Koalition: Holpernd in die neue Zeit

Anstehende Probleme, ungelöste Rätsel, offene Fragen: Wirtschaftsminister Martin Bartenstein und Sozialminister Erwin Buchinger diskutieren heikle Regierungsthemen. Die beiden trennt sehr viel – und doch verstehen sie sich als Brückenbauer.

Die zwei Herren haben einander erst unlängst näher kennen gelernt. Der eine heißt Martin Bartenstein. Er ist der Dienstälteste in der neu formierten Ministerriege, eine Konstante in der Zeit der Veränderung. Der Schlossbesitzer und erfolgreiche Unternehmer dient der Republik seit 1986, anfangs als Familien- und Umweltminister, seit 2000 als Minister für Wirtschaft und Arbeit. Bislang prägte er den neoliberal inspirierten Kurs der blau-schwarzen Regierung entscheidend mit, nun ist er Wilhelm Molterers rechte Hand und nennt die SPÖ seinen liebsten Koalitionspartner. Wenn jemand in der ÖVP-Regierungsmannschaft geradlinigen Konservativismus verkörpert, dann er.

Erwin Buchinger ist das lebendige Gegenkonzept zum stets elegant auftretenden Wirtschaftsminister. Der Salzburger ist erst seit wenigen Tagen im hohen Amt und doch schon berühmt, und zwar wegen seiner auffallenden „Beatlesfrisur“. Bekannt ist er auch für seinen legeren Umgang und für seine fast schon revolutionären sozialpolitischen Ideen. Buchinger kommt, so wie sein Parteichef Alfred Gusenbauer, aus der Sozialistischen Jugend. Er war und ist ein Linker, so links, wie man in Salzburg eben sein kann. Wenn jemand in der SPÖ-Regierungsriege so etwas wie rotes Gedankengut pflegt und hegt, dann er.

Konventionell gegen unkonventionell, so lautet das Match, das auf den folgenden Seiten im trend-Streitgespräch ausgetragen wird. Bartenstein und Buchinger repräsentieren dabei die äußersten Flanken ihrer Parteien: hier der Leuchtturm für das freie Unternehmertum, da der pragmatisch agierende Sozialromantiker.

Ist das, was ÖVP und SPÖ insgesamt vorhaben, jetzt genug oder nicht genug? Der Wifo-Ökonom Stephan Schulmeister etwa ist mehr als skeptisch. „Mein Grundeindruck ist, dass die wirklich großen Brocken wie zum Beispiel die Generalreform im Bildungswesen nicht konkret angegangen wurden.“ So leitet der Experte für internationale Wirtschaft seine Kritik am Regierungsprogramm ein. Die Diskussion habe sich lediglich an Studiengebühren festgemacht, dabei beginne die Benachteiligung von Kindern aus der Unterschicht viel früher, nämlich im Vorschulalter. „Es ist unglaublich, wie oft im österreichischen Bildungssystem ausgesiebt wird, insbesondere auch nach der Volksschule.“

Auch im großen Problemfeld der Pflegevorsorge sieht Schulmeister keine praktikablen Maßnahmen am Horizont heraufdämmern. Und überhaupt: Dass die Grundsicherung, eines der wenigen Leuchtfeuer des Programms, so kommen könnte, wie sie versprochen wurde, wagt er zu bezweifeln. Denn: „Die Sozialhilfe bleibt Ländersache, und so wird man halt nicht weiterkommen.“ Insgesamt, so fürchtet der Experte, werde das „Pathos der großen Losungen der Logik der Sachzwänge zum Opfer fallen“.

Bernhard Felderer, Chef des Instituts für Höhere Studien, sieht dagegen optimistischer in die Zukunft; Sorgen macht ihm nur, dass die 726 Euro Grundsicherung möglicherweise doch zu einem arbeitslosen Grundeinkommen verkommen könnten, da der Abstand zu niedrigen Einkommen zu gering sei. Sein Credo: „Es sitzen noch immer viele im Notstand, die arbeiten könnten. Der Druck, Arbeit anzunehmen, muss erhöht werden.“

Felderer erwähnt noch eine schmerzliche Tatsache: dass beide Parteien im Wahlkampf eine Lohnsteuerentlastung versprochen, aber nun nichts davon gehalten haben. „Der Lohn- und Einkommensteuertarif ist im Vergleich zu hoch. Man muss die Regierung ständig mahnen, das zu verbessern.“

Und die Verwaltungsreform? „Es ist ein realistisches Ziel, nur die Hälfte der ausscheidenden Beamten nachzubesetzen.“ Wie hart das sein wird, sagt Felderer aber gleich selbst dazu: Von 2004 bis 2006, so rechnet der Wirtschaftsforscher vor, ist die Zahl der Beamten wieder um mehr als tausend pro Jahr gestiegen!

