Konjunkturprognose: Besser geht’s nicht

Es wird ein gutes Jahr: Auch bei noch so genauer Diagnose sehen die Wirtschaftspropheten der heimischen Banken keinerlei Anzeichen für einen bevorstehenden Wachstumseinbruch. Einzig die USA sind krankheitsanfällig – und könnten 2007 die Weltwirtschaft mit nach unten ziehen.

Man darf sich zurücklehnen. Kurz durchatmen und in aller Ruhe und in stillem Frieden auf das freuen, was da kommt. 2007, so tönt es in trautem Einklang aus allen berufenen Mündern, wird ein gutes Jahr. Wem, wenn nicht der Nationalbank, sollte man zuallererst vertrauen? Josef Christl, Mitglied des Direktoriums, verspricht, ganz im Sinne eines professionellen Mutmachers: „Es wird weiterhin ein kräftiges Wirtschaftswachstum geben.“

Was soll, angesichts solch klarer Worte, noch schiefgehen? Die Nationalbank liegt mit ihrer Wachstumsprognose für Österreich – plus 2,8 Prozent! – ja auch nochmals und deutlich über jener der OECD. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hatte ihre Werte für die Alpenrepublik bei ihrer jüngsten Prognose auch deutlich nach oben revidiert und verspricht uns für 2007 immer noch einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 2,5 Prozent.

Vor allem die Exporte laufen mehr als nur erfreulich. Die heimischen Wirtschaftsforscher überbieten einander bei den Prognosen: Das Wifo schätzt das Exportwachstum 2006 auf 8,5 Prozent, das von Bernhard Felderer geführte IHS sogar auf 9,7 Prozent.

Freilich, genug ist nie genug. Besser kann man immer werden, und da sind nicht nur die Exporte gemeint. Welche Ziele beispielsweise Nationalbanker Christl für sein eigenes Haus verfolgt, was er für 2007 vorhat, das klingt durchaus ambitioniert (siehe Kasten Seite 39).

Quicklebendige Industrie. Wem verdankt Österreich das satte Wachstum, wer garantiert dafür, dass auch 2007 kein „annus horribilis“ wird? Es ist die Industrie. Insgesamt und im Speziellen sind es die Autobauer und die Autozulieferer, die unsere Wirtschaft weiter auf solidem Wachstumskurs halten. Frank Stronach, Magna und BMW sei Dank: „Die Dynamik ist extrem hoch, neun Prozent plus bei der Industrie im Durchschnitt von 2006 lassen auch für 2007 das Beste erwarten.“ Sagt der Volkswirt der BA-CA, Stefan Bruckbauer. Schönen Gruß vom Weihnachtsmann, er wird auch im nächsten Jahr einen reichen Gabentisch bescheren, das ist die Freudenbotschaft, und nirgendwo sind dunkle Wolken am Konjunktur-Horizont auszumachen. Glaubt man dem Ökonomen, ist die Lage nicht nur gut, sondern sogar sensationell. „Österreich hat die dynamischste Industrie in der Euro-Zone, längerfristig werden wir nur von Irland geschlagen. Bei den Ausrüstungsinvestitionen gab es ein sensationelles Wachstum von sieben Prozent, und auch 2007 liegt die Entwicklung über Potenzial“, frohlockt der Bank-Austria-Mann.

Dass die 3,2 oder 3,3 Prozent BIP-Wachstum, die sich für das ablaufende Jahr ausgehen werden, wohl kaum nochmals erreicht werden, versteht sich für sämtliche Wirtschaftsforscher dabei von selbst; die österreichische Wirtschaft sei, so Bruckbauer, gar nicht imstande, auf Dauer mit drei Prozent zu wachsen. Es sei denn, die Politik würde sich zu radikalen, fundamentalen Reformen hinreißen lassen – die aber weder in Sicht noch unbedingt langfristig sinnvoll wären.

Eine Folge des rasanten Industriewachstums: Schon jetzt stoßen viele Unternehmen an Kapazitätsgrenzen. Schon jetzt gibt es da und dort Lieferverzögerungen. Diese Situation sollte sich 2007 wieder beruhigen; jedenfalls sehen die Manager der Großunternehmen die Zukunft ziemlich „relaxed“: Der EMI – Einkaufsmanagerindex der BA-CA erreichte im November sein All-time High. Alles ist eitel Wonne: Der Auftragseingang nahm im Vergleich zu den Vormonaten nochmals zu, verstärkte Produktion wurde gemeldet. Mit der Beschleunigung der Auslandsnachfrage gegen Jahresende hatte noch im Sommer niemand gerechnet; doch jetzt: Süßer die Kassen nie klingeln. Wie war doch der Wahlspruch, und von wem stammte er doch gleich? „Wenn’s der Wirtschaft gut geht, geht’s uns allen gut.“ – Na eben.

