Märkte, auf denen die Wrumm-wrumm-Spezialisten tätig sind. Pierer: „Derzeit ist es überall finster.“ Fokus wird in den nächsten Jahren ganz klar Europa sein, wo selbst in einem rückläufigen Markt Anteile gewonnen werden sollen, vor allem im Onroad-Bereich. Außerhalb von Europa verheißt lediglich Australien eine gewisse Stabilität. Südafrika sieht er allenfalls bis zur Fußball-WM 2010 positiv. Von den USA erwartet er sich hingegen eine mehrjährige Schwächephase. Durch den schwachen Dollar waren die KTM-Exporte nach Übersee schon seit April rückläufig.

Zusätzliches Pech: Die Absicherung gegen das Währungsrisiko war, untypisch für die Innviertler, alles andere als günstig. „Sie haben lange gewartet, bis sie gegen den schwächer werdenden Dollar gehedgt haben“, meint RCB-Analyst Alexander Stieger. „Das Hedging erfolgte bei 1,60 Dollar auf einem absoluten Tief, sodass sie sich gegen Schäden über 1,60 abgesichert haben. Nach unten haben sie bei 1,42 eine Schranke eingezogen, sodass sie über 1,42 noch Gewinne mitnehmen, darunter aber nicht mehr.“ Kurz ­darauf stieg der Dollar allerdings auf 1,15. Derzeit liegt er bei 1,34. Der KTM-Chef kommentiert das mit dem lapidaren Hinweis, „dass der Dollar wieder schwach werden wird müssen“.

Für die Zahlen des ersten Quartals im Geschäftsjahr 2008/09, die am 29. Jänner bekannt gegeben werden, erwartet Analyst Stieger zwar Rückgänge, allerdings noch nicht dramatisch – traditionell werden im ersten Quartal mehr Offroad-Bikes verkauft, deren Marge höher ist als bei Sraßenmaschinen. Wird es trotz der Kapazitätsrücknahme im Gesamtjahr einen Gewinn geben? Pierer murmelt etwas von einem „ausgeglichenen Ergebnis“. Im Geschäftsjahr davor gab es bei einem Umsatz von 605 Millionen Euro (plus sieben Prozent) einen auf 20 Millionen Euro halbierten Vorsteuergewinn.

Dass Geländemotorräder mittelfristig auf wirtschaftlich schwieriges Terrain zusteuern, wusste der 52-Jährige schon vor dem BMW-Angriff – die Abhängigkeit von einem einzelnen Segment hat er deshalb frühzeitig zu verringern versucht. Vor über fünf Jahren haben er und sein langjähriger Partner Rudolf Knünz – gemeinsam halten sie knapp mehr als 50 Prozent an der KTM Power Sports AG – deshalb den Einstieg in den Straßenbereich vollzogen. Heute sind schon vier von zehn verkauften KTM-Motorrädern Onroad-Fahrzeuge. Danach forcierten die Innviertler den Bau von All-Terrain Vehicles (ATVs), vierrädrigen Geländefahrzeugen, von denen im letzten Geschäftsjahr stolze 3890 Stück abgesetzt werden konnten.

Nächster Schritt war der X-Bow, „eine Investition, die ich in der jetzigen Situation nicht mehr tätigen würde“, wie Pierer bekennt. Aber schon wartet ja das nächste Kaninchen darauf, aus dem Hut gezogen zu werden. Die große Hoffnung der notorischen Gasgeber ruht auf Fahrzeugen mit Elektromotor. Den Anfang wird eine E-Enduro machen. Mit dieser Neuentwicklung, die in Zusammenarbeit mit dem Wiener Arsenal Research erfolgte und 2010 serienreif sein soll, will KTM mit Strom Stärke zeigen, wenn sich der nächste Aufschwung abzeichnet. Das Zero-Emission-Motorrad soll mit 90 Kilo deutlich leichter sein als Motorräder mit Verbrennungsmotor und sowohl für den Straßenbetrieb zugelassen als auch geländefähig sein. Der Hardcore-Zielgruppe wird das Vehikel erstmals beim berühmt-berüchtigten Erzberg-Rodeo im Juni nähergebracht. Im Elektroantrieb sieht Pierer die Chance für einen echten Imagewandel der Fahrzeugklasse: So könnte auch der laute, stinkende Sport näher an die Städte geholt werden.

Und in den Ballungszentren soll KTM dann in einem weiteren Schritt zum Alltagsvehikel schlechthin werden: Im Bau kleiner, zwei-, drei- oder vierrädriger Elektrogefährte für die großen Metropolen des Westens sieht Pierer ein Zukunftsziel. Der dramatische Anstieg von Roller-Zulassungen in Städten wie Paris hat in letzter Zeit vor Augen geführt, dass es ein hohes Wechselpotenzial von frustrierten Autofahrern, aber auch von frustrierten Öffi-Benutzern gibt. Weil auch die anderen namhaften Zweiradhersteller Europas, von BMW bis Piaggio, an der Entwicklung so genannter Urban Mobility Vehicles tüfteln, schlägt Pierer in Einzelbereichen wie Batterie oder Antrieb Kooperationen vor: „In eineinhalb Jahren wird es so weit sein.“ KTM sieht er dann endgültig als Gesamtfahrzeuganbieter für Vehikel „mit Spirit“. Ob er in diesem Rennen um die besten Ideen am Ende die Nase vorn hat, wird mit entscheiden, ob der Unternehmer auch in seinem dritten Jahrzehnt in Mattighofen der bleiben kann, der er früher nicht gewesen ist.

Von Bernhard Ecker

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