Mal sehen, wie Gusenbauer und Molterer an den Feind rangehen. Nach dem kräftig verpatzten Start lebt die Hoffnung: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind gut. Die Mannschaft hat, wie man so sagt, Potenzial. Kritische Kommentatoren freuen sich darüber, dass Gorbach in Vorarlberg, Gehrer in Pension und Grasser auf der Skipiste ist. Man wird eben bescheiden, im Laufe der Zeit.

Und ob Gusenbauer nun tatsächlich schwachen Schülern Nachhilfe geben wird oder nicht, das wird wohl nicht die alles entscheidende Frage sein, an der die große Koalition zu guter Letzt gemessen wird.

„Die SPÖ ist mein liebster Partner“

Wirtschaftsminister Martin Bartenstein entdeckt seine Liebe zu den Roten. Und das, obwohl deren Sozialminister Erwin Buchinger laut nach einer Vermögensteuer ruft. Ein Streitgespräch, fast unter Freunden.

trend: Herr Minister Buchinger, eine Multiple-Choice-Frage zum Aufwärmen. War das für die Regierung ein Fehlstart, ein verpatzter Start oder ein Traumstart?
Buchinger: Ein verpatzter Start.
Warum?
Buchinger:
Er war holprig in der Kommunikation. Inhalte des Regierungsprogramms, die herzeigbar sind, wurden nicht gut genug hergezeigt.
Herr Minister Bartenstein, Sie haben vieles ausprobiert. Wer ist Ihr liebster Koalitionspartner – FPÖ, BZÖ oder SPÖ?
gBartenstein:
Aus heutiger Sicht die SPÖ.
Was macht die SPÖ angenehmer als FPÖ oder BZÖ?
Bartenstein:
Wir sind mit der SPÖ eine Partnerschaft eingegangen, und jetzt heißt es: alle Kraft voraus. Wir wollen eine gute Arbeit fürs Land. Alles andere ist Vergangenheit. Gute Vergangenheit, aber Vergangenheit. Herr Buchinger hat gerade bei „guter Vergangenheit“ genickt! (Lacht.)
Herr Buchinger, in einem Interview haben Sie gesagt, die letzte Regierung habe das Vertrauen in die soziale Sicherheit fundamental zerrüttet. Wodurch hat Minister Bartenstein das Vertrauen so sehr zerrüttet?
Buchinger:
Minister Bartenstein war Mitglied der Regierung, er hat den Regierungskurs mitgetragen, war aber für diese Fragen nicht zuständig. Die Hauptzerrüttung ist darin zu sehen, dass im Vorfeld der Diskussionen um die Pensionsreform das Vertrauen in die Zukunftsfestigkeit der Pensionssysteme infrage gestellt wurde. Man hat die Unfinanzierbarkeit, die demografische Belastung betont. Heutige Umfragen zeigen, dass nur mehr eine Minderheit der arbeitenden Menschen darauf vertraut, dass sie selbst einmal eine ähnliche Pension beziehen können wie all jene, die jetzt schon in Pension gehen.
Bartenstein: Das Gegenteil ist und war der Fall. Aufgrund der demografischen Entwicklung, aufgrund der Zahlen, die am Tisch gelegen sind, haben die Menschen das Vertrauen in die langfristige Sicherheit ihrer Pensionen verloren. Und das war mit ein Grund der Reformen, war mit ein Grund für die Betonung des 3-Säulen-Modells. Beide Regierungspartner halten ausdrücklich fest, dass Österreich eines der besten Pensionssysteme der Welt hat. Auch das 3-Säulen-Modell wird von der Sozialdemokratie ausdrücklich anerkannt, und das ist gut so.
Herr Buchinger, Sie sind in den Verhandlungen für die Einführung der Vermögensteuer eingetreten …
Buchinger:
Ich habe das Kapitel Soziales, Armutsbekämpfung, Pensionen verhandelt, nicht aber die Finanzierungsgrundlagen. Doch es stimmt, ich habe wiederholt in der Öffentlichkeit gesagt, dass zur Finanzierung der Armutsbekämpfung die Vermögensbesteuerung herangezogen werden sollte. Österreich hat europaweit die drittniedrigste Belastung von Vermögen, während Arbeit und andere Wertschöpfungsquellen hoch oder zumindest durchschnittlich hoch besteuert werden. Aus Gründen der Solidarität wäre eine moderate Vermögensteuer gerechtfertigt.