Ein Jahr für Konsumenten. Wie wird 2007? Wenn man Stefan Rossmanith fragt, so muss logischerweise ein Hauch von subjektiv gefärbter Unsicherheit mitschwingen. Denn für sein Haus, und damit für ihn selbst, ändert sich 2007 definitiv einiges, nur weiß noch niemand, was genau. Rossmanith leitet die volkswirtschaftliche Abteilung der Bawag. Für ihn war also schon 2006 einigermaßen aufwühlend, erst recht wird es 2007 sein. Was für den Einzelnen zählt, welche Konsequenzen der Bawag-Deal für den Einzelnen auch haben mag, für die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung wird er keine maßgeblichen Auswirkungen haben. Also beurteilt auch der Experte der Bald-nicht-mehr-Gewerkschaftsbank die Aussichten fürs kommende Jahr eher rosig. Wenngleich seine Prognose vielleicht doch um eine Nuance anders klingt als jene der BA-CA. Die Entwicklung des privaten Konsums ist es nämlich, die Rossmanith etwas irritiert. „Die Stimmung ist gut, die Beschäftigungsperspektiven hellen sich auf, aber bei den Konsumplänen schaut’s nicht so gut aus.“ Der private Konsum hinke, so Rossmanith, etwas hinterher. Er sieht für 2007 sogar die Sparquote nochmals steigen. Und dabei sind die Sparkonten der Österreicher schon zum Bersten gefüllt!

Grund zum Geldausgeben hätten die Österreicher 2007 aber gerade genug. Das Budget 2007 wird keine bösen Überraschungen bringen, wenn überhaupt, wird eine neue Regierung erst ab 2008 ins Geldtaschl von Herr und Frau Österreicher greifen. Der Ölpreis wird nicht mehr steigen, insgesamt geht zumindest die

BA-CA von eher sinkenden Energiepreisen aus. Die Inflation war schon heuer niedrig und wird nächstes Jahr nochmals auf 1,4 Prozent sinken. Die Telefon- und Computerpreise sind in den Keller gefallen, und erstmals seit Längerem sind 2006 auch die Reallöhne, die Haushaltseinkommen wieder spürbar gestiegen – Grund genug, sich endlich den lang erträumten Flachbildschirm und die dazupassende Récamiere zu gönnen.

Paul Windisch, der Chef-Volkswirt der Erste Bank, sagt genau das voraus. Der von ihm besonders geschätzte Konsumindikator, basierend auf der Frage „Werden Sie in den nächsten zwölf Monaten mehr Konsumgüter kaufen?“ – der kippte im September 2006 erstmals ins Positive, das erste Mal seit zehn Jahren. Wenn das kein Grund für Optimismus ist, was dann? „Das ist sensationell“, entfährt es dem kühlen Rechner, der sich selbst einen „grenzenlosen Realisten“ nennt. „Die Leute erleben die positiven Meldungen aus der Industrie, haben real etwas mehr Einkommen, erleben die niedrige Inflation.“ Und werden, so Windisch, deshalb 2007 auch bei längerlebigen Konsumgütern, also bei Saunakabinen und Subnotebooks, bei Carbonrädern und Cabrios oder, warum nicht, bei Wäschetrocknern und Wildlederjacken, kräftig zulangen.

Der für 2007 prognostizierte Wert von plus 2,2 Prozent beim privaten Konsum ist jedenfalls der höchste Wert seit Langem. Für 2008 sagt die BA-CA eine Stagnation auf hohem Niveau voraus. Aber wer weiß schon, was in zwei Jahren sein wird.