Was ist moderat?
Buchinger:
Etwa 0,5 Prozent jährlich ab einer Untergrenze von 500.000 Euro. Da lägen wir etwa bei der Hälfte der EU-Besteuerung. Das würde mehrere Milliarden zusätzlicher Einnahmen bringen.
Bartenstein: Es war der SPÖ-Finanzminister Ferdinand Lacina, der die Vermögensteuer aus gutem Grund abgeschafft hat. Das Ziel war, Österreich für Kapitalinvestoren attraktiv zu machen. Das, was Lacina vor gut zehn Jahren erfolgreich getan hat, soll man jetzt nicht infrage stellen.
Die Zeiten haben sich aber geändert …
Bartenstein:
… und die Vermögensteuer wird gerade zum Stolperstein für den Shooting Star der französischen Sozialisten, Ségolène Royal. Es ist ein klares Ergebnis der Regierungsverhandlungen, dass wir Steuern nicht erhöhen. Unter dem Strich ist Österreich immer noch ein Land mittlerer Abgabenquote. Ganz wichtig ist, dass die steuerliche Entlastung 2010 ohne Gegenfinanzierung erfolgen soll.
Herr Minister Buchinger, sind Sie schon überzeugt?
Buchinger:
In dieser Legislaturperiode findet sich das nicht unter den Vorhaben der Regierung. Ich bin aber hartnäckig, wenn es um soziale Gerechtigkeit geht. Ich werde diese Solidaritätslücke immer wieder thematisieren. Es geht darum, den Boden aufzubereiten. Es wird wieder eine Chance geben, diesen Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit zur Diskussion zu stellen.
Die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts ist zentral. Es soll 12-Stunden-Schichten, zehn Stunden tägliche Normalarbeitszeit geben. Das bedeutet für Arbeitnehmer jedoch, dass weniger Überstunden anfallen, daher netto weniger am Lohnzettel steht. Richtig?
Bartenstein:
Flexicurity ist mittlerweile europäischer Mainstream geworden. Mehr Flexibilität bei einem gleichzeitigen Mehr an sozialer Sicherheit steht außer Streit. Es ist eine Pionierleistung, dass eine dreifache Absicherung durch Mindestsicherung, Mindestpension, Mindestlohn kommen wird.
Ich stelle die – unbeantwortete – Frage nochmals, jetzt an Minister Buchinger. Kann es sein, dass Arbeitnehmer durch „Flexicurity“ weniger verdienen?
Buchinger:
Ich denke, das kann sein. Und darauf werden die Sozialpartner im Rahmen der Kollektivverträge auch Rücksicht nehmen, wenn das von größerer einkommenspolitischer Bedeutung ist. Grundsätzlich teile ich hier aber die Position von Bartenstein, dass eine Balance zwischen wirtschaftspolitisch erwünschter Flexibilität und erforderlicher sozialer Sicherheit ein Erfolgsrezept der österreichischen Wirtschaft war und diese Balance jetzt auch wieder stärker betont werden soll. Im Vergleich zu den Programmen der letzten Regierung ist die Betonung des sozialen Ausgleichs der große, gemeinsam erreichte Fortschritt.
Bartenstein: Zu den möglichen Einkommenseinbußen: Ich habe hier nicht geantwortet, weil ich die falsche Adresse bin. Es gibt hier eine klare Arbeitsteilung zwischen Gesetzgeber und Kollektivvertragspartnern. Lohnfragen sind nicht von Buchinger und Bartenstein zu lösen, sondern, wenn Sie so wollen, von Leitl und Hundstorfer. Überstundenzuschläge sind nicht unser Thema.
Dafür ist die Grundsicherung ein Thema, das besonders aufgefallen ist …
Bartenstein:
… angenehm aufgefallen, hoffe ich …
… die Frage ist, welche Sanktionen es für jene Arbeitslosen geben wird, die nicht bereit sind, soziale Tätigkeiten zu verrichten, die den Zumutbarkeitsbestimmungen nicht Genüge tun.
Bartenstein:
Sanktionen sind nichts Neues. Gerade Kollege Buchinger als langjähriger AMS-Chef von Salzburg kennt das breit gegliederte Instrument gut. Niemand verhängt freiwillig Sanktionen, aber manchmal, wenn sich Arbeitsuchende nicht an Vereinbarungen mit dem AMS halten, muss es sein. Aber zuerst Motivation und Anreiz.
Buchinger: Sanktionen sind kein Ziel. Das Ziel ist, arbeitsfähige Bezieher von Grundleistung wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen. Wer für eine Leistung der Gesellschaft nicht bereit ist, auch seine persönliche Gegenleistung zu geben, der muss damit rechnen, dass die Gesellschaft ihre Leistungen zurücknimmt.
Die 726 Euro werden dann aufs Existenzminimum runtergesetzt?
Buchinger:
Aufs Existenzminimum. Unter Berücksichtigung der Bedürfnisse unterhaltsberechtigter Angehöriger. Die dürfen darunter nicht leiden.
Was wird in Zukunft für Arbeitnehmer als zumutbar gelten, was nicht?
Bartenstein:
Die Frage kommt zu früh. Die geltenden Bestimmungen sind gerade einmal zwei Jahre in Kraft. Statt eines früher geltenden fast absoluten Berufsschutzes gibt’s jetzt einen Mix aus Berufs- und Einkommensschutz. Das wird zu evaluieren sein. Von den Praktikern des AMS kommt der Wunsch, dass Wiedereinsteigerinnen für einen Job 20, nicht bloß 16 Stunden zur Verfügung stehen sollten, weil der Arbeitsmarkt leider nur selten 16-Stunden-Jobs anbietet. Die österreichweite Mobilität ist ebenfalls Thema. Niemand hat Verständnis dafür, dass Deutsche aus Sachsen oder Thüringen mobiler sind als Menschen aus Ostösterreich.
Aus sozialdemokratisch-gewerkschaftlicher Sicht war es immer unzumutbar, dass jemand aus seinem Haus im Marchfeld, mit junger Familie, im Winter für sechs Monate auf den Arlberg übersiedeln soll. Wird das in Zukunft gehen?
Buchinger:
Die Zumutbarkeitsbestimmungen sollen praktikabler und gerechter gestaltet werden. Es wird im Einzelfall geprüft werden, um die Balance zwischen sozialer Gerechtigkeit und Flexibilität aufrechtzuerhalten. Gerade im Wintertourismus sehe ich schon die Notwendigkeit, den Bedarf mit inländischen Arbeitskräften zu decken. Es würde schwer verständlich sein, wenn das mit Personen aus Deutschland möglich ist, mit Personen aus Ostösterreich aber weniger.
Bartenstein: Betreuungspflichten werden selbstverständlich berücksichtigt. Die Betreuung von Kindern wird nicht gefährdet werden, das spielt’s sicher nicht.
Kurzes Intermezzo zum Thema Zumutbarkeit: Ist es einem Regierungschef zumutbar, einmal pro Woche in einer Schule Nachhilfe zu geben?
Bartenstein:
Offenbar sieht das der Bundeskanzler so, sonst hätte er das nicht zu einem der Kernpunkte seiner Regierungserklärung gemacht.
Wär’s für Sie zumutbar?
Bartenstein:
Zeitlich vielleicht. Es stellt sich aber eher die Frage der Zumutbarkeit für die betroffenen Kinder. Und die Frage, wie weit Politik aktionistisch sein darf und ab wann Grenzen überschritten werden. Aber das ist eine Sache des Bundeskanzlers. Von mir würde es einen vergleichbaren Vorschlag nicht geben.
Buchinger: Ich habe vor drei Jahren, als ich in Salzburg die Funktion des Landesrats für Arbeit und Soziales übernommen habe, fünfmal je einen Tag bei ausgewählten Einrichtungen gemeinnützige Tätigkeiten geleistet. Ich habe in einem Seniorenheim mitgeholfen, ich habe Essen auf Rädern ausgeführt und in einem Behindertenheim bei der Betreuung mitgearbeitet. Mir war das wichtig, um die Arbeitsinhalte kennen zu lernen. Ich schließe nicht aus, dass ich im Rahmen meiner Funktion im Bund auch ähnliche, tageweise Unterstützung gebe. Ich würde darüber aber weniger Öffentlichkeitsarbeit machen, sondern es einfach tun.