Arbeitslosigkeit, ein Sorgenkind. „Keine Freude“ hat Erste-Volkswirt Windisch mit dem Arbeitsmarkt. „Das ist sehr störend.“ Windischs Worte sind verhalten. „Die erwarteten 2,5 Prozent BIP-Wachstum lösen kein Problem, die Arbeitslosigkeit wird erst deutlich zurückgehen, wenn die Arbeitsbevölkerung abnimmt.“ Genau das aber ist nicht absehbar, die Prognosen hierzu verändern sich von Jahr zu Jahr; jetzt wird mit einem „Drehen“ des Arbeitsmarkts erst nach 2020 gerechnet – ganz einfach deshalb, weil die Zuwanderung doch stärker als erwartet ausgefallen ist.

Wie auch immer: Auch hier ist Österreich von einer Katastrophe weit entfernt und liegt im internationalen Vergleich gut. 2007 wird laut BA-CA die Arbeitslosenquote nach nationaler Definition von 6,9 auf 6,5 Prozent sinken. Die Nationalbank sagt – jetzt in EU-Rechnung – einen Rückgang von 4,9 auf 4,7 Prozent voraus. Der Schnitt der Gesamt-EU liegt bei 8 Prozent, besser liegen nur Dänemark und die Niederlande, Estland und der „irische Tiger“.

Macht die Wahlsiegerin SPÖ ihre Versprechungen wahr, so wird die weitere Bekämpfung der Arbeitslosigkeit alleroberste Priorität haben, was auch weitere positive konjunkturelle Folgen haben kann. Der Staat spart mittelfristig Geld, nimmt mehr Steuern ein, kann mehr investieren. Und der Konsument, das wankelmütige Wesen, reagiert sowieso direkt auf steigende bzw. sinkende Arbeitslosenzahlen. Hat er Angst um seine Zukunft, steckt er das Geld in den Sparstrumpf. Fühlt er sich und seinen Arbeitsplatz als halbwegs sicher, verfällt er in Kauflaune: So einfach ist das Leben und die Volkswirtschaft. Unter Wissenschaftern wird das freilich etwas anders formuliert, zum Beispiel so: „Die Arbeitsmarktfrage beeinflusst die Konsumneigung am allerstärksten.“

Dies sagt der Volkswirt der Raiffeisen Zentralbank, Valentin Hofstätter. Noch sieht er den „privaten Konsum zu zögerlich“, hat aber gute Hoffnung, dass sich der Arbeitsmarkt (und damit der Konsum) weiter erholt. Er liegt damit auf einer Linie mit dem Wirtschaftsminister, der bereits wieder von richtiger Vollbeschäftigung träumt. 2010 soll sie erreicht werden.

Sicher ist: Es gibt in Österreich wieder eine größere Zahl an offen gemeldeten Stellen. Verglichen mit dem dritten Quartal 2005 gab es 2006 um 32,54 Prozent mehr Job-Angebote – eine beachtliche Ausweitung. Die weiter anhalten wird: „Auch im nächsten Jahr ist das Wachstum so stark, dass die offenen Stellen zumindest nicht weniger werden“, sagt der RZB-Mann.

Gute Nachbarn, schlechte Nachbarn. Etliche Jahre lang war es für die Regierenden Österreichs eine beliebte Übung, auf den kränkelnden Riesen Deutschland zu schimpfen, dem einst übermächtigen Partner alle Schuld an der eigenen schwachen Performance zu geben. Doch seit der Fußball-Weltmeisterschaft scheint Deutschland langsam den Weg der Genesung zu gehen. „Die Wahnsinnsangst geht ein bisschen zurück“, sagt Stefan Bruckbauer von der BA-CA, „aber für den nötigen Umbau des Sozialsystems fehlt einfach das Geld.“

Deutschland, ein Schmalspur-Dieseltriebwägelchen im internationalen Hochgeschwindigkeitstakt? Weit gefehlt, widerspricht da Experte Hofstätter von der RZB. „Deutschland war im dritten und vierten Quartal schon wieder die Konjunkturlokomotive Europas“, behauptet der Analyst; die deutsche Industrie sei nun wieder so optimistisch wie zuletzt in Zeiten der Wiedervereinigung. Die Bawag ergänzt, dass das Land die Mehrwertsteuererhöhung mit Jahreswechsel gelassen ertragen wird. Stefan Rossmanith: „Wir sehen das nicht negativ.“ – Zumindest nicht so negativ wie die Deutsche Bank. Die nämlich schätzte noch vor einem Monat das Wachstum 2007 auf lediglich ein halbes Prozent!