Würden oder werden Sie es tun?
Buchinger:
Ich möchte das jetzt nicht über die Medien abhandeln. Ich habe es in Salzburg getan, und daraus können Sie sehen, dass es für mich nicht ausgeschlossen ist.
Standortqualität hat immer mit Bildungsfragen zu tun. Zum Beispiel hat es die neue Regierung nicht geschafft, ein verpflichtendes Vorschuljahr einzurichten. Ist Österreich zu arm dafür?
Bartenstein:
Das sehe ich nicht so. Es sind ja im Regierungsprogramm Elemente dazu enthalten, ein Einstieg auf freiwilliger Basis. Wir gehen auch den Weg zur Absenkung der Klassenschülerhöchstzahlen. Wir haben ein gutes Schulsystem und sind auch im tertiären Bereich gut unterwegs. Zurzeit gibt es 250.000 Studierende, das ist Rekord. Einer der führenden Leitartikler hat dieser Tage zu Recht festgestellt, dass Studiengebühren ein Element sozialer Gerechtigkeit sind. Insbesondere wohlhabende Familien haben früher von Studiengebührenfreiheit profitiert. Ich verweise auch darauf, dass wir mehr Geld für Stipendien ausgeben, als wir durch Studiengebühren einnehmen.
Buchinger: Ich bedaure es, dass wir in den vielen guten Vereinbarungen mit dem Regierungspartner den Punkt des verpflichtenden Vorschuljahres nicht regeln konnten. Ich bin überzeugt, dass das gerade für jene zehn bis zwanzig Prozent von Kindern aus Familien mit sozialen Schwierigkeiten ganz besonders wichtig gewesen wäre. Wir hätten dadurch die vorhandenen Humanressourcen stärker nutzen können. Wir wissen, dass viele Jugendliche den Hauptschulabschluss nicht schaffen, weil ihre Förderung im sprachlichen Bereich zu spät eingesetzt hat. Die Frage ist letztlich aus finanziellen Gründen mit dem Regierungspartner nicht zu vereinbaren gewesen. Das wäre aber die bestangelegte Investition überhaupt gewesen.
Und die Studiengebühren?
Buchinger:
Bei den Studiengebühren ist es wichtig, dass keine soziale Selektion entsteht. Es ist beschämend, dass der Anteil der Arbeiterkinder an den Universitäten heute nicht höher liegt als in den siebziger Jahren. Eine monetäre Eingangshürde wirkt sicher abschreckend, die kann man aber durch eine Verbesserung des Stipendiensystems aufheben. Ich glaube, dass wir im Budget 25, vielleicht 30 Millionen Euro zusätzlich dafür bekommen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ob er ausreichend ist, wird man noch sehen.
Die Industriellenvereinigung propagiert die gemeinsame Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen. Die neue Bildungsministerin spricht von einer gemeinsamen Schule der Vielfalt. Können Sie sich mit diesen Modellen anfreunden?
Bartenstein:
Die Wirtschaft möchte ein differenziertes Schulsystem, das alle Möglichkeiten zu fördern und zu fordern bietet. Wir sind hier einen guten Weg des Kompromisses gegangen. Scheuklappen und dogmatische Positionen sind nicht hilfreich. Die Prämisse muss sein, eine Differenzierung zuzulassen. Das wird der Weg sein, den Frau Kollegin Schmied mit uns gehen wird.
Buchinger: Bildungsfragen sollten wir so weit wie möglich von ideologischen Zugängen lösen. Best-Practice-Modelle gehören geprüft, und die gemeinsame Schule in Finnland ist, so denke ich, überall in der Welt als gutes Modell anerkannt.
Bartenstein: Finnland hat Licht- und Schattenseiten. Die Jugendarbeitslosigkeit ist dort deutlich höher. Best Practice ja, aber die Dinge müssen gesamthaft beurteilt werden.
Die Privatisierungsfrage ist in der Koalition umstritten. Ich nehme an, Minister Bartenstein will weitere Privatisierungsschritte setzen, Minister Buchinger nicht.
Buchinger:
Das sehen Sie richtig (lacht).
Bartenstein: Wir sollten den Weg gehen, der für die Unternehmungen am besten ist. Das schließt Verschränkungen und Akquisitionen im Ausland nicht aus. Und wenn’s dann sinnvoll ist, den öffentlichen Anteil der ÖIAG oder den Anteil des Wirtschaftsministeriums am Verbund zu reduzieren, so wie das auch der SPÖ-Energiesprecher Kurt Eder vorgeschlagen hat, so bin ich überzeugt, dass mit dem Koalitionspartner zu reden sein wird.
Buchinger: Privatisierung war in der Vergangenheit zu sehr ein Mittel der Geldbeschaffung. Zu sehr Familiensilberverkauf, zu wenig Berücksichtigung der strategischen Interessen der Republik Österreich. Nach dieser Richtschnur ist jede weitere Privatisierung zu beurteilen. Derzeit plädiere ich sehr für einen Stopp.
Bartenstein: Privatisierungsstopp ist aber genau der dogmatische Ansatz, den ich nicht gehen würde. Es ist weder ein Privatisierungsstopp noch ein Privatisierungspfad im Koalitionsübereinkommen festgelegt. Wenn sich Möglichkeiten ergeben, soll man diese bestmöglich nutzen.
Ein großes Thema, kurz gestreift. Es geht um den Klimawandel, es geht um den Umweltschutz im großen Stil. Kann und darf man große schwere Autos steuerlich stark belasten, um, salopp gesagt, unsere Skigebiete zu retten?
Bartenstein:
Klimawandel und Klimaschutz ist eines der drängendsten Probleme für die ganze Welt. Gleichzeitig bedarf diese globale Herausforderung globaler Antworten.
Österreich soll sich heraushalten?
Bartenstein:
Österreich kann sich nicht entziehen, ebenso nicht die Europäische Union, die aber gerade einmal für 14 Prozent des Welt-CO2-Ausstoßes zuständig ist. Die Automobilindustrie hat mit der EU eine freiwillige Vereinbarung getroffen, die CO2-Werte bis 2008 auf 140 Gramm je Kilometer zu drücken. Auf diesem Pfad ist die Automobilindustrie nicht. Also gilt es, mit den Verantwortlichen zu sprechen. Selbstverpflichtungen nicht einzuhalten heißt, die Glaubwürdigkeit zu untergraben. Gegenüber europäischen Alleingängen bin ich jedoch skeptisch, ebenso gegenüber einer Hatz auf die Autofahrer. Es gibt auch andere, große Problemverursacher.
Buchinger: Ökologische Fragen haben eine ausgesprochen breite soziale Komponente. Wohlhabende können sich stärker von negativen Auswirkungen befreien, während sie gleichzeitig in höherem Ausmaß dazu beitragen, dass es überhaupt zu diesen Problemen kommt. Der Einzelne, der Staat, Europa als Gesamtes haben Verantwortung zu übernehmen. Es ist ein entsprechendes Regelwerk zu erlassen. Die EU kann einen substanziellen Beitrag leisten, sowohl nach innen als auch als Vorbild nach außen. Es geht aber natürlich darum, vor allem die USA stärker in die Pflicht zu nehmen.
Was könnte das kleine Österreich tun?
Bartenstein:
Wir sind Vorreiter bei erneuerbaren Energieträgern. Wir sind vorbildlich, was Energieeffizienz betrifft. Die Schlüsselfrage aber bleibt, endlich die USA an Bord zu bekommen.
Buchinger: Ich habe in Salzburg Initiativen in Richtung Corporate Social Responsibility unterstützt. Ich überlege, das auch als Sozialminister zu tun.
Bartenstein: Das Thema ist ein Schwerpunkt der Regierung. Ich als Energieminister und Josef Pröll als Umweltminister sind an Bord. Wir werden in Zukunft hier noch intensiver arbeiten, aber immer unsere Wettbewerbsfähigkeit und unsere Arbeitsplätze im Auge haben.

von Othmar Pruckner

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