Für Österreich heißt das: Unsere Wirtschaft wird durch den bis vor Kurzem schwer depressiven deutschen Patienten nicht weiter Schaden leiden. Wie sich überhaupt Österreich über schlechte Nachbarschaft nicht beklagen darf. Der Osten war einmal rot, heute ist er nicht tot, sondern bei mehr als robuster Gesundheit. „Da steht nichts auf des Messers Schneide, das ist keine Blase, der Osten wird nicht abreißen, und das ist auch gut für Österreich“, versprüht RZB-Experte Hofstätter deutlichen Optimismus.

Leichte nachbarliche Sorgen macht einzig das schöne Italien. Das Land hat einiges nachzuholen, kämpft mit gröberen Strukturproblemen und fällt als Bringer der europäischen Konjunktur bis auf Weiteres aus. Ciao, bella!

Amerikanische Zitterpartie. Und was macht Uncle Sam? Das Mutterland der Hamburger und der Highways könnte uns, wenn schon nicht Kopf und Kragen, so doch das eine oder andere Prozentpünktchen vom Wachstum kosten. Nämlich dann, wenn es jenseits des großen Teichs, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, also in den USA, nicht zum erwarteten konjunkturellen „soft landing“, sondern zu einem harten Aufschlag kommt. „Wir sehen das pessimistischer als unsere Kollegen“, orakelt RZB-Mann Hofstätter. Seine Begründung: Der US-Immobilienmarkt habe sich „noch stärker abgekühlt, als wir erwartet haben“. Und, ein deutlicher Alarmanzeiger: Der private Konsum der US-Bürger beginnt zu schrumpfen. „Es ist noch kein Rezessionsszenario, das sich abzeichnet, aber eine deutliche Wachstumsverlangsamung.“ Hofstätter schickt, zur Bestärkung seiner These, noch eine eindeutige Botschaft hintendrein: Die RZB empfiehlt dringend, „von Anlagen in US-Dollars Abstand zu halten“.

Ähnlich klingen die anderen befragten Volkswirte. Auch Paul Windisch fürchtet, dass „die USA als Wachstumsmotor ausfallen“ werden. Sei’s drum: Österreich hat seinen Osten. Und den stabilen Euroraum als verlässlichen Konjunkturpuffer. Ist also fast schon wieder, zumindest in Wachstumsfragen, eine Insel der Seligen.

Risiko Krankschreiben. Doch in guter österreichischer Tradition darf und muss ja stets gejammert und gewarnt werden. So schrieben Experten wie Medien bis vor Kurzem von einem bevorstehenden „Konjunkturrückschlag“, zumindest von einer „deutlichen Abkühlung“, räsonierten über den schädlichen Zinsauftrieb der Europäischen Zentralbank und die drohenden Gefahren durch die deutsche Mehrwertsteuererhöhung. Ein leicht mieselsüchtiges Klima war zu verspüren, von Euphorie war 2006 an der Basis, bei den Menschen, wenig zu merken. Paul Windisch hat noch immer Sorge, dass man die Konjunktur krankreden, krankschreiben könnte – doch angesichts der neuen Nationalbank-Prognose dürften wohl auch die größten Pessimisten bekehrt sein.

Bleibt das Risiko, das uns die derzeitige labile politische Situation beschert. Das Risiko, dass keine Regierung zustande kommt oder eine, die absolut katastrophale Entscheidungen trifft. Doch auch dieses Risiko ist bei aller zu Gebote stehenden Skepsis nicht wirklich groß. Eine große Koalition mit der SPÖ an der Spitze wird eine etwas arbeitnehmerfreundlichere Politik machen – damit könnte vorerst das Konsumklima leicht verbessert werden.

Und das wär’s auch schon. Radikale Schwenks in der Wirtschaftspolitik sind unrealistisch, kleine Nachjustierungen möglich, aber niemals eine Katastrophe. „Außerdem regiert ja ohnedies die Wirtschaft die Politik“, sagt einer der Experten. Was doch ein bisschen hart klingt.

Man kann das labile Gleichgewichtsverhältnis schließlich auch diplomatischer umschreiben. Valentin Hofstätter etwa formuliert so prägnant, dass man kaum mehr etwas ergänzen möchte. „Die Politik müsste“, sagt er und lächelt dabei äußerst spitzbübisch, „schon wirklich viel falsch machen, um die weitere positive Entwicklung Österreichs zu verhindern.“